Heimat reloadet

Es war die Idee meiner Schwester: Meine Jungs mal mitzunehmen an das Flüsschen, an dem wir beide als Kinder ganze Sommer gespielt haben. Es war ziemlich genau vor einem Jahr, im heißen Sommer 2020 und wir hatten einen prima Tag im wadenhohen Wasser. Steine flitschen, Dämme bauen, Fische jagen, alles das was wir als Kinder auch gemacht haben, nur besser. Denn der Fluß war renaturiert worden. Die tückische Staustufe, von der zu springen eine Mutprobe war, die mindestens einen Jungen aus unserem Dorf das Leben kostete, war abgerissen worden. Der Fluß war nicht mehr so gefährlich wie früher – dachten wir.
Diesen Sommer erreicht mich meine Schwester in einer der trockensten Gegenden Deutschlands, in der Uckermark. Und da, wo ich bin, gibt es auch kein Internet. Um so unglaublicher klingt, was sie mir, sonst ganz rheinische Frohnatur, mit gepressten Sätzen berichtet: „Das Ahrtal, so wie du es kennst, gibt es nicht mehr. Die Brücken sind weggeschwemmt, von den Fachwerkhäusern stehen nur noch die Gerippe.“ Das Gasthaus, in dem sie uns diesen Sommer zu einem Familienfest einladen wollte, ist nur noch ein Haufen Balken. Mehr als hundert Menschen sind tot, mehr noch vermisst.
Auch meine Tochter ruft an. Mit ihr war ich, als sie klein war, immer zu Karneval zu meinen Eltern gefahren, die inzwischen ein paar Kilometer entfernt am Rhein ins Haus meiner Großeltern eingezogen waren. Und weil in diesem Städtchen nur alle zwei Jahre ein Karnevalszug organisiert wird, waren wir oft in Heimersheim an der Ahr, wo Freunde meiner Schwester wohnen und der Karneval noch sehr urig ist. Damals hat sie es sehr bedauert, als Berlinerin kein Funkenmariechen werden zu können. Zum Trost schenkte meine Schwester ihr ein abgelegtes Funkenmariechenkostüm rot-weiß. Die Gegend ist ihr eine zweite Heimat geworden. Jetzt liegt da meterdick der braune Schlick. Aber zum Glück sind alle, die wir kennen unversehrt.

Niemals hätte ich geglaubt, dass sich in diesem Tal einmal etwas verändert. Fachwerkhäuser, Weinberge und Burgen aus dem Mittelalter. Das war im wahrsten Sinn des Wortes festzementiert. Von diesem Bild lebten die Menschen dort. Das merkte ich schon, als mich meinem Onkel als kleiner Junge in das obere Ahrtal hinter Ahrweiler mitnahm. Er war Vertreter für die Marke „Georgs Kaffee“ und in seinem milchkaffee- und dunkelbraunen Opel Rekord, in dem es unvergleichlich nach Zigaretten, Rasierwasser und frischem Bohnenkaffee roch, fuhren wir in die Gaststätten und Hotels, die das Ziel von den Kaffeefahrten und Rentnerbussen waren. Seit den 50ern suchte man hier die heile Fachwerkwelt, die fröhlichen Winzer und die pittoresken Felsnadeln, die meine Generation dann an der Ardeche oder auf griechischen Inseln suchte. Und Touristen wollen ihr Reiseziel immer genau so vorfinden, wie sie es sich vorgestellt haben. Als ich vor ein paar Jahren noch einmal die Strecke abfuhr, war ich erschrocken, dass ich hier wirklich noch jeden Souvenirladen und jedes Café zu kennen glaubte.
In einer heilen Welt passieren keine Naturkatastrophen. Die passieren in Indien oder in China. Zumindest die Katatstrophen, bei denen Menschen sterben. In Deutschland gab es ja die letzten Jahre schon öfter in Bayern oder Sachsen Bergtäler oder Flußauen, die weggeschwemmt wurden. Aber da mussten die Leute dann für eine Zeit in einer Turnhalle schlafen, die Straßen aufräumen und die gespendeten Kuscheltiere wegwerfen. Dann war alles wieder gut. Vielleicht hat deshalb keiner die Warnungen ernst genommen. Vielleicht war man aber auch einfach zu satt und zu selbstgefällig. Achtung, jetzt wird es moralisch. Damit meine ich nicht nur das bräsige rheinische Grundgesetz „et hät noch immer allet joot jejange“ (Es ist noch immer alles gut gegangen).
Nach dem Spielen mit meinen Kindern in den Auen der Ahr bin ich noch einmal in das Zentrum meines Heimatdörfchens gefahren. Das Autokennzeichen AW für den Kreis Ahrweiler wurde in meiner Kindheit mit „Arme Winzer“ übersetzt. Jetzt ist der Anschluss zur A 61 nicht weit. Jetzt leben dort Mittelstandsfamilien in Neubauhäusern, vor denen neue Mittelklasse-SUV standen als gäbe es kein Morgen. Die gleichen SUV die jetzt von den Wassermassen zerquetscht irgendwo zwischen ausgerissenen Bäumen liegen und als Sinnbild des Schreckens gelten. „Sintflut“ titelte dann auch folgerichtig die lokale Zeitung. Und in diesem seit 2000 Jahren katholischen Kernland, weiß jeder, was damit gemeint ist. Ich mag diese Moral nicht, die mir in der Dorfkirche mit Backpfeifen eingetrichtert wurde (die inzwischen auch durch einen viel größeren Neubau aus Beton ersetzt wurde). Ich mag sie vor allem deshalb nicht, weil die angeblich göttliche Strafe immer die Falschen trifft. In diesem Falle zum Beispiel die Bewohner eines Heimes für Menschen mit Behinderung, die in der Flutnacht im Erdgeschoss ertrunken sind.
Was ich auch nicht mag, sind die „Sandsackdeutschen“, wie sie Wiglaf Droste mal zu Zeiten der Oderflut nannte. Die nicht trauern können, die zur Schippe greifen, den tollen Zusammenhalt in der Not bejubeln und alles wieder genau so aufbauen, wie es vorher war. Ich bin sicher, dass ich in fünf Jahren jenseits von Ahrweiler wieder jeden Souvenirkiosk wiedererkennen werde. Aber meine Heimat ist hier schon lange nicht mehr.

Weiches Wunder

Was wäre, wenn es diese wunderbaren Weichtiere nicht gäbe? Wahrscheinlich hätte ich meine Söhne schon zu ihrer Mutter zurück geschickt. Eine Woche mit drei mächtig überdrehten Jungs bei Schmuddelwetter in einer 60 qm Wohnung? Alle Computerspiel- und sonstige Limits ausgereizt, alle Lustigen Taschenbücher zehn Mal gelesen, das Technik-Museum ein Reinfall. Was bleibt, bevor das Jugendamt oder die genervte Nachbarin von unten an die Tür klopft: Raus, raus, raus! Raus mit allen Dreien! Trotz Regen, trotz massiver Gegenwehr, gegen die Randale bei der Räumung eines besetzten Hauses einem Kindergeburtstag gleicht, trotz drohender Psychologenkosten. Das Schreien der verdammten Seelen am tiefsten Höllengrund kann nicht verzweifelter gellen als das Geplärr der von ihren Pokemons getrennten im hallenden Treppenhaus.

