Schon vorbei?

Sonntagabend dachte ich: Endlich Sommer! Nachts um 11 lief ich von der Straßenbahn nach Hause – einfach weil es noch so angenehm warm war. Und weil  ich mir die letzte Strecke Geisterbahnfahrt mit den Schreckgestalten in der U6 ersparen wollte. Und weil es im Wedding auf einmal wie Urlaub war, wie in der Türkei oder in Italien.
Entlang der Müllerstraße war ein Summen von Stimmen in der Luft, saßen Menschen vor den Köfte-, Gözleme- und Dönerläden, vor dem Asia-Imbiss und vor dem türkischen Eiscafé. Manche mit, manche ohne Kopftuch, viele Kinder dazwischen, von denen ich nicht wissen wollte, wie sie es am nächsten Tag in die Schule schaffen würden. Denn die Ferien sind vorbei. Um die Ecke die Afrikaner mit eigenem Restaurant. Und auch hier: alles brechend voll und viel Geschnatter. Als hätten meine Nachbarn geahnt, dass das so schnell nicht wieder kommt. Jetzt ist es morgens schon wieder ein bisschen frisch und so lange hell ist auch nicht mehr. Die Herbstferien müssen geplant werden.
War’s das mit Sommer? Die Woche mit den Kindern in der Uckermark und dann noch eine mit ihnen in Berlin als Alleinunterhalter. Das Japsen im 40 Grad heißen Büro und die kurzen Ausflüge nach Brandenburg? Fühlte sich das früher nicht viel entspannter an? Wo sind diese „ewigen Sommer“ geblieben, die ich irgendwo noch in den Stammzellen abgespeichert habe? Mit Ferien, die nicht enden wollten. Mit langen Tagen im Freibad, denen lange Tage im Freibad folgten. Später dann das Gleiche in dänischen Ferienhäusern oder auf Usedom. Sommerferien, die so lang waren, dass man alle Zügel schleifen ließ und irgendwann sogar ihr Ende herbeisehnte, um der Langeweile zu entkommen.

Dass ich mit meiner biologischen Uhr etwas durcheinander bin, kann ja auch daran liegen, dass dieses Jahr Ostern viel zu spät war, sodass der Frühling noch gar nicht richtig angefangen hatte, als schon die frühen Berliner Sommerferien losgingen. Die Berliner müssen ja überall immer die Ersten sein.
Jetzt sind die Ferien vorbei und es ist noch so viel Sommer übrig, mit dem ich gar nichts anfangen kann oder will.  Hinzu kommt, dass ich die schönsten Sommer immer in Gruppen verbracht habe. Im Park mit meiner Tochter, ihren Freunden, den Nachbarn und den Frauen unserer „Kindergarten-Mafia“. Tempi passati? Ich vermisse das, auch wenn es mir damals oft auf die Nerven gegangen ist.

Na, wenigstens eine unverzichtbare Zutat zu einem gelungenen Sommer werde ich noch genießen können: Una fiesta sui brati, ein richtiges dickes Sommerfest. Ein guter alter Freund feiert Silberhochzeit. Ich war damals sein Trauzeuge, Best Man, wie er mich heute noch nennt. Das Hochzeitsfest feierten wir in der alten, verfallenen Landvilla mit dem großen Garten, in der er damals mit seiner Frau und ein paar wechselnden Gefährten wohnte. Es war so leicht und wundervoll, wir alle waren so jung und gutaussehend (wenn ich mir die Fotos anschaue), dass ich noch heute oft daran denke. Dass wir 25 Jahre später in seinem Schrebergarten neben der neugebauten Sozialsiedlung feiern, in der sie ihre Kinder großgezogen haben, ist mir egal. Es wird der Höhepunkt dieses Sommers.

 

 

13 Gedanken zu “Schon vorbei?

  1. Ich wünsche dir viel Freude zu diesem Höhepunkt deines Sommers 😉
    Hast du dir auch schon ein passendes Geschenk ausgedacht? Psst…. nicht verraten, vielleicht liest dein Freund ja mit.

    Ich empfinde den Sommer auch anders als früher. Aber ich kann das nicht ganz so eindeutig festmachen wie du. Ich empfinde ihn auf jeden Fall viel heisser …

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    • Ich hab’s versucht mit einem Schrebergarten, als unsere Tochter geboren wurde. Wir sind aber nach kurzer Zeit von den Laubenpiepern wieder rausgeekelt worden. Heute ist Schrebergarten ja ein Hippster-Hobby.

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      • Ich zitiere Mal Asterix: Die spinnen, die Hipster😁 in irgendeinem Heft sieht Asterix ein römisches absurdes Theater. Obelix wird auf die Bühne gebeten und soll spontan etwas sagen. Er druckst ein bisschen, er ist ja sehr schüchtern, und dann fällt ihm was ein: „Die spinnen, die Römer!“ Prompt marschiert Armee ein, um ihn festzunehmen, es folgt die übliche Saalschlacht und einer aus dem Publikum motzt: „Jetzt forcieren sie es aber, das ist total unnatürlich“😃😃😃

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      • „…also mir sagt das was“, sagt der andere Besucher. Asterix und der Kupferkessel. Da bin ich textsicher 😉 Es gibt inzwischen neue Ausgaben, die auch nicht schlecht sind.

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  2. Pünktlich zum Ferienende gabs in Hannover einen Temperatursturz und etwas Regen. Die Sommer, wie du sie so romantisch schilderst, sind dahin, fürchte ich. Die Hitze war lähmend. Allerdings gab es wunderbar laue Sommerabende. An einem verlangte jemand von Straßenmusikanten etwas von Adriano Celentano zu spielen. Ich hatte sofort „una festa sui prati“ im Ohr, aber die Musiker kannten nichts von ihm.

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