Wird schon wieder

Garten1

Nachdem er sich

mit dem Fahrrad am Wannsee,

mit dem Motorrad in Brandenburg und

mit der Bohrmaschine zuhause

ausgetobt hatte;

Nachdem sich langsam

sein Hintern  von den Berliner Schlaglöchern

sein Magen von der Brandenburger Küche und

seine Schulter vom Schlagbohrerer

erholen,

sitzt er auf den Stufen zum Garten und blinzelt.

 

Ach, was sag ich Garten: Ein kleiner Park ist’s,

wo  struppige Weiden sich im frischen Wind wiegen

und  Vögel  gratis mitschaukeln dürfen.

Wo im Himmel  Jahmarkt ist

und der Garten die Bühne für das immergleiche Stück.

 

Wie im letzten Jahr knipst die große weiße Kastanie ihre tausend Kerzen an,

als hätte ihr niemand von der Trockenheit erzählt, die sie wieder erwartet

als hätte sie die braunen, mottenzerfressen Blätter einfach abgeschüttelt,

schmeißt sie sich einfach wieder in Schale und macht sich schick für die Hummeln,

die nektarbesoffen zwischen den samtgelben Tulpen herumtorkeln.

Aber da passen sie nicht rein.

Die dünne Wiese flickt noch an den Wunden des vergangenen Sommers

und ist mit Taubnesseln wie mit lila Pickeln übersäht.

Bald wird hier wieder das Planschbecken für die Jungs stehen und

vielleicht auch ein Indianerzelt oder eine Slackline.

Werden einfach immer größer, die Kerle.

trotz des ganzen Dramas ihrer Eltern

trotz des Umzugs und dem ganzen Hin und Her

werden sie einfach wieder ins Wasser springen und laut schreien.

 

Wird schon wieder werden.

 

 

 

Denn man sieht nur die im Lichte …

An Schlaf war nicht zu denken. Wir mussten raus auf die Straße, denn wir hatten nur noch diese Nacht. Wie Diebe strichen wir durch die dunklen Winkel unseres Viertels. Lichtscheu duckten wir uns mit unserer Last in die Schatten, die vom schwefelgelben Licht der Gaslaternen nicht vertrieben wurden. Was wir nicht wußten: Wir waren nicht allein.

Als wir unser schmutziges Werk vollendet hatten, graute der Morgen. Was wir getan hatten, würde nicht lange unentdeckt bleiben, deshalb beschlossen wir, uns zu trennen. Ein halbes Jahr hatten wir zusammen gehaust, diskutiert, gekocht, gestritten. Meine Wohnung glich mehr und mehr einer Räuberhöhle. Meine Komplizin war auf ihren Beutezügen erfolgreich. Es gab im Umkreis von zehn Kilometern sicher keine Drogerie, kein Kosmetikgeschäft und keinen Modeladen, den sie nicht geplündert hätte. Das Wertvollste hatte sie in zwei Koffer gestopft, die jetzt bis zum Platzen gefüllt zwischen uns auf dem morgenkalten Bahnsteig standen. Den Rest würde sie holen, versprach sie, wenn wir uns wiedersehen würden – in einem halben Jahr vielleicht, vielleicht schon vorher, versprach sie. Ich wußte, dass sie mich anlog, dass sie sich schon in wenigen Tagen an nichts mehr erinnern würde und sagte ihr trotzdem, dass ich sie liebe. Ich hoffte, dass sie es unentdeckt über die Grenze schaffen würde. Dort würde sie einen neuen Unterschlupf, ein neues Opfer finden und sich dann bald wieder bei Nacht und Nebel aus dem Staub machen. Ich gab ihr bis zum Herbst. Dann würde ich wieder ihre Mutter anrufen müssen, um zu erfahren, wohin sie verschwunden war.
Ein flüchtiger Kuss, ein strahlendes Lächeln, dann schloss sich die Waggontür vor ihr und der Zug nahm sie mit nach Westen – einem neuen Leben entgegen. Mir würden ihre Briefe bleiben, ihre Bücher, die leeren Kleiderbügel.