Die Tür zum Hinterhof öffnet sich und die Kinder befinden sich in einem andern Universum. Sie nehmen Witterung auf, Urinstinkte werden geweckt. Moder, feuchte Erde, fremde Lebewesen. Ein Freudenschrei! „Ich hab eine Schnecke und die kommt raus!“ Als die gierigen Hände der Jäger und Sammler die Beute nicht mehr fassen können, wird der nasse Gartentisch der Nachbarn in einen Schnecken-Zoo verwandelt. Dutzende der glitschigen Moluslkeln werden der genauesten Untersuchung unterzogen. Wettrennen der äußerst behänden Schleimfüßler bringen die Wettleidenschaft zum Glühen. Ich bin abgemeldet. Mit zitternden Händen rühre ich mir in der Küche einen Kaffee an, den dritten für heute, versuche meine klingelnden Ohren wieder an die Stille zu gewöhnen und den ersten klaren Gedanken für heute zu fassen: Ich lebe noch, und ich habe die Chance, den Rest der Woche zu überleben. Ein Blick über den Balkon bietet ein friedliches Bild. Harmonische Szenen wie aus der „Gartenlaube“ ehedem. Knaben in kurzen Hosen und Gummistiefeln tragen Holz und Laub herbei, um es ihren neuen Haustieren recht behaglich zu machen. Ich seile eine Büchse mit Apfelschnitzen und Keksen ab, die sofort auf ihre Tauglichkeit als Schneckenfutter untersucht werden. In den kommenden Stunden werde ich nur besucht, wenn jemand aufs Klo muss. In meinen Heldenträumen hatte ich mir vorgestellt, als guter Vater mit meinen Söhnen die Natur Brandenburgs zu erkunden. Die Kraniche im Linumer Luch, Hirsche im Morgengrauen und allerlei Unheimliches bei einer Nachtwanderung. Aber dann hätte ich mich ja selbst aus der schützenden Stadt heraus bewegen müssen. Findet man nicht die Wunder der Natur auch im Kleinen? Sozusagen vor der Haustür? Ich habe auf meinem Balkon Blüten für die Hummeln ausgesäht.

Die Macht der Liebe

Foto: Berlin Trains
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Es war in diesen dunklen Tagen, als die Winterstürme durch die Straßen jagten und die Sonne nicht mehr war als eine trübe Illusion hinter den bleigrauen Wolken. Es war die Zeit, als die Menschen ihre Gesichter hinter Masken verbargen und jeden Morgen angstvoll die mit Grabesstimme vorgetragene, steigende Zahl derer erwarteten, die am Tag zuvor von der Seuche dahingerafft worden waren. Es war die Zeit, in der jeder, der noch bei Sinnen war, zu Hause blieb und seinen Nächsten mied wie den Leibhaftigen selbst. Aber es war auch die Zeit, in der Wunder geschehen konnten, wo sich die Herzen öffneten und der Mensch des Menschen Freund wurde. Wo sich in den düsteren Schächten unter den Straßen die Elenden versammelten, die von der schieren Not, der Pflicht oder dem Kampf um das tägliche Brot in die mit krank machendem Brodem verseuchten Wagen der Untergrundbahn gezwungen wurden. Und es war hier, wo die Liebe alle Schranken überwand.

Sie waren zu dritt, so wie immer. Kurz bevor sich die Türen schlossen, sprangen sie noch in den abfahrenden Wagen. Es waren vierschrötige Kerle und jeder der Reisenden duckte sich noch tiefer in seinen Sitz, versuchte sich hinter seinem Handy unsichtbar zu machen, oder schaute vergeblich ins Nichts, um die Aufmerksamkeit der schwarz gekleideten Schlägertypen von sich abzulenken. In höchster Not hat der Mensch drei Möglichkeiten zu überleben: kämpfen, flüchten oder sich tot stellen. In einer fahrenden U-Bahn ist Flucht keine Option und Kampf gegen einen breitschultrigen, vollbärtigen Kerl mit tätowierten Händen aussichtslos. Also wählte ich meine letzte Möglichkeit. Fest zog ich meinen Jüngsten an mich heran, verkantete sein kleines Fahrrad zwischen meinen Beinen, hielt mich an der Haltestange fest, bis meine Knöchel weiß wurden und hoffte, sie würden uns übersehen. Doch alle Hoffnung schwand wie ein Traum am frühen Morgen, als ihr markerschütterndes „Fahrscheinkontrolle, bitte die Fahrausweise bereit halten!“ erklang. Normalerweise lässt mich diese Ankündigung kalt. Normalerweise bin ich ein gesetzestreuer Bürger, der gewissenhaft darauf achtet, nur mit einer abgestempelten Fahrkarte die Bahn zu betreten. Sogar für meine vielköpfige Kinderschar kaufe ich die vorgeschriebenen ermäßigten Karten, obwohl mir ein junger Kontrolleur einmal zuflüsterte: „Für Kinder brauchen Sie nicht, die kontrollieren wir nicht mehr.“ Dieses erhabene Gefühl der Rechtschaffenheit lässt mich herabblicken auf die Unglückseligen, die mit von Schuldbewusstsein gesenktem Haupt von den Bütteln der Berliner Verkehrsbetriebe auf die Bahnstiege gezerrt werden, weil sie sich auf unser aller Kosten eine Fahrt erschleichen wollten.

Doch wie war es heute? War nicht das ganze Land im Ausnahmezustand? War ich nicht in höchster Eile aufgebrochen, als es galt, meinen Sohn rechtzeitig zu seiner sich sorgenden Mutter zu bringen? Hatte ich nicht alle Hände voll zu tun gehabt, mir selbst und dem Kind die vorgeschriebene Maske überzuziehen? Wie hätte ich da noch, und das mitgeschleifte Kinderfahrrad nicht zu vergessen, eine Fahrkarte abstempeln können, zumal gerade der Zug einfuhr; der Zug, der allein uns zu der S-Bahn hätte bringen können, in die wir, nach nur drei Stationen, sowieso hätten wechseln müssen? Hatte ich nicht den ehrlichen Vorsatz gehabt, spätestens bei diesem Wechsel auf dem Bahnsteig der S-Bahn die Fahrausweise für mich und meinen Jungen, die ich natürlich ordentlich in meiner Brieftasche bereit gelegt hatte, in den Schlitz der altertümlichen Stempelautomaten einzuführen, nicht ohne meinem Sohn die Gelegenheit zu geben, stolz das eigene Ticket mit lautem Klacken und Piepen abzustempeln und es ihm treu in seine kleinen Hände zu legen, in denen er es mit heiligem Ernst bis zum Ende der Fahrt aufbewahrt hätte (wenn er nicht gerade ein Buch lesen, einen Keks essen oder sich in etwas anderes Wichtiges hätte vertiefen wollen, wobei er dann die Karte irgendwo auf dem Sitz hätte liegen lassen, wenn wir bei der nächsten Station umgestiegen wären.)

All das hätte ich dem mürrischen Höllenengel sagen wollen, als er mit grimmigen Blick vor uns stand. Aber ich schwieg. Noch war ich zu sehr im „das Reh duckt sich im Kornfeld, damit es der herandröhnende Mähdrescher es nicht sieht“-Modus, als dass ich hätte reden können. Und außerdem: Was sollte das Kind von mir denken? Also fand ich mich an der nächsten Station auf dem Bahnsteig wieder und ließ die unbeholfene Suada des erfolgreichen Jägers über mich ergehen, die sich „Aufklärung über die Fahrgastrechte“ nennt. Ich war reuig und sofort bereit ihm die 60 Euro in seine groben Pranken zu blättern, an denen er, ich hätte wetten können, sicher mehr als einen silbernen Totenkopfring tragen würde.
Aber was war das? Er blickte mich und meinen Sohnemann an, drehte seinen Handcomputer in unsere Richtung und murmelte verschwörerisch: „Kieken se hier: Ich trage hier als Grund für das fehlende Ticket „Eile“ ein. Dann könnse die BVG schreiben, dass se mit dem Klenen aufm Weg zum Arzt waren oder sowat. Dann könnse Glück ham, und die lassen se in Ruhe.“ Ecce homo!- was für ein Mensch! Welche Größe. Welch mitfühlendes Herz! Vielleicht hatte er auch einfach Angst, dass ich ihm auf dem Bahnsteig Scherereien mache. Vielleicht war er das von Eltern, die mit ihren Kindern unterwegs erwischt wurden gewöhnt. Vielleicht dachte er auch, dass ich ihm komisch kommen könnte. Die paar Sätze, die wir miteinander gewechselt hatten, hatten wahrscheinlich gereicht, um zu merken, dass ich in rechtlichen Dingen bewandert bin. Vielleicht war er auch selbst nicht so ganz überzeugt von dem Scheiß-Job, den er da machen muss. Egal. Er hat uns ein Fensterchen der Hoffnung aufgemacht und mich vor meinem Jungen nicht blamiert, wofür ich ihm sehr dankbar bin.

