Call a Papa

Man braucht nicht in Berlin bei den „Gorillas“ zu arbeiten, um sich zum Affen zu machen. Es reicht eine kranke Prinzessin am Samstagmorgen, die um die Ecke wohnt. Immer, wenn mein Handy drei Mal klingelt, weiß ich: Neue Nachrichten von meiner Tochter. Diese nachhaltige Jugend schafft es einfach nicht, einen Gedanken in eine Nachricht zu packen. „Ich hab ne fette Erkältung“ „Hast du“ „Sinupret forte“ Pause: „Danke“. Ich bin ja froh, dass meine Tochter überhaupt noch per SMS mit mir in Kontakt bleibt. Und das Kind ist in Not. Also stürze ich in die nächste Apotheke und dann zu ihr. Sie wohnt ja um die Ecke, schon seit einem halben Jahr. Was nicht heißt, dass wir uns oft sehen.
Sieht wirklich krank aus, das Kind. Und die Wohnung, und die Blumen. „Ich war nicht viel zu Haus“, entschuldigt sie sich. Ich weiß schon, neuer Job, Wahlkampf von Tür zu Tür… „Da hast du dir das bestimmt geholt“, vermute ich mit Anerkennung. „Oder von den Jungs, letztes Wochenende“, schnieft sie. Sie meint meine Jungs, die kleinen, auf die sie, großes Lob!, zum ersten Mal seit sie geboren sind mal einen Samstagabend aufgepasst hat. Natürlich hatten die Jungs eine Rotznase, aber wann haben sie das nicht? „Kann nicht sein.“, verteidige ich meine Brut, „Dann hätt ich’s ja auch.“ Und natürlich hatte ich es auch, aber das braucht ja hier keiner zu wissen und außerdem hab ich mich nicht so angestellt deswegen. Hatte ja auch kein Publikum. Die Tochter liegt mittlerweile auf dem Divan hingestreckt, große Pose, ganz sterbender Schwan. War die Tanzschule bis 18 doch nicht ganz umsonst. Umsonst war sie sowieso nicht. „Du gehst jetzt besser, sonst fängst du dir auch noch was.“, stöhnt sie mit letzter Kraft. Ihre Fürsorge rührt mich. Und seit Corona ist sie nebenberuflich Infektologin. Keine Widerworte möglich. „Corona-Taliban“ nennt das ihre Mutter. Ja und schließlich hab ich ja auch was zu besorgen. Auch ich habe die erste Woche beim neuen Job hinter mir, auch ich brauche was zum Leben. Nach meiner Runde durch den Kiez sitz ich mit gefüllten Taschen vor dem Bio-Laden und lese die Taz. Alle 14 Tage gönn ich mir das. Sonst wüsste ich ja nicht, dass die Chinesen uns Europäer in Afrika als die alten Kolonialisten anschwärzen, um selber kräftig auszubeuten. Wer Zeitung liest, erfährt was von der Welt. Und die bezaubernde Studentin, die am Wochenende aushilft (ja, ich bin schon so alt, dass ich junge Frauen „bezaubernd“ finde) kocht mir auch noch einen Kaffee dazu. Aber zwei mal klingelt das Telefon. „Kannst du noch Taschentücher mitbringen“ „und Klopapier“. Natürlich, Herzenskind, ich bin schon unterwegs. Und weil ich mich nicht noch mal in die EDEKA-Hölle am Samstagvormittag stürzen will, geh ich in den Späti gegenüber und zahl das Doppelte. Alles für meine Tochter. Vor der Haustür stoße ich fast mit einem Kerl in rosa Dienstkluft zusammen. Einer von denen, die so eckige Nylontaschen auf dem Rücken tragen. Ich klingele, mir wird aufgetan und ich haste die Treppen hoch. Durch den Türspalt darf ich die Sachen reichen und bekomme ein verschnupftes Danke dafür. Wieder draußen ist der Lieferdienst immer noch da. Mit leichtem Akzent nennt er fragend meinen Namen. Ich sage ja, und er drückt mir zwei Papiertüten mit Lebensmitteln in die Arme und ist weg. Haltmal, denke ich, wie immer zu langsam. Bin ich hier der Ausputzer? Bin ich nur noch gut für die Sachen, die meine Tochter nicht mehr vom Lieferdienst gebracht bekommt, oder die sie in ihrem Tran vergessen hat, zu bestellen. Sehr sehr mürrisch steige ich ein drittes Mal die Treppen hoch. „Ach, hatt ich ganz vergessen,“ säuselt meine Tochter, als hätt ich sie bei einem verbotenen Rendezvous erwischt (obwohl ich ihr ja nichts verbieten kann und obwohl das jetzt Date heißt) „Aber danke“.

Und wenn sich jetzt eine wundert, warum ich zu der ganzen Geschichte Fotos vom alten Flughafen Tegel zeige, dann ist das, weil ich eine Stunde nach dem ganzen Drama mit einem Freund zu einem Konzert mitten in der Ruine gefahren bin. Eine Frau, die sich Suzuki nennt und ein Herr namens Scanner haben den morschen Beton noch mal so richtig beben lassen. Mein erstes Konzert seit Corona. Pathetische Klavierakkorde klangen durch die verlassenen Gänge. Blixa Bargeld ließ alle Alarmsirenen auf einmal heulen. Ick lass mer doch von soner Rotzjöre nich dit Wochenende vermiesen.

P.S: Heute hab ich noch mal ne Nachricht geschickt, wie‘s ihr geht. Und was kam zurück? „Bin noch nicht ganz“ „Gesund“

Hello again

Es gibt Bücher, die verfolgen einen ein Leben lang. Romane, Biografien oder Gedichte mit Zeilen, die sich festbrennen, mit Passagen, die wie aus dem eigenen Erleben geschrieben zu sein scheinen oder mit Versen, die an trüben Tagen Trost spenden. Lange habe ich geglaubt, dass „Zen und die Kunst ein Motorrad zu warten“ von Robert Pirsig dieses Buch für mich sei . Drei Mal habe ich es gelesen. Zuerst war es für mich ein Einstieg in die abendländische Philosophie (Wer sagt mir, dass das Motorrad auf dem ich fahre und das Motorrad, das ich unter mir sehe der gleiche Gegenstand ist?) Dann eine gut geschriebene Reparaturanleitung (Verwende das Blech einer Bierdose zum Unterlegen, wenn der Lenker wackelt) und dann eine Vater – Sohn Geschichte. (Der Erzähler ist mit seinem verschlossenen Sohn auf dem Sozius unterwegs durch Amerika). Es hat wirklich mein Leben geprägt. Als ich nach der Trennung von ihrer Mutter den Kontakt zu meiner Tochter verloren hatte, habe ich mit einer Motorradreise nach Masuren versucht, das Band wieder herzustellen. Immerhin waren wir uns hinterher einig, dass die Musik auf meinem Handy, die sie tagein tagaus während der Fahrt hörte, ziemlich cool sei.
Doch wenn ich wirklich schaue, welches Buch ich in meinem Leben am meisten in der Hand gehabt habe, welches Buch mir die meisten frohen und traurigen Stunden geschenkt hat, dann war es ganz eindeutig das Sozialgesetzbuch. Ein geheimer Bestseller, die Bibel unseres Sozialstaates, der gerade in seiner 50. Auflage erschienen ist. Ein Buch, in dem sich dreizehn magische Bücher verbergen, deren Sinn sich nur Eingeweihten erschließt. Zum Beispiel warum das dreizehnte Buch nicht als dreizehntes gezählt wird, sondern als vierzehntes. Ein Buch, das richtig gelesen, über Wohlstand oder Verderben entscheiden kann, über Glück oder Verdammnis und, ja, über Leben und Tod. Kein Wunder, dass die Zahl seiner Fans in Deutschland in die Millionen geht. Allein im Geheimclub „Bundesagentur für Arbeit“ lesen es mehr als Hunderttausend treue Anhängerinnen jeden Tag- ganz legal in der Arbeitszeit. Und auch in den Job-Centern, den Unfallversicherungen und den Krankenkassen, den Sozialämtern, bei der Kinder- und Jugendhilfe und bei den Pflegekassen wird jede Neuauflage heiß herbeigesehnt. Da kommt noch nicht mal Harry Potter mit.

