Durch die wilden Sofas

Auf meinem Sofa liegt ein sauber zusammengefaltetes Laken. Meine Tochter war am Wochenende da. Und wenn sie bei mir übernachtet, dann mache ich ihr mein rotes Sofa zurecht. Inzwischen ist sie so nett, dass sie das ganze Bettzeug wieder zusammenlegt, wenn sie geht. Sie ist oft unterwegs bei Freunden in der ganzen Welt und weiß mittlerweile, sich zu benehmen. So hab ich das auch gemacht, damals als ich bei anderen auf dem Sofa gepennt habe. Und das habe ich gerne gemacht. War ja auch viel unterwegs, als ich so alt war wie sie, vor allem politisch. Und wenn irgendwo mal wieder eine Demo war, gegen eine der vielen Diktaturen in Südamerika, den Nachrüstungsbeschluss oder gegen den Aussperrungsparagrafen im AFG gab es immer jemanden, der jemanden kannte, bei dem man pennen konnte. Ich liebte das, für eine Nacht oder ein paar Tage bei anderen unterszuschlüpfen, mir bei anderen Pärchen, WGs oder Familen das Leben anzuschauen, das ich nicht hatte. Ich lebte meist allein, in möblierten Zimmern, Wohnheimen oder in WGs in Hochhaussiedlungen, bei denen keiner vorbei kommen wollte. So kams mir jedenfalls vor. Als ich mir neulich den Film über Udo Lindenberg anschaute, seine Bude, die er auf der Reeperbahn hatte und das Bettzeug sah und die gemusterten Unterhosen, da war der Geruch dieser Zeit wieder da. Die Frotte-Bettwäsche, aus dem Elternhaus mitgebracht, immer ein bisschen muffig, immer zu selten gewaschen, immer mit zu dicken, ungelüfteten Federbetten in zu kalten Zimmern, in denen ich als Gast landete. Aber es ging nicht nur ums Unterkommen, es ging auch ums diskutieren, ums Quatschen an runden Tischen und ums Dabeisein. Aufgenommen zu werden, das war ein schönes Gefühl. Und ob das nur aus Solidarität geschah, als Kämpfer für die gemeinsame Sache, oder weil mich die Leute wirklich nett fanden, das konnte ich oder wollte ich nicht auseinanderhalten. Gastfreundschaft ist auch eine Art der Zuwendung und es fiel mir immer schwer, wieder zu gehen. Es gibt dieses Lied von Reinhard Mey, „Gute Nacht, Freunde“, das dieses Gefühl sehr gut beschreibt.  Ein paar Mal kam auch die Frage, ob ich wirklich auf der Couch schlafen wolle, im Bett sei ja noch Platz. Manchmal war das wirklich fürsorglich gemeint, manchmal verirrten sich dann Hände unter der Bettdecke und die Abschiede morgens waren danach oft wortlos.
Nein, mein Platz war auf der Couch oder auf dem Futon des Mitbewohners, der gerade nicht da war. Die wilden Touren durch die Betten anderer Menschen sollten anderen  vorbehalten bleiben. Und am wohlsten fühlte ich mich, wenn ich Frühaufsteher am nächsten Morgen meine Gastgeber mit frischen Brötchen, der aktuellen taz (mit den richtigen Zahlen über die Demo am Vortag) und Kaffee begrüßen konnte. Ich brachte es zu einer Meisterschaft darin, in fremden Küchen das Kaffeepulver und die Filtertüten zu finden.

Jahre danach, ich war längst sesshaft geworden, als die kleine Tochter, die jetzt schon wieder auf dem Weg zum nächsten Auslandssemester ist, mir den Schlaf raubte, war es oft ein Gnadenakt meiner Freunde, mir eine Schlafstatt anzubieten, weil mir auf den schönsten Festen schon um zehn die Augen zufielen. Später kam ich dann immer öfter, war Couchsurfer bei meinen Freunden, weil im gemeinsamen Zuhause ein Chaiselong fehlte, auf das ich bei dicker Luft hätte ausweichen können. Irgendwann hatte ich dann wieder eine eigene Wohnung und die erste Anschaffung war ein eigenes Sofa. Ein erfahrener Freund riet mir dazu. Ein Polstermöbel für zwei sei unerlässlich, wenn ich erfolgreich wieder auf Partnersuche gehen wolle. Es wäre so unhöflich, wenn man einer Besucherin nur einen Stuhl oder das Bett anbieten könne. Ganz Unrecht hatte er damit nicht, aber wenn ich mir mein abgerocktes rotes Designerteil so anschaue, waren es wohl eher die drei Knaben, die  mittlerweile meine regelmäßigen Besucher sind, die den Samt so blankgewetzt haben. Bleibt nur noch die Frage, ob ich bei einem solchen unsteten Lebenswandel irgendwann tatsächlich „auf der Couch“ gelandet bin. Nein, bin ich nicht. Es war ein Sessel.

 

 

 

Am Fenster

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Das Feuerwerk ist vorbei, der Sekt verkippt und der Walzer getanzt. Der Rausch macht eine Pause. Wir stehen am großen Fenster im vierten Stock und schauen wie aus einem Raumschiff über die strahlende Stadt und das neue Jahrzehnt. Der grauhaarige DJ scannt seine Playlists durch und startet mit zarten Geigenklängen einen zaghaften Versuch die erschöpften Tänzer auf der „Zeitlos“-Sylvesterparty wieder in Bewegung zu bringen. Unter dem sanften Gefiedel fängt eine dumpfe Trommel an einen dumpfen Rhythmus zu wummern. Und ich weiß schon jetzt, wie es weiter geht. Schwelgend erwarte ich die klagende Stimme, die ich seit 40 Jahren kenne: „Einmal wissen, dieses bleibt für immmer…“ Ein Freund hatte mir die rote Platte mit dem gelben Blitz vorgespielt, ein paar Wochen nachdem ich auf’s Gymnasium gekommen war. Eine Platte auf Deutsch, das war neu. Eine sehnsüchtige Melodie, ein poetischer Text, den ich verstand, aber nicht begriff. Mit 17 braucht es nicht viel mehr, um sich zu verlieben. Aber verliebte mich nicht nur in das Lied und die Platte. Ich bekam Sehnsucht nach der Welt, von der sie erzählte, nach dem Land, das ich bisher nur einmal für einen 20 Mark-Zwangsumtausch-Nachmittag in Ost-Berlin betreten hatte. Ich hatte Sehnsucht nach der DDR.

