Unter den Brücken

Karen Hellqvist beim Musik-Parcours „spreeklänge“ unter der Rohrdammbrücke, Berlin 2026

Die Kunst ahnt vieles voraus, aber die Kunst kann auch nicht alles wissen. Deswegen war es von der Berliner Akademie der Künste zwar sehr vorausschauend, den Musikparcours spreeklänge am heißesten Wochenende des Jahres direkt ans Wasser und unter die schattigen Spreebrücken zu legen, aber sie konnte auch nicht ahnen, dass der träge dahinfließende Fluß an dem Abend so aufgeheizt sein würde, dass er an manchen Stellen unangenehm nach Kloake zu riechen begann.
Das verdarb mir und meinem Freund, der mich aus meiner kühlen, abgedunkelten Wohnung gelockt hatte, aber die Freude nicht. Auch wenn die Veranstaltung einen Weg vorgab, den ich mir vor Jahren schon mal selbst erkundet hatte, war ich neugierig. An jeder der 12 Stationen hatten sich die Künstlerinnen und Künstler etwas Überraschendes einfallen lassen. Neue Klänge, auffällige Kostüme und viel Musik auf dem Wasser. Und nicht nur, weil ein Teil des Weges durch den Park von Schloss Charlottenburg führte, konnte man sich dabei fühlen wie ein Fürst, dem am Sommerabend zur Zerstreuung vielfältige Lustbarkeiten geboten wurden. Es war ein sehr exklusives Vergnügen, auch, weil nur einige wenige Entschlossene sich zu einer Reise durch die Gluthitze der Stadt an die grünen Ufer der Spree hatten aufraffen können, um neue Kompositionen und Performances rund um das Thema Wasser zu goutieren. Der Biergarten Caprivi gegenüber unserem Startpunkt im Rosengarten war deutlich besser besucht. Erst kommt das Fressen, dann die Moral. Wer hat das noch mal gesagt?

Dafür wars bei uns abwechslungsreicher. Viel lustiges Geschnatter in den Gruppen, die sich bei den Veranstaltungsorten einfanden, wissendes Lächeln, entzücktes Lauschen und erstauntes Fragen. Oft war nicht klar ob man da nur eine Gruppe Jugendlicher sah, die an freigetrampelten Uferstellen in einem industriellen Randgebiet chillten und dabei auf kleinen Flöten bliesen, oder ob das eine „Klangstation“ war, „ein zeitgenössisches Ritual der Ko-Präsenz, in dem das Zuhören zu einer relationalen Praxis wird und die Landschaft als Mitautorin fungiert.“, wie es die Komponisten im Informationsblatt selber beschrieben. Aber wer nicht wagt, der nicht gewinnt. Kunst kann für mich banal wirken, nichtssagend oder unfreiwillig komisch. Aber immer bewundere ich die Ernsthaftigkeit, mit der versucht wird etwas Neues zu wagen. Und eine Klasse von Gymnasiastinnen und Gymnasiasten dazu zu bringen, ihre Instrumente selber zu bauen und drei Abende hintereinander dazu zu bringen, mal was anderes zu machen als auf ihre Smartphones zu schauen, das ist auf jeden Fall eine Kunst. Ich weiß, wovon ich rede.

Was mir sehr gefallen hat, war der Auftritt des Chors der Künste unter der Rudolf Wissell-Brücke. Zehn Boote mit dreißig Frauen in weißen Gewändern, die in einer aufwändigen, genau abgestimmten Choreografie einen Klagegesang anstimmten, der sogar den Verkehr auf der Autobahn übertönte. (Laut Prospekt ein magisches TUTTI-Ereignis, das Kollektivität, Rationalität, Schönheit, Mut und Universalität wieder zusammensetzt). Dass die mächtige, geschwungene Autobahnbrücke akut einsturzgefährdet ist, wie mir mein Freund ins Ohr raunte, machte den Kunstgenuss noch ein bisschen prickelnder. Aber mein absoluter Favorit war „two hands, two bows (one man in a boat) von Stefan Froleyks. Halb versteckt in der Vegetation saß ein Mann in einem Ruderboot, festgemacht am Spreeufer, während ganz in der Nähe die S-Bahn vorbeidonnerte. Froleyks spielt, unter einem Anglerschirm sitzend, die „Saitenwanne“. Ein selbstgebautes Instrument aus einer Zinkwanne, die er in eine Art Kontrabass verwandelt hatte, dessen Saiten er mit zwei Bögen bearbeitete. Minimalistische Musik + S-Bahn. Ich applaudierte, als er mal eine Pause machte. Der Künstler dankte, die anderen Zuhörer schauten seltsam. Macht man wohl nicht.