Leider lesen alle nur die Bücher, in denen sie sich eh schon auskennen. Dabei gäbe es so viel zu entdecken. Den 2162 Seiten Dünndruckpapier (Stand März 2021) ist nichts menschliches fremd. Von der assistierten Ausbildung bis zu Sterbegeld. Von der Wiege bis zur Bahre ist hier alles drin, was ein echter Pageturner braucht. Meine Lieblingsseiten sind die, bei denen es um die „Selbstverwaltung“ geht. Die gibt es in vielen der Bücher. Das ist richtig harter Dirty old Man-Stuff. Was über weiße alte Männer in kleinkarierten Jacketts und unpassenden Krawatten, die in Hinterzimmern billiger Tagungshotels Kondensmilch in sauren Kaffee träufeln und dabei schmutzige große Deals machen. Es geht hier jedes Jahr um hunderte Milliarden. Steuergelder, Beitragsgelder.

Fünf Jahre habe ich geglaubt, dass ich diesem Buch entrinnen könnte: Fünf Jahre habe ich mich mit dem Guten, Schönen und manchmal auch Wahren beschäftigt. Jetzt hat es mich wieder: Das Buch meines Lebens. Vor Dreißig Jahren habe ich als Zauberlehrling damit begonnen die „Reichsversicherungsordnung“ in das „Sozialgesetzbuch VII“ zu verwandeln. Das waren Anfängerübungen mit billigen Tricks, über die ein Dumbledore nur gelächelt hätte. Aber schon damals galt das Mantra: Die Paragrafen und Begriffe dürfen sich ändern, die Strukturen nicht. Seit dem Jahr, in dem ich mir die letzte Auflage meines Lieblingsbuchs gekauft habe, ist es um 500 Seiten dicker geworden. Ich zweifle langsam daran, dass unser Leben dadurch im gleichen Maß sozialer geworden ist. Aber es gibt noch einen Grund warum ich es nicht mehr so oft in die Hand nehmen werde:
Es gibt noch viel mehr Gesetze, die unseren Sozialstaat bestimmen. Und erst als ich mir das neue Buch gekauft hatte, habe ich gemerkt, dass das Gesetz, mit dem ich mich jetzt beschäftige, gar nicht zu den heiligen Schriften gehört. Es ist nie zu spät, etwas Neues zu beginnen.

Die Macht der Liebe

Foto: Berlin Trains
BerlinWriters #wholecar #graffiti #berlin #hauptstadt #weilwirdichlieben

Es war in diesen dunklen Tagen, als die Winterstürme durch die Straßen jagten und die Sonne nicht mehr war als eine trübe Illusion hinter den bleigrauen Wolken. Es war die Zeit, als die Menschen ihre Gesichter hinter Masken verbargen und jeden Morgen angstvoll die mit Grabesstimme vorgetragene, steigende Zahl derer erwarteten, die am Tag zuvor von der Seuche dahingerafft worden waren. Es war die Zeit, in der jeder, der noch bei Sinnen war, zu Hause blieb und seinen Nächsten mied wie den Leibhaftigen selbst. Aber es war auch die Zeit, in der Wunder geschehen konnten, wo sich die Herzen öffneten und der Mensch des Menschen Freund wurde. Wo sich in den düsteren Schächten unter den Straßen die Elenden versammelten, die von der schieren Not, der Pflicht oder dem Kampf um das tägliche Brot in die mit krank machendem Brodem verseuchten Wagen der Untergrundbahn gezwungen wurden. Und es war hier, wo die Liebe alle Schranken überwand.

Sie waren zu dritt, so wie immer. Kurz bevor sich die Türen schlossen, sprangen sie noch in den abfahrenden Wagen. Es waren vierschrötige Kerle und jeder der Reisenden duckte sich noch tiefer in seinen Sitz, versuchte sich hinter seinem Handy unsichtbar zu machen, oder schaute vergeblich ins Nichts, um die Aufmerksamkeit der schwarz gekleideten Schlägertypen von sich abzulenken. In höchster Not hat der Mensch drei Möglichkeiten zu überleben: kämpfen, flüchten oder sich tot stellen. In einer fahrenden U-Bahn ist Flucht keine Option und Kampf gegen einen breitschultrigen, vollbärtigen Kerl mit tätowierten Händen aussichtslos. Also wählte ich meine letzte Möglichkeit. Fest zog ich meinen Jüngsten an mich heran, verkantete sein kleines Fahrrad zwischen meinen Beinen, hielt mich an der Haltestange fest, bis meine Knöchel weiß wurden und hoffte, sie würden uns übersehen. Doch alle Hoffnung schwand wie ein Traum am frühen Morgen, als ihr markerschütterndes „Fahrscheinkontrolle, bitte die Fahrausweise bereit halten!“ erklang. Normalerweise lässt mich diese Ankündigung kalt. Normalerweise bin ich ein gesetzestreuer Bürger, der gewissenhaft darauf achtet, nur mit einer abgestempelten Fahrkarte die Bahn zu betreten. Sogar für meine vielköpfige Kinderschar kaufe ich die vorgeschriebenen ermäßigten Karten, obwohl mir ein junger Kontrolleur einmal zuflüsterte: „Für Kinder brauchen Sie nicht, die kontrollieren wir nicht mehr.“ Dieses erhabene Gefühl der Rechtschaffenheit lässt mich herabblicken auf die Unglückseligen, die mit von Schuldbewusstsein gesenktem Haupt von den Bütteln der Berliner Verkehrsbetriebe auf die Bahnstiege gezerrt werden, weil sie sich auf unser aller Kosten eine Fahrt erschleichen wollten.

Doch wie war es heute? War nicht das ganze Land im Ausnahmezustand? War ich nicht in höchster Eile aufgebrochen, als es galt, meinen Sohn rechtzeitig zu seiner sich sorgenden Mutter zu bringen? Hatte ich nicht alle Hände voll zu tun gehabt, mir selbst und dem Kind die vorgeschriebene Maske überzuziehen? Wie hätte ich da noch, und das mitgeschleifte Kinderfahrrad nicht zu vergessen, eine Fahrkarte abstempeln können, zumal gerade der Zug einfuhr; der Zug, der allein uns zu der S-Bahn hätte bringen können, in die wir, nach nur drei Stationen, sowieso hätten wechseln müssen? Hatte ich nicht den ehrlichen Vorsatz gehabt, spätestens bei diesem Wechsel auf dem Bahnsteig der S-Bahn die Fahrausweise für mich und meinen Jungen, die ich natürlich ordentlich in meiner Brieftasche bereit gelegt hatte, in den Schlitz der altertümlichen Stempelautomaten einzuführen, nicht ohne meinem Sohn die Gelegenheit zu geben, stolz das eigene Ticket mit lautem Klacken und Piepen abzustempeln und es ihm treu in seine kleinen Hände zu legen, in denen er es mit heiligem Ernst bis zum Ende der Fahrt aufbewahrt hätte (wenn er nicht gerade ein Buch lesen, einen Keks essen oder sich in etwas anderes Wichtiges hätte vertiefen wollen, wobei er dann die Karte irgendwo auf dem Sitz hätte liegen lassen, wenn wir bei der nächsten Station umgestiegen wären.)

