Kein Anschluss

Die Geschichte habe ich für die Wolkenbeobachterin geschrieben.

Es ist eine lange Geschichte, die ich noch niemandem erzählt habe. Sie beginnt traurig, und ich weiß noch nicht, ob sie ein gutes Ende finden wird.

Unter einer großen Trauerweide, die ihre langen Äste über eine gelbe Telefonzelle hängen lässt, sitzt ein niedergeschlagener, entmutigter Junge. Er hat 20 Pfennig in zwei 10-Pfennig-Stücken. Die Münzen sind heiß wie seine Hand. Immer wieder  hat er sie in den grauen Apparat geworfen, die Nummer seines Freundes gewählt und immer die gleiche mechanische Antwort gehört „Diese Nummer ist nicht vergeben.“ Vorbei kommt eine elegante Dame, die in der Nähe wohnt. Es ist – zu allem Elend – seine Französischlehrerin. Er ist schlecht in Französisch, aber sie ist freundlich zu ihm, fragt nach dem Grund seines Kummers und als er es ihr erzählt, lacht sie. „Oh mein Gott, ihr Dorfkinder. Hast du denn noch nie telefoniert? Du musst die Vorwahl weg lassen, wenn du ein Ortsgespräch führen willst.“ Nein, hat er nicht. Seine Eltern haben ein neues Haus gebaut. Da war kein Geld mehr für einen Telefonanschluss. Und bis dahin hat er es auch noch nicht vermisst. Im Gegenteil. Nicht erreichbar zu sein ist für einen Jungen in seinem Alter das Beste, was es gibt. Andere Kinder müssen zu Hause anrufen, wen der Schulbus zu spät kommt oder fragen, ob sie ins Freibad gehen dürfen. Er macht das einfach und hat immer eine gute Ausrede für sein zu spät Kommen. Kein Telefon haben heißt Freiheit, das lernt er früh. Und selbst als die protzigen Nachbarn allen verkündeten, dass sie jetzt einen „Anschluss“ hätten, und seine Mutter ihn ermahnt, immer dort anzurufen, wenn etwas nicht klappt, hat er immer noch die Ausrede „Anna von nebenan war nicht da.“ Dagegen kann die Mutter nichts sagen, denn immerhin muss Anna ja öfter putzen gehen, um das Haus abzubezahlen.

Als er 15 wird, haben es die Eltern geschafft. Im Flur steht ein graues Plastiktelefon, die Schnur fest mit der Wand verbunden. Wenn er den Hörer abnimmt schlägt eine elektrische Glocke, die im ganzen Haus zu hören ist. Dann kommt sofort die Frage: Wen rufst du da an?  Die Angst vor den Rechnungen ist hoch. Ortsgespräche kosten 23 Pfennig. Von Ferngesprächen hat man gehört, sie seien unerhört teuer. Mondscheintarife gelten ab 22 Uhr. Da hat er im Bett zu sein. Es ist ein Telefon, um angerufen zu werden, nicht um Kontakt mit der Welt aufzunehmen.

Es folgen Telefone auf dem Flur von Krankenschwesternwohnheimen, die den ganzen Abend sehnsüchtig von den Schülerinnen und Zivis umstanden werden, das WG-Telefon, bei dem die WG-Genossen nie, aber auch wirklich nie notierten, wenn einer oder gar die EINE für ihn angerufen hatte, die ersten Auslandsgespräche mit dem Bruder in fernen Häfen, die rauschen wie die See auf die der sich begeben hatte und irgendwann wurden die 20 Pfennig von einer Telefonkarte abgelöst. Aber immer war Telefonieren für ihn etwas, was man eigentlich vermeiden sollte. Die Scheu, jemanden einfach anzurufen bleibt groß. Jemand mit seinem Anruf zu stören bleibt ihm unangenehm. Aber es gab für ihn auch diese Abende, an denen er den Apparat an einer langen Schnur in sein Zimmer zieht und stundenlang mit alten Freunden spricht. Wenn es still wird beim fernen Gegenüber nach langen Passagen des Mitfühlens, wenn beide kurz schweigen und es in der Leitung rauscht und man weiß, dass der andere versteht warum man jetzt schweigt. Das ist das Schönste.

Mit dem alten Jahrhundert und den  Mobiltelefonen ist das Schweigen vorbei. Nach einem Monat im gemeinsamen Journalistenbüro entscheiden die Kollegen: Du bist jetzt selbstständig, du kannst es dir nicht leisten, nicht erreichbar zu sein. Ein altes schwarzes Siemens muss es tun. Es ist schwer und zieht die Jacketttasche nach unten, aber nach drei Tagen, auf dem Weg zum Mülleimer, ruft die erste Redaktion an, sein erster großer Auftrag! Seither sind sie unzertrennlich, sein Backstein und er. Und er verliert die Scheu. Wichtige Leute anrufen, auch außerhalb der Bürozeiten, freche Fragen stellen und merken, wie sich seine Gesprächspartner winden, Visitenkarten mit privaten Nummern zugesteckt bekommen mit dem geraunten Hinweis „Rufen Sie mich jederzeit an, ich kann ihnen zu dieser Sache noch mehr erzählen…“ Wichtige Menschen werden gerne angerufen – eine völlig neue Erfahrung. Die Macht der Presse. Sein Filofax ist prall gefüllt mit Nummern – in Bleisift. Denn die Nummern ändern sich ständig.  Auch die Zeiten, in denen er an der Vorwahl oder in Berlin an den  ersten zwei Ziffern erkennen konnte, von welchem Ort er angerufen wurde, waren vorbei.

Und dann der Schnitt: Feste Stelle, feste Durchwahl, acht Stunden vor einem Bildschirm  mit Internernetanschluss. Aufgeregte Abteilungsleiter, die sich mit dem Privileg einer eigenen E-Mail-Adresse brüsteten. Das Telefon wird wieder Privatsache. Und privat läufts schief. Aus der Familienwohnung geht es Hals über Kopf in ein Hinterhauszimmer. Ein Telefon aus dem Trödelladen kauft er auf die Schnelle. Es ist ideal, denn es kann nur klingeln, sprechen geht nicht. Das schützt vor nächtlichen Anrufen und langen Diskussionen. Aber erreichbar bleibt er doch, auch wenn das Handy aus ist. Wenns klingelt muss es was Besonderes sein. Irgendwas mit den Kindern. Nur die Mutter hat diese Nummer. Dann geht er los, mitten in der Nacht. Irgendwann verliert er sein Smartphone und kauft sich kein neues. Ein 20 Euro Handy mit ein paar Nummern von Freunden ist alles. Es ist still. Es ist fast wieder wie früher, als er ein Junge war.  Aber es wäre auch schön, wenn wieder jemand vorbeikommen könnte, um ihm zu zeigen, wie man heute wieder Kontakt zur Außenwelt aufnimmt.

 

 

 

 

Der alte Russ

Wo er wirklich herkam, wußte niemand so genau. Und niemand wollte es wirklich wissen. In unserer Familie ging das Gerücht, dass er der verrückt gewordene Sohn reicher Leute aus unserer Stadt sei. Aber das war nur eins der vielen Gerüchte, die in unserer Familie so daher erzählt wurden. So wie das von Onkel Nick, dem U-Boot-Fahrer. Alles was von ihm geblieben war, war ein Foto mit einer Mütze der Kriegsmarine und eine Postkarte aus Oslo. Da schrieb er, dass es bald losgehen werde und dass er sich freue. Das war 1943. Onkel Nick ist nicht wiedergekommen, aber unter seinen neun Geschwistern hielt sich das Gerücht, dass sein Boot in der Ostsee versenkt worden wäre. Er sei einer der wenigen Überlebenden gewesen und in russische Kriegsgefangenschaft geraten. Das hatte ein Nachbar erzählt, um meine Großmutter zu trösten, die die Nachricht vom Tod ihres Sohnes nicht ertragen konnte und nächtelang klagend durch ihr Haus gelaufen war. Er erzählte ihr, dass die Sache mit der Gefangenschaft im „Feindsender“ gehört habe, wo Listen der deutschen Gefangenen verlesen wurden. Nun, das war edel und mutig, denn auf das Hören ausländischer Sender standen hohe Strafen, und es verfehlte seine Wirkung nicht. Aber es war so wenig wahr wie das Gerücht, dass der „ahle Russ“, ein Obdachloser, der mit seinem grauen Bart und seinem schmierigen Mantel ab und zu unsere Straße herunter lief,  wirklich ein Russe war.

Für ein Kind ist es ein Leichtes, das Gerücht von dem in Russland verschollenen Onkel mit dem von einem alten Mann aus Russland zusammen zu bringen. Die Welt um mich herum war voll mit Spätheimkehrern und Männern, die nicht darüber sprechen wollten, was sie erlebt hatten. So war das Erscheinen der ausgestoßenen Kreatur für mich immmer mit einem schönen Schauer verbunden. Ich ging im aus dem Weg, wie alle, das war klar. Nur ein paar Mutige, warfen ihm ein freches: „Na, alher Russ“ an den Kopf, um schnell wieder zu verschwinden. Der Alte antwortete nie und stieß auf die Frecheiten nur ein gequältes Brummen aus. Aber für mich war klar, das musste mein Onkel sein- und keiner außer mir wußte es.

Und wenn das Leben ein Roman wäre, dann könnte ich jetzt erzählen, wie ich dem Mann nachgeschlichen bin, wie ich herausfand wo er wohnte, dass ich irgendwann den Mut gefunden hätte, ihn anzusprechen und dass er mir ein Freund geworden wäre, von dem ich alles alles das gelernt hätte, was mir mein Wirtschaftwunder-Vater, der immer auf Achse war, nie die Zeit hatte mir beizubringen. Aber Romane werden ja deshalb so gerne gelesen, weil in ihnen das Unwahrscheinliche geschieht, das Magische, das, was alle sich wünschen, was aber in im eigenen Leben eben nie vorkommt.

Der alte Russ war eines Tages einfach verschwunden, und keiner verlor ein Wort darüber. Verschwunden wie die andern Männer, die mich als Kind faszinierten. Der „Hunsrücker“, ein fliegender Händler, der ein mal im Monat auf dem Parkplatz vor dem Ausflugshotel seinen Stand mit billigen Kindersachen aufschlug und der „Eifler“, der uns einmal in der Woche drei glänzende Brotlaibe brachte, aus denen dann meine Mutter die Butterbrote machte, die mein Vater auf seine langen Fahrten nach Berlin mitnahm, um Spesen zu sparen.

Ein paar Jahre später erfuhr ich, dass das Haus, in dem der alte Russ gehaust hatte, abgerissen werden sollte. Es lag hinter dem Friedhof auf einer schönen Wiese mit Obstbäumen. Und es war trotzdem ein unheimlicher Ort. Ich näherte mich der fensterlosen Ruine nur zögernd, Schritt für Schritt. Als ich über die Schwelle trat, knischte unter meinen Sohlen zersplittertes Glas und Metall. Die Räume waren vollgestoft mit Müll und nutzlosem Gerümpel. Der alte Russ war ein Messi gewesen, der alles Alte in unserem Städtchen zusammenraffte und in Plastiktüten in seine Höhle brachte. Ich fand einen schönen Wecker, Junghans, braun mit Leuchtziffern und glänzendem Zifferblatt. Zu Hause versuchte ich ihn wieder zum Laufen zu bringen. Ich wollte ja immer ein Mechaniker sein, um meinen Vater zu beeindrucken. Aber ich bin keiner. Irgendwann raffte meine Mutter die von mir achtlos liegengelassenen Einzelteile zusammen, und schmiss sie in den Mülleimer.

Ach ja: Mein Onkel ist im Mittelmeer gestorben. Sein Boot wurde auf seiner ersten Fahrt von einem britischen Schiff versenkt. Es gab keine Überlebenden. So steht es seit 1943 im Sterberegister unserer Stadt.

 

 

 

Unterschlagung

Wenn Genesis es hinkriegt, aus drei Paragraphen des britischen Strafgesetzbuches (Robbery, Assault and Battery) einen Song zu machen, so sollte es mir doch gelingen, aus einem einzigen Straftatbestand einen ordentlichen Beitrag hinzubekommen.

Vor Gericht:

Der Angeklagte: Ja, Herr Vorsitzender: Ich gestehe. Ich habe unterschlagen.  Und ich tue das schon eine ganze Weile.

Einmalige Eindrücke, kleine Geschichten, tolle Überschriften, schräge Bilder, wahre Gefühle und unzensierte Gendanken – ich behalte sie einfach für mich. Ich weiß, dass ich mich in meiner Selbstdarstellung zu diesem Blog dazu verpflichtet habe, sie mit allen zu teilen. Die Frau Staatsanwältin hat es ja schon zitiert: Ich habe geschrieben: „Manche Geschichten sind einfach zu schön, als dass sie vergessen werden dürften. Deswegen schreib ich sie hier auf.“ Ja, das war vor Jahren, damals habe ich das so locker dahin geworfen. Heute mache ich mir Gedanken, viele Gedanken, ob ich etwas aufschreiben soll oder nicht. Die dritte Geschichte bei einem Friseur, das nächste Erlebnis in einer Bäckerei. Der Einkauf im Späti, die Gestalten in meinem Bio-Laden. Ich gebe zu: Der Reflex ist noch da. Jedes Mal fange ich an zu formulieren, sehe die Zeilen vor mir und schmecke die verschiedenen Anfänge wie guten Wein. Aber dann hört es auf. Ich muss gar nicht mehr an den Rechner um es auszuformulieren. Allein der Gedanke, dass ich es könnte, reicht mir.

Der Verteidiger: Herr Vorsitzender, ich möchte zum besseren Verständnis dessen, was mein Mandant gerade unvorsichtig formuliert hat sagen, dass er eigentlich gar nichts mehr erlebt, was des Teilens mit seinen Lesern würdig wäre. Somit ist auch der Tatbestand der Unterschlagung nicht erfüllt. Seit er aus den desolaten Verhältnissen einer kleinen Hinterhofwohnung in eine etwas angemessenere Bleibe in einer ruhigen Seitenstraße gezogen ist, ist es vorbei mit den kleinen Geschichen. Auch hat er sein Smartphone verloren, mit dem er früher die Bilder aufnahm, die ihn zu Geschichten inspirierten. Seither ist er in eine Art „Kommunikationspurismus“ zurückgefallen.  Zudem wurde ihm ärztlicherseits frühe und ausreichende Nachtruhe verordnet.

Die Staatsanwältin: Herr Kollege, das sie versuchen Verständnis für Ihren Mandanten zu wecken, ist verständlich. Aber leider haben wir auf der Festplatte des Angeklagten mehrere Entwürfe sicherstellen können, die so vielversprechende  Titel trugen wie „Ein Platz, ein Spatz und die Liebe zur DDR“ „Die kleine Claudia“ oder „Die Macht der Bilder“. Hier sind der Öffentlichkeit durchaus interessante Ausführungen vorenthalten worden. Außerdem möchte ich auf den abschließenden Teil seiner Selbstverpflichtung hinweisen, in der er erklärte „wenn ich mein tägliches Klein-Klein mal niederschreibe, merke ich, dass ich nur durch die Tür gehen muss, die geschlossen erscheint, die aber, wie Franz es ja weiß, immer offen steht.“  Die Vertreterin der Anklage kann nachweisen, dass dem Angeklagten in der jüngsten Vergangenheit mehrfach gelungen ist, solche „offenen Türen“ zu durchschreiten, ohne davon zu berichten. So fanden wir bei der Durchsuchung eine Theaterkarte für die letzte Aufführung von „Die Reise nach Reims“, die schon seit Monaten ausverkauft war. Laut des Beleges muss sie wenige Minuten vor Aufführungsbeginn in den Besitz des Angeklagten gekommen sein. Solche positiven Geschichten der Leserschaft vorzuenthalten, erhöht noch die Schwere der Schuld.

Der Verteidiger: Herr Vorsitzernder, ich möchte Sie bitten, die Sitzung kurz zu unterbrechen. Ich möchte mit meinem Mandanten das vorliegende Material noch einmal sichten. Außerdem ist es Zeit für die Nachtruhe. Sie müssen entschuldigen.

Berliner Poesie

Poeten

Julius Meinl ist eine österreichische Kaffeerösterei, die seit ein paar Jahren versucht, über die billige Berliner Bäckerkette Thürmann in der Hauptstadt Fuß zu fassen. Wie wichtig den KuK-Poeten der Kaffee war wird aus dem Zitat von Franz Kafka deutlich: „Kaffee dehydriert (entwässert) den Körper nicht. Ich wäre sonst schon Staub.“

Und was fällt dem Berliner ein zu dem inspirierenden Türkentrank? Ein Verbot.

Jet nich – jibts nich- das ist der neue Sound der Berliner Back-Poeten.

Dabei gibt es auch eine großzügigere Berliner Tradition. Über den Ausflugslokalen der Kaiserzeit hing groß das Schild: Hier können Familien Kaffee kochen.

Oder die Bäckereien von Aschinger, in denen es zum Essen so viele Schrippen gab wie man wollte –  und in denen sich deshalb die halbe Berliner Boheme durchfutterte.

Grosszügigkeit ist der Honig, mit dem man Poeten anzieht, nicht Wiener Kaffee.

Dit wär doch mal wieder wat, ihr Thürmänner.

Seelenlos

Ach, ich bin ein wenig traurig.

Der Kormoran hat einen Kommentar von mir gelöscht. Das tut schon weh. Dabei wollt ich etwas Nettes beitragen zu seinem Bericht über die Schwäbischen und Berliner Seelen. Ein Leibgricht waren sie mir, so wie mir der Kormoran mir ein fröhlicher Begleiter durch die zweit Jahre des Bloggens ist. Ein lustiger Gesell ist er, mit gutem Geschmack. Und so weit gereist, es ist zum Staunen. Doch mein Fehler war es, zu gestehen, dass ich meine Seelen nach der Arbeit gerne beim Kettenbäcker Kamps kaufe und dass sie mir dort gut schmecken- besonders die mit den Oliven. „Das Land der Griechen mit der Seele suchen,“ nannt ich das. Doch der Kormoran fands nicht lustig. Den Namen des Aufbackbäckers konnt er nicht ertragen auf seiner Seite, die er dem wahren, schönen und guten Essen gewidmet hat. Als wärs die Nase des Cyrano der Bergerac, dieses Etwas, „das man in seinem Hause so wenig erwähnt wie das Seil im Hause des Henkers.“ Wenns so ist, wenns ihm rechte Schmerzen bereitet, seine Kreise so beschmutzt zu sehen, dann tut’s mir leid. Und sicher verdienen Menschen, die sich acht Stunden Zeit nehmen, um eine Seele zu backen die größte Hochachtung. Ich wünscht ihm nur, dass er auch manchmal meinem Wege zu folgen wagte, und sich überraschen ließe, welche Genüsse sich auch jenseits des rechten Weges des Bio und des slow food an den seltsamsten Orten finden lassen. Um meine Freude an solchen seltenen Schätzen zu teilen, schreibe ich meinen Blog.

Das Wunder vom Sparrplatz

strudelka

Es wird langsam kalt. Die Dämmerung bricht herein und ich stapfe missmutig durch den frisch gefallenen Schnee. Mein Sohn hat sich auch müde gelaufen und sich in den Kinderwagen geflüchtet. Warm und weich hat er es da in seinem Daunensack, aber auch er weiß nicht so recht was er hier draußen soll. Ich brauche ein Ziel, einen Kaffee, einen guten. Das ist mein einziger Orientierungspunkt. Aber wir finden keinen Platz in der Herberge. Ich habe schon meine gewohnte Strecke durch den gentrifizieren Teil des Wedding abgelaufen, in den ich mich manchmal flüchte. Aber alle Cafes sind zu.  Es ist der Tag nach den Heiligen drei Königen. Anscheinend sind all die schicken jungen Leute, die sonst hier ihren Latte schlürfen noch bei ihren Eltern in Westdeutschland. Oder zum Skifahren oder sonstwas Wunderbarem.  Nur ich laufe hier rum, allein mit Kind und Wagen und es wird immer dunkler. Ein wild gestikulierender Mann kommt uns entgegen. “ Ist doch alles total Scheiße hier.“ schreit er um sich, wissend, dass niemand seine Wut hört. „Alles total runtergekommen, hier. Du auch, du Arschloch“. Er schaut mich dabei nicht an, trampelt weiter, flucht irgend etwas anderes. Aber zum Beleidigen findet er keinen mehr. Die Straßen bleiben leer. Und mir reichts jetzt. Ich will jetzt was Warmes, Licht, ein freundliches Gesicht. Aber selbst das türkische Cafe „Schneeglöckchen“ an der Ecke holt gerade den Mülleimer rein. Bleibt nur der  neonkalte Späti, in dem sich zwei traurige Gestalten an einem Stehtisch festhalten. Nein, da will ich nicht rein. Da gehöre ich noch nicht dazu. Es muss etwas Anderes geben. In mir keimt eine winzige Hoffnung. In Gefahr und großer Not muss man gewohnte Wege verlassen und sein Glück wagen. Also drehe ich den Wagen um die Ecke in eine dunkle, noch nie gegangene Straße. Irgendwo da hinten, hinter dem leeren Platz ist ein Studentenwohnheim. Das muss es doch… Mein Sohn wirft gelangweilt seinen Handschuh in den Schnee. Und als ich mich bücke sehe ich im Augenwinkel große, warm leuchtende Schaufenster, Tische davor. Etwas in mir will an das Glück glauben. Mit dem letzten Fünkchen Hoffnung drehe ich auf die ferne Lichtinsel ein. Zweifel machen sich breit: Vielleicht  ist es doch bloß ein blöder Designshop, oder wenn es ein Cafe ist, ist wahrscheinlich ist die Tür schon zu – zu für dich! höhnt der Kafka in meinem Kopf. Zum Glück habe ich noch meinen Bauch. Und der macht die Tür auf und weiß, dass er zu Hause ist: Hohe Räume, eine festlich geschmückte Vitrine, kleine Tische, Pärchen beim gepflegten Schweigen. Ich pflücke meinen Sohn aus seinem Wagen und freue mich daruf, langsam aufzutauen, den Schnee auf dem Mantel schmelzen und abperlen zu lassen. Die Bedienung ist freundlich und adrett. Es gibt östereichischen Strudel, liebevoll mit Zucker überpudert und einen Milchkaffee ohne Schaum. Mein Sohn sitzt still auf meinem Knie, kriegt leuchtende Augen und wir teilen den Kuchen – eins für ihn, eins für mich. Und plötzlich laufen mir die Tränen. Ich schau das blonde Knäblein an und kanns gar nicht glauben, dass der strahlende Kleine mit den roten Winterbacken meiner ist. Dass ich hier mit ihm sitzen darf, und diese Stunde mit ihm verbringen kann. Dass ich so viel Glück habe. Wir bestellen noch einen Kuchen und ich könnte ewig hier sitzen bleiben.

Als wir raus kommen, hat es weiter geschneit. Der Kinderwagen ist eingepudert wie der Strudel. Mein Kleiner läuft ein Stück an meiner Hand. Stapft ungläubig im Schnee – heute ist der erste Tag in seinem Leben, an dem er im Schnee laufen kann. Die Straße ist immer noch leer und still aber das Licht der Gaslaternen leuchtet warm auf uns. Es würde mich nicht wundern, wenn auf einmal der Weihnachtsmann auf seinem Schlitten angeschwebt käme und und neben uns landete, die Leute freundlich lachend aus den Häusern kämen und sich umarmten. Weil heute so ein wunderbarer Tag ist – mitten in Berlin.

 

 

Ein Mann namens Uwe

fremde

Es gab nur einen, wirklich nur einen Moment, an dem ich wirklich froh war, Uwe zu sehen.  Das war, als eine kleine Gruppe von Halbwüchsigen auf unseren Hof kam und anfing an den Fahrrädern rum zu machen. Frech grinsten sie mich an, als ich hinging und sagte, sie sollen das lassen. Und als sie weitermachten, und als sie nicht reagierten wurde ich wütend und brüllte sie an, sie sollten verschwinden. Ich wusste dass es keinen Wert hatte. Aber ich wusste mir nicht zu helfen. Und als das Grinsen immer breiter wurde, als dann einer von den Nassforschen seinen Hosenschlitz öffnete und ankündigte, er werde jetzt gegen mein Bein pissen, als ich gar nichts mehr zu sagen wusste und nur noch wie ein wütender alter Mann da stand, da kam Uwe um die Ecke. Ausgerechnet Uwe. Uwe ist bullig, kahlköpfig und kann sehr grimmig gucken. Er brauchte nur zwei Schritte hin zu den Pissern zu machen, und schon waren sie verschwunden. So was kann er. Beim Leute erschrecken ist er richtig gut. Aber ansonsten ist Uwe der Pickel am Arsch unserer Nachbarschaft. Wenn ich mir einen Wutbürger vorstellen will, denke ich an Uwe. Wenn ich ihn im Treppenhaus treffe, hat er immer etwas, worüber er sich aufregt. Dass die Hausverwaltung wieder nix tut, dass der Hausmeister für nichts zu gebrauchen ist und dass auf dem neuen Spielplatz so viele Türken wären, dass er mit seinem Sohn da nicht mehr hin gehen würde. „Die da“ nennt er die Menschen, die nicht so aussehen wie er und schaut dabei vielsagend. Er sagt nicht Türken oder Araber, er sagt „Die da“ und schwenkt sein Kinn einmal von links nach rechts. Uwe kennt „Die da“ hauptsächlich aus dem Knast, denn Uwe ist Schließer in der JVA-Tegel. Da lernt man sicher nicht die nettesten Menschen kennen. Da kann man auch mal Angst bekommen, wenn einer sagt: „Ey, wenn ich rauskomm, weiß ich wo du wohnst.“ Aber Uwe hat sowieso Angst, vor allem Angst, dass etwas Unvorhergesehenes passiert. Seine Wohnungstür hat er mit zwei dicken Balkenriegeln verstärkt. Und wenn ich mal klingel, weil ich zum Beispiel seinen kleinen Finn zum Kindergeburtstag einladen will (was nur einmal geklappt hat), dann klackt es zwei Mal und ganz langsam geht die Tür auf – und wenn  er dann aus dem Türschlitz linst, denke ich immer, dass er auch noch eine Knarre im Anschlag hat.

Bei manchen Sachen ist Uwe sehr empfindlich. Als der Hausmeister, nachdem der Aufzug mal wieder stecken geblieben war, an der Tür ein Schild „Maximale Traglast 300 Kilo“ angebracht hat, da hat Uwe das persönlich genommen. Weil er fett ist, genau wie seine Frau – und zusammen mit dem Jungen… Könnte schon ungefähr hinkommen. Auf jeden Fall haben sie sich im Hausflur angebrüllt, und nicht nur einmal. Jetzt laufen Beleidigungsklagen vor Gericht. Neulich hat der Aufzug endgültig den Geist aufgegeben. Jetzt muss Uwe die Treppen hochschnaufen, bis in den fünften Stock. Und wehe, es kommt ihm einer entgegen.

Dass ich Uwe aus dem Weg gehe wo ich kann, brauche ich wohl nicht extra zu sagen. Aber neulich, abends um halb neun, da komm ich aus der Haustür und bleib noch mal kurz stehen, um eine Nachricht zu tippen. Ohne es zu merken, lehne ich mich gegen die Metallplatte mit den Klingelschildern und läute damit Alarm – minutenlang,  ausgerechnet bei Uwe! Als erstes fliegt ein Fenster im fünften Stock auf und Uwes Frau kreischt:“Seid ihr jetzt völlig plem plem?“ Ich rufe noch „Tschuldigung, falsche Klingel.“, da geht im Treppenhaus das Licht an und da steht er auch schon vor mir: Uwe! In Schlafanzugshosen, die Arme breit, den Kopf gesenkt- wie ein wilder Stier! Er sieht mich an, und statt mir eins auf die Nase zu hauen stammelt er: „Du? Du bist das?“ – dreht sich langsam um und trottet wieder nach oben. Von der halben Treppe höre ich ihn noch jammern: „Du, ich find das echt Scheiße von dir!“

Am anderen Tag hab ich eine Flasche Rotwein gekauft und eine Karte, auf der ich mich entschuldigt habe. Ich habe die Flasche vor die Wohnungstür gestellt. An der Tür hing eine Kette aus kindlich bunte Holzbuchstaben, die mich  „Herzlich Willkommen“ hießen. Zu läuten habe ich mich trotzdem nicht getraut.