Herausgerissen

Wenn ich gewusst hätte, dass mir heute, noch bevor die Sonne ihren Zenit erreicht hat, in einem Hinterzimmer im Wedding heißes Wachs in Nase und Ohren gegossen würde, hätte ich wohl keinen Schritt vor die Tür gemacht. Wollte ich sowieso nicht, denn es ging mir hundeelend, als ich heute erwachte. Weil ich eine schlechte Nacht hatte und eine Schlaftablette genommen hatte. Schlaftabletten machen Kopfschmerzen, also brauchte ich eine Schmerztablette, aber die Schachtel mit den Kopfschmerztabletten war leer. Wer stellt leere Tablettenschachteln in meinen Medikamentenschrank? Muss wohl ich gewesen sein. Was wiederum einiges über meine Zurechnungsfähigkeit am frühen Morgen sagt. Also besser einen Kaffee trinken, bevor ich neue Drogen kaufe. Ein Blick ins Portemonnaie zeigt, dass es nur für eins reicht: Entweder Kaffee oder Pillen. Heißt, dass ich nach dem heißen Türkentrank von der fröhlichen Bäckersfrau nebenan erstmal zu EDEKA muss, weil dort der Geldautomat steht. Vor der Bäckerei treffe ich die kleine Frau wieder, deren rot gefärbten Haare am Ansatz grau werden. Gestern habe ich mit ihr in einem der Pappkartons mit unnützem Zeug rumgewühlt, die in der letzten Zeit bei uns vor den Hauseingängen stehen. Ich habe eine Schraubzwinge ergattert, sie eine Teekanne. So was verbindet. Wir nicken uns zu.

Bis zu EDEKA dauert es zehn Minuten, das reicht eigentlich, um den Kaffee wirken zu lassen. Trotzdem bin ich vorsichtig bei der finanziellen Transaktion, prüfe den Kontostand, denn ist Monatsende und der Unterhalt wird immer abgebucht, bevor das Gehalt überwiesen wird. Warum eigentlich? Muss ich mal ändern. Ach, es gibt so viel zu ändern, wenn man einen schweren Kopf hat und man weiß an einem solchen Samstagmorgen gar nicht, wie man das je schaffen soll. Und ich muss aufpassen, dass ich mir nicht noch mehr Ärger aufhalse. Es ist mir an diesem Automaten auch schon mal passiert, dass ich zwar die Karte rausgezogen habe, aber nicht die Geldscheine. Die hat der Automat dann wieder geschluckt. Hab ich dann bei der Post anrufen müssen, und die haben tatsächlich zugegeben, dass da 200 Euro zuviel in dem Automaten waren. Haben sie mir zurück überwiesen. Sehr korrekt, kann man nicht meckern.

Heute schaffe ich es auf den ersten Anlauf, verstaue mein Geld, vergesse nicht, die Karte aus dem Automaten zu ziehen, trete auf die Straße in den windigen Sommertag und atme durch. Erste Aufgabe geschafft! Das könnte ein schöner Tag werden. Zur Apotheke müsste ich jetzt links, aber ich schaue auf die andere Straßenseite und sehe, dass der deutsche Frisörsalon aufgegeben hat. Kein Verlust, denn an die Künste der robusten Damen mit den Kittelschürzen und den rosa Kunstfingernägeln erinnere ich mich mit Schmerzen. Was ich in diesem Moment noch nicht weiß: Ihre türkischen KollegInnen, die den Laden übernommen haben, übertreffen sie in perfider Grausamkeit bei weitem.
Doch erstmal siegt die Neugier. Ein Grund, den neuen Laden auszuprobieren ist schnell gefunden: In zwei Wochen heiratet meine Schwester. Nach 35 Jahren wilder Ehe, hat ihr Lebensgefährte endlich seinen Mut zusammengenommen und hat sie gefragt. Auf die Knie konnte er vor ihr nicht mehr gehen, denn er hat Arthrose. Zur Hochzeit muss Mann ordentlich aussehen, also rein in den Laden, der jetzt Alanya heißt, oder so ähnlich. Ein junger Mann kümmert sich um eine Kundin, ein anderer steht rum und mißachtet meine Anwesenheit. Erst als er von dem Jüngeren einen Hinweis auf Türkisch bekommt, macht er sich bei mir schüchternen Gesten bemerkbar und winkt mich freundlich auf einen Sessel zum Haarewaschen. Das hatte ich noch nie, aber warum nicht? Ein bisschen warmes Wasser und Kopfkraulen ist genau das, was meine gemarterten Hirnzellen jetzt brauchen. Mit einem Handtuch auf dem Kopf werde ich dann auf einen Frisierstuhl bugsiert. Gerade versuche ich meinem stummen Zauberlehrling meine Wünsche zu erklären (Maschinenschnitt, 9 Milimeter), da rauscht aus einem Hinterzimmer eine Frau in einem billigen Baumwollkleid in den Salon, sieht was los ist und meckert laut „Ich hasse es, mit Männern zusammen zu arbeiten.“ Offensichtlich ist mein Junior-Figaro Ziel ihres Zorns, denn von nun ab weicht sie ihm nicht mehr von der Seite. Die Prozedur nähert sich nach einigen Nachbesserungen einem akzeptablen Ende, als ich darum bitte, dass er sich auch noch den Haaren in den Ohren widmen soll. Normalerweise zücken dann Männer, die ihr Handwerk in türkischer Tradition erlernt haben, ein Feuerzeug oder einen brennenden Wattebausch und wedeln mit der Flamme ein paar mal über die Ohren ihres Klienten. Nicht so hier. „Das darf er nicht.“, triumphiert die Friseurin, „das mache nur ich. Wenn sie mir in mein Zimmer folgen wollen.“ Benommen wechsele ich ein weiteres mal den Platz und finde mich auf einer Liege wieder, mit dem Kopf nach unten. Ich sehe wie sie eine glitzernde grüne Masse anrührt, ahne was jetzt kommt und wünsche mir, doch zuerst die Schmerztabletten gekauft zu haben. Mit diabolischem Grinsen nähert sie sich mit dem Wachs meinem Ohr und träufelt es hinein. Es wird warm. „Willkommen in der Welt des Schmerzes“, sagt Jeff Goldblum als ungeschickter Folterer in „The big Lebowsky“. Weiter komme ich nicht mehr, da gibt es einen Ruck und ein Reißen, und mit dem Ausdruck größer Befriedigung und irre funkelnden Augen hält die Magierin einen schillernd grünen Abguss meines Innenohrs, gespickt mit ein paar grauen Härchen über mein Gesicht. Mein Ohr fühlt sich plötzlich kühl an und sehr sehr sauber. So wie es sich anfühlte, als ich mit meiner Freundin vor vielen Jahren mit indianischen Ohrenkerzen experimentierte. Richtig gut. Und von selber fällt mir ein, dass es ja auch noch in der Nase Haare gibt, die weg müssen. Die Wachs-Reißerin freuts. Als ich den Salon verlasse habe ich drei Mal so viel Geld da gelassen wie üblich. Aber mein Kopf ist klar und ich fühle mich wie ein gepflegter Mann von Welt. Der Wind weht zum einen Ohr rein und zum andern wieder raus.

Das Haus in der Kurve

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Und hier noch was zum Träumen.“, schreibt mir eine Freundin auf einen gelben Klebezettel. Klebt ihn auf ein Buch, legts in mein Postfach und enteilt ins aufregende Sauerland. Sauerland, wie das klingt, Land der wuchtigen Wälder, der wilden Höhen und der ewigen Weiten. So stelle ich mir das Sauerland vor. Menschen, die dort leben, mögen das etwas nüchterner sehen. Aber Länder, in denen ich noch nie gewesen bin, können meine Phantasie entflammen. Nirgendwo ist es schöner (oder schrecklicher) als da, wo ich noch nie war. Deswegen öffne ich im öden österlichen Lockdown-Berlin das schmale Buch „Lexikon der Phantominseln“ mit großer Vorfreude. Deftige Abenteurgeschichten erwarten mich. Erzählungen von tapferen Seeleuten und furchtlosen Forschern, die sich an die Ränder der bekannten Welt wagten. Und von Kapitänen wird dort berichtet, die in Spelunken Seemansgran spannen, Geschichten von fernen Ländern, voll Gold und Edelsteinen und von Inseln, die es leider nie gab.
Wann, frage ich mich beschämt, hast du zuletzt den Aufbruch in eine unbekannte Welt gewagt? Nicht nur vom Sofa aus, sondern wirklich? Mein Blick fällt auf meine Motorradjacke an der Garderobe. Auf deren Brusttasche hat noch meine Mutter selig in einer anderen Zeit das stolze Abzeichen „Elefantentreffen 2009“ aufgenäht. Von Berlin an den Nürburgring mitten im Winter mit einem russischen Beiwagen-Motorrad. Es gab Schnee und es gab Eis, aber es gab kein Halten. „Du willst doch fahren,“ seufzte meine Freundin, „dann fahr auch.“ Es war ein Wunder, dass ich die Strecke mit der alten Mähre geschafft habe. Und wunderbar war es, sich nach zwei Tagen vor der Überquerung des heimatlichen Rheins bei meinem Vater melden zu können: „Ich stehe jetzt bei Linz an der Fähre.“ Und ein Happening war es, sich am andereren Tag mit tausend anderen Verrückten mitten in der Eifel im Schnee zu wälzen. Tempi passati. Gestern versuchten mein Freund Michael und ich die Motrradsaison einzuläuten. Nach einer Stunde gab ich auf. Im grauen, menschenleeren, schneidend kalten Brandenburg wollte keine Abenteurerlust mehr aufkommen.
„Wenn Träume sterben, dann wirst du alt.“, sangen die Phudys zu einer Zeit, als es für mich ein Wagnis war, mit dem Moped zur nächsten Dorfdisko zu fahren. Ist wirklich nichts mehr übriggeblieben von dem Drang in die weite Welt, von der Suche nach dem Paradies?