All das hätte ich dem mürrischen Höllenengel sagen wollen, als er mit grimmigen Blick vor uns stand. Aber ich schwieg. Noch war ich zu sehr im „das Reh duckt sich im Kornfeld, damit es der herandröhnende Mähdrescher es nicht sieht“-Modus, als dass ich hätte reden können. Und außerdem: Was sollte das Kind von mir denken? Also fand ich mich an der nächsten Station auf dem Bahnsteig wieder und ließ die unbeholfene Suada des erfolgreichen Jägers über mich ergehen, die sich „Aufklärung über die Fahrgastrechte“ nennt. Ich war reuig und sofort bereit ihm die 60 Euro in seine groben Pranken zu blättern, an denen er, ich hätte wetten können, sicher mehr als einen silbernen Totenkopfring tragen würde.
Aber was war das? Er blickte mich und meinen Sohnemann an, drehte seinen Handcomputer in unsere Richtung und murmelte verschwörerisch: „Kieken se hier: Ich trage hier als Grund für das fehlende Ticket „Eile“ ein. Dann könnse die BVG schreiben, dass se mit dem Klenen aufm Weg zum Arzt waren oder sowat. Dann könnse Glück ham, und die lassen se in Ruhe.“ Ecce homo!- was für ein Mensch! Welche Größe. Welch mitfühlendes Herz! Vielleicht hatte er auch einfach Angst, dass ich ihm auf dem Bahnsteig Scherereien mache. Vielleicht war er das von Eltern, die mit ihren Kindern unterwegs erwischt wurden gewöhnt. Vielleicht dachte er auch, dass ich ihm komisch kommen könnte. Die paar Sätze, die wir miteinander gewechselt hatten, hatten wahrscheinlich gereicht, um zu merken, dass ich in rechtlichen Dingen bewandert bin. Vielleicht war er auch selbst nicht so ganz überzeugt von dem Scheiß-Job, den er da machen muss. Egal. Er hat uns ein Fensterchen der Hoffnung aufgemacht und mich vor meinem Jungen nicht blamiert, wofür ich ihm sehr dankbar bin.

Und wie ging’s weiter? Es gibt ja nicht nicht nur gute Menschen bei der BVG. Es gibt ja noch den unerbittlichen Apparat, in dessen Fänge ich jetzt geraten war. Wer mehr darüber wissen will, lese das Buch „Machen Sie mal zügig die Mitteltüren frei“ von Susanne Schmidt. Bisher war mein Kontakt mit dieser Berliner Institution eher unerfreulich. Wer einmal das „Kundenzentrum“ besuchen durfte (weil man doch ein gültiges Ticket hatte, es aber bei der Kontrolle in der Aufregung nicht gefunden hatte) sieht dort die Elenden und Geschlagenen der Stadt und wird mit einer ruppigen Förmlichkeit abgefertigt, die an den „Tränenpalast“ erinnert, den ehemaligen Grenzübergang nach Ost-Berlin an der Friedrichsstraße.
Aber die BVG hat seit ein paar Jahren eine Charmeoffensive gestartet, in der sie allen Ernstes behauptet „BVG – Weil wir dich lieben“. Der schlechten Ironie bewusst, bewirbt sie diesen Slogan mit Bildern junger Menschen, die das Angebot der Verkehrsbetriebe nach durchgemachten Nächten im Zustand der drogeninduzierten Bewusstlosigkeit benutzen. Eine der Wirkungen von Partydrogen soll es ja sein, eine Zuneigung und ein Verbundenheitsgefühl zu Personen und Dingen zu erzeugen, über die man sich im nüchternen Zustand dann wundert. Aber sei‘s drum. Als ich dann von der BVG aufgefordert werde, Stellung zu meinem Fehltritt zu nehmen, packe ich in das Schreiben mein ganzes Herzblut, schildere die ausweglose Situation, gleichzeitig meinem Kind, der Pandemie und der veralteten Stempeltechnik der BVG gerecht zu werden und ende das Schreiben mit dem Satz „Geben Sie mir einen Grund, Sie zu lieben.“

Danach war erstmal Ruhe in der Amtsstube.

Gestern kam ein Schreiben. Betr: Fahrausweisprüfung (es folgt eine fünfzehnstellige Vorgangsnummer): „…unter Berücksichtigung der von Ihnen geschilderten Umstände sind wir bereit, einmalig…. auf die Forderung zu verzichten.“ …im Wiederholungsfall werden wir auf unserer Forderung bestehen bleiben.“
Worte haben also doch Wirkung und die BVG vielleicht doch ein Herz. Ich bin raus: Auf Bewährung. Ich bete an die Macht der Liebe.

Gracias a la vida

Schön der Reihe nach, oder einfach drauf los? Na, wenn ich mich in meiner Wohnung umschaue gefällt sie mir nach diesem Wochenende wesentlich besser als vorher, nach den zwei Wochen als schweigender Karthäusermönch im Karantäne-Fasten-Homeoffice. Nur ora und labora und nix essen. Und wenn ich in mich rein schaue gefällt es mir da auch wesentlich besser als vor zwei Tagen, als meine Jungs nach drei Wochen das erste Mal wieder zum mir durften. Das Wort glücklich benutze ich selten. Aber vielleicht wäre es mal angebracht.

Nicht, dass es mir vorher schlecht ging. Nach einer Woche Fasten war ich mit mir selbst und der Welt zufrieden. Wenn Mann allen irdischen Genüssen entsagt, stellt sich so eine innere Entschlossenheit ein. Die Frage, ob ich schnell noch einen Kaffee trinken soll, oder etwas esse, bevor ich eine unangenehme Arbeit anpacke, stellt sich einfach nicht mehr. Und auch die Versagensangst ist weg. Was bleibt ist ein ziemlich klarer Blick auf die Welt und eine große Gelassenheit.
Aber irgendwann muss man wieder in den Apfel des Lebens beißen. Und das wörtlich, denn mit einem Apfel beginnt das Fastenbrechen. Und seit Adam und Eva weiß man ja, dass damit der ganze Zirkus wieder losgeht.
Meine Eva steht, wie immer zu spät, am Freitagabend mit dem Kinderrad unterm Arm in meinem Flur und nölt, wer ihr eigentlich das Benzin bezahle dafür, dass sie mir die drei Jungs vorbeibringt. Um wieviel ich ihr denn den Unterhalt kürzen solle, für die zwei Tage, die sie jetzt bei mir sind, geb ich unbeeindruckt zurück. Es ist nach sieben Jahren kein Kampf mehr, nur noch eine Routine und ein Gestus. Sie ist nicht mehr meine Eva, sondern meine Dolores, die Schmerzensreiche, Und ich bin der Dorn in ihrem Fleisch. Das gibt sie mir alle vierzehn Tage mit Bravour zu verstehen. Als ich sie frage, ob sie mit uns einen der Pfannkuchen mit uns essen mag, die ich in der Stunde, die ich auf sie und die Jungs gewartet habe, gebacken habe, nimmt sie erst an, nachdem sie leise erwähnt hat, dass sie den ganzen Tag noch nicht zum Essen gekommen sei. Es ist nicht einfach, alleine mit drei Jungs, nicht einfach von ihrem Vater verlassen worden zu sein, heißt das für mich. Ich danke ihr auch von Herzen, für alles, was sie für unsere Jungs tut, aber ich bin dann doch froh, als ich mit meinen Drei alleine am Tisch sitze.