Zehn Jahre später im Februar. Ich liege mit hohem Fieber in einem langsam schaukelnden Interzonenzug nach Leipzig, meinem Traum entgegen. Der Zug hält mitten auf der Strecke, wie schon so oft. Im Delirium schaue ich aus dem Fenster. Ich sehe Menschen auf einer ausgfahrenen, lehmbraunen Straße vor einer Kaufhalle. Frauen in Kittelschürzen, ein Mann, der eine ölverschmierte, apfelsinenfarbene Regenhose trägt. Er lehnt am Seitenwagen seines Motorrads und zündet sich eine Zigarette an. Für mich ist es ein Bild unglaublicher Ruhe und Gelassenheit – oder spielt mir mein gedämpftes Gehirn das nur vor? Will ich hier Ruhe und Harmonie sehen, oder ist in diesem Land wirklich alles ein bisschen ruhiger, ein bisschen wie in alten Zeiten, von denen meine Eltern erzählten? Eine Frage, die ich mir in den kommenden zwei Monaten immer wieder stellen werde. Jetzt ist es egal. Es ist zu spät umzukehren. In meiner Tasche habe ich eine Einladung der Klinken der Karl Marx Universität Leipzig. Gerne würden sie mein Angebot annehmen, in ihrem Haus als Krankenpfleger zu arbeiten. Ich werde erwartet. Ich bin die Vorhut. Und ich darf nicht kneifen. Denn wir haben einen Plan.

In unserm alten Bahnhof in Heidelberg, auf unserer Insel zwischen Güterzuggleisen und Fernbahntrassen hatten wir im Sommer 89 mitbekommen, wie die Menschen aus der Botschaft in Prag nach Westdeutschland kamen.Viele Ärzte und Krankenschwestern waren darunter. Vom Notstand in den DDR-Krankenhäusern wurde berichtet. Das durfte nicht sein. Die DDR musste bleiben. „Die endgültige Teilung Deutschlands ist unser Ziel“ war die Losung, die von der Satirezeitung Titanic, neben der taz die Pflichtlektüre unserer Krankenschwestern-WG, damals wider den großdeutschen Geist ausgegeben wurde. Uns war das ernst. Wir hatten wirklich Angst vor dem vierten Reich. Und so schrieben wir, die wir alle unser Examen schon in der Tasche hatten, die Krankenhäuser hinter der Mauer an. Der Mauer wohlgemerkt, die damals noch stand. Wir wollten – jetzt darf ich es gestehen – die DDR retten, so wie sie war. Das mit der Revolution kam später. Und von der Stasi hatten wir noch nie was gehört.

Leipzig antwortete im November. Die Mauer ging auf, und ich wurde ausgewählt, mal zu schauen, wie es da so ist. An dem Mut meiner zwei Mitbewohnerinnen bestand kein Zweifel. Sie fuhren Motorrad, trugen schwarzes Leder und waren auf jeder autonomen Demo (ja, so etwas gab es in Heidelberg) dabei. Später würden sie in Rotkreuz-Zelten Peschmergas in Kurdistan zusammenflicken oder Flüchtlinge in Zentralafrika versorgen. Aber das mit dem deutschen Osten, das war ihnen erstmal doch ein wenig zu abenteuerlich.  Ich brauchte keinen Mut, denn ich fuhr ja Richtung zu Hause.

Ich landete da, wo ich nie hin wollte: Vor dem Tisch eines deutschen Feldwebels. Das Quartier, das mir die Uni zugeteilt hatte war eine ehemalige Parteihochschule, die von der NVA beschlagnahmt worden war. Lenin hing noch an der Wand, auf dem Linoleumfußboden knallten Knobelbecher. Sie gehörten jungen Rekruten, die jetzt in die Kohlekraftwerke geschickt wurden, weil die Heizer schon im Westen waren. Der Feldwebel schaute misstrauisch auf mein Papier und zuckte die Achseln. Es gab so vieles, was nicht mehr zu verstehen war in dieser Zeit. Ein Westler, der freiwillig in den Osten kam, um hier zu arbeiten? „Verrückte hat es immer gegeben.“, war sein Kommentar. Ich bekam ein riesiges Zweibettzimmer und viele Telegramme. Das war die einzig verlässliche Art mit der alten Heimat Kontakt zu halten. Ich bekam auch viel Besuch: Von meinen Krankenschwestern und andern, die „mal schauen wollten.“ Gearbeitet habe ich auch. Auf der nephrologischen Station. Dreischichtbetrieb, 600 Mark der DDR, später 800. Geschlafen habe ich nicht viel in der Zeit. Aber das ist einer andere Geschichte, die ein andermal erzählt werden soll… Gute Nacht

 

