Old man (take a look on my life)

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© Peterdomenie.com

 

Wir sind am Räuberrad verabredet, das jetzt wieder vor der Volksbühne steht. Ich bin pünktlich, aber er ist nicht da. Also warte ich. Es ist einer der Herbsttage, die noch so warm sind, dass die Leute im Schein der Laternen und Restaurants auf den Straßen flanieren. Ich lehne mich auf mein Fahrrad und schaue ihnen dabei zu. Gerade als ich nach meinem Telefon greifen will, klingelt es. „Wo bist du?“, fragt er gut gelaunt. „Vor dem Räuberrad, auf der Seite vom Babylon, seit einer Viertelstunde. „Siehst du, ich bin auf der anderen Seite, am Theater, auch seit einer Viertelstunde, ich komm rüber.“ Kein Gemecker, keine Vorwürfe. Es ist eine Freude, sich mit ihm zu verabreden.
Wir wollen Essen gehen und laufen die Rosa-Luxemburg-Straße runter, die verdammt schick geworden ist. Als wir  gleich zwei asiatische Restaurants finden schließt er unsere Räder zusammen und wir gehen in das, was weniger laut ist. Er weiß, dass ich schlecht höre, und wir haben uns viel zu erzählen.

Nach dem Geplänkel und Gestöhne über die Arbeit kommt die Nudelsuppe und erstmal ist Ruhe.  Wir haben die Schalen noch nicht halb geschafft, da seufzt er, richtet sich auf, drückt das Kreuz tief durch und sagt „Jetzt kann ich mich entspannen.“ Seit Tagen hat er Angst gehabt, sagt er, vor einem Gespräch mit seinem Sohn, den ich immer den „schönen Ronny“ nenne und der genau einen Tag älter ist als meine große Tochter. Wir Väter kennen uns seit dem Geburtsvorbereitungskurs im Frauenzentrum in Friedrichshain. Weiß gar nicht, ob es das noch gibt?  Der schöne Sohn jedenfalls, dieser Liebling der Götter und des Vaters,  hatte die Ausbildung geschmissen, war in der Clubszene abgetaucht und irgendwas mit Drogen war auch. Ich kenne das Drama seit Jahren und er kennt das Drama um meine Söhne. Jetzt also das Gespräch und ein Funken Hoffnung. Eine neue Ausbildung, Schluss mit den Clubs, eine neue Freundin, ein Lichtblick am Horizont. Und deswegen auch unser Treffen heute: um die Erleichterung zu feiern, die Freude zu teilen und sich ein „jetzt hat er bestimmt die Kurve gekriegt“ abzuholen. Er hat mich eingeladen.

Die Suppe ist leer und ich hab Hummeln im Hintern. Es ist nicht leicht, ihm die ganze Zeit zuzuhören. Wir laufen noch ein bisschen die Straße runter und ich hoffe, dass er nicht wieder von seinen Bandscheiben anfängt oder von irgendeiner Wunderkur. Ich schlage vor zu einem der edlen Läden zu gehen, den ich schon bei unserer Ankunft aus den Augenwinkeln bemerkt hatte. Wir bestaunen stumm die angesagten Latexkleider und Corsagen. „Ich möcht mal wissen wer das kauft“, sagt er mit der Unbefangenheit eines Bauernjungen. Dabei kommt er aus Hamburg. Die Mädels, die in die Clubs reinkommen wollen, in denen dein Sohn die Dekos gemacht hat, antworte ich ihm. „Ach ja, warst schon mal in so Latexläden, du magst das“, kommt beiläufig von der Seite. Ja, sag ich halb ertappt und halb stolz: ich hab schon einiges ausprobiert – und frage mich nebenher, woher er das weiß? Wir haben in all den Jahren über alles gesprochen, wirklich alles. Dinge, über die sich Männer sonst nicht unterhalten – nur nicht über Sex. Wahrscheinlich weil meine Freundin mal seine Freundin war. Und als sie nicht mehr meine Freundin war, war wieder seine Freundin wurde. War böse, ist aber lange her. Wenn man nach sowas Freunde bleiben will, verbieten sich bestimmte Themen.