Drei fröhlich vor sich hin plappernde Jungs also. Nach meinem wochenlangen Eremitendasein ist das wie Besuch vom Mars. Aber eins weiß ich noch: Ich muss sie jetzt, ohne das Wiedersehen lange zu genießen ins Badezimmer bugsieren und dann ins Bett. Es beginnt das beliebte „wer schläft wo?“-Roulette, bei dem es nur eine Regel gibt: Keiner schläft da, wo er hingehört. Am Ende schläft der Kleine in meinem Bett, der ältere Zwilling auf dem roten Sofa und der andere im Hochbett des Jüngsten. Es ist ist 10 Uhr und für mich bleibt das Stockbett der Zwillinge. Aber vorher mache ich die letzte Runde und sehe, dass sich der Kleine am Schlafzimmerboden mit dem Bettzeug ein Lager gebaut hat, wuchte ihn wieder ins Bett und zähle zurück am Küchentisch meine Wirbel. Er wird nächste Woche sechs und ist ein Wonneproppen. Da kommt der Älteste und sagt, er kann nicht schlafen. Ich nehme ihn auf den Schoß und lasse mit ihm den Tag Revue passieren. Dann kommt der Bruder, der immer genau das auch haben muss, was die anderen haben und ich habe auf jedem Bein einen sitzen. Sie gehen zurück in die Betten, diesmal die richtigen, aber ich ahne, dass das noch nicht das Ende ist. Ich versuche mich auf ein Portait über Annalena Baerbock im „Freitag“ zu konzentrieren, gebe nach fünf Minuten auf und gehe ins Kinderzimmer. Zwei Jungs liegen da, die mit leeren Augen ins Dunkle stieren. Das ist nicht schön, aber besser als die andere Variante: Dass die Zwillinge unter einer Bettecke kuscheln und kichern. Das wird dann lange und laut, bis ich die wieder in ihre Betten bekomme. Ob’s beim Einschlafen helfen würde, wenn ich seine Hand nähme, frage ich den, der unten liegt. Oh ja sehr, seufzt er. Kaum hab ich seine Hand in meiner, sind seine Augen zu und er dreht sich zur Seite. Die Hand des Ältesten, der oben liegt, ist angespannt und ich merke, dass er mit irgendwas kämpft. Manchmal macht mir das Sorgen. Sagen kann ich nichts. Aber die Hand ist warm und ich spüre sein Herz schlagen. Vielleicht zehn Minuten stehe ich so, bis er einschläft. Und ich bedanke mich beim Leben, dass ich das erleben darf.

A deux c‘est mieux

Es waren mal zwei. Zwei schwarze Frauenfiguren aus Frankreich, die sich miteinander unterhielten. Der Verkäufer pries sie uns mit geschickten Worten an: Ein afrikanisches Motiv, aber gefertigt in einer japanischen Keramik. Auch die Farben seien eine Reminiszenz an die japanische Fahne. Die Künstlerin, sie Fränzösin, sie wohne gleich nebenan, wenn wir wollten… Wir wollten nicht. Ich wollte nicht. Meine Beifahrerin hatte schon ein Auge auf die größeren Figuren geworfen. Der Laden war voll davon. Aber, sagte ich, die kriegen wir mit dem Motorrad nicht nach Hause. Das war natürlich ein kleinmütiger Gedanke. Der Laden verschickte für Touristen seine Waren in alle Welt. Die Welt, in der meine Begleiterin zu Hause war, was ich ja so faszinerend an ihr fand. Bei unserem ersten Treffen kam sie gerade aus Australien, von einer Segeltour, was sie beiläufig erwähnte. Als hätte sie einen Ausflug an die Ostsee gemacht. Ob ich auch Lufthansa-Meilen sammeln würde, fragte sie mich. Ob eine BahnCard auch zählen würde fragte bissig ich zurück. Vielflieger finde ich gewissenlos. Aber die Leichtigkeit, die sie verströmen, diese Gewissheit, dass es für sie überall auf der Welt jemanden gibt, der ihnen ihre Wünsche erfüllt, solange sie die richtige Kreditkarte haben, lässt mich das enge Weindorf vergessen, aus dem ich stamme. Als ich vom Restauranttisch aufstand, warf ich das Wasserglas um.
Jetzt waren wir in Grasse, der Stadt der Düfte. Den Vorschlag, das Motorrad auf den Autoreisezug nach Avignon zu packen, hatte ihr gefallen. Eine weitere Flugreise wäre ja nur more of the same gewesen. Mit dem Zug über Nacht nach Südfrankreich zu fahren, war für sie dagegen so exotisch wie für mich eine Safari in der Savanne. Wir waren erst spätnachts in Grasse angekomen. Das Motorrad hatte gestreikt, irgendwo in einem kleinen Dorf im Massiv Central. Ich hatte an das Ersatzteil und das Werkzeug gedacht, aber mir flatterten die Nerven. Es dämerte schon, es war die blaue Stunde, in der ich mich immer am verlorensten fühle. Schaun wir mal, sagte sie, wie das passen könnte. Eine Stunde später fuhren wir weiter. Wir kriegten noch ein Zimmer in einem Hotel, dass den verranzten Charme der 70er Jahre verströmte. Wir schoben die Betten zusammen und lachten wie die Irren, als sich die Betten nachts unter uns wieder teilten und wir nackt und verschwitzt auf dem kalten, braunen Kachelboden landeten.
Ich brachte die drei Frauen heil bis nach Hildesheim. Das war der Bahnhof, an dem der Autozug uns wieder ablud. Nach den Serpentinen Südfrankreichs warteten nun öde Kilometer durch die Magdeburger Börde bis Berlin auf uns. Und in Berlin unsere gemeinsame Wohnung im Wedding, zu der ich sie ein halbes Jahr vorher genötigt hatte. Die schwarzen Französinnen bekamen einen festen Platz auf dem Fenstersims des Wohnzimmers. Zwei Jahre später zog sich einer unserer Zwillinge bei seinen ersten Gehversuchen an der Fensterbank hoch und fegte die rechte Figur des Duos von ihrem Stammplatz. Ich setzte mich spät in der Nacht hin, schlafen konnte ich sowieso nicht, und schaffte es, die Teile noch mal zusammen zu leimen. Ich hab das in den Fingern. Ich merke, wie die Fragmente zuammen gehören, wenn die Teile sich wieder entlang der Bruchlinie einfügen. Mit dem richtigen Gespür, mit etwas Sekundenkleber und ein paar Minuten kräftigem Druck hält das dann wieder zusammen. Dachte ich. Den zweiten Sturz, ein paar Monate später, überlebte die Figur nicht mehr. Es waren zu viele Scherben, um sie noch einmal zu kitten. Das passt ja, sagte meine Frankreichfreundin, ich bin ja jetzt auch alleine.

Die zweite Figur hat ihren Platz vor ein paar Jahren auf einem neuen Fenstersims in einem Eigenheim am Stadtrand gefunden. Und wie durch ein Wunder blieb sie bisher unversehrt, obwohl es jetzt drei Jungs sind, die ihr gefährlich werden könnten. Aber letzte Woche ist es dann doch passiert. Der Kopf war ab. Am Hals war immer schon die fragilste Stelle. Ob ich es noch mal probieren solle, mit dem Reparieren, fragte ich die Mutter. Wenn du willst, sagte sie erschöpft. Ich hab keine Zeit dafür.

Gute Nachbarschaft

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Also die Särjge, die wern ja jetzt vaschweißt. Dit sieht ja nich jut aus, aber die wern ja sowieso vabrannt. Bisher ham wer alle, die mit Corona jeschtorm sin vabrannt.“, lässt mich meine stämmige Nachbarin aus dem Parterre wissen. Und wenn sie schon mal dabei ist, erzählt sie von den Details. Schwierig sei das mit den Angehörigen. Da passen ja jetzt nicht mer so viele in die Kapelle zur Aussegnung. Bei den Orthodoxen sei das ein Problem. Da würden die 50 Plätze nicht reichen. Da wären 200 keine Seltenheit. Da müsse auch mal die Polizei kommen. Ich lass sie reden. Reden von 40 Meter langen Wasserschläuchen, die sie schleppen muss, von Leichen, die „angeliefert“ werden und von ihren Gelenken, die nicht mehr mitmachen. Ich bin so froh, dass sie da ist. Noch vor zwei Stunden war Sie für mich die brummige Alte, die sich beschwerte, wenn die Jungs um 10 abends immer noch in meiner Wohnung rumtoben. Da stand sie einmal vor der Tür und sagte, dass sie Früh um Fünfe raus muss. Aber wach is sie eh schon umd Dreie, das hat sie mir auch schon mal erzählt. Dabei hat es ihre Kundschaft nicht eilig. Sie ist Friedhofsgärtnerin. Und sie ist ein Engel.

Als ich einzog hat mich die alte Hausmeisterswitwe aufgeklärt: Also die da, da brauchen sie nicht denken, dass sie da mit Sachen weiter kommen, die Frauen so gefallen. Die lebt nur für ihre Katzen. Und um den Garten kümmert sie sich. Aber ihren Sohn – der hat da gewohnt wo sie jetzt wohnen – da hat sie selber die Polizei geholt, als der bis in die Nacht gefeiert hat.“ Ich war also gewarnt. Über meiner alten Wohnung gab es auch so eine Frau mit dünnen Nerven. Meine Jungs nannten sie „die Frau mit der Ente“. Den Namen hatte ihr die Großmutter der Kleinen gegeben, damit die Zwillinge keine Angst mehr vor der keifenden Furie hatten, die uns mit Anrufen und nächtlichen Besuchen malträtierte, während wir ratlos vor fieberenden und hustenden Kindern standen. Irgendwann hat sie dann die fiesen Tricks rausgeholt. Abends um sieben stand plötztlich eine Streife vor unserer Tür. „Ein Bewohner des Hauses hat uns einen Verdacht auf Gefährdung des Kindswohls gemeldet. Dürfen wir mal reinkommen?“ Da war gerade eine Stunde vorher einer der Zwilinge aus dem Hochstuhl gekippt und hatte eine dicke Beule am Kopf. Rabeneltern wir. Die Beamtin schaute sich in unserer Wohnung um: Kinder-Chaos, Ein 1 Meter mal 1 fünfzig großer Kunstdruck von Ikea überm Sofa und ein bisschen was Antikes, zusammengwürfelt aus zwei Wohnungen. Modernes Neubürgertum. Für den Wedding, wo über die Hälfte der Kinder von Sozialleistungen leben, muss das ein beruhigendes Ambiente gewesen sein. Unsere Hebamme kam immer zu uns, um sich von dem Elend, was sie sonst den ganzen Tag sah, zu erholen. „Na scheint ja alles in Ordnung zu sein.“, bescheinigte uns die Staatsmacht und verabschiedete sich. Auf die Beule hatten sie gar nicht geschaut. Die Die Frau mit der Ente hat sich danach noch mit ein paar anderen Nachbarn angelegt und musste kurz nach mir ausziehen, nachdem die lauten Nächte mit meinen Zwillingen mir selber die Nerven dünn gemacht hatten.


Seither sind viele Jahre vergangen. Die Sorgenkinder von damals spielen im herbstlichen Hinterhof in milden Sonnenstrahlen. Sie haben mit ihren Taschenmessern ein paar abgebroche Äste durchgesäbelt. Das reicht ihnen, um die Wiese in einen Kampfplatz für das Schwertduell zwischen Prinz John und Robin Hood zu verwandeln. Auch der kleine Bruder darf ausnahmsweise mitmachen. Ich glaube, er ist Brother Tuck. Alles ist wunderbar, wir haben sogar noch Kuchen vom Laternenfest übrig. Alles könnte so schön sein. Aber mir fehlt eine Dosis Koffein. Elende Drogensucht. „Jungs, sage ich, ich gehe mal kurz rüber ins Cafe und hole mir einen Becher Kaffee. Bin gleich wieder da.“ Wir haben das schon oft probiert. Mal 10 Minuten weg sein, zum Einkaufen. Da hatte ich das Handy dabei und den Jungs zu Hause die Telefonnummer eingespeichert. Alles gut. Und weil das so gut lief, schaue ich gar nicht, ob ich das Handy dabei habe. Wird schon gut gehen. Mein letzter Blick fällt auf meinen Sohn, der mit der groben Klinge die Rinde von einem Stock schält. Wir ja wohl nicht gerade jetzt was passieren.
Zum Cafe sind es nur zwei Minuten. Doch vor dem Cafe ist eine Schlange. Junge Menschen mit Mundschutz. Ich hatte Corona vergessen. Und es ist Sonntagnachmittag um vier. Die Kaffee und Kuchen-Tradition scheint über die Generationen hinweg eine der letzten Bastionen der Normalität in diesem Land zu sein.
Es müssen mehr als 10 Minuten gewesen sein, als ich mit dem Kaffeebecher zurück in den Garten komme. „Da bist du ja endlich!“ rufen die Zwillnge vorwurfsvoll. „Wir sind überall rumgelaufenen und haben dich gesucht.“ Und ich sehe das Blut auf dem Anorak des Kleinen und den dicken Pflasterverband um seinen Daumen. Er ist ganz still. Dafür klagen seine Brüder: „Das hat ganz stark geblutet und wir haben im Treppenhaus nach dir gerufen. Ich bin auch in das Cafe gelaufen, aber du warst nicht da. Und dann ist die Haustür zugefallen und ich habe Sturm geklingelt…“ Gefährdung des Kindswohls, kommt es mir durch den Kopf. Ich sollte ein schlechtes Gewissen haben, hab aber keins. Ich nehme den Kleinen auf den Schoß, krame nach Bonbons in meiner Hosentasche. „Frau Lehmann ist dann rausgekommen, und hat ein Pflaster drauf gemacht.“ Obs noch weh tut, frage ich den Kleinen und er schüttelt tapfer den Kopf. Dann schaue ich mir das Pflaster an. Es sieht so aus, wie ein Pflaster, das sich eine Gärnerin um die Finger macht, wenn sie sich mal wieder geschnitten hat: Dickes Hasaplast, drei Mal gewickelt. Ich danke dem Himmel für Frau Lehmann.