Und wie ging’s weiter? Es gibt ja nicht nicht nur gute Menschen bei der BVG. Es gibt ja noch den unerbittlichen Apparat, in dessen Fänge ich jetzt geraten war. Wer mehr darüber wissen will, lese das Buch „Machen Sie mal zügig die Mitteltüren frei“ von Susanne Schmidt. Bisher war mein Kontakt mit dieser Berliner Institution eher unerfreulich. Wer einmal das „Kundenzentrum“ besuchen durfte (weil man doch ein gültiges Ticket hatte, es aber bei der Kontrolle in der Aufregung nicht gefunden hatte) sieht dort die Elenden und Geschlagenen der Stadt und wird mit einer ruppigen Förmlichkeit abgefertigt, die an den „Tränenpalast“ erinnert, den ehemaligen Grenzübergang nach Ost-Berlin an der Friedrichsstraße.
Aber die BVG hat seit ein paar Jahren eine Charmeoffensive gestartet, in der sie allen Ernstes behauptet „BVG – Weil wir dich lieben“. Der schlechten Ironie bewusst, bewirbt sie diesen Slogan mit Bildern junger Menschen, die das Angebot der Verkehrsbetriebe nach durchgemachten Nächten im Zustand der drogeninduzierten Bewusstlosigkeit benutzen. Eine der Wirkungen von Partydrogen soll es ja sein, eine Zuneigung und ein Verbundenheitsgefühl zu Personen und Dingen zu erzeugen, über die man sich im nüchternen Zustand dann wundert. Aber sei‘s drum. Als ich dann von der BVG aufgefordert werde, Stellung zu meinem Fehltritt zu nehmen, packe ich in das Schreiben mein ganzes Herzblut, schildere die ausweglose Situation, gleichzeitig meinem Kind, der Pandemie und der veralteten Stempeltechnik der BVG gerecht zu werden und ende das Schreiben mit dem Satz „Geben Sie mir einen Grund, Sie zu lieben.“

Danach war erstmal Ruhe in der Amtsstube.

Gestern kam ein Schreiben. Betr: Fahrausweisprüfung (es folgt eine fünfzehnstellige Vorgangsnummer): „…unter Berücksichtigung der von Ihnen geschilderten Umstände sind wir bereit, einmalig…. auf die Forderung zu verzichten.“ …im Wiederholungsfall werden wir auf unserer Forderung bestehen bleiben.“
Worte haben also doch Wirkung und die BVG vielleicht doch ein Herz. Ich bin raus: Auf Bewährung. Ich bete an die Macht der Liebe.

Gracias a la vida

Schön der Reihe nach, oder einfach drauf los? Na, wenn ich mich in meiner Wohnung umschaue gefällt sie mir nach diesem Wochenende wesentlich besser als vorher, nach den zwei Wochen als schweigender Karthäusermönch im Karantäne-Fasten-Homeoffice. Nur ora und labora und nix essen. Und wenn ich in mich rein schaue gefällt es mir da auch wesentlich besser als vor zwei Tagen, als meine Jungs nach drei Wochen das erste Mal wieder zum mir durften. Das Wort glücklich benutze ich selten. Aber vielleicht wäre es mal angebracht. Nicht, dass es mir vorher schlecht ging. Nach einer Woche Fasten war ich mit mir selbst und der Welt zufrieden. Wenn Mann allen irdischen Genüssen entsagt, stellt sich so eine innere Entschlossenheit ein. Die Frage, ob ich schnell noch einen Kaffee trinken soll, oder etwas esse, bevor ich eine unangenehme Arbeit anpacke, stellt sich einfach nicht mehr. Und auch die Versagensangst ist weg. Was bleibt ist ein ziemlich klarer Blick auf die Welt und eine große Gelassenheit. Aber irgendwann muss man wieder in den Apfel des Lebens beißen. Und das wörtlich, denn mit einem Apfel beginnt das Fastenbrechen. Und seit Adam und Eva weiß man ja, dass damit der ganze Zirkus wieder losgeht.
Meine Eva steht, wie immer zu spät, am Freitagabend mit dem Kinderrad unterm Arm in meinem Flur und nölt, wer ihr eigentlich das Benzin bezahle dafür, dass sie mir die drei Jungs vorbeibringt. Um wieviel ich ihr denn den Unterhalt kürzen solle, für die zwei Tage, die sie jetzt bei mir sind, geb ich unbeeindruckt zurück. Es ist nach sieben Jahren kein Kampf mehr, nur noch eine Routine und ein Gestus. Sie ist nicht mehr meine Eva, sondern meine Dolores, die Schmerzensreiche, Und ich bin der Dorn in ihrem Fleisch. Das gibt sie mir alle vierzehn Tage mit Bravour zu verstehen. Als ich sie frage, ob sie mit uns einen der Pfannkuchen mit uns essen mag, die ich in der Stunde, die ich auf sie und die Jungs gewartet habe, gebacken habe, nimmt sie erst an, nachdem sie leise erwähnt hat, dass sie den ganzen Tag noch nicht zum Essen gekommen sei. Es ist nicht einfach, alleine mit drei Jungs, nicht einfach von ihrem Vater verlassen worden zu sein, heißt das für mich. Ich danke ihr auch von Herzen, für alles, was sie für unsere Jungs tut, aber ich bin dann doch froh, als ich mit meinen Drei alleine am Tisch sitze.

Drei fröhlich vor sich hin plappernde Jungs also. Nach meinem wochenlangen Eremitendasein ist das wie Besuch vom Mars. Aber eins weiß ich noch: Ich muss sie jetzt, ohne das Wiedersehen lange zu genießen ins Badezimmer bugsieren und dann ins Bett. Es beginnt das beliebte „wer schläft wo?“-Roulette, bei dem es nur eine Regel gibt: Keiner schläft da, wo er hingehört. Am Ende schläft der Kleine in meinem Bett, der ältere Zwilling auf dem roten Sofa und der andere im Hochbett des Jüngsten. Es ist ist 10 Uhr und für mich bleibt das Stockbett der Zwillinge. Aber vorher mache ich die letzte Runde und sehe, dass sich der Kleine am Schlafzimmerboden mit dem Bettzeug ein Lager gebaut hat, wuchte ihn wieder ins Bett und zähle zurück am Küchentisch meine Wirbel. Er wird nächste Woche sechs und ist ein Wonneproppen. Da kommt der Älteste und sagt, er kann nicht schlafen. Ich nehme ihn auf den Schoß und lasse mit ihm den Tag Revue passieren. Dann kommt der Bruder, der immer genau das auch haben muss, was die anderen haben und ich habe auf jedem Bein einen sitzen. Sie gehen zurück in die Betten, diesmal die richtigen, aber ich ahne, dass das noch nicht das Ende ist. Ich versuche mich auf ein Portait über Annalena Baerbock im „Freitag“ zu konzentrieren, gebe nach fünf Minuten auf und gehe ins Kinderzimmer. Zwei Jungs liegen da, die mit leeren Augen ins Dunkle stieren. Das ist nicht schön, aber besser als die andere Variante: Dass die Zwillinge unter einer Bettecke kuscheln und kichern. Das wird dann lange und laut, bis ich die wieder in ihre Betten bekomme. Ob’s beim Einschlafen helfen würde, wenn ich seine Hand nähme, frage ich den, der unten liegt. Oh ja sehr, seufzt er. Kaum hab ich seine Hand in meiner, sind seine Augen zu und er dreht sich zur Seite. Die Hand des Ältesten, der oben liegt, ist angespannt und ich merke, dass er mit irgendwas kämpft. Manchmal macht mir das Sorgen. Sagen kann ich nichts. Aber die Hand ist warm und ich spüre sein Herz schlagen. Vielleicht zehn Minuten stehe ich so, bis er einschläft. Und ich bedanke mich beim Leben, dass ich das erleben darf.