„Was hat dir denn daran gefallen?, fragt er als rede er von einer längst vergangenen Zeit, einer Art von Leidenschaft, die lange hinter uns liegt. Der Geruch, sage ich, wenn es wirklich Latex ist, dann riecht es wie ein Fahrradschlauch. Er grient zu mir rüber. „Ach deswegen fährst du so gerne Fahrrad“. Ich grinse zurück: Nein, ich mag es wenn es im Bett nach Fahrrad riecht. „Weißt du was“, sagt er, ich bin richtig froh, dass einen das alles nicht mehr so spitz macht wie früher. Seitdem geht das mit den Frauen viel leichter.“ Sagt’s und verabschiedet sich zu seiner neuen Freundin. Ich hab ihren Namen vergessen. Irgendwas mit D am Anfang. Es waren zu viele in den Jahren, seit er sich von der Mutter seiner Kinder getrennt hat . Aber ich wünsche ihm wirklich, dass es diesmal etwas für länger ist.

Als er weg ist, frage ich mich, wann meine Finger das letzte Mal nach Fahrradschlauch gerochen haben. Eigentlich gar nicht mehr, seit ich die dicken Reifen aufgezogen habe, durch die kein Stachel mehr durchkommt.

Kein Anschluss

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Die Geschichte habe ich für die Wolkenbeobachterin geschrieben.

Es ist eine lange Geschichte, die ich noch niemandem erzählt habe. Sie beginnt traurig, und ich weiß noch nicht, ob sie ein gutes Ende finden wird.

Unter einer großen Trauerweide, die ihre langen Äste über eine gelbe Telefonzelle hängen lässt, sitzt ein niedergeschlagener, entmutigter Junge. Er hat 20 Pfennig in zwei 10-Pfennig-Stücken. Die Münzen sind heiß wie seine Hand. Immer wieder  hat er sie in den grauen Apparat geworfen, die Nummer seines Freundes gewählt und immer die gleiche mechanische Antwort gehört „Diese Nummer ist nicht vergeben.“ Vorbei kommt eine elegante Dame, die in der Nähe wohnt. Es ist – zu allem Elend – seine Französischlehrerin. Er ist schlecht in Französisch, aber sie ist freundlich zu ihm, fragt nach dem Grund seines Kummers und als er es ihr erzählt, lacht sie. „Oh mein Gott, ihr Dorfkinder. Hast du denn noch nie telefoniert? Du musst die Vorwahl weg lassen, wenn du ein Ortsgespräch führen willst.“ Nein, hat er nicht. Seine Eltern haben ein neues Haus gebaut. Da war kein Geld mehr für einen Telefonanschluss. Und bis dahin hat er es auch noch nicht vermisst. Im Gegenteil. Nicht erreichbar zu sein ist für einen Jungen in seinem Alter das Beste, was es gibt. Andere Kinder müssen zu Hause anrufen, wen der Schulbus zu spät kommt oder fragen, ob sie ins Freibad gehen dürfen. Er macht das einfach und hat immer eine gute Ausrede für sein zu spät Kommen. Kein Telefon haben heißt Freiheit, das lernt er früh. Und selbst als die protzigen Nachbarn allen verkündeten, dass sie jetzt einen „Anschluss“ hätten, und seine Mutter ihn ermahnt, immer dort anzurufen, wenn etwas nicht klappt, hat er immer noch die Ausrede „Anna von nebenan war nicht da.“ Dagegen kann die Mutter nichts sagen, denn immerhin muss Anna ja öfter putzen gehen, um das Haus abzubezahlen.

Als er 15 wird, haben es die Eltern geschafft. Im Flur steht ein graues Plastiktelefon, die Schnur fest mit der Wand verbunden. Wenn er den Hörer abnimmt schlägt eine elektrische Glocke, die im ganzen Haus zu hören ist. Dann kommt sofort die Frage: Wen rufst du da an?  Die Angst vor den Rechnungen ist hoch. Ortsgespräche kosten 23 Pfennig. Von Ferngesprächen hat man gehört, sie seien unerhört teuer. Mondscheintarife gelten ab 22 Uhr. Da hat er im Bett zu sein. Es ist ein Telefon, um angerufen zu werden, nicht um Kontakt mit der Welt aufzunehmen.