Zum Schluss noch was zum Thema „Ko-Präsenz“ und „relationale Praxis“: Der größte Teil der Strecke ging durch ein Kleingartengelände und ich fand es wunderbar, wie die Laubenpieper und die Künstler miteinander auskamen. Mancher stellte eine Kiste frisch gepflückte Kirschen an den Weg für die man in eine „Kasse des Vertrauens“ nach Belieben etwas einwerfen konnte, manche verkauften Honig und keiner sagte was wegen Ruhestörung, als die sechs „Maulwerker“ ununterbrochen und lautstark ihre „Verspre(e)chungen rezitierten. Aber vielleicht sind sie ja auch schon einiges gewohnt. Denn all die sensiblen Klanginstallationen und Stimmperformances wurden ständig von den hämmernden Soundanlagen der Ausflugsdampfer übertönt, die mit wummernden Roland-Kaiser-Klängen die Spree für sich beanspruchten.

Letzte Weihnachtsgeschichte

Der alte Mann in der roten Daunenjacke hält sich an einem Glas Kräuterschnaps fest. Er ist der einzige Gast in dem riesigen Döner-Restaurant, dem einzigen Lichtblick in der verwaisten Fußgängerzone einer sterbenden Stahlstadt im Norden von Berlin. Was macht er hier am Heiligabend um halb Vier? Wo andere sich mit ihrer Familie um den Weihnachtsbaum scharen und Geschenkpapier zerfetzen? Ist es einer der verwahrlosten Stadtstreicher, die ihr erbetteltes Geld in Alkohol umsetzen, oder ist es einer dieser trostlosen Weihnachtsmanndarsteller, der sich für seinen schlechten Auftritt bei ungläubigen Kindern in warmen Eigenheimen in den Vorortsiedlungen vorbereitet, um seine mickrige Rente aufzubessern? Vielleicht ist es auch nur ein einsamer alter Mann, der nirgendwo hin gehört an einem Abend, an dem niemand einsam sein sollte. „Have you seen the old man outside the seaman’s mission…? Selbst die tuschelnden Männer hinter dem Tresen, die in einer Sprache sprechen, die er nicht versteht, und denen Weihnachten nichts bedeutet, sind heute zu zweit.

Wie lange darf man mit einem Schnaps in der warmen Gaststube bleiben? Reicht das Geld für einen zweiten oder muss er bald los in die Kälte, dorthin wo die blinkende Weihnachtsbeleuchtung höhnisch strahlt. Diese Lichter wärmen ihn nicht. Es ist kurz vor Vier als er sich müde und seufzend erhebt um nach dem Preis für den kurzen Augenblick der Wärme zu fragen. Wortlos schiebt er drei Euro in die Hand des Wirts. Kein Gruß, kein „Frohe Weihnachten“. Wieso auch?

Auf seinem Weg zurück sieht er andere Verlorene. Eingehakte Paare, denen es zu Hause zu eng wurde. Einen Vater mit einem Lastenrad, der mit seinen drei Kinder das Weihnachtsessen bei „Call a Pizza“ abholt; und das erinnert ihn, dass er ja auch drei Söhne hat, denen er versprochen hat, am nächsten Tag zu Mc Donalds zu gehen. Der einzige Weg sie dazu zu bringen, heute ihre heilige Christenpflicht zu erfüllen und am Heiligabend anderen Menschen eine Freude zu machen. Müde von dem langen Kampf, der schon seit Wochen währt wankt er die Stufen zur Kirche hoch, über deren Eingang ein einsamer roter Herrenhuther Stern leuchtet. Ist das sein Nachtasyl? Hofft er auf etwas Barmherzigkeit oder eine Pause von seinem harten Leben? Der Kirchendiener drückt ihm ein Heft mit Weihnachtsliedern in die Hand und wünscht freundlich ihm eine „Frohe Weihnacht“, was den Alten in seinem Grimm erschreckt. Was hat das hier mit Weihnachten zu tun? Er quetscht sich in eine der vollbesetzten Holzbänke. Der Pfarrer schnoddert in bestem Berlinerisch die Lithurgie herunter. Der Organist eiert die bekannten Melodien. Es klingt wie Karussellmusik auf dem Jahrmarkt. Die Gemeinde hält nach Kräften mit. Doch da erklingt wie aus anderen Sphären von der Empore der Kinderchor. Auch schief, weil zu wenig geübt und zu viel mit den Handys gespielt, aber dabei, glockenklar, die Stimmen seiner Jungs. Auf die letzte Minute hatte er sie zur Generalprobe hier abgeliefert, nur unter Protest hatten sie die weißen Hemden angezogen, aber immerhin waren sie mitgekommen. Und jetzt singen sie „ und soll es werden Frieden auf Erden; den Menschen allen ein Wohlgefallen…“ Na, das kann ja eine schöne Weihnacht werden.