Darstellende Vergangenheit (Perfekt ridiculus)

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Freitagvormittag. Ich sitze vor dem Bio-Laden, meinem Bio-Laden, der noch so aussieht wie der Bio-Laden, bei dem ich in den 90ern selbst Hand angelegt habe. In Holzregalen liegen Räucherstäbchen und selbstgestrickte Mützchen. Körner gibts zum Selbermahlen und ein Schild mahnt: „Bitte denkt an eure Brotbestellungen“. Draußen ist ein Brett schief auf den Sims vor dem Schaufenster geschraubt, auf das sich vorsichtig setzen kann, wer die Sonne genießen will. Da draußen sitze ich und trinke einen Kaffee, richtig fair gehandelten natürlich, aus einer richtigen Tasse. Ist mir doch wurscht, was die Corona-Polizei sagt. „Legal, illegal, scheißegal“ hatte ich damals auf der Jacke stehn. Und natürlich lese ich dabei die taz, die für die Mitglieder des Ladens kostenlos ausliegt. Und als ob ein Filmteam zu meiner perfekten Inszenierung vergangener Zeiten noch ein paar Komparsen angeheuert hätte, kommt die laute Kinderschar aus der selbstverwalteten Eltern-Initiativ-Kita „Tüte Mücken“ auf dem Weg zum Spielplatz vorbei. Eine Erzieherin grinst mich an. Vielleicht gefällt ihr dieses störrischen Festhalten an dem, was einmal Lebensfreude bedeutete. Die Kinder merken das Interesse und fragen sie: „Was macht der Mann da?“ „Der liest eine Zeitung.“ „Was ist eine Zeitung?“ „Das erklär ich dir nachher.“

Samastagnachmittag. Drei laute Kinder toben auf meinem Sofa herum. Es sind meine eigenen. Draußen fällt Schneeregen. Mir muss bald etwas einfallen, um Ruhe und Ordnung wiederherzustellen, sonst platzt mir der Kopf. Vor ein paar Tagen hatte ich begonnen, meinen Keller aufzuräumen, um der Trübsal der Telearbeit zu entgehen. Einen Umzugskarton voller Dias samt Projektor habe ich nach oben geschafft. Der Projektor geht noch. Lange Nächte habe ich seitdem im Schein der 150 Watt Halogenlampe verbracht, mit dem Rauschen des lauten Gebläses und dem harten Klacken, das der Greifer macht, wenn er sich ein neues Bild aus dem Magazin zieht. Stundenlange Meditationen über die Vergänglichkeit waren das, mit stockfleckigen Bildern aus einer untergegangenen Epoche voller Aufbruchsgeist, unterbrochen nur von dem bienenschwarmigen, wütenden Gesumm des Ventilators, wenn mal wieder ein Dia hängengeblieben war.
Vor ziemlich genau einem Jahr, als man zu den Winterferien noch mit den Kindern verreisen konnte, habe ich mit einem guten Freund in Bayern zusammen gesessen, während die Kinder draußen im Schnee tobten. Ermattet hatten wir uns über die ständig zunehmende Hektik in unerem Leben beklagt. „Weißt du noch, was vor zehn Jahren war, hatte er gefragt, oder vor dreißig?“. „Nee“, sagte ich, „Total weg. Bin froh, wenn ich weiß, was letzte Woche war.“ Der Freund nickte. Bei ihm sind zwar die Kinder aus dem Haus, aber er ist jetzt Leiter eines Pflegedienstes.
Wenigstens mir lässt Corona jetzt Zeit zur Besinnung. Magazine mit vergilbten Notizzetteln aus Umweltschutzpapier „Heidelberg 93“, Polen/Litauen 94, „Berlin am Anfang“, „Reichstag 95“ ziehe ich eins nach dem anderen aus dem Karton. Menschen mit weichen, rotwangigen, Gesichtern lachen mich an, als ich die Bilder durchklicke. Mein Freund bei seiner Hochzeit, bei der ich Trauzeuge war. Gemeinsam mit meiner Freundin spannen wir mit unseren Armen eine große, schimmernde Plastikfolie über dem Hochzeitspaar aus, weil es beim Fest im Garten ihrer alten Villa plötzlich angefangen hatte zu regnen. Bei der Reichstagsverhüllung ein Jahr später waren wir gerade nach Berlin gezogen. Cristo und Jean Claude waren mir ein ganzes Magazin wert. Dazwischen Bilder von schmalen, baumbestandenen Straßen in Osteuropa und Selfies aus dem Rechtsanwaltsbüro in England. Und dann ein kleines Mädchen, das vor unserem Schrebergarten an der S-Bahn erste Fahrübungen mit dem Rad macht. Alles einmal durch, alles mitgenommen. Ein Jahrzehnt Achterbahn, aber wenigstens bin ich dabei nicht aus der Kurve geflogen. Das kam später. Ein Drittel der Bilder habe ich weggeworfen, weil ich wirklich nicht mehr wusste, warum ich zehn Mal den Müll in den Straßen von Manchester fotografiert hatte. Oder gerade weil ich mich wieder erinnerte, warum ich es getan hatte. Weil ich das wild und urban fand, als ich noch im sauber geleckten Heidelberg lebte. Jetzt kann ich Müll auf der Straße jeden Tag haben und ich finde das nicht mehr aufregend.

Der Schneeregen hat aufgehört, das Rumgehopse auf dem Sofa nicht. „Kommt“, sage ich zu meinen Jungs, „ich zeige euch mal was.“ Ich werfe den Projektor an und ein leuchtendes Quadrat erscheint an der Wand. „Ach“, sagen sie, „wie in der Schule, wenn wir Videos gucken.“ „Nein, sage ich, „das ist ein Apparat, der kleine Bilder groß macht.“ Ich zeige ihnen ein kleines Dia, lege es in den ausklappbaren Schlitz und warte, bis der Autofokus! (war mal ein teures Gerät) mit viel Hin- und Hergesumm das Bild scharf gestellt hat. „Was ist das?“, fragen sie. „Das ist das Schild vor einer Stadt. Ihr könnt doch schon lesen. Lest mal.“ „ALITUS“ buchstabieren sie vom Sockel eines realsozialistischen Betonmonuments herunter. „So heißt eine Stadt, in der du gewesen bist?“ „Ja, und was seht ihr noch?“ Die Jungs springen in den Lichtkegel – und sehen gar nichts mehr. Erste Lektion gelernt. Im zweiten Anlauf klappt es. „Eine Kuh!“ „Genau“, sage ich, „und was hat die Kuh da im Maul? “ „Das ist so was wie bei den Pferden, wo die Zügel drankommen.“ „Richtig“, sage ich, das war eine freilaufende Kuh. Die hat der Bauer am Abend am Zaumzeug wieder nach Hause geholt.“ „Ein wilde Kuh?“ „Nein, eine freilaufende Kuh. Und Wiesen ohne Zäune.“ Das gab es damals in Litauen noch.
„Wir machen ein Spiel.“, ruft einer von den Zwillingen. Er holt ein Blatt Papier aus dem Müll. „Wer zuerst sieht, was auf dem Bild ist, kriegt einen. Punkt.“ Der Nachmittag ist gerettet. Wir jagen zwei Magazine durch. Der spannendste Moment ist immer der Augenblick, wenn aus dem verschwommenen Bild langsam ein scharfes wird. „Ein Bagger“ (Baustelle für ein Großkraftwerk). „Ein See!“ (Ihr Vater badet in vor der Kurischen Nehrung). „Wilde Wolken!“ (Dramatischer Sonnenuntergang über Masuren). „Und wer ist das?, fragen sie verdattert? „Das bin ich.“ (Bild mit cooler Sonnenbrille am Strand in Portugal). „Nee, echt, du? So hast du mal ausgesehen? Is ja krass.“ „Und wer ist das daneben?“ „Das ist eure große Schwester, als sie so alt war wie ihr jetzt.“ „Echt jetzt? Und wer ist die Frau daneben?“. „Das ist die Mutter eurer Schwester.“ „Echt jetzt, du hast zwei Frauen? Die da und Mama?“ „Ja“, sage ich, „aber nacheinander.“ „Echt jetzt? Machen wir das Spiel noch mal, wenn wir wieder bei dir sind?“