Es folgen Telefone auf dem Flur von Krankenschwesternwohnheimen, die den ganzen Abend sehnsüchtig von den Schülerinnen und Zivis umstanden werden, das WG-Telefon, bei dem die WG-Genossen nie, aber auch wirklich nie notierten, wenn einer oder gar die EINE für ihn angerufen hatte, die ersten Auslandsgespräche mit dem Bruder in fernen Häfen, die rauschen wie die See auf die der sich begeben hatte und irgendwann wurden die 20 Pfennig von einer Telefonkarte abgelöst. Aber immer war Telefonieren für ihn etwas, was man eigentlich vermeiden sollte. Die Scheu, jemanden einfach anzurufen bleibt groß. Jemand mit seinem Anruf zu stören bleibt ihm unangenehm. Aber es gab für ihn auch diese Abende, an denen er den Apparat an einer langen Schnur in sein Zimmer zieht und stundenlang mit alten Freunden spricht. Wenn es still wird beim fernen Gegenüber nach langen Passagen des Mitfühlens, wenn beide kurz schweigen und es in der Leitung rauscht und man weiß, dass der andere versteht warum man jetzt schweigt. Das ist das Schönste.

Mit dem alten Jahrhundert und den  Mobiltelefonen ist das Schweigen vorbei. Nach einem Monat im gemeinsamen Journalistenbüro entscheiden die Kollegen: Du bist jetzt selbstständig, du kannst es dir nicht leisten, nicht erreichbar zu sein. Ein altes schwarzes Siemens muss es tun. Es ist schwer und zieht die Jacketttasche nach unten, aber nach drei Tagen, auf dem Weg zum Mülleimer, ruft die erste Redaktion an, sein erster großer Auftrag! Seither sind sie unzertrennlich, sein Backstein und er. Und er verliert die Scheu. Wichtige Leute anrufen, auch außerhalb der Bürozeiten, freche Fragen stellen und merken, wie sich seine Gesprächspartner winden, Visitenkarten mit privaten Nummern zugesteckt bekommen mit dem geraunten Hinweis „Rufen Sie mich jederzeit an, ich kann ihnen zu dieser Sache noch mehr erzählen…“ Wichtige Menschen werden gerne angerufen – eine völlig neue Erfahrung. Die Macht der Presse. Sein Filofax ist prall gefüllt mit Nummern – in Bleisift. Denn die Nummern ändern sich ständig.  Auch die Zeiten, in denen er an der Vorwahl oder in Berlin an den  ersten zwei Ziffern erkennen konnte, von welchem Ort er angerufen wurde, waren vorbei.

Und dann der Schnitt: Feste Stelle, feste Durchwahl, acht Stunden vor einem Bildschirm  mit Internernetanschluss. Aufgeregte Abteilungsleiter, die sich mit dem Privileg einer eigenen E-Mail-Adresse brüsteten. Das Telefon wird wieder Privatsache. Und privat läufts schief. Aus der Familienwohnung geht es Hals über Kopf in ein Hinterhauszimmer. Ein Telefon aus dem Trödelladen kauft er auf die Schnelle. Es ist ideal, denn es kann nur klingeln, sprechen geht nicht. Das schützt vor nächtlichen Anrufen und langen Diskussionen. Aber erreichbar bleibt er doch, auch wenn das Handy aus ist. Wenns klingelt muss es was Besonderes sein. Irgendwas mit den Kindern. Nur die Mutter hat diese Nummer. Dann geht er los, mitten in der Nacht. Irgendwann verliert er sein Smartphone und kauft sich kein neues. Ein 20 Euro Handy mit ein paar Nummern von Freunden ist alles. Es ist still. Es ist fast wieder wie früher, als er ein Junge war.  Aber es wäre auch schön, wenn wieder jemand vorbeikommen könnte, um ihm zu zeigen, wie man heute wieder Kontakt zur Außenwelt aufnimmt.

 

 

 

 

Der alte Russ

Wo er wirklich herkam, wußte niemand so genau. Und niemand wollte es wirklich wissen. In unserer Familie ging das Gerücht, dass er der verrückt gewordene Sohn reicher Leute aus unserer Stadt sei. Aber das war nur eins der vielen Gerüchte, die in unserer Familie so daher erzählt wurden. So wie das von Onkel Nick, dem U-Boot-Fahrer. Alles was von ihm geblieben war, war ein Foto mit einer Mütze der Kriegsmarine und eine Postkarte aus Oslo. Da schrieb er, dass es bald losgehen werde und dass er sich freue. Das war 1943. Onkel Nick ist nicht wiedergekommen, aber unter seinen neun Geschwistern hielt sich das Gerücht, dass sein Boot in der Ostsee versenkt worden wäre. Er sei einer der wenigen Überlebenden gewesen und in russische Kriegsgefangenschaft geraten. Das hatte ein Nachbar erzählt, um meine Großmutter zu trösten, die die Nachricht vom Tod ihres Sohnes nicht ertragen konnte und nächtelang klagend durch ihr Haus gelaufen war. Er erzählte ihr, dass die Sache mit der Gefangenschaft im „Feindsender“ gehört habe, wo Listen der deutschen Gefangenen verlesen wurden. Nun, das war edel und mutig, denn auf das Hören ausländischer Sender standen hohe Strafen, und es verfehlte seine Wirkung nicht. Aber es war so wenig wahr wie das Gerücht, dass der „ahle Russ“, ein Obdachloser, der mit seinem grauen Bart und seinem schmierigen Mantel ab und zu unsere Straße herunter lief,  wirklich ein Russe war.

Für ein Kind ist es ein Leichtes, das Gerücht von dem in Russland verschollenen Onkel mit dem von einem alten Mann aus Russland zusammen zu bringen. Die Welt um mich herum war voll mit Spätheimkehrern und Männern, die nicht darüber sprechen wollten, was sie erlebt hatten. So war das Erscheinen der ausgestoßenen Kreatur für mich immmer mit einem schönen Schauer verbunden. Ich ging im aus dem Weg, wie alle, das war klar. Nur ein paar Mutige, warfen ihm ein freches: „Na, alher Russ“ an den Kopf, um schnell wieder zu verschwinden. Der Alte antwortete nie und stieß auf die Frecheiten nur ein gequältes Brummen aus. Aber für mich war klar, das musste mein Onkel sein- und keiner außer mir wußte es.

Und wenn das Leben ein Roman wäre, dann könnte ich jetzt erzählen, wie ich dem Mann nachgeschlichen bin, wie ich herausfand wo er wohnte, dass ich irgendwann den Mut gefunden hätte, ihn anzusprechen und dass er mir ein Freund geworden wäre, von dem ich alles alles das gelernt hätte, was mir mein Wirtschaftwunder-Vater, der immer auf Achse war, nie die Zeit hatte mir beizubringen. Aber Romane werden ja deshalb so gerne gelesen, weil in ihnen das Unwahrscheinliche geschieht, das Magische, das, was alle sich wünschen, was aber in im eigenen Leben eben nie vorkommt.

Der alte Russ war eines Tages einfach verschwunden, und keiner verlor ein Wort darüber. Verschwunden wie die andern Männer, die mich als Kind faszinierten. Der „Hunsrücker“, ein fliegender Händler, der ein mal im Monat auf dem Parkplatz vor dem Ausflugshotel seinen Stand mit billigen Kindersachen aufschlug und der „Eifler“, der uns einmal in der Woche drei glänzende Brotlaibe brachte, aus denen dann meine Mutter die Butterbrote machte, die mein Vater auf seine langen Fahrten nach Berlin mitnahm, um Spesen zu sparen.

Ein paar Jahre später erfuhr ich, dass das Haus, in dem der alte Russ gehaust hatte, abgerissen werden sollte. Es lag hinter dem Friedhof auf einer schönen Wiese mit Obstbäumen. Und es war trotzdem ein unheimlicher Ort. Ich näherte mich der fensterlosen Ruine nur zögernd, Schritt für Schritt. Als ich über die Schwelle trat, knischte unter meinen Sohlen zersplittertes Glas und Metall. Die Räume waren vollgestoft mit Müll und nutzlosem Gerümpel. Der alte Russ war ein Messi gewesen, der alles Alte in unserem Städtchen zusammenraffte und in Plastiktüten in seine Höhle brachte. Ich fand einen schönen Wecker, Junghans, braun mit Leuchtziffern und glänzendem Zifferblatt. Zu Hause versuchte ich ihn wieder zum Laufen zu bringen. Ich wollte ja immer ein Mechaniker sein, um meinen Vater zu beeindrucken. Aber ich bin keiner. Irgendwann raffte meine Mutter die von mir achtlos liegengelassenen Einzelteile zusammen, und schmiss sie in den Mülleimer.