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Uhrmacher

Es gibt so viel schmierige Werbung mit Familienglück in den Weihnachtsbeilagen, die langsam wieder anfangen, die Zeitungen dick zu machen, dass ich fast krank werde davon. Diese Zeitungen, die auf Seite 3 das Schicksal der ärmsten dieser Welt brilliant und einfühlsam beschreiben und dann in der Hochglanz-Magazinbeilage eleganten Designer-Schnick-Schnack für die Münchner Stadtvilla präsentieren. Natürlich auch im redaktionellen Teil. Und auf der Rückseite, in dezentem Schwarz-Weiß gehalten immer wieder Werbung für teure mechanische Armbanduhren. Und man sieht den Mann in den besten Jahren, erfolgreich aber sportlich elegant, mit so einer Schweizer Luxuszwiebel am Handgelenk, wie er seinem wie aus dem Ei gepellten Sohn, den er wahrscheinlich gerade vom Internat abgeholt hat, freundlich und wissend zulächelt. „Eine Patek Phillipe gehört einem nie ganz allein… eigentlich bewahrt man sie nur für die nächste Generation.“
Ist das nicht wunderbar? Das ganze Jahr dem Shareholder Value die letzten Resourcen und das Klima zu opfern, aber von den vielen Talern, die dabei raussspringen sich eine ganz nachhaltige Uhr zu kaufen, die hoffentlich wasserdicht ist, damit Sohnemann später auch in überfluteten Landstrichen weiß, was die Stunde geschlagen hat.
In unserer Familie lief das mit der Übergabe vom Vater auf den Sohn anders.
Vatter war mal wieder auf Tour und Mutter wahrscheinlich im Keller, in der Waschküche. Ich war sechs oder sieben und stromerte durch die leere Wohnung. In der Nachttischschublade meines Vaters fand ich drei goldene Uhren: Für 100 000 unfallfreie Kilometer, für 250 000 unfallfreie Kilometer und für 500 000 unfallfreie Kilometer. Ein goldener Löwe glänzte auf dem Ziffernblatt. Das Markenzeichen der Firma Büssing aus Braunschweig. Der Braunschweiger Löwe eben, der auch auf dem Kühlergrill des LKW prangte, mit dem mich mein Vater ab und zu mitnahm. Die Uhren überzustreifen und den Sandkastenfreunden zu zeigen, war eins. Leider kamen sie aus der Buddelkiste nicht wieder so strahlend heraus, wie ich sie in Erinnerung hatte. Eine hatte ich wohl auch verschenkt. Erstaunlicherweise bekam ich kaum Ärger deswegen. Vielleicht, weil sie schon kaputt waren als ich sie fand, es waren ja eigentlich nur Werbegeschenke, oder weil sich mein Vater aus Armbanduhren nichts machte, weil er in seinem Führerhaus einen Fahrtenschreiber hatte, der präzise jede gefahrene Minute aufzeichnete (und von dem er wusste, wie man ihn manipulieren konnte, um noch mehr Überstunden zu machen), oder vielleicht, weil er schon die Uhr für eine Million unfallfreie Kilometer mit goldenem Flex-Armband am Handgelenk hatte. Es wurde mir verziehen und der Liebe Gott persönlich schenkte mir zur  1. hl. Kommunion eine kleine Junghans mit hellem Zifferblatt und Leuchtziffern, mit denen ich mich stundenlang unter der Bettdecke beschäftigen konnte. Und die Faszination blieb.

Für manche Männer sind Uhren ein Zeichen, das ihren Erfolg im Leben zeigt. Für mich sind sie ein Instrument, Männerherzen zu öffnen. Das geht schöner und subtiler als mit Fußball und Autos oder Alkohol. Als ich nach dem Abitur ein Praktikum auf einer Männerstation machte, hatten meisten Männer ihre Armbanduhren an den Bettgalgen gehängt, um Platz zu schaffen für die Nadeln und Kanülen in ihrem Unterarm. Ein Hinweis auf die schöne Uhr und die Frage, woher sie die denn hätten, und schon erzählten sie eine Lebensgeschichte. Hochzeit, Krieg, der verstorbene Vater… Einmal bekam ich auch von einem jüdischen Patienten eine Lektion fürs Überleben im KZ. Ich hab sie mir gemerkt. Denn damals, als Franz Josef Strauß Bundeskanzler werden wollte, war noch nicht klar, auf welcher Seite des Stacheldrahts wir Langhaarigen und Schmeißfliegen hinterher landen würden. Der Uhren-Trick klappt fast immer. Ob bei garstigen Vorgesetzten oder skeptischen Schwiegervätern und später bei der Arbeit als Journalist war er ein Türöffner zu sehr verschlossenen Quellen. Vielleicht auch, weil die Kerle auf  meiner Seite echte Leidenschaft spürten.

Denn seit den Löwen- und Leuchtziffernerlebnissen war ich auf der Suche nach der idealen Uhr. Sie sollte aussehen wie eine der Löwenuhren meines Vaters, eine Stoppuhr musste sie haben, Wasserdicht musste sie sein und schlagfest (wie die Timex, die in der Fernsehwerbung immer auf einer Faust durch eine Glasscheibe geschlagen wurde). Unerreichbar schienen die berühmten sowjetischen Uhren, die sogar einen eingebauten Wecker haben sollten. Und was die Uhren von James Bond alles konnten…. Keine Frage: Der Besitz der richtigen Uhr war so lebensentscheidend wie der Besitz eines Schweizer Offiziersmessers. Und das Drama meines Lebens spielte sich deswegen bei einem windigen Antiquitätenhändler in einem Kölner Hinterhof ab. Er hatte die Uhr meiner Träume, eine Schweizer Fliegeruhr aus den 40ern, so eine, bei der die gelbliche Leuchtziffernfarbe noch aus radiokativem Material war, also ewig strahlte. Aber ich hatte  die 400 Mark nicht, die er dafür wollte und er war beinhart wie ein Dealer. Eine Woche später hatte ich das Geld, aber die Uhr war weg.

Der Rest meines Lebens hatte seither praktisch nur ein Ziel: Die Suche nach dieser Uhr. Auf jedem Flohmarkt Berlins, auf den Polenmärkten der Nachwendezeit bis nach Sankt Petersburg, wo in den bitteren Jelzin-Jahren Armeechronografen und Pistolen auf dem gleichen Tisch verkauft wurden. Immer wieder kaufte ich eine, immer wieder war ich überzeugt, es wäre jetzt die richtige – und immer wieder wurde ich enttäuscht. Entweder merkte ich, dass doch ein ganz wichtiges Merkmal fehlte oder die alten Dinger gingen einfach kaputt. Was mich wiederum zu endlosen Rettungsveruchen bei skurrilen Uhrmachermeistern oder noblen Schweizer Läden auf der Friedrichsstraße brachte. Man kann nicht nur von Babybäuchen Ultraschalluntersuchungen machen, sondern auch von Uhrwerken. Geht aber nicht auf Krankenkasse.

Eine Zeitlang sah es so aus, als könnte die Liebe meine Krankheit heilen. Als ich meiner Freundin verkündete, dass ich jetzt, um meine Pein zu beenden, mein Sparbuch auflösen wolle, um mir für mehrere tausend Euro eine nagelneue Schweizer Uhr zu kaufen, bangte sie nicht nur um die Zukunft des werdenden Lebens, das sie unter dem Herzen trug, sondern auch um meine geistige Gesundheit.
Und sie tat etwas sehr Kluges.
Sie schenkte mir ein Seminar einer Uhrenmanufaktur, bei dem ich mir selber eine Uhr bauen konnte. War ich bisher am idealen Äußeren der Uhren verzweifelt, konnte vielleicht ein Blick in die wahren Schönheiten, die bekanntlich innen wohnen, mich von meinem Fluch befreien. Und so schraubte ich ein Wochendende unter der strengen Zucht eines Uhrmachermeisters der ehmaligen Bundesbahn an einem filigranen Schweizer Werk herum. Erst auseinanderbauen, dann zusammenbauen, dann kalibieren. Es war ein berauschendes Erlebnis, als ich die Unruh einsetzte und das Werk zu pulsieren begann. Ich war geheilt! Keine andere Uhr sollte mehr mein Herz verstören, als die, die ich selbst geschaffen hatte.
Leider vermag die Kraft der Liebe nichts gegen den Lug und Trug in dieser Welt. Nach ein paar Jahren fing nicht nur die Beziehung an zu knirschen, sondern auch das Uhrwerk. Der letzte Meister der Zeit, den ich aufsuchte sah tatsächlich aus wie Einstein und verkaufte nebenher Comics. Er setzte seine Lupe auf und murmelte etwas von „asiatischen Teilen“, die sich schnell abnutzten. Das war das Ende.

Alles was von meiner Odyssee geblieben ist, ist ein schwarzer Schuhkarton in meinem Schrank, der voll  ist mit kaputten Uhren und vielen vergilbten Reparaturrechnungen, die mit Tinte von feiner Uhrmacherhand geschrieben wurden.
Letztes Wochenende hatte ich vergessen, den Schrank abzuschließen, in dem der Friedhof meiner Träume lagert. Meine Jungs zogen den Karton hervor und hatten großen Spaß mit den Glanzstücken, die mir mal alles bedeutet hatten. Ich holte eine Ahle aus dem Werkzeugkasten und stach in die Armbänder ein Loch, damit sie um die dünnen Handgelenke passen. Ich erklärte ihnen, wie man eine Uhr stellt und wie man sie aufzieht. Als ich sie zurück zu ihrer Mutter brachte prahlten sie mit dem, was sie von Papa gekriegt hatten. Da zog der Älteste, der bei seiner Mutter geblieben war, ein langes Gesicht, was mich natürlich traurig machte. Also streifte ich meine letzte funktionierende Uhr ab, eine Casio, die  mich mal in der Altstadt von Ankara angefunkelt hatte, und band sie ihm ans Handgelenk.

Das Ideale ist, keine Uhr mehr zu haben, aber drei strahlende Jungs.

 

 

 

 

 

Erwachsen werden

In der leeren Küche steht auf dem abgewischten Tisch ein übriggebliebenes, rotes Halma-Männchen. Schwer vorzustellen, dass dieses Männlein und seine bunten Freunde noch vor ein paar Stunden der Grund für ein existenzielles Drama unter Brüdern waren. Tränen, Geschrei, Schläge, Türenknallen, Anschuldigungen, Betrug, Schmollen, Decke über den Kopf ziehen und theatralische Abgänge. Das Spiel, das gegeben wurde hieß „Mensch ärgere dich nicht“ und sowohl die Söhne als auch der Vater sind noch weit entfernt davon, den gut gemeinten Befehl des Spieleerfinders zu befolgen und Gelassenheit walten zu lassen. Es fochten Bruder gegen Bruder, Vater gegen die Söhne (in abwechselnder Folge), Söhne gegen den Vater. Es wurde an der falschen Stelle gelacht und mit Häme über das Mißgeschick des anderen nicht gespart. Wer die Szenen von außen betrachtet hätte, hätte meinen können, es ginge um das Verteilen des väterlichen Erbes oder ähnlich schicksalsbsestimmende Entscheidungen. Und irgendwie hätte er auch recht gehabt.
Dann war alles still. Von einem Augenblick auf den anderen verlor das Spiel seine Bedeutung. Das war, als ich auf die Uhr schaute und sagte: Zieht euch an, in 10 Minuten kommt Mama. In der üblichen Hektik wurden Sachen in Taschen gestopft, Socken gesucht, und die Medikamente nicht vergessen. Aber irgendwas fehlt immer.
Zurück in meiner nun ruhigen Wohnung stehen verlassene Spielautos in Ecken, liegen Vorlesebücher auf dem Bett und der Sonnenhut, der eben nicht zu finden war, findet sich in der Lego-Kiste, in die die Jungs auch ihre bewundernswerten Bauwerke versteckt haben. Bis zum nächsten Mal.
Ich werfe alles was ich finde ins Kinderzimmer und mache die Tür zu. So mache ich das jedesmal, wenn die Kinder weg sind. Es dauert immer eine Weile, bis ich den Anblick des leeren Zimmers ertrage. Das Halma-Männchen hatte ich übersehen. Und er macht mich traurig. Wie oft werde ich noch mit ihnen spielen, bis sie in ihren eigenen Spielen verschwinden, zu denen ich keinen Zugang mehr habe?
Im sonnenheißen Garten wartet noch das halb aufgeblasene Planschbecken von gestern darauf, wieder im Keller zu verschwinden und auch die Picknickdecke, die die Kinder seltsamerweise zwischen den Müllcontainern für das Abendessen aufgeschlagen hatten. Kurz überlege ich, ob ich das nasse Plastikbecken einfach in meinen Keller schmeiße, zu dem anderen Gerümpel aus meinem Leben und auch da einfach die Tür zu mache. Das Verweigern von Ordnung war schon immer meine Art, mit unangenehmem Druck umzugehen. Die Dinge mussten darunter leiden. Doch ich bin keine 16 mehr. So langsam habe ich den Unterschied zwischen elterlichem Ordnungswahn und vernüftigem Umgang mit empfindlichen Dingen gelernt. Vorsichtig drücke ich die Luft aus den dicken Wülsten, lasse die PVC-Haut eine Weile in der Sonne trocknen und wische dann mit einem Stück alten Betttuchs Sand und Wasser aus den Nähten. Es soll ja noch ein paar Sommer mit den Jungs aushalten.

 

Männersache

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Nachdem Christiane ihren Frühlingsgefühlen bildhaften Ausdruck verliehen hat und Uli im Cafe Weltenall unbeschreiblich Weibliches zeigt, wird es Zeit, die männliche Seite des Frühlings zu illustrieren und aus der Schmuddelecke zu holen. Der moderne Mann geht nämlich, wenn der Frühling naht nicht, wie Christiane uns von Tuchlosky zu lesen gibt, in den Park, um es wie die Hunde zu treiben. Der moderne Mann geht, wenn die ersten Knospen sprießen, zum Männerarzt. Früher hieß der Urologe und steckte einem den Finger in den Po um nach der Prostata zu fahnden. Heute ist er immer noch Urologe, aber er erzählt er einem erst einmal, dass auch wir Männer unsere Wechseljahre haben, dass das auch was mit Hormonen zu tun hat, aber das das bei uns alles viel einfacher ist als bei den Frauen. Keine Mondzyklen, keine Verbundenheit mit Mutter Erde. „Ist das Testostoron niedrig, bekommen die Hoden den Befehl, mehr zu produzieren.“ So einfach ist das. Der Mann, nichts als eine Black Box mit zwei Eiern?

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Leider ja. Als ich nach meinen Testosteronwerten frage, grinst der Männerversteher verschwörerisch : Ist alles in Ordnung, jede weitere Stimulanz wäre Doping.“

Ein Glück, dass ich meine Erotik-Bildbände aus dem Keller in meinem Fasten-Frühlings-High schon vor Wochen bei momox verscherbelt habe. Das Geld reichte bei medimops genau für ein Buch, das mir ein Fasten-Freund empfohlen hat: „König, Krieger, Magier, Liebhaber- Die Stärken des Mannes“. Vorbei die Zeiten, als Franz Josef Degenhard mit „toxischer Männlichkeit“ wie ich jetzt aus dem Buch weiß,  klampfte „Ja unsere Sache, unsere Sache, die steht gar nicht schlecht.“ Oder Jahre später, als die taz Bilder von abgesägten Strommasten (warum wurden diese Phallussymbole noch mal abgesägt?) frech untertitelte mit „So wie die Dinge stehen, liegen sie nicht schlecht.“ Wir neuen Männer wollen, auch nicht an Ostern, nur auf unseren Zeugungstrieb reduziert werden. Wir können nämlich noch mehr.
Vorsichtig schlage ich immer wieder abends eine Seite in meinem magischen Männerbuch auf, immer nur eine Seite, um die tiefen Weisheiten nicht auf einen Rutsch zu inhalieren. Dann würde mir schnell schlecht werden.  Aber so in kleinen Häppchen genossen stehen da wunderbare Dinge: „Der Krieger existiert nicht, um seine persönlichen Wünsche oder körperlichen  Gelüste zu befriedigen, … sondern um im Dienste eines überpersönlichen Ziels das Unerträgliche zu ertragen.“ Dann kommen Geschichten von edelen Samurais und tapferen Jesuiten. Ja, so ein Samurai steckt in jedem reifen Mann. Ja, die Kriegerenergie gibt einem richtigen Mann das Gefühl für die eigene Größe, die richtige Grundeinstellung, um den täglichen Kampf zu bestehen.

Und dann sagt der Arzt „Legen Sie sich noch mal kurz auf die Liege und atmen tief durch..“ Und dann steckt er einem den Finger in den Po.

Wird schon wieder

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Nachdem er sich

mit dem Fahrrad am Wannsee,

mit dem Motorrad in Brandenburg und

mit der Bohrmaschine zuhause

ausgetobt hatte;

Nachdem sich langsam

sein Hintern  von den Berliner Schlaglöchern

sein Magen von der Brandenburger Küche und

seine Schulter vom Schlagbohrerer

erholen,

sitzt er auf den Stufen zum Garten und blinzelt.

 

Ach, was sag ich Garten: Ein kleiner Park ist’s,

wo  struppige Pappeln sich im frischen Wind wiegen

und  Vögel  gratis mitschaukeln dürfen.

