Küchenchor

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Es war an einem Freitag im längst vergangenen Sommer dieses Jahres, als wir in der Küche eines alten Landhauses große Töpfe schrubbten. Jeden Tag waren ein paar von uns zum “Karma Yoga“ eingeteilt, wie man hier den Küchendienst nannte. Unser Yoga-Meister entlockte im Nebenraum seinem Harmonium ungelenk die Töne für die Mantren, die wir gleich gemeinsam auf Sanskrit singen sollten, um ein höheres Bewusstsein zu erlangen. Aber in der Küche, zwischen dem Geschepper von Tellern mit den Resten von fadem Linsencurry und schweren Bratpfannen, brauchten wir etwas anderes, um uns bei Laune zu halten. „Das bisschen Haushalt geht doch von allein…“ begann ich einen Schlager aus den 60ern zu trällern, wie ich es oft tue, ohne, dass ich das merke, und löste damit eine Lawine aus. Als sei nach Tagen strenger Exerzitien ein Damm gebrochen, stieg das ganze Küchenkollektiv erstaunlich textsicher in den Gesang mit ein. Ein Lied aus der goldenen Zeit des deutschen Schlagers gab das andere, die Lautstärke übertönte schnell das Rumpeln des Geschirrspülers und das Niveau sank minütlich. Als wir bei “Schmittchen Schleicher“ angekommen waren, stoppte eine Frau, die sich als evangelische Chorleiterin outete, den freien Fall und teilte uns routiniert in Gruppen ein. Als dreistimmigen Kanon intonierten wir makellos “Dona nobis pacem“. Die Küche bebte vor Lebensfreude und Spiritualität und nur von fern klang noch das klägliche Gehupe aus dem Harmonium unseres Meisters, der unserer fröhlichen Häresie säuerlich ein Ende bereitete und uns zurück auf die Matten befahl.

Ich singe gerne. Nicht schön, nicht perfekt und nicht nur unter der Dusche. Auf dem Büroflur, beim radfahren, oder nachts, wenn ich nicht schlafen kann. Es erleichtert das Herz und macht gute Laune. Shantys, Gospels oder der Gefangenenchor aus Nabucco. Ist mir völlig egal. Meinen Mitmenschen leider nicht. Nach den ersten Monaten in der neuen Wohnung erhielt ich von der Nachbarin über mir eine Postkarte. Sie lobte meine Sangeskunst, bat mich aber spätestens ab 1 Uhr nachts damit Schluss zu machen. Eine Kollegin sprach mit sogar Talent zu, meinte aber, die Tonkunst, die ich in den stillen Behördenfluren zum Besten gäbe, klänge wie Bruce Springsteen in einem U-Bahnhof.
Warum trauen sich so wenige Menschen im Alltag zu singen? Und warum sind viele so froh, wenn sie dann doch einmal zum Singen animiert werden? Ich meine jetzt nicht Gotthilf Fischer und ich meine nicht Karaoke. Überall hört man Musik aus Radios oder Autoboxen, aber kein Mensch singt. Es geht die Sage, dass die Menschen früher zum Arbeiten sangen, um einen Rhythmus zu haben, um die Arbeit zu vergessen und mit anderen zusammen einen Takt zu haben; bei den Seeleuten zum Beispiel. Und dass man den ersten Fabrikarbeitern das Singen verbieten musste, weil ja jetzt die Dampfmaschine den Takt vorgab. Ein stummes Volk sind die Deutschen geworden. Anders in Osteuropa oder in Skandinavien. Überall habe ich erlebt, dass es dort Lieder gibt, die alle kennen und die zu Festen gesungen werden, oder einfach so. Als meine Tochter in Russland zum Schüleraustausch war, wurde ihre Gruppe aufgefordert, ein gemeinsames Lied zu singen. Und was fiel ihnen ein? „Über den Wolken“ von Reinhard Mey. Ist doch seltsam.

Früher wurde wenigstens auf Demos gesungen. Politische Lieder gab es, die Mut machten und Gemeinsamkeit schufen. “Unser Marsch ist eine gute Sache, weil er für eine gute Sache ist…“ Schön wars. Neulich bin ich am Tag vor meinem Geburtstag aus Versehen in eine Demo geraten, die sich “Klimastreik“ nannte. Um mich herum fröhliche, zuversichtliche Gesichter. Es war keine schlechte Stimmung. Aber für mich war es wie auf einem Schweigemarsch. Einmal gab es den Versuch, eine Parole zu skandieren, aber dann war wieder Stille. Dafür habe ich dann bei meinem Geburtstagsfest ein Tag später eine Tombola veranstaltet. Wer von meinen Freunden noch ein Lied aus den alten Zeiten vortragen konnte, durfte einen schönen Zierteller mit nach Hause nehmen. Zur Auswahl standen 19 unterschiedliche Motive, die jene 19 Atomkraftwerke zeigten, die bis nächstes Jahr stillgelegt werden. Soll ja keiner sagen, unsere Generation hätte nichts bewirkt. Und was soll ich sagen? Es wurde ein richtig schöner Abend. Von “Wehrt euch, leistet Widerstand“ bis zu Degenhards “Schmuddelkindern“ wurden mit geröteten Wangen Lieder gesungen, an denen mal viele Hoffnungen hingen. Und heiter gings weiter. Leider habe ich vergessen, meine Tochter zum Singen zu animieren. So als Vater-Tochter Duett. Das wäre doch schön gewesen. Aber das haben wir eine Woche später nachgeholt, als wir uns in einer menschenleeren Pizzeria trafen. In der leeren Räumen klang plötzlich Reinhard Mey, „Über den Wolken“, alle Strophen. „Wind Nordost, Startbahn 03..“ Der blasse italienische Kellner wurde noch blasser, aber es ist schön, ein gemeinsames Lied zu haben.