Ach ja: Mein Onkel ist im Mittelmeer gestorben. Sein Boot wurde auf seiner ersten Fahrt von einem britischen Schiff versenkt. Es gab keine Überlebenden. So steht es seit 1943 im Sterberegister unserer Stadt.

 

 

 

Ein Mann namens Uwe

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Es gab nur einen, wirklich nur einen Moment, an dem ich wirklich froh war, Uwe zu sehen.  Das war, als eine kleine Gruppe von Halbwüchsigen auf unseren Hof kam und anfing an den Fahrrädern rum zu machen. Frech grinsten sie mich an, als ich hinging und sagte, sie sollen das lassen. Und als sie weitermachten, und als sie nicht reagierten wurde ich wütend und brüllte sie an, sie sollten verschwinden. Ich wusste dass es keinen Wert hatte. Aber ich wusste mir nicht zu helfen. Und als das Grinsen immer breiter wurde, als dann einer von den Nassforschen seinen Hosenschlitz öffnete und ankündigte, er werde jetzt gegen mein Bein pissen, als ich gar nichts mehr zu sagen wusste und nur noch wie ein wütender alter Mann da stand, da kam Uwe um die Ecke. Ausgerechnet Uwe. Uwe ist bullig, kahlköpfig und kann sehr grimmig gucken. Er brauchte nur zwei Schritte hin zu den Pissern zu machen, und schon waren sie verschwunden. So was kann er. Beim Leute erschrecken ist er richtig gut. Aber ansonsten ist Uwe der Pickel am Arsch unserer Nachbarschaft. Wenn ich mir einen Wutbürger vorstellen will, denke ich an Uwe. Wenn ich ihn im Treppenhaus treffe, hat er immer etwas, worüber er sich aufregt. Dass die Hausverwaltung wieder nix tut, dass der Hausmeister für nichts zu gebrauchen ist und dass auf dem neuen Spielplatz so viele Türken wären, dass er mit seinem Sohn da nicht mehr hin gehen würde. „Die da“ nennt er die Menschen, die nicht so aussehen wie er und schaut dabei vielsagend. Er sagt nicht Türken oder Araber, er sagt „Die da“ und schwenkt sein Kinn einmal von links nach rechts. Uwe kennt „Die da“ hauptsächlich aus dem Knast, denn Uwe ist Schließer in der JVA-Tegel. Da lernt man sicher nicht die nettesten Menschen kennen. Da kann man auch mal Angst bekommen, wenn einer sagt: „Ey, wenn ich rauskomm, weiß ich wo du wohnst.“ Aber Uwe hat sowieso Angst, vor allem Angst, dass etwas Unvorhergesehenes passiert. Seine Wohnungstür hat er mit zwei dicken Balkenriegeln verstärkt. Und wenn ich mal klingel, weil ich zum Beispiel seinen kleinen Finn zum Kindergeburtstag einladen will (was nur einmal geklappt hat), dann klackt es zwei Mal und ganz langsam geht die Tür auf – und wenn  er dann aus dem Türschlitz linst, denke ich immer, dass er auch noch eine Knarre im Anschlag hat.

Bei manchen Sachen ist Uwe sehr empfindlich. Als der Hausmeister, nachdem der Aufzug mal wieder stecken geblieben war, an der Tür ein Schild „Maximale Traglast 300 Kilo“ angebracht hat, da hat Uwe das persönlich genommen. Weil er fett ist, genau wie seine Frau – und zusammen mit dem Jungen… Könnte schon ungefähr hinkommen. Auf jeden Fall haben sie sich im Hausflur angebrüllt, und nicht nur einmal. Jetzt laufen Beleidigungsklagen vor Gericht. Neulich hat der Aufzug endgültig den Geist aufgegeben. Jetzt muss Uwe die Treppen hochschnaufen, bis in den fünften Stock. Und wehe, es kommt ihm einer entgegen.