Zeit, die nie vergeht

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Steht die Zeit still, oder rast sie gerade? Ausgerechnet gegenüber der Charité, Berlins größtem Krankenhaus, ja das mit dem Christian Drosten, hängt diese Skulptur, diese „Franz Kafka Uhr“ (ohne Zeijer, mit Striche drop nur; BAP). Drinnen tobt das Virus auf der Intensivstation und draußen ist alles ruhig. Ich fahre durch fast leere Straßen, unter bleigrauem Himmel, immer nur zwischen zu Hause und meinem Büro. Aber da ist niemand. Fast alle Kollegen sind im Home Office, und auch ich komme nur ein paar Mal die Woche vorbei, um nachzusehen, ob es die Arbeit noch gibt. Ich bin nicht der Richtige, um ständig von zu Hause aus zu arbeiten. Ich hab so etwas, was die Piloten „Nachtflugkoller“ nennen. Wenn du nichts mehr um sich herum siehst, keinen Kontakt mehr hast, zweifelst du irgendwann, ob der Computer, den du beobachtest, noch die Wirklichkeit zeigt. Vielleicht bist du längst im Sturzflug, während der Höhenmesser Geradeausflug anzeigt. Videokonferenzen helfen da auch nicht mehr.

Und Weihnachten? „Das glaubst du doch selber nicht, dass in paar Tagen Weihnachten sein soll.“, schreit mich mein Sohn auf dem leeren Hinterhof an. Meine Kinder sind zur Zeit, was soll ich sagen? Etwas unausgeglichen. Wer soll es ihnen verübeln? In der Schule saßen sie über Wochen mit Mundschutz. Und draußen ist es dreizehn Grad warm und trocken. Eher ein bewölkter Frühlingstag als „Schneeflöckchen, Weißröckchen“, das ich mit ihnen tapfer für die Bescherung übe. Noch nicht mal Regen, von Schnee ganz zu schweigen. In der Schule sind die ganzen Adventssachen ausgefallen. Adventssingen, Adventsfeier, Adventsbasar. Noch nicht mal die Großmutter ist zu ihrem unausweichlichen Adventswochenende vorbei gekommen. Der innere Kalender der Kleinen ist durcheinander. Auf der letzten Fahrt von Berlin in den Brandenburger Speckgürtel sahen wir ganze fünf beleuchtete Weihnachtsmänner und nur drei leuchtende Schneemänner. Dafür spenden jetzt einsame Herrenhuther Sterne Licht in der Dunkelheit. Aber die Jungs, die den Dezember nur als sich steigernden Konsum- und Lichterrausch von Nikolaus über Geburtstag (die Zwillinge) bis Heiligabend kennen, merken so kleine Lichtlein gar nicht. Es ist schwer, in solchen Zeiten den Glauben an den Weihnachtsmann aufrecht zu erhalten. Und wenn die Frohe Botschaft für das Fest „Impfstoff“ heißt, kommt man mit den Liedern von dem Kindlein in der Krippe, das angeblich den Tod überwunden hat, auch nicht weit.
Immerhin: Es ist eine beschauliche, ja fast besinnliche Vorweihnachtszeit. Etwas eintönig zwar, aber wenigstens ohne Schokoladen- Glühwein- und Weihnachtsfeierorgien. Mir gefällt das. Ich verziehe mich im Winter (ho ho ho) gerne in meine Höhle. Aber es macht mich irre, wenn ich sehe, dass immer mehr Menschen und die Welt, die ich bisher kannte, ganz leise sterben.
Natürlich haben wir trotzdem ein Weihnachtsbäumchen gepflanzt – in mein Wohnzimmer. Mit Strohsternen und Kerzen. Als meinem Sohn eine Christbaumkugel runtergefallen ist, und ich schon Scherben sah, meinte er nüchtern: „Brauchst keine Angst zu haben, die sind aus Plastik.“

Ich wünsche euch trotz allem ein frohes Weihnachtsfest.

Bleibt gesund.

All the way from China

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Das kleine Flugzeug hat’s geschafft. Es hat drei Wochen gedauert, aber jetzt ist des da, wo es hin wollte.
In Shenzen, dem großen Industriegebiet in Kanton ist es gestartet, dann in Hongkong in den großen Flieger umgestiegen und damit einmal um die halbe Welt nach Frankfurt geflogen – nur weil ich einmal im Internet auf einen Knopf gedrückt habe. Und von Frankfurt hat es das Postauto nach Berlin gebracht. Da hab ich es abgeholt. Dann habe ich den Karton versteckt, weil ich Nikolaus spielen wollte. Aber meine Jungs haben ihn am Tag vor Nikolaus gefunden, den Karton. Sie haben ihn aufgerissen, das Flugzeug gefunden uns sind auf die Wiese gelaufen. Sie haben das kleine Flugzeug wie wild um sich geschmissen. Und das Flugzeug war glücklich, denn dafür ist es gebaut worden, um von Kindern in die Luft geworfen zu werden. Mit tollen Loopings ist es vom Himmel wieder zurück gekommen. Und die Jungs  haben sich gefreut. So hatten es die Menschen in China es konstruiert, dass es tolle Loopings fliegt, wenn Kinder es richtig in die Luft werfen. Das können die Chinesen gut, kleine Jungs mit ein bisschen Plastik glücklich machen. Aber gibt es in China auch Bäume? Wissen die Chinesen, dass es in unserem Hinterhof die Ahornesche gibt und und die Hainbuche, die Walnuss und die Kastanie? Die große Kastanie in der schon so manches gelandet, aber nicht wieder zurück gekommen ist. Anscheinend wissen sie auch das. Denn wie durch ein Wunder kommt das kleine Flugzeug immer wieder auf die Erde, auch wenn es in den Zweigen hängen geblieben ist, auch wenn es sich heillos verheddert zu haben scheint. So glatt ist es, das kleine Flugzeug, so leicht, dass es immer wieder nach unten kommt, wenn die Kinder nur heftig genug an den Zweigen rütteln, oder Stöcke in den Baum werfen, oder Kastanien. Oder den Vater rufen. Der hangelt dann über die dünnen Stämmchen des Fliederbuschs, von besserwisserischen Brillenträgern drei Meter unter ihm frech gefragt, ob er wisse, was er da tue? Und ob das nicht gefährlich sei, so hoch in der Luft mit dem langen Besenstiel nach dem Flugzeug zu angeln?