11 Gedanken zu “Küchenchor

  1. Lieber Rolf,
    Das Singen hat richtig Spaß gemacht!
    Ich singe extrem falsch aber sehr gerne. Besonders, wenn ich Leinwände male oder, was ich jetzt nicht mehr mache, beim Autofahren. Da ich mir Texte selten über den Refrain hinaus merke, erfinde ich einfach was. 😝
    Was hälst du von Mittwoch, dem 3.11. um 11:30 Uhr im kibo?
    Einen schönen Sonntag von Susanne

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  2. Yogakurse sind nicht mein Ort, aber mitsingen hätte ich können und vermutlich auch wollen. Aber du hast/hattest eine Kollektion Atomteller? WTF, wie kommt man denn dazu??? 😉
    Vielen Dank, mit Freude und großer Erheiterung gelesen! 😀🧡
    Trübe Sonntagmorgenkaffeegrüße 😁☁️🍂🍁☕🍪👍

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    • Yogakurse sind mein Ort auch nicht mehr, das habe ich diesen Sommer gemerkt. Die Atomteller habe ich in einer Ausstellung gesehen und wollte sie sofort haben. Alle. Gleichzeitig wollte ich sie mit meinen Freunden teilen. So kam die Idee mit dem Gesangswettbewerb. Ich bin ein großer Freund von Industrieromantik und von Orten, bei denen die Meisten gerne wegsehen.
      Ich wünsche dir, dass die Sonne sich heute auch mal in Hamburg und in deinem Herzen sehen lässt.🌞🌟💥🌈

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  3. Als Kind habe ich mit Inbrust gesungen. Und dafür schlechte Noten und das Gelächter von Mitschülern geernet. Das hat mich so beeindruckt, dass ich, als ich noch Kirchgängerin war, selbst dort nur mitgesummt habe. Vielleicht liegt es am Perfektionsdruck unserer Gesellschaft, dass sich viele nicht trauen, öffentlich zu singen, obwohl es wirklich so was schönes ist.
    Da fällt mir ein mit Klischees gespickter Witz ein, aber ein wenig trifft er es doch – sind drei Deutsche zusammen, dann gründen sie einen Verein. Sind drei Italiener beeinander, bilden sie einen Chor. Das ist, wenn die Lebensfreude über den Perfektionswahn siegt.

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  4. Singen ist die beste Medizin gegen Angst oder Miesepetrigkeit. Das tat gerade richtig gut zu lesen. Was Du über die singfaulen Deutschen sagst, muss ich leider bejahen. In unserem Hochhaus singen meistens Männer. Ihre Lieder klingen mir zwar fremd, doch ich bekomme sofort gute Laune, wenn ich jemanden singen höre. Leider bin ich nicht besonders textsicher und singe dennoch. Mit Handylyrics löpt dat…
    Im Chor sang ich in der Jugend und das war immer schön! Einen Songtext kann ich noch textsicher auswändig und mehr als eine Strophe lang aus meiner Klampfphase: Wind Nordost, Startbahn Nulldrei und es pfeift in meinen Ohren…🙈😎
    Liebe Grüße und danke, fein geschrieben,
    Amélie 🍂🍁🌾

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  5. Singen? Unbedingt! Auch ich singe falsch, leider, und war daher zu meinem Leidwesen nicht im Chor zugelassen. Aber ich singe beim be Schwimmen im Meer. Und denke an dieses Walross, dass immer seine traurigen Lieder sang (Kinderbuch). Was die AKWs anbelangt: die werden ja wohl bald als grüne Energie eine frohe Auferstehung feiern, subventioniert mit unseren Steuergeldern. So weit hat uns die „Klimarettung“ gebracht. Wann retten wir, anstatt das Klima, einfach mal die Erde und ihre Bewohner vor dem menschlichen Schwachsinn?

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    • In der EU wird grad enormer Druck aufgebaut. Frankreich prescht vor, will bis 2030 einen Haufen neuer AKWs bauen, und auch andere kleinere Staaten suchen ihr Heil in der Atomkraft. Inzwischen sind es zehn. Sie wollen, dass Atomkraft als „grün“ anerkannt und entsprechend subventioniert wird.
      Eine Strategie ist erkennbar: Erst wird der Erdgaspreis in extreme Höhen gepuscht (durch die EU-Börsenordnung wurde das möglich, denn Russland liefert weiterhin zu den langfristig vereinbarten niedrigen Preisen), dann folgt die Angstmache, dass die Bevölkerung wird frieren müssen, und gleich darauf kommt die Ankündigung von Macron.
      Enorme Gelder werden da abgefischt – auf allen Fronten: Börsengewinne, Subventionen, Investitionskredite…. Soviel ich weiß, wird dieser Zusammenhang in den Hauptmedien nicht diskutiert.

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