„Da hamse aber Glück jehabt, dass ich da war. Ich wollt zum Geburtstag von meinem Neffen. Hab dann aber überlegt, wegen Corona.“ „Und“, frag ich, „ist es tief?“ „Nee, grinst sie, „nur een Kratzer. Aber dickes Pflaster beruhigt doch, oder?  Jetzt schau ich doch ein bisschen betröppelt. „Na“, sagt sie, „das nächsemal nich wegjehn wenn die Taschenmesser draußen sind.“ Ich bedanke mich nochmal. Und dann mache ich mit den Jungs die Fotosafari durch den Hinterhof, die ich ihnen versprochen habe.
Wolln se mal kieckn, was die Kleenen so jesehn ham?

 

Wir müssen leider draußen bleiben

Ich habe Husten. Ganz normalen Husten, wie man ihn im Herbst halt so hat. Morgens nach dem Aufstehen schlimmer als über den Tag. Ärgerlich, aber mit ein paar Hustenbonbons (Fishermans Friend) und Brausetabletten (ACC akut) gut zu überstehten. Bronchitis nannte man das noch im vergangenen Jahr und rechnete so mit zwei bis drei Wochen, dann war der Spuk meist vorbei. Husten war etwas, das alltäglich war, etwas, das man im Griff hatte „Olaf hat Husten – Seine Mutter hat Wick Vaporoub“  klang die beruhigende Nachricht aus der Vorarbendwerbung längst vergangener Tage.  Vom Husten gequälte Menschen hatten viele Freude. Nicht nur Mutti, sondern auch einen fröhlichen, zuversichtlich Bonbons werfenden Bären: „Nehmt den Husten nicht so schwer – gleich kommt der Hustinettenbär!“. Und wenn man sich beim Husten in Veranstaltungen höflicherweise die Faust vor den Mund gehalten hat, galt das als Ausweis allerbester Kinderstube.

Heute herrscht Panik. Heute hat man mit Husten wenige Freunde. Von der Veranstaltung „Soft Solidarity“ werde ich mit harschen Worten ausgegrenzt. „Gäste mit erkennbaren Symptomen einer Atemwegsinfektion und diejenigen, die nicht bereit sind, sich auf unsere Vorkehrungen einzulassen, müssen wir leider bitten, wieder zu gehen.“ Ist es das, was man heute unter „sanfter Solidarität“ versteht? So sanft, dass man sie kaum noch spürt? „Be nice or fuckin leave“ steht als Leuchtreklame im Schaufenster der neuen Hipster-Bar um die Ecke.  Wer krank scheint, ist jetzt sehr alleine. Und das geht tief bis in die Familie hinein.
„Warum hast du dich nicht auf Corona testen lassen?“ , ist dann auch gleich die erste Frage, die ich statt eines „Hallo, schön, dass du da bist.“ von meiner Tochter zu hören kriege, als sie mich in Venedig am Giardini di Bienale vom Boot abholt. „Weil ich meinen Husten kenne.“, sage ich mürrisch. „Es ist der gleiche wie im letzten Jahr.“ Statt mich zu beglückwünschen, dass ich es trotz aller Widrigkeiten durch alle Kontrollen zu Ihr geschafft habe, dass ich im Flieger ganz flach geatmet habe, nur um von Berlin-Mitte (damals noch kein Risikogebiet) nach Venedig (erstaunlicherweise auch nach meinem Besuch immer noch kein Risikogebiet) zu ihr zu kommen, um mit ihr und ihrer Mutter gemeinsam die Abschlussfeier ihres Studiums zu begehen, treffen mich zwei Tage lang vorwurfsvolle Blicke. Das kenne ich schon und halte das auch ganz gut aus. Ich genieße es einfach mit meiner Tochter durch das fast touristenfreie, sonnige Venedig zu stromern. Die Kais der Kreuzfahrschiffe sind seit Monaten verödet. Das Wasser in der Lagune ist so klar, dass die Tochter sich wie ein Kind über einen Schwarm kleiner Fische freut, den sie zum ersten Mal in einem der türkisgrün schimmernden Kanäle sichtet. Und sie hat ein halbes Jahr hier gewohnt.

Doch die Freude ist kurz.  Wie ein Damoklesschwert hängt über der Familie die Frage: Darf der kranke Vater mit in den Festsaal, ohne dass wir unauslöschliche Schuld auf die Famile laden? Es kommt zur Nacht der langen Messer, in der auch Tränen fließen, und zum Beschluss: Papa ante portas. Ich darf mir nur die Live-Übertragung aus der Scuola di San Rocco anschauen. „Aber danach gehen wir zusammen nett Essen.“, heißt es von der Restfamilie fröhlich.

Es ist ein wenig, als würde ich meine Tochter zur Hochzeitsfeier in die Kirche bringen, als wir vor dem prächtigen Portal der Scuola stehen. Um uns herum fein gemachte Studentinnen und Studenten, aufgeregtes Geplapper und würdevolle Ältere. Es fehlt nur der Pfarrer. Immerhin lassen sich Magnifizenzen aus ganz Europa in ihren prächtigen Talaren sehen und verschwinden als letzte im Dunkel der Marmorhalle. Meine Tochter ist mit ihrer Mutter auch schon drin – nur ich muss draußen bleiben…. Nein, es fühlt sich nicht richtig an. Ich fühle mich zurückgesetzt, verurteilt ohne Beweis. Und es geht auch ein wenig ums Ankommen. Ich komme aus einfachen Verhältnissen, meine Eltern trauten sich nie zu einer meiner akademischen Abschlussfeiern. Das war ihnen zu fremd, dazu führten sie sich zu klein, was mich schon damals sehr traurig machte. Ich hätte meine Freude über das Erreichte gerne mit ihnen geteilt. Aber für sie war ich jemand, der damit seine Herkunft verraten hat. (obwohl meine Mutter natürlich im ganzen Dorf erzählte, was für ein Examen ich bestanden hatte). Und was war ich jetzt? War ich jetzt selber Akademiker oder immer noch der Junge vom Dorf, der in so eine prachtvolle Veranstaltung nicht hinein gehörte? Oder war ich einfach nur der Mohr, der seine Schuldigkeit getan hatte? Gab’s ja schon mal in Venedig.

Zum Glück habe ich meinen Kafka gelesen. Und ich weiß, dass auch die schwersten Türen für einen offen stehen, wenn man den Mut hat zu fragen. Ich also rein in die Halle, werde kurz vom Security-Mann mit der Fieber-Pistole gecheckt und für gut befunden. Am Empfangstisch in meinem besten Englisch die Wahrheit gesagt, dass ich einen Husten habe, und ob dass ein Problem sei? Ob ich Fieber habe, fragt die Empfangsdame freundlich. Und als ich verneine gibt sie mir das Anmeldeformular. You’re welcome!

Eine Woche später gehe ich in Berlin zum Arzt. Ja, sagt er, so eine Bronchitis kann lange dauern und schreibt mich eine Woche krank. Eigentlich hätte ich mit meinen Jungs in die Jugendherberge im Harz fahren wollen. Aber da dürfen wir jetzt wirklich nur noch hin, wenn wir alle einen negativen Coronatest haben. Und vielleicht ist es auch keine gute Idee zu verreisen – mit Kindern in Zeiten der Pandemie.