Aber der Vater weiß, was er tut. Er kriegt nicht nur das kleine Flugzeug wieder runter vom Baum (obwohl es dort gerne geblieben wäre – Flugzeuge sind gerne dem Himmel so nah); er hat sogar noch Satz neue Flugzeuge in petto, damit er in Nacht zum Nikolaus den drei Jungs was in die Stiefel stecken kann, die vor der Tür stehen werden -ungeputzt natürlich. Denn auch die Schuhe sind aus Plastik. Der Nikolaus weiß, dass man die nicht mehr putzen muss, behaupten die Jungs. Aber das werden andere Flugzeuge sein. Denn eigentlich wollte der Vater ja gar keine Sachen aus China bestellen, billige Sachen, die mit dem Flieger geschickt werden, und erst recht nicht welche, die in den Kartons mit dem lächelnden Pfeil ins Haus kommen.
Deswegen war er im Bastelgeschäft und hat für jeden Jungen ein Flugzeug aus Holz gekauft, so eins, das man noch aussägen und zusammenbasteln muss, so eins, wie er es selber gerne gehabt hätte, als er ein Junge war. Eigentlich wollte er ihnen das später schenken, wenn sie schon größer und geschickter sind. Aber ein Nikolausmorgen ohne was im Stiefel? Und die Kinder sind wirklich erstaunt, als sie die Schuhe ausgeräumt und die Schokolade in den Mund gestopft haben. So was haben sie noch nie gesehen. Aber sie machen, was sie immer machen, wenn sie Geschenke bekommen: Sie reißen erst ungedudig die Kartons auf und dann die kleinen Tütchen, in denen die Einzelteile verpackt sind. Und der Vater sieht’s und rauft sich das graue Haar, als er die vielen Teile, die dünnen Drähtchen, die Stäbchen und Plättchen unter den Kinderbettchen verschwinden sieht. Rasch wird nach donnernder Ermahnung alles von flinken Händen eingesammelt und auf den Küchentisch gelegt. Doch wieder rauft der Vater das Haar, als er die Bauanleitung sieht. Denn die ist auf Polnisch geschrieben. Unwirsch scheucht er seine neugierigen Nachkommen aus der Küche, setzt sie im Wohnzimmer vor den Computer und beginnt sein Werk. Und mählich allmählich kommt die Erinnerung wieder, an die Laubsägearbeit im Keller des Großvaters, an Holzleim, Klemmen und Klebeband. An die Ruhe und die Geduld, die der Großvater versuchte ihn zu lehren. Stolz zeigt der  Vater jeden Bauabschnitt den Knaben, die mehr und mehr Interesse bekommen. Zart wölben sich hauchdünne Balsaholzscheiben über zerbrechlichen Spanten. Geschickt biegt er mit zwei Zangen ein Stückchen Draht zum Widerlager für den Propellerantrieb. Und feierlich kommt es zur Hochzeit – der Verbindung von Flügeln und Rumpf. Die Sonne ist schon lange hinter den Häuserdächern verschwunden als vier ehrfürchtige Piloten das filigrane Maschinchen zum Jungfernflug in den Garten tragen. Kleine Taschenlampen leuchten dem Holzvogel den Weg, als er sich vom Gummiband getrieben mit schnurrendem Propeller steil in die Lüfte erhebt – und ebensoschnell abstürzt. Schwerpunkt, Trimmung, Balance: All diese Worte kommen dem Vater in den Sinn, Worte, die er im Polnischen nicht zu lesen vermochte. Worte, die er seinen Kindern nicht erklären kann. Als nach drei Versuchen der Propeller abbricht, fragen sie nur: „Können wir das andere Flugzeug mit zu Mama nehmen?“ Das kleine, billige chinesische Flugzeug freut sich. Es ist in den Herzen der Kinder angekommen. Zerschmettert lieg die europäische Handwerkskunst am Boden. Nur im Märchen gewinnen die Edlen und Schönen.

Gute Nachbarschaft

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Also die Särjge, die wern ja jetzt vaschweißt. Dit sieht ja nich jut aus, aber die wern ja sowieso vabrannt. Bisher ham wer alle, die mit Corona jeschtorm sin vabrannt.“, lässt mich meine stämmige Nachbarin aus dem Parterre wissen. Und wenn sie schon mal dabei ist, erzählt sie von den Details. Schwierig sei das mit den Angehörigen. Da passen ja jetzt nicht mer so viele in die Kapelle zur Aussegnung. Bei den Orthodoxen sei das ein Problem. Da würden die 50 Plätze nicht reichen. Da wären 200 keine Seltenheit. Da müsse auch mal die Polizei kommen. Ich lass sie reden. Reden von 40 Meter langen Wasserschläuchen, die sie schleppen muss, von Leichen, die „angeliefert“ werden und von ihren Gelenken, die nicht mehr mitmachen. Ich bin so froh, dass sie da ist. Noch vor zwei Stunden war Sie für mich die brummige Alte, die sich beschwerte, wenn die Jungs um 10 abends immer noch in meiner Wohnung rumtoben. Da stand sie einmal vor der Tür und sagte, dass sie Früh um Fünfe raus muss. Aber wach is sie eh schon umd Dreie, das hat sie mir auch schon mal erzählt. Dabei hat es ihre Kundschaft nicht eilig. Sie ist Friedhofsgärtnerin. Und sie ist ein Engel.

Als ich einzog hat mich die alte Hausmeisterswitwe aufgeklärt: Also die da, da brauchen sie nicht denken, dass sie da mit Sachen weiter kommen, die Frauen so gefallen. Die lebt nur für ihre Katzen. Und um den Garten kümmert sie sich. Aber ihren Sohn – der hat da gewohnt wo sie jetzt wohnen – da hat sie selber die Polizei geholt, als der bis in die Nacht gefeiert hat.“ Ich war also gewarnt. Über meiner alten Wohnung gab es auch so eine Frau mit dünnen Nerven. Meine Jungs nannten sie „die Frau mit der Ente“. Den Namen hatte ihr die Großmutter der Kleinen gegeben, damit die Zwillinge keine Angst mehr vor der keifenden Furie hatten, die uns mit Anrufen und nächtlichen Besuchen malträtierte, während wir ratlos vor fieberenden und hustenden Kindern standen. Irgendwann hat sie dann die fiesen Tricks rausgeholt. Abends um sieben stand plötztlich eine Streife vor unserer Tür. „Ein Bewohner des Hauses hat uns einen Verdacht auf Gefährdung des Kindswohls gemeldet. Dürfen wir mal reinkommen?“ Da war gerade eine Stunde vorher einer der Zwilinge aus dem Hochstuhl gekippt und hatte eine dicke Beule am Kopf. Rabeneltern wir. Die Beamtin schaute sich in unserer Wohnung um: Kinder-Chaos, Ein 1 Meter mal 1 fünfzig großer Kunstdruck von Ikea überm Sofa und ein bisschen was Antikes, zusammengwürfelt aus zwei Wohnungen. Modernes Neubürgertum. Für den Wedding, wo über die Hälfte der Kinder von Sozialleistungen leben, muss das ein beruhigendes Ambiente gewesen sein. Unsere Hebamme kam immer zu uns, um sich von dem Elend, was sie sonst den ganzen Tag sah, zu erholen. „Na scheint ja alles in Ordnung zu sein.“, bescheinigte uns die Staatsmacht und verabschiedete sich. Auf die Beule hatten sie gar nicht geschaut. Die Die Frau mit der Ente hat sich danach noch mit ein paar anderen Nachbarn angelegt und musste kurz nach mir ausziehen, nachdem die lauten Nächte mit meinen Zwillingen mir selber die Nerven dünn gemacht hatten.


Seither sind viele Jahre vergangen. Die Sorgenkinder von damals spielen im herbstlichen Hinterhof in milden Sonnenstrahlen. Sie haben mit ihren Taschenmessern ein paar abgebroche Äste durchgesäbelt. Das reicht ihnen, um die Wiese in einen Kampfplatz für das Schwertduell zwischen Prinz John und Robin Hood zu verwandeln. Auch der kleine Bruder darf ausnahmsweise mitmachen. Ich glaube, er ist Brother Tuck. Alles ist wunderbar, wir haben sogar noch Kuchen vom Laternenfest übrig. Alles könnte so schön sein. Aber mir fehlt eine Dosis Koffein. Elende Drogensucht. „Jungs, sage ich, ich gehe mal kurz rüber ins Cafe und hole mir einen Becher Kaffee. Bin gleich wieder da.“ Wir haben das schon oft probiert. Mal 10 Minuten weg sein, zum Einkaufen. Da hatte ich das Handy dabei und den Jungs zu Hause die Telefonnummer eingespeichert. Alles gut. Und weil das so gut lief, schaue ich gar nicht, ob ich das Handy dabei habe. Wird schon gut gehen. Mein letzter Blick fällt auf meinen Sohn, der mit der groben Klinge die Rinde von einem Stock schält. Wir ja wohl nicht gerade jetzt was passieren.
Zum Cafe sind es nur zwei Minuten. Doch vor dem Cafe ist eine Schlange. Junge Menschen mit Mundschutz. Ich hatte Corona vergessen. Und es ist Sonntagnachmittag um vier. Die Kaffee und Kuchen-Tradition scheint über die Generationen hinweg eine der letzten Bastionen der Normalität in diesem Land zu sein.
Es müssen mehr als 10 Minuten gewesen sein, als ich mit dem Kaffeebecher zurück in den Garten komme. „Da bist du ja endlich!“ rufen die Zwillnge vorwurfsvoll. „Wir sind überall rumgelaufenen und haben dich gesucht.“ Und ich sehe das Blut auf dem Anorak des Kleinen und den dicken Pflasterverband um seinen Daumen. Er ist ganz still. Dafür klagen seine Brüder: „Das hat ganz stark geblutet und wir haben im Treppenhaus nach dir gerufen. Ich bin auch in das Cafe gelaufen, aber du warst nicht da. Und dann ist die Haustür zugefallen und ich habe Sturm geklingelt…“ Gefährdung des Kindswohls, kommt es mir durch den Kopf. Ich sollte ein schlechtes Gewissen haben, hab aber keins. Ich nehme den Kleinen auf den Schoß, krame nach Bonbons in meiner Hosentasche. „Frau Lehmann ist dann rausgekommen, und hat ein Pflaster drauf gemacht.“ Obs noch weh tut, frage ich den Kleinen und er schüttelt tapfer den Kopf. Dann schaue ich mir das Pflaster an. Es sieht so aus, wie ein Pflaster, das sich eine Gärnerin um die Finger macht, wenn sie sich mal wieder geschnitten hat: Dickes Hasaplast, drei Mal gewickelt. Ich danke dem Himmel für Frau Lehmann.

„Da hamse aber Glück jehabt, dass ich da war. Ich wollt zum Geburtstag von meinem Neffen. Hab dann aber überlegt, wegen Corona.“ „Und“, frag ich, „ist es tief?“ „Nee, grinst sie, „nur een Kratzer. Aber dickes Pflaster beruhigt doch, oder?  Jetzt schau ich doch ein bisschen betröppelt. „Na“, sagt sie, „das nächsemal nich wegjehn wenn die Taschenmesser draußen sind.“ Ich bedanke mich nochmal. Und dann mache ich mit den Jungs die Fotosafari durch den Hinterhof, die ich ihnen versprochen habe.
Wolln se mal kieckn, was die Kleenen so jesehn ham?

 

Gutes tun

Heute war ich bei Karstadt einkaufen. Karstadt im Wedding, am Leopoldplatz. Mach ich zwei Mal im Jahr. Ne Strickjacke, ein T-Shirt und ein Hemd mit Karos. Bei Karstadt einkaufen is wichtig, denn der Karstadt am Leopoldplatz soll ja bleibm. Wolltn ihn schon zumachen. Jetzt soll er noch drei Jahre weiter leben. „Nicht auszudenken, was mit dem Wedding passieren würde, wenn der Karstadt zumacht.“, hat der Bürgermeister gesagt. Wahrscheinlich dasselbe, was mit C&A passiert ist, als der zugemacht hat. Da ist dann „Bollu“ unten reingekommen, der türkische Obst- und Gemüsefritze, dens überall gibt. Und an der Ecke wo Bollu vorher war, da ist jetzt nüscht mehr. Leerstand. Das Haus gegenüber vom alten Bollu, da wo zuletzt nur noch „Humana“ mit seinen muffigen Second-Hand-Klamotten drinne war, hamse abgerissen. Da baut jetzt die AOK was neues Großes. Ja, die AOK, die hat richtig Konjunktur hier. Krank werden die Leute ja immer.

Ich versuch ja immer, mein Geld hier im Kietz auszugeben, damit nich so ville Geschäfte zumachen. Schaff ich aber nur, wenn ich früh genug von Arbeit komme. Jetze war ich ne Woche krank. Da hab ich sogar Zeit gehabt, bei „Belle et Triste“ vorbeizuschaun, dem einzigen Buchladen hier, der sich tapfer hält. Hat sich die Frau gefreut, als ich  den „Gesang der Fledermäuse“ abgeholt hab und drei Bukowskis (einer mit Geschichten über Katzen, für meine Schwester.  Zweie über seine Frauengeschichten, für mich) und noch das neue „Sei kein Mann“ für die feministischen Diskussionen mit meiner Tochter. Da hat sie Buchhändlerin mit dem Dutt und den grauen Haaren mir sogar noch ne dicke Lage Küchenkrepp zu gegeben, damit die Bücher in meiner Tasche, in die der Regen reingelaufen war, nich nass werden. Ja, das war nett. Aber als ich sonst so die Runde gemacht hab, wurd ich richtig traurig. Da wo ich früher was zu Trinken gekauft habe, in dem Getränkeladen vis a vis („80 internationale Biersorten“), ham se das Haus renoviert, tipp-topp mit Dachgeschosswohnung und allet. Da konnte so’n schäbiger Bier- und Selterslanden natürlich nich drinne bleiben. Da ist jetze ein Kindergarten drin, und da wo bis vor kurzem noch die Otavi-Apotheke war, heißts jetze auch „Kunterbuntes Kinderland“. Na ja, Apotheken ham wa wirklich genug hier. Wie jesacht: Krank werden die Leute immer. Aber wo krieg ich jetze was zu Trinken her?. Den Getränke-Lehmann („Ick koof bei Lehmann“) an der Luxemburger hamse vor paar Monaten abjerissen. Na ja, war kein Schaden, war mehr so ne Baracke auf ner Bombenlücke, wahrscheinlich von gleich nachm Krieg. Jetze wird da gebaut, bestimmt wat Schickes. Genau so wie auf dem runtergekommenen Innenhof vom Nachbarhaus. Statt dass se da n bisschen Grün rein machen und hübsch für die Kinder, kommt da jetzt ne Tiefgarage rein und ein Apartmenthaus ohmdrüber. Na, wer sich das da wohl leisten kann? Wie war das mitm Trinken?
Der „real“ im Schiller-Zentrum ist ja nu auch zugemacht. War ich ja nie gerne, aber so ab und zu „einmal rin, allet drin“. Wo gibt’s das noch? Na ja, vielleicht am S-Bahnhof. Da hamse auch ein paar alte Baracken plattgemacht. Einer wollte dadrin vorher noch einen Döner aufmachen. Der ist dann kurz nach der Eröffnung abgebrannt -da war das Baufeld dann frei. Jetzt steht da so ein Null-acht-fuffzehn-Turm, wie sie nu überall stehen. Unten kommt ein Edeka rein. Will hoffen, dass der Edeka Fromm bei mir um die Ecke das überlebt. Sonst muss ich für jedes Bier Einvierzich zahln, bei „Jahshim’s Tante Emma Laden“, meinem Lieblingsspäti. Der hat wirklich allet. Neulich, als ich mit meiner Tochter uffn Sonntach kochen wollte, und wir schon mitten drin waren, hatte ich die Kokosmilch vergessen. „Moment, sag ich, „bin gleich zurück.“ Und in Latschen rüber zu Jaschim mit seinem hennarot gefärbten Bart. Und als ich mit der Dose wieder in der Küche erscheine, sagt die Tochter: „Respekt, dit is Berlin.“ Ja, da sind wir uns mal einig, dass das trotz allem Klasse is hier. Aber jetzt hat sie ihren ersten Job – ausgerechnet in München.