Küchenchor

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Es war an einem Freitag im längst vergangenen Sommer dieses Jahres, als wir in der Küche eines alten Landhauses große Töpfe schrubbten. Jeden Tag waren ein paar von uns zum “Karma Yoga“ eingeteilt, wie man hier den Küchendienst nannte. Unser Yoga-Meister entlockte im Nebenraum seinem Harmonium ungelenk die Töne für die Mantren, die wir gleich gemeinsam auf Sanskrit singen sollten, um ein höheres Bewusstsein zu erlangen. Aber in der Küche, zwischen dem Geschepper von Tellern mit den Resten von fadem Linsencurry und schweren Bratpfannen, brauchten wir etwas anderes, um uns bei Laune zu halten. „Das bisschen Haushalt geht doch von allein…“ begann ich einen Schlager aus den 60ern zu trällern, wie ich es oft tue, ohne, dass ich das merke, und löste damit eine Lawine aus. Als sei nach Tagen strenger Exerzitien ein Damm gebrochen, stieg das ganze Küchenkollektiv erstaunlich textsicher in den Gesang mit ein. Ein Lied aus der goldenen Zeit des deutschen Schlagers gab das andere, die Lautstärke übertönte schnell das Rumpeln des Geschirrspülers und das Niveau sank minütlich. Als wir bei “Schmittchen Schleicher“ angekommen waren, stoppte eine Frau, die sich als evangelische Chorleiterin outete, den freien Fall und teilte uns routiniert in Gruppen ein. Als dreistimmigen Kanon intonierten wir makellos “Dona nobis pacem“. Die Küche bebte vor Lebensfreude und Spiritualität und nur von fern klang noch das klägliche Gehupe aus dem Harmonium unseres Meisters, der unserer fröhlichen Häresie säuerlich ein Ende bereitete und uns zurück auf die Matten befahl.

Ich singe gerne. Nicht schön, nicht perfekt und nicht nur unter der Dusche. Auf dem Büroflur, beim radfahren, oder nachts, wenn ich nicht schlafen kann. Es erleichtert das Herz und macht gute Laune. Shantys, Gospels oder der Gefangenenchor aus Nabucco. Ist mir völlig egal. Meinen Mitmenschen leider nicht. Nach den ersten Monaten in der neuen Wohnung erhielt ich von der Nachbarin über mir eine Postkarte. Sie lobte meine Sangeskunst, bat mich aber spätestens ab 1 Uhr nachts damit Schluss zu machen. Eine Kollegin sprach mit sogar Talent zu, meinte aber, die Tonkunst, die ich in den stillen Behördenfluren zum Besten gäbe, klänge wie Bruce Springsteen in einem U-Bahnhof.
Warum trauen sich so wenige Menschen im Alltag zu singen? Und warum sind viele so froh, wenn sie dann doch einmal zum Singen animiert werden? Ich meine jetzt nicht Gotthilf Fischer und ich meine nicht Karaoke. Überall hört man Musik aus Radios oder Autoboxen, aber kein Mensch singt. Es geht die Sage, dass die Menschen früher zum Arbeiten sangen, um einen Rhythmus zu haben, um die Arbeit zu vergessen und mit anderen zusammen einen Takt zu haben; bei den Seeleuten zum Beispiel. Und dass man den ersten Fabrikarbeitern das Singen verbieten musste, weil ja jetzt die Dampfmaschine den Takt vorgab. Ein stummes Volk sind die Deutschen geworden. Anders in Osteuropa oder in Skandinavien. Überall habe ich erlebt, dass es dort Lieder gibt, die alle kennen und die zu Festen gesungen werden, oder einfach so. Als meine Tochter in Russland zum Schüleraustausch war, wurde ihre Gruppe aufgefordert, ein gemeinsames Lied zu singen. Und was fiel ihnen ein? „Über den Wolken“ von Reinhard Mey. Ist doch seltsam.

Früher wurde wenigstens auf Demos gesungen. Politische Lieder gab es, die Mut machten und Gemeinsamkeit schufen. “Unser Marsch ist eine gute Sache, weil er für eine gute Sache ist…“ Schön wars. Neulich bin ich am Tag vor meinem Geburtstag aus Versehen in eine Demo geraten, die sich “Klimastreik“ nannte. Um mich herum fröhliche, zuversichtliche Gesichter. Es war keine schlechte Stimmung. Aber für mich war es wie auf einem Schweigemarsch. Einmal gab es den Versuch, eine Parole zu skandieren, aber dann war wieder Stille. Dafür habe ich dann bei meinem Geburtstagsfest ein Tag später eine Tombola veranstaltet. Wer von meinen Freunden noch ein Lied aus den alten Zeiten vortragen konnte, durfte einen schönen Zierteller mit nach Hause nehmen. Zur Auswahl standen 19 unterschiedliche Motive, die jene 19 Atomkraftwerke zeigten, die bis nächstes Jahr stillgelegt werden. Soll ja keiner sagen, unsere Generation hätte nichts bewirkt. Und was soll ich sagen? Es wurde ein richtig schöner Abend. Von “Wehrt euch, leistet Widerstand“ bis zu Degenhards “Schmuddelkindern“ wurden mit geröteten Wangen Lieder gesungen, an denen mal viele Hoffnungen hingen. Und heiter gings weiter. Leider habe ich vergessen, meine Tochter zum Singen zu animieren. So als Vater-Tochter Duett. Das wäre doch schön gewesen. Aber das haben wir eine Woche später nachgeholt, als wir uns in einer menschenleeren Pizzeria trafen. In der leeren Räumen klang plötzlich Reinhard Mey, „Über den Wolken“, alle Strophen. „Wind Nordost, Startbahn 03..“ Der blasse italienische Kellner wurde noch blasser, aber es ist schön, ein gemeinsames Lied zu haben.