Wo im Himmel  Jahmarkt ist

und der Garten die Bühne für das immergleiche Stück.

 

Wie im letzten Jahr knipst die große weiße Kastanie ihre tausend Kerzen an,

als hätte ihr niemand von der Trockenheit erzählt, die sie wieder erwartet.

Als hätte sie die braunen, mottenzerfressen Blätter einfach abgeschüttelt,

schmeißt sie sich einfach wieder in Schale und macht sich schick für die Hummeln,

die nektarbesoffen zwischen den samtgelben Tulpen herumtorkeln.

Aber da passen sie nicht rein.

Die dünne Wiese flickt noch an den Wunden des vergangenen Sommers

und ist mit Taubnesseln wie mit lila Pickeln übersäht.

Bald wird hier wieder das Planschbecken für die Jungs stehen und

vielleicht auch ein Indianerzelt oder eine Slackline.

Werden einfach immer größer, die Kerle.

trotz des ganzen Dramas ihrer Eltern

trotz des Umzugs und dem ganzen Hin und Her

werden sie einfach wieder ins Wasser springen und laut schreien.

 

Wird schon wieder werden.

 

 

 

Denn man sieht nur die im Lichte …

An Schlaf war nicht zu denken. Wir mussten raus auf die Straße, denn wir hatten nur noch diese Nacht. Wie Diebe strichen wir durch die dunklen Winkel unseres Viertels. Lichtscheu duckten wir uns mit unserer Last in die Schatten, die vom schwefelgelben Licht der Gaslaternen nicht vertrieben wurden. Was wir nicht wußten: Wir waren nicht allein.

Als wir unser schmutziges Werk vollendet hatten, graute der Morgen. Was wir getan hatten, würde nicht lange unentdeckt bleiben, deshalb beschlossen wir, uns zu trennen. Ein halbes Jahr hatten wir zusammen gehaust, diskutiert, gekocht, gestritten. Meine Wohnung glich mehr und mehr einer Räuberhöhle. Meine Komplizin war auf ihren Beutezügen erfolgreich. Es gab im Umkreis von zehn Kilometern sicher keine Drogerie, kein Kosmetikgeschäft und keinen Modeladen, den sie nicht geplündert hätte. Das Wertvollste hatte sie in zwei Koffer gestopft, die jetzt bis zum Platzen gefüllt zwischen uns auf dem morgenkalten Bahnsteig standen. Den Rest würde sie holen, versprach sie, wenn wir uns wiedersehen würden – in einem halben Jahr vielleicht, vielleicht schon vorher, versprach sie. Ich wußte, dass sie mich anlog, dass sie sich schon in wenigen Tagen an nichts mehr erinnern würde und sagte ihr trotzdem, dass ich sie liebe. Ich hoffte, dass sie es unentdeckt über die Grenze schaffen würde. Dort würde sie einen neuen Unterschlupf, ein neues Opfer finden und sich dann bald wieder bei Nacht und Nebel aus dem Staub machen. Ich gab ihr bis zum Herbst. Dann würde ich wieder ihre Mutter anrufen müssen, um zu erfahren, wohin sie verschwunden war.
Ein flüchtiger Kuss, ein strahlendes Lächeln, dann schloss sich die Waggontür vor ihr und der Zug nahm sie mit nach Westen – einem neuen Leben entgegen. Mir würden ihre Briefe bleiben, ihre Bücher, die leeren Kleiderbügel.

Es nieselte leicht aus dem grauen Morgenhimmel, als ich den Bahnhof verließ. Ich zog den Schal fester um den Hals und duckte mich in meinen Mantelkragen. Es war ein trostloser Morgen für mich und die Berliner Straßen machten mich nicht fröhlicher. Zertretene Fahrräder an Laternenmasten, weiße, im Regen aufgequollene Matratzen, an Straßenbäume gelehnt, halbe Schlafzimmereinrichtungen, in Teile zerlegt, waren schon immer ein Sinnbild für die Gleichgültigkeit der Bewohner meines heruntergekommenen Viertels. Allein seit gestern Nacht waren wieder drei neue Matratzen dazu gekommen – und diese hässliche Holzpalette, drei Blocks neben meiner Wohnung, die meine Tochter und ich im letzten Herbst mit diebischer Freude von einer Baustelle gefischt hatten und die für die Zeit, in der sie bei mir wohnte ihr Bett war.

Jetzt ist Frühling und etwas Neues fängt an.

 

Old man (take a look on my life)

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© Peterdomenie.com

 

Wir sind am Räuberrad verabredet, das jetzt wieder vor der Volksbühne steht. Ich bin pünktlich, aber er ist nicht da. Also warte ich. Es ist einer der Herbsttage, die noch so warm sind, dass die Leute im Schein der Laternen und Restaurants auf den Straßen flanieren. Ich lehne mich auf mein Fahrrad und schaue ihnen dabei zu. Gerade als ich nach meinem Telefon greifen will, klingelt es. „Wo bist du?“, fragt er gut gelaunt. „Vor dem Räuberrad, auf der Seite vom Babylon, seit einer Viertelstunde. „Siehst du, ich bin auf der anderen Seite, am Theater, auch seit einer Viertelstunde, ich komm rüber.“ Kein Gemecker, keine Vorwürfe. Es ist eine Freude, sich mit ihm zu verabreden.
Wir wollen Essen gehen und laufen die Rosa-Luxemburg-Straße runter, die verdammt schick geworden ist. Als wir  gleich zwei asiatische Restaurants finden schließt er unsere Räder zusammen und wir gehen in das, was weniger laut ist. Er weiß, dass ich schlecht höre, und wir haben uns viel zu erzählen.