p.s: Wenn sich einer über die Tippfehler wundert: Mit WordPress geht es auch den Bach runter. Seit es den neuen Block-Editor gibt, funktioniert bei mir das nachträgliche Bearbeiten nicht mehr. Kommt nur noch eine weiße Seite. Kennt das jemand? Vielleicht liegt das daran, dass ich mir, seit ich im Wedding wohne, keinen neuen Computer geleistet habe. Und das sind ja jetzt auch schon zehn Jahre. Ach ja…

 

Wir müssen leider draußen bleiben

Ich habe Husten. Ganz normalen Husten, wie man ihn im Herbst halt so hat. Morgens nach dem Aufstehen schlimmer als über den Tag. Ärgerlich, aber mit ein paar Hustenbonbons (Fishermans Friend) und Brausetabletten (ACC akut) gut zu überstehten. Bronchitis nannte man das noch im vergangenen Jahr und rechnete so mit zwei bis drei Wochen, dann war der Spuk meist vorbei. Husten war etwas, das alltäglich war, etwas, das man im Griff hatte „Olaf hat Husten – Seine Mutter hat Wick Vaporoub“  klang die beruhigende Nachricht aus der Vorarbendwerbung längst vergangener Tage.  Vom Husten gequälte Menschen hatten viele Freude. Nicht nur Mutti, sondern auch einen fröhlichen, zuversichtlich Bonbons werfenden Bären: „Nehmt den Husten nicht so schwer – gleich kommt der Hustinettenbär!“. Und wenn man sich beim Husten in Veranstaltungen höflicherweise die Faust vor den Mund gehalten hat, galt das als Ausweis allerbester Kinderstube.

Heute herrscht Panik. Heute hat man mit Husten wenige Freunde. Von der Veranstaltung „Soft Solidarity“ werde ich mit harschen Worten ausgegrenzt. „Gäste mit erkennbaren Symptomen einer Atemwegsinfektion und diejenigen, die nicht bereit sind, sich auf unsere Vorkehrungen einzulassen, müssen wir leider bitten, wieder zu gehen.“ Ist es das, was man heute unter „sanfter Solidarität“ versteht? So sanft, dass man sie kaum noch spürt? „Be nice or fuckin leave“ steht als Leuchtreklame im Schaufenster der neuen Hipster-Bar um die Ecke.  Wer krank scheint, ist jetzt sehr alleine. Und das geht tief bis in die Familie hinein.
„Warum hast du dich nicht auf Corona testen lassen?“ , ist dann auch gleich die erste Frage, die ich statt eines „Hallo, schön, dass du da bist.“ von meiner Tochter zu hören kriege, als sie mich in Venedig am Giardini di Bienale vom Boot abholt. „Weil ich meinen Husten kenne.“, sage ich mürrisch. „Es ist der gleiche wie im letzten Jahr.“ Statt mich zu beglückwünschen, dass ich es trotz aller Widrigkeiten durch alle Kontrollen zu Ihr geschafft habe, dass ich im Flieger ganz flach geatmet habe, nur um von Berlin-Mitte (damals noch kein Risikogebiet) nach Venedig (erstaunlicherweise auch nach meinem Besuch immer noch kein Risikogebiet) zu ihr zu kommen, um mit ihr und ihrer Mutter gemeinsam die Abschlussfeier ihres Studiums zu begehen, treffen mich zwei Tage lang vorwurfsvolle Blicke. Das kenne ich schon und halte das auch ganz gut aus. Ich genieße es einfach mit meiner Tochter durch das fast touristenfreie, sonnige Venedig zu stromern. Die Kais der Kreuzfahrschiffe sind seit Monaten verödet. Das Wasser in der Lagune ist so klar, dass die Tochter sich wie ein Kind über einen Schwarm kleiner Fische freut, den sie zum ersten Mal in einem der türkisgrün schimmernden Kanäle sichtet. Und sie hat ein halbes Jahr hier gewohnt.

Doch die Freude ist kurz.  Wie ein Damoklesschwert hängt über der Familie die Frage: Darf der kranke Vater mit in den Festsaal, ohne dass wir unauslöschliche Schuld auf die Famile laden? Es kommt zur Nacht der langen Messer, in der auch Tränen fließen, und zum Beschluss: Papa ante portas. Ich darf mir nur die Live-Übertragung aus der Scuola di San Rocco anschauen. „Aber danach gehen wir zusammen nett Essen.“, heißt es von der Restfamilie fröhlich.

Es ist ein wenig, als würde ich meine Tochter zur Hochzeitsfeier in die Kirche bringen, als wir vor dem prächtigen Portal der Scuola stehen. Um uns herum fein gemachte Studentinnen und Studenten, aufgeregtes Geplapper und würdevolle Ältere. Es fehlt nur der Pfarrer. Immerhin lassen sich Magnifizenzen aus ganz Europa in ihren prächtigen Talaren sehen und verschwinden als letzte im Dunkel der Marmorhalle. Meine Tochter ist mit ihrer Mutter auch schon drin – nur ich muss draußen bleiben…. Nein, es fühlt sich nicht richtig an. Ich fühle mich zurückgesetzt, verurteilt ohne Beweis. Und es geht auch ein wenig ums Ankommen. Ich komme aus einfachen Verhältnissen, meine Eltern trauten sich nie zu einer meiner akademischen Abschlussfeiern. Das war ihnen zu fremd, dazu führten sie sich zu klein, was mich schon damals sehr traurig machte. Ich hätte meine Freude über das Erreichte gerne mit ihnen geteilt. Aber für sie war ich jemand, der damit seine Herkunft verraten hat. (obwohl meine Mutter natürlich im ganzen Dorf erzählte, was für ein Examen ich bestanden hatte). Und was war ich jetzt? War ich jetzt selber Akademiker oder immer noch der Junge vom Dorf, der in so eine prachtvolle Veranstaltung nicht hinein gehörte? Oder war ich einfach nur der Mohr, der seine Schuldigkeit getan hatte? Gab’s ja schon mal in Venedig.

Zum Glück habe ich meinen Kafka gelesen. Und ich weiß, dass auch die schwersten Türen für einen offen stehen, wenn man den Mut hat zu fragen. Ich also rein in die Halle, werde kurz vom Security-Mann mit der Fieber-Pistole gecheckt und für gut befunden. Am Empfangstisch in meinem besten Englisch die Wahrheit gesagt, dass ich einen Husten habe, und ob dass ein Problem sei? Ob ich Fieber habe, fragt die Empfangsdame freundlich. Und als ich verneine gibt sie mir das Anmeldeformular. You’re welcome!

Eine Woche später gehe ich in Berlin zum Arzt. Ja, sagt er, so eine Bronchitis kann lange dauern und schreibt mich eine Woche krank. Eigentlich hätte ich mit meinen Jungs in die Jugendherberge im Harz fahren wollen. Aber da dürfen wir jetzt wirklich nur noch hin, wenn wir alle einen negativen Coronatest haben. Und vielleicht ist es auch keine gute Idee zu verreisen – mit Kindern in Zeiten der Pandemie.