Der Gedanke lässt mir keine Ruhe. Am nächsten Morgen sattle ich die Packtaschen auf mein Fahrrad und mache mich einsam auf nach Westen. Weit über die Grenzen des Wedding hinaus fahre ich ins Niemandsland jenseits von Moabit. Dort, so weiß ich, gibt es eine Insel, die immer schon meine Sehnsucht auf sich gezogen hat. Kein Weg fürt zu dieser Insel, die ich immer nur für Sekunden sehen konnte, wenn ich von der kurvigen Autobahnbrücke auf sie herabgeschaut habe. Und die Karten, die es von dieser Gegend gibt, sind so widersprüchlich und ungenau, als wären sie von trunkenen Seemännern gezeichet. Einig sind sie sich nur darin, dass es gegenüber der Insel eine Hundewiese gibt. Das ist eine wichtige Information für Berliner. Hic sunt dragones, hätte man früher auf diesen weißen Fleck auf der Karte geschrieben. Ich erforsche eine terra incognita. Als Kompass kann mir also nur meine Sehnsucht dienen. Die Sehnsucht nach einem Ort von Kanälen durchzogen, mit grünen Gärten, kleinen Hütten und blühenden Bäumen. Ein Ort perfekter Harmonie, dessen Natürlichkeit durch das alleinstehende, übriggebliebene Gründerzeithaus mit großen Fenstern und hellem Klinker nur noch unterstrichen wird. Ein Garten Eden, mitten in Berlin.
Zum Glück bin ich allein unterwegs und habe ich keine Mannschaft, die meutern kann. Denn es wird eine Irrfahrt, die eines Odysseus würdig wäre. Von Brücken, die auf der Karte eingezeichnet sind, stehen seit dem Krieg nur noch die Pfeiler, unvermutet enden Wege vor offenen Schlünden, die einen zu verschlingen drohen. Und als ich mich durch den engen, gewundenen Tunnel wage, warten am anderen Ende Berliner Sirenen in einer Kleingartenkneipe, die mich trunken machen wollen. „Will er einen Glühwein oder will er ein Bier?“, werde ich in der Sprache des Soldatenkönigs angeherrscht. Anscheinend habe ich auf meiner Suche einen Zeittunnel durchschritten, der mich 300 Jahre zurückgeworfen hat. Aber Maketenderinnen im „Tunneleck“ sind heute gnädig und weisen mir den Weg: „Na, da sinse hier abba falsch. Da müssn se zu Siemens rüber. Un von da jibs ne Brücke.“
Ja, und da stehe ich nu, mitten im Paradies. Engültig hat sich die Frage erledigt, ob das Paradies ein Garten oder eine Insel ist. Es ist beides. In trauter Einigkeit leben hier der Wolf und das Schaf. Kleingärtner und die Wasserschutzpolizei. Und das große Haus beherbergt Künstlerateliers. Und weil hier täglich Schöpung stattfindet, sind Adam und Eva sind auch schon da.