 

Die Zärtlichkeit der Armen

Iskembe ist billiger als Döner. Nicht jeder türkische Imbiss hat dieses Arme-Leute-Essen, aber in den traditionellen Buden, die noch nicht zu einer Kette gehören gibt es neben Linsen- und Schafskopfsuppe auch immer die türkische Pansensuppe – für drei Euro. Und weil auch Leute mit wenig Geld satt werden sollen, gibt es zu der Schale mit dem cremig-weißen Sud, in dem kleine Kuttelstückchen schwimmen auch noch zwei dicke Fladenbrote und etwas Gemüse dazu, meist Pepperoni oder weißen Rettich. Zitrone auch, aber das ist eher was für den Geschmack.
Ich mag Kuttelsuppe. Das weiß ich seit ich als Student eines Abends bei Jürgen vorbei kam, ein Schwabe, der unter unser WG wohnte. Jürgen, der gerne an alten Simcas mit Heckmotor schraubte, Jura studierte und den alle nur Kümmel nannten, saß einsam in seiner Küche und war dabei sich zu betrinken. Auf dem Tisch stand ein großer Alu-Topf mit weißer Suppe. Ich hatte wie immer Hunger, fragte kurz, und langte zu. Schmeckte gut, schön süß-sauer und die Stückchen, die gummiartigen, die darin rumschwammen waren auch nicht schlimmer als das, was sie uns in der Mensa als Calamares verkauften. Nach meinem zweiten Teller fing Jürgen an zu weinen – vor Glück. „Du magst meine Kuttelsuppe, du magst meine Kuttelsuppe.“ sabberte er besoffen. „Keiner hat sie essen mögen, alle sind gegangen.“ Jürgen hatte groß eingeladen, um eine Spezialität aus seiner Heimat aufzutischen, aber die Gäste waren angewidert gegangen, als Jürgen ihnen erzählt hatte, was sie dort essen sollten: Rinderpansen. Schlachtabfall also, der schon damals nur noch zu Hundefutter verarbeitet wurde. Keiner hat es seitdem wieder gewagt, Kuttelsuppe auf den Tisch zu bringen. Jürgen hat seine Examen gemacht und ist zurück nach Stuttgart gegangen – zu Bundesbahn. Die wollte da einen neuen Bahnhof bauen und brauchte viele Juristen. „Wer nix is und wer nix ko geht zu Poscht und Oisaboh.“ hab ihm zum Abschied auf die Tür gemalt. Denn in Zwischenzeit hatte er mir, seinem Helfer in der Not, die Freundin ausgespannt. Aber seine Suppe blieb unvergessen und unerreicht.

Deswegen war ich froh, als ich sie in Berlin wieder fand. Ich machte ein kleines Ritual draus. Ein Spiel. Immer wenn ich Dienstags von der Karate-Stunde wiederkam, setzte ich mich in den immer gleichen Imbiss und aß schweigend mein Armensüppchen. Ich spielte eine Figur, die ich bei Camus in „Die Pest“ so beeindruckend fand. Einen Mann ohne besondere Eigenschaften, von dem man nicht genau erfährt, was er eigenlich macht und der nur damit beschrieben wird, dass er ein einfaches Zimmer bewohnt und abends eine Suppe in einem bescheidenen Restaurant zu sich nimmt. Ich fühlte mich gut in der Rolle als Unberührbarer und spielte sie mit Liebe zum Detail. So legte ich oft meine Kappe beim Essen auf den Tisch, wie ich es bei ältern türkischen Männern gesehen hatte. Bis eines Tages die Wirklichkeit für einen Moment das kokette Spiel überholte. Plötzlich war ich tatsächlich arm. Ich hatte mein Geld vergessen. Keinen Sou in meiner Tasche. Das merkte ich aber erst, als ich zur Kasse ging. Ich wusste, dass der Mann hinter der Theke kein Deutsch sprach. Also zeigte ich ihm mein leeres Portemonnaie. Ich wollte anschreiben lassen, als Stammgast, der ich war. Aber der Döner-Mann machte nur eine Kopfbewegung von unten nach schräg oben. Und die hieß: „Ist schon gut, ich weiß, dass du ein armer Schlucker bist. Also vergessen wir’s. Gehab dich wohl.“ Das war eine zärtliche und großzügige Geste, die ich in so einer armen Gegend wie dem Wedding nicht erwartet hätte. Mein Wirt hatte sicher viele Gäste, die nichts in der Tasche hatten und die Zeche nicht zahlen können. Und trotzdem diese Großzügigkeit. Ich fühlte mich warm und aufgehoben in dieser großen Stadt. Am dem Tag beschloss ich, mit diesem Arme-Leute-Spielen aufzuhören. Es gibt andere, die diese Geste dringender brauchten als ich. Und ein Schauer lief mir über den Rücken. Ich fühlte mich, als hätte ich mit meinem Schicksal gespielt, das es bisher gut mit mir meinte. Ich hatte keine Lust, wirklich arm zu sein.
Aber Iskembe esse ich trotzdem weiter gerne.

Is ma gut jetzt

Meine Tochter hat Corona – denkt sie. Oder nein, denkt sie eigentlich nicht, aber sie ist sich nicht sicher. Eigentlich hat sie nur Angst. Angst, sie könnte was falsch machen. Andere anstecken und so. Auf jeden Fall ging’s ihr seit ein paar Tagen nicht gut. Sie geht zum Arzt und kriegt promt einen Corona-Test. Und das Ergebnis kommt erst in paar Tagen. Wir waren aber heute verabredtet. Heute Abend liest Max Goldt in Neukölln. Max Goldt! Der feinsinnige Held meiner Titanic-Zeit, der federleichte Moralist, der Mann, der Lachen und Humor auseinanderhalten kann und den ich noch nie zu Angesicht bekommen habe. Die Erste Lesung war abgesagt worden, wegen Corona natürlich. Jetzt also die Entschuldigungstour. Und weil ich weiß, dass meine Tochter so was mag, so lustige Männer mit Wortwitz auf der Bühne, habe ich sie eingeladen, schon vor Wochen.

Heute Mittag ruft sich mich an, erzählt mir von dem Test. Ich sag: Du hast kein Corona. Es ist Herbstanfang, alle schniefen, deine Brüder husten schon. Alles ok. Ist wie jedes Jahr. Und sie so: Ja glaub ich ja auch nicht. Aber würd ich mir ja nie verzeihen, wenn ich da jemand anstecken würde… Der Einzige, sag ich, den du heute Abend anstecken könntest, bin ich. Und ich hab noch ein Jahr bis Riskogruppe. Sie lacht. Also, sag ich, setzt dich halt mit Mundschutz in den Saal und gut is. Wir verabreden uns vor dem Heimathafen in Neukölln. War ich noch nie. Freu mich rauszukommen und mal wieder in Gesellschaft auzugehn.