Dass ich Uwe aus dem Weg gehe wo ich kann, brauche ich wohl nicht extra zu sagen. Aber neulich, abends um halb neun, da komm ich aus der Haustür und bleib noch mal kurz stehen, um eine Nachricht zu tippen. Ohne es zu merken, lehne ich mich gegen die Metallplatte mit den Klingelschildern und läute damit Alarm – minutenlang,  ausgerechnet bei Uwe! Als erstes fliegt ein Fenster im fünften Stock auf und Uwes Frau kreischt:“Seid ihr jetzt völlig plem plem?“ Ich rufe noch „Tschuldigung, falsche Klingel.“, da geht im Treppenhaus das Licht an und da steht er auch schon vor mir: Uwe! In Schlafanzugshosen, die Arme breit, den Kopf gesenkt- wie ein wilder Stier! Er sieht mich an, und statt mir eins auf die Nase zu hauen stammelt er: „Du? Du bist das?“ – dreht sich langsam um und trottet wieder nach oben. Von der halben Treppe höre ich ihn noch jammern: „Du, ich find das echt Scheiße von dir!“

Am anderen Tag hab ich eine Flasche Rotwein gekauft und eine Karte, auf der ich mich entschuldigt habe. Ich habe die Flasche vor die Wohnungstür gestellt. An der Tür hing eine Kette aus kindlich bunte Holzbuchstaben, die mich  „Herzlich Willkommen“ hießen. Zu läuten habe ich mich trotzdem nicht getraut.

Geschenkte Gewissensfrage

weine-de

Ich bin zum 60. Geburtstag meines Studienfreundes eingeladen. Großes Fest auf dem Land, in einer alten Scheune. Das ist schön.

Walter wusste immer zu feiern. Guter Wein, gutes Essen. Ein Liebahber Italiens. Toskana-Fraktion aus vollem Herzen. Ihm und seinem Auslandssemester in Bologna verdanke ich die Erinnerung an ein schwereloses Abendessen unter Lampions, irgendwo an einer alten Bahnstation, eine schöne Frau war auch dabei, wie immer bei Walter. Das war ziemlich nahe dran an „La dolce vita“.
Und Walter konnte kämpfen. Genießen und  politisch kämpfen. Ende der 80er war diese Kombination zwar schon ein wenig aus der Mode.  Aber Walter war ja schon 30 als er anfing zu studieren, ich 26. Degenhards Lied „Komm an den Tisch unter den Pflaumenbäumen“ kannten nur noch er und ich. Gewerkschafter wir beide. Haben Kliniken bestreikt und Hörsäle – schön wars.

Jetzt ist er erfolgreicher Anwalt. Verdient sein Geld mit Betriebsräten. Hat ein Haus in Südfrankreich, zwei gut geratene Kinder und eine Wampe. Er steht immer noch auf der richtigen Seite, keine Frage, aber da hat er sich gemütlich eingerichtet.

Was schenkt man so einem Weggefährten nach so vielen Jahren?
Sein Weinkeller ist voll, Grappa hat er auch zu viel und für was Hippes aus Berlin ist er zu alt. Zu seinem 50. habe ich ihm ein Straßenkämpfer-Set geschenkt: eine gute Flasche Wein, einen Pflasterstein aus Berlin und ein ölgetränktes Tuch -damit er  nach dem Genuss gleich was hat, um einen Molotow-Cocktail zu bauen. Ginge heute nicht mal mehr als witzig durch.

Nee, Walter hat genug von allem. Soll er ruhig mal was abgeben.
Ich auch. „Hoch (Pause) die (Pause) internationale (Pause) Solidarität – so wird das doch noch heute skandiert. Also hab ich eine Flüchtlings-Initiative in seiner Stadt ausfindig gemacht und die Spedenquittung mit einem Gedicht in einen Umschlag gesteckt.

Das Gedicht darf jeder frei nutzen, der auch noch einen alten, saturierten Kampfgenossen zu seinen Freunden zählen darf . Doch, echt, da teile ich gerne.

Was schenkt man jenen, die alles haben?

Gesundheit, Haus, zwei Kinderlein,

sogar noch Lust nach all den Jahren

Lässt man da das Schenken sein?

 

Ach, was soll ich dir nur schenken?

Echt, es fällt mir gar nichts ein

Ein bisschen Gras, etwas zum Trinken?

Doch das genießt nur du allein.

 

Du sagst: Verdirb dir nicht den Abend

Dein Kopf wird schwer, es ist schon spät

Gib was für die, die wenig haben

Hoch die Solidarität!

 

Ach ja: Auf dem Fest stand dann eine Spenden-Box für „Ärzte ohne Grenzen“.

So isser halt, der alte Walter.