Nach dem Geplänkel und Gestöhne über die Arbeit kommt die Nudelsuppe und erstmal ist Ruhe.  Wir haben die Schalen noch nicht halb geschafft, da seufzt er, richtet sich auf, drückt das Kreuz tief durch und sagt „Jetzt kann ich mich entspannen.“ Seit Tagen hat er Angst gehabt, sagt er, vor einem Gespräch mit seinem Sohn, den ich immer den „schönen Ronny“ nenne und der genau einen Tag älter ist als meine große Tochter. Wir Väter kennen uns seit dem Geburtsvorbereitungskurs im Frauenzentrum in Friedrichshain. Weiß gar nicht, ob es das noch gibt?  Der schöne Sohn jedenfalls, dieser Liebling der Götter und des Vaters,  hatte die Ausbildung geschmissen, war in der Clubszene abgetaucht und irgendwas mit Drogen war auch. Ich kenne das Drama seit Jahren und er kennt das Drama um meine Söhne. Jetzt also das Gespräch und ein Funken Hoffnung. Eine neue Ausbildung, Schluss mit den Clubs, eine neue Freundin, ein Lichtblick am Horizont. Und deswegen auch unser Treffen heute: um die Erleichterung zu feiern, die Freude zu teilen und sich ein „jetzt hat er bestimmt die Kurve gekriegt“ abzuholen. Er hat mich eingeladen.

Die Suppe ist leer und ich hab Hummeln im Hintern. Es ist nicht leicht, ihm die ganze Zeit zuzuhören. Wir laufen noch ein bisschen die Straße runter und ich hoffe, dass er nicht wieder von seinen Bandscheiben anfängt oder von irgendeiner Wunderkur. Ich schlage vor zu einem der edlen Läden zu gehen, den ich schon bei unserer Ankunft aus den Augenwinkeln bemerkt hatte. Wir bestaunen stumm die angesagten Latexkleider und Corsagen. „Ich möcht mal wissen wer das kauft“, sagt er mit der Unbefangenheit eines Bauernjungen. Dabei kommt er aus Hamburg. Die Mädels, die in die Clubs reinkommen wollen, in denen dein Sohn die Dekos gemacht hat, antworte ich ihm. „Ach ja, warst schon mal in so Latexläden, du magst das“, kommt beiläufig von der Seite. Ja, sag ich halb ertappt und halb stolz: ich hab schon einiges ausprobiert – und frage mich nebenher, woher er das weiß? Wir haben in all den Jahren über alles gesprochen, wirklich alles. Dinge, über die sich Männer sonst nicht unterhalten – nur nicht über Sex. Wahrscheinlich weil meine Freundin mal seine Freundin war. Und als sie nicht mehr meine Freundin war, war wieder seine Freundin wurde. War böse, ist aber lange her. Wenn man nach sowas Freunde bleiben will, verbieten sich bestimmte Themen.

„Was hat dir denn daran gefallen?, fragt er als rede er von einer längst vergangenen Zeit, einer Art von Leidenschaft, die lange hinter uns liegt. Der Geruch, sage ich, wenn es wirklich Latex ist, dann riecht es wie ein Fahrradschlauch. Er grient zu mir rüber. „Ach deswegen fährst du so gerne Fahrrad“. Ich grinse zurück: Nein, ich mag es wenn es im Bett nach Fahrrad riecht. „Weißt du was“, sagt er, ich bin richtig froh, dass einen das alles nicht mehr so spitz macht wie früher. Seitdem geht das mit den Frauen viel leichter.“ Sagt’s und verabschiedet sich zu seiner neuen Freundin. Ich hab ihren Namen vergessen. Irgendwas mit D am Anfang. Es waren zu viele in den Jahren, seit er sich von der Mutter seiner Kinder getrennt hat . Aber ich wünsche ihm wirklich, dass es diesmal etwas für länger ist.

Als er weg ist, frage ich mich, wann meine Finger das letzte Mal nach Fahrradschlauch gerochen haben. Eigentlich gar nicht mehr, seit ich die dicken Reifen aufgezogen habe, durch die kein Stachel mehr durchkommt.

Heulen

Er sagte erst mal nix. Saß in seinem blauen Transporter und trat ein paar Mal aufs Gaspedal, bis der lockere Keilriemen aufhörte zu jaulen, das ausdruckslose Gesicht  in Richtung Windschutzscheibe. „Is Motor, alt“, sagte er dann, ohne mich anzuschauen. Deutsch war nicht so seine Stärke. Und auch in dem kleinen, knochigen Körper hätte ich nicht viel Kraft vermutet. Aber mit Vermutungen liege ich oft daneben. Hätte ich ihn ohne seinen Wagen gesehen, hätte ich ihn für einen der Bulgaren (oder Rumänen?) gehalten, die an der Ecke ihre Abende breitbeinig schwatzend und rauchend auf der Straßenbank verbringen. Drumherum zahnlose, rauchende Weiblein und Kinder. Leben sie in der Eckwohnung für die illegalen Bauarbeiter mit den ewig heruntergelassenen Rollos, oder gehören ihnen die dicken Autos mit bulgarischen Kennzeichen? Ich weiß es nicht. Man sieht sich, man geht sich aus dem Weg, man denkt sich seinen Teil. Wahrscheinlich gehörte er dazu, wer weiß?
Er und ich hätten auf jeden Fall nie ein Wort gewechselt, hätte er nicht genau an diesem Samstagmorgen auf der anderen Straßenseite seinen Transporter repariert, als ich glücklos von der Autovermietung kam, deren stark schwitzende Thresenfrau beschied, dass es in ganz Berlin keine „Robbe“ mehr für mich gebe, wie die verbeulten weiß-blauen Autos für die Studentenumzüge hier schnoddrig heißen. Die Abweisung  machte mich trotzig und mutig.
„Wir brauchen nicht viel zu tragen“, warb ich ihn. „Wir haben einen Aufzug und ein Freund hilft.“ Er verzog keine Mine, fragte nur „Wann?“ Und als ich sagte „jetzt“ hielt er mir seinen sehnigen braunen Unterarm so hin, dass einschlagen konnte, ohne an den Arbeitshandschuh mit der Farbe zu kommen. Wir einigten uns auf 30 Euro und fuhren los.
Eine Stunde später saßen wir wieder im Wagen. Der Freund war nicht gekommen und der Aufzug war zu klein für das rote Sofa und das Bücherregal. Wir hatten meine letzten Habseligkeiten aus der Wohnung, die mal strahlend leer und zukunftsschwanger vor mir lag, als ich sie vor acht Jahren zum ersten Mal besichtigte, die Treppe herunterwuchten müssen. Die Frau, mit der ich diese Träume einst zu teilen glaubte, machte die Tür hinter uns zu.
Als der Motor sich wieder beruhigt hatte, fuhren wir einen Moment schweigend nebeneinander, mein Freund in der Not und ich. Dann fragte er „War Tochter oder Frau?“ „Frau,“ antwortete ich einsilbig. „Kinder?“ „Drei“
„Schade“, sagte er und schaute weiter geradeaus.

Oh happy day!

Mellensee

Im Oberdeck des Regionalexpress, zurück nach Berlin. Tag der Arbeit. Meine Jungs haben mich zum dritten Mal beim Kartenspielen abgezockt. Das passiert mir sonst nie – zumindest nicht ohne Absicht. Ich muss mit den Gedanken woanders sein. Aber wo?

Ein Lied hat sich bei mir eingenistet, zuerst im Herz, dann im Kopf, der sich an die richtigen Zeilen zu erinnern versucht und dann wie ein wohliges entspanntes Gefühl im ganzen Körper. Ein schönes Lied am Ende eines schönen Tages. Alles hat gestimmt. Der Proviant hat gereicht, die Jungs haben kräftig mitgestrampelt auf der Fahrrad-Draisine. Der eine hin, der andere zurück. So dolle, dass ich mir dachte, gleich kippt einer vom Sattel. War aber nicht. Nur Freude und rote Backen. Am Wendepunkt gab’s einen romantischen Bahnhof aus der Kaiserzeit (sieht aus wie unsere Ritterburg) und eine Erfrischungshalle aus den 20ern mit einem Radler für den Vater und ein Eis für die Kinder. Ein Eis, das so schrecklich schmeckte, wie Eis in Brandenburg halt schmeckt. Wäre sonst Anlass für ein großes Drama, aber heute war alles gut. Die Hälfte durfte ich essen. Eine Runde Minigolf und sogar die botanischen Belehrungen für die armen Stadtkinder (Von welchem Baum ist dieses Blatt?) wurden begeistert aufgenommen. Und es war mir, als sähe ich Vieles selbst zum ersten Mal. Oder hatte ich je vorher enteckt, dass die Blütenblätter der weißen Kastanien gelbe und rote Punkte haben?

Kastanienblüte

Hab ich schon geschrieben, dass die Sonne schien und ein frischer Wind blies?
Und zwei Mal kam die Frage: Du, Papa, machen wir das noch mal? Ja, aber dann mit eurem kleinen Bruder. Ich hätte genau so gut Donald Trump vorschlagen können, einen Ausflug mit Kim Jong Un zu unternehmen. Aber selbst das wurde freudig begrüßt. Und es wurde sogar besprochen, wer den kleinen Bruder auf der Hinfahrt und wer ihn auf der Rückfahrt auf der Draisine festhält. Gäb’s einen Ritterschlag für Väter, das wär er gewesen. Ja, wenn der Vater mit den Söhnen.
Und dann das Lied. Schreib’s auf, sagte ich mir, nachdem ich die übersprudelnden Jungs bei ihrer Mutter abgegeben hatte, sonst ist es morgen weg. Das Lied und das ganze herrliche Gefühl, das uns durch den Tag getragen hatte. Hab ich aber nicht gemacht und mich in die warme Wanne gelegt. Aber am nächsten Morgen hatt‘ ich’s noch im Ohr. Und es schien wieder die Sonne und es schien wieder ein schöner Tag zu werden.

Aber nach dem Tag der Arbeit kam ein Tag der Arbeit.

Wo war die Vorlage von Montag geblieben? Warum ist sie nicht „nach oben“ gegangen? Wer hat sie wo nicht weiter geleitet? Geht das ganze auch ein bisschen kürzer? Nur Stichpunkte! Natürlich geht das. Haben sie heute Abend. Kein Problem. Und die nächste Vorbereitung gleich morgen…. Und als alle Kolleginnen und Kollegen weg sind, alle  Sachen da sind wo sie hingehören, will ich mich für das nächste Projekt ein wenig auffrischen. Den Kopf leer kriegen.
Aber der ist schon leer. Ganz leer. Das Lied ist weg! Ganz weit weg. Noch nicht mal die Melodie fällt mir ein. Kaffee hilft auch nicht mehr. Vielleicht ein Gang über den Flur, die leere Wasserflasche jonglierend? Der Rhythmus der Schritte. In der Teeküche das erste Wortpaar „Night and Day“ auf dem Rückweg das nächste „Sins Away“ Und dann an der Bürotür die volle Wucht. Yeah, es war ein Gospel. Ein Lied Freude und ein Lied der unterdrückten Arbeitssklaven. Ein Blick auf meinen Schreibtisch hat genügt, mich daran zu erinnern.
Und jetzt geht gar nichts mehr. My Lord! -Good God! *Fingersnipping*
Computer aus, die Punkte müssen morgen sortiert werden. Ich bin sicher, Jesus wird mir vergeben. He’ll wash my sins away…

Und weils so schön war, hier mit Aretha Franklin.

 

Euch einen glücklichen Tag.