Halbe Stunde vorher ruft sie an. Nee, sie hätte jetzt noch mal in den Zettel geschaut: Bis der Test da ist, muss man in Karantäne. Ich sag, ist nicht dein Ernst? Ja, sagt sie, es tut mir ja so leid, aber geht wirklich nicht. Bist du jetzt sauer? Natürlich bin ich jetzt sauer, ich platze gleich. Sag ich auch. Wir haben uns ein paar Wochen nicht gesehen und es ist ein wunderbar warmer Abend und ich hätt mich gerne mit ihr gefreut über den schönen Abend und den lustigen Max. Aber sie war schon immer so. Lieber ’n bisschen vorsichtig, nix neben der Reihe. Oder ist sie nur bei mir so? Oder ist sie so, weil ich immer die Sachen ins Blaue mache und sie manchmal schief gehen? Oder bin ich selber so, und merks nur gar nicht? 20 Jahre Beamter ist man ja auch nicht ohne Grund. Und die Mutter erst. Auf jeden Fall kann das Kind nix dafür. Nee, sag ich also, Gesundheit geht vor. Und wenn’s dir nicht geheuer ist… Und du bist echt nicht traurig, fragt sie? Nee, sag‘ ich, aber jetzt ist Schluss. Ich geh jetzt los.

Der Heimathafen Neukölln hat ein paar Tische in den Hof vor dem Theater gestellt. Menschen beim Wein. Lampions, laue Luft und tintenblauer Himmel. Eine italienische Nacht. Das macht meine Enttäuschung noch viel größer. Wie schön hätten wir hier sitzen können? Und ich hätt sogar mal Lust auf einen Wein gehabt. Die zweite Eintrittskarte ist natürlich auch für die Katz. Einfach hinstellen, und sie ein paar Nachzüglern zu verkaufen klappt nicht, das merke ich schnell. Denn in Zeiten von Corona kommt keiner ohne vorbestelltes Ticket. Im Saal stehen die Stühle und Tische so weit auseinander, dass ein Ozeanriese zwischendurch fahren könnte. Meine Tochter hätte Opernarien singen können, ohne dass jemand ein Tröpfchen abbekommen hätte. Ich vergrabe mich immer weiter in meinen Groll und komme mir auch noch alt und hässlich dabei vor.

Aber es gibt ja noch Max Goldt. Und der braucht nur zwei Texte zu lesen und mein Herz ist wieder leicht. So ein feiner Mensch, so viel Wortgefühl. Seit vielen Jahren habe ich nichts mehr von ihm gelesen, und er ist immer noch gut. Nimm mal nich alles so schwer, sag ich mir, als er seinen Rausschmeißer „Froschfilm“ singt. Ich lasse mir von ihm ein Buch für meinen Freund Norbert signieren, mit dem ich die härtesten „Titanic“-Zeiten durchgemacht habe. Jung-Männer-Sarkasmus war unsere Alltagsdisziplin. Der ist jetzt auch schon 60. Seinen Geburtstag hab ich vergessen. Ich schick’s ihm zu Weihnachten.

Durch die wilden Sofas

Auf meinem Sofa liegt ein sauber zusammengefaltetes Laken. Meine Tochter war am Wochenende da. Und wenn sie bei mir übernachtet, dann mache ich ihr mein rotes Sofa zurecht. Inzwischen ist sie so nett, dass sie das ganze Bettzeug wieder zusammenlegt, wenn sie geht. Sie ist oft unterwegs bei Freunden in der ganzen Welt und weiß mittlerweile, sich zu benehmen. So hab ich das auch gemacht, damals als ich bei anderen auf dem Sofa gepennt habe. Und das habe ich gerne gemacht. War ja auch viel unterwegs, als ich so alt war wie sie, vor allem politisch. Und wenn irgendwo mal wieder eine Demo war, gegen eine der vielen Diktaturen in Südamerika, den Nachrüstungsbeschluss oder gegen den Aussperrungsparagrafen im AFG gab es immer jemanden, der jemanden kannte, bei dem man pennen konnte. Ich liebte das, für eine Nacht oder ein paar Tage bei anderen unterszuschlüpfen, mir bei anderen Pärchen, WGs oder Familen das Leben anzuschauen, das ich nicht hatte. Ich lebte meist allein, in möblierten Zimmern, Wohnheimen oder in WGs in Hochhaussiedlungen, bei denen keiner vorbei kommen wollte. So kams mir jedenfalls vor. Als ich mir neulich den Film über Udo Lindenberg anschaute, seine Bude, die er auf der Reeperbahn hatte und das Bettzeug sah und die gemusterten Unterhosen, da war der Geruch dieser Zeit wieder da. Die Frotte-Bettwäsche, aus dem Elternhaus mitgebracht, immer ein bisschen muffig, immer zu selten gewaschen, immer mit zu dicken, ungelüfteten Federbetten in zu kalten Zimmern, in denen ich als Gast landete. Aber es ging nicht nur ums Unterkommen, es ging auch ums diskutieren, ums Quatschen an runden Tischen und ums Dabeisein. Aufgenommen zu werden, das war ein schönes Gefühl. Und ob das nur aus Solidarität geschah, als Kämpfer für die gemeinsame Sache, oder weil mich die Leute wirklich nett fanden, das konnte ich oder wollte ich nicht auseinanderhalten. Gastfreundschaft ist auch eine Art der Zuwendung und es fiel mir immer schwer, wieder zu gehen. Es gibt dieses Lied von Reinhard Mey, „Gute Nacht, Freunde“, das dieses Gefühl sehr gut beschreibt.  Ein paar Mal kam auch die Frage, ob ich wirklich auf der Couch schlafen wolle, im Bett sei ja noch Platz. Manchmal war das wirklich fürsorglich gemeint, manchmal verirrten sich dann Hände unter der Bettdecke und die Abschiede morgens waren danach oft wortlos.
Nein, mein Platz war auf der Couch oder auf dem Futon des Mitbewohners, der gerade nicht da war. Die wilden Touren durch die Betten anderer Menschen sollten anderen  vorbehalten bleiben. Und am wohlsten fühlte ich mich, wenn ich Frühaufsteher am nächsten Morgen meine Gastgeber mit frischen Brötchen, der aktuellen taz (mit den richtigen Zahlen über die Demo am Vortag) und Kaffee begrüßen konnte. Ich brachte es zu einer Meisterschaft darin, in fremden Küchen das Kaffeepulver und die Filtertüten zu finden.

Jahre danach, ich war längst sesshaft geworden, als die kleine Tochter, die jetzt schon wieder auf dem Weg zum nächsten Auslandssemester ist, mir den Schlaf raubte, war es oft ein Gnadenakt meiner Freunde, mir eine Schlafstatt anzubieten, weil mir auf den schönsten Festen schon um zehn die Augen zufielen. Später kam ich dann immer öfter, war Couchsurfer bei meinen Freunden, weil im gemeinsamen Zuhause ein Chaiselong fehlte, auf das ich bei dicker Luft hätte ausweichen können. Irgendwann hatte ich dann wieder eine eigene Wohnung und die erste Anschaffung war ein eigenes Sofa. Ein erfahrener Freund riet mir dazu. Ein Polstermöbel für zwei sei unerlässlich, wenn ich erfolgreich wieder auf Partnersuche gehen wolle. Es wäre so unhöflich, wenn man einer Besucherin nur einen Stuhl oder das Bett anbieten könne. Ganz Unrecht hatte er damit nicht, aber wenn ich mir mein abgerocktes rotes Designerteil so anschaue, waren es wohl eher die drei Knaben, die  mittlerweile meine regelmäßigen Besucher sind, die den Samt so blankgewetzt haben. Bleibt nur noch die Frage, ob ich bei einem solchen unsteten Lebenswandel irgendwann tatsächlich „auf der Couch“ gelandet bin. Nein, bin ich nicht. Es war ein Sessel.