Es nieselte leicht aus dem grauen Morgenhimmel, als ich den Bahnhof verließ. Ich zog den Schal fester um den Hals und duckte mich in meinen Mantelkragen. Es war ein trostloser Morgen für mich und die Berliner Straßen machten mich nicht fröhlicher. Zertretene Fahrräder an Laternenmasten, weiße, im Regen aufgequollene Matratzen, an Straßenbäume gelehnt, halbe Schlafzimmereinrichtungen, in Teile zerlegt, waren schon immer ein Sinnbild für die Gleichgültigkeit der Bewohner meines heruntergekommenen Viertels. Allein seit gestern Nacht waren wieder drei neue Matratzen dazu gekommen – und diese hässliche Holzpalette, drei Blocks neben meiner Wohnung, die meine Tochter und ich im letzten Herbst mit diebischer Freude von einer Baustelle gefischt hatten und die für die Zeit, in der sie bei mir wohnte ihr Bett war.

Jetzt ist Frühling und etwas Neues fängt an.

 

Ski und Rodel gut

Buam

Warum schreibe ich nicht einfach, dass es schön war? Die paar Tage mit meinen Jungs im Schnee. Die ganze Zeit vor der Reise erwartete ich ein Drama und hatte mir auch schon die passenden Worte zurecht gelegt für meinen Bericht im Blog. Natürlich war ich höllisch aufgeregt, wie vor jeder Reise, aber diesmal besonders, weil ich mir ja auch noch Gedanken machen musste, wie wir gemeinsam eine zweistündige Schneeschuhwanderung überleben könnten, die zu dem Programm gehörte, das ich mit einem anderen Vater in der Jugendherberge Füssen gebucht hatte.
Mal sah ich mich im steif gefrorenen Wehrmachtsmantel im Schneesturm irren, wie einst Clemens Florel in „So weit die Füße tragen“. Mal sah ich uns unter einer Lawine verschüttet, mal die anklagenden Augen meiner Jungs und die blau gefrorenen Kninderfüße vor mir, weil ich nicht die richtigen Schuhe eingepackt hatte. Und auch die darauf folgenden Fieberschübe konnte ich mir aus der jüngsten Erinnerung in den grässlichsten Farben ausmalen.
Und manchmal sah ich gar nichts. Gar keinen Schnee, nur enttäuschte Kindergesichter in einer öden Jugendherberge, weil die weiße Pracht, die mir das Internet versprach natürlich weggetaut sein würde, wenn sich Kafka on the road begibt.

Nun gehe ich ja nicht zum ersten Mal im Winter auf Reisen. Vor ziemlich genau zehn Jahren bin ich mit einem klapprigen russischen Motorrad mit Beiwagen mitten im Februar von Berlin zum Nürburgring in die Eifel geknattert, weil ich einmal dabei sein wollte beim „Elefantentreffen“, bei dem es sich ziemlich verrückte Männer mit ihren dicken Maschinen ein Wochenende im Schnee gemütlich machen. Ich habs geschafft. Noch heute trage ich mit Stolz den roten Elefanten auf meiner Motorradjacke. Und von diesesem Abenteuer weiß ich: „Bevor du frierst, lass alle Würde fahren“. Damals hieß das, dass ich mir ein Schafsfell unter meinen Hintern schnallte, um meine edelsten Teile zu schützen und heute heißt das: Kauf dir endlich eine warme Winterjacke und bitte die Mutter der Zwilinge, den Koffer zu packen. Dann bist du auf der sicheren Seite und kannst dich nachher auch noch beschweren, dass das natürlich alles zu viel war, was sie eingepackt hat.

Und so begann die Reise ins Winterwunderland mit einem riesigen Koffer, vielen Hasenbroten für die Kinder und einer nagelneuen knallroten Daunenjacke für den Vater (damit uns die Hubschrauber der Bergwacht besser finden können). In München hatten wir genug Zeit beim Umsteigen, um noch eine Weißwurst in einem richtigen Wirtshaus zu essen und dann fuhren wir scheinbar endlos durch eine glitzernde, blau weiße sonnenbeschienene Winterlandschaft. Die Jungs holten ihre Pinguine aus ihren Rucksäcken, denn solchen Schnee hatten weder die armen Stadtkinder noch ihre Kuscheltiere je gesehen. Und Pinguine wollen ja in den Schnee. Der Jüngste sagte: „Ich glaube, das träume ich.“

Für die Scheeschuhwanderung im Tal brauchten wir dann vor allem eins: Sonnencreme (auch daran hatte die Mutter gedacht). Die Skihosen und die von mir sorgfältig imprägnierten Winterschuhe hätten wir uns schenken können, denn der pulvrige Tiefschnee fand seinen Weg in die Hosen und Schuhe der Kinder, als sie, hüfthoch versinkend, behände durch die watteweiche Masse jagten oder sich einfach quiekend im Schnee wälzten. Aber es war egal. Was ich nach 20 trüben Berliner Wintern vergessen hatte: Man kann im Schnee laufen, und es kann einem trotzdem warm sein.  Vom Übermut sorglos geworden wagten wir uns auch noch mit klatschnassen Socken mit der Seilbahn ein paar hundert Meter höher und legten uns mit den feschen Snowbordern in die Liegestühle, sonnten uns und ließen uns Milchkaffee bringen.

Was soll ich sagen? Wir haben alles überlebt. Auch das Rodeln am nächsten Tag. Drei Stunden gaben die Jungs Vollgas und rockten danach noch die Jugendherberge. Auch ich schlief in dieser Nacht so gut wie lange nicht.
Also Ski und Rodel gut?
Natürlich nicht! Irgendwo, ich vermute im Außenbecken des Spaßbades, das am letzten Tag auf dem Programm stand, muss ich mir einen Schnupfen geholt haben. Ich, ein Mann Mitte Fünfzig – einen Schnupfen! Ich bin gerade noch so mit dem Leben davon gekommen, aber ich leide jetzt noch. Was tut man nicht alles für seine Kinder?

 

 

 

 

Schwarzbrottourismus

Schwarzbrot

„Was schauen Sie denn so versonnen aus dem Fenster?“, fragt mich die Seminarleiterin. Ich steh mit Mantel und Koffer in dem leeren Schulungsraum, fertig zur Rückfahrt nach Berlin. Die Zeit ist knapp, gleich fährt der Zug, aber ich wollte noch einen letzten Blick durch die Zinnen der mittelalterlichen Gemäuer auf meinen old man river werfen. „Ach, sag ich,  „Ich freu mich nur, dass der Rhein wieder genug Wasser hat.“, und komme mir vor wie ein alter Bauer, der auf den Acker schaut, den er sein Leben lang bestellt hat und den er jetzt anderen überlassen muss.

Ich bin seit langer Zeit mal wieder am Rhein. In einem Weindorf, das wie das Dorf, in dem ich aufgegwachsen bin, davon lebt, so zu tun als wäre hier die Zeit stehen geblieben. Den Touristen, die mit Bussen und weißen Schiffen anlanden, wird eine butzenscheibige, fachwerksatte Wirtschaftswunderseeligkeit geboten. Und in den wenigen Stunden, in denen sie hier sind merken sie nicht, dass die Stadt längst jenseits der Fußgängerzone in das übliche Lidl, Rossmann, Aldi-Gewerbegebiet ausfranst. Aber warum sollten sie sich auch dafür interessieren? Solange es in den Konditoreien Schwarzwälder Kirsch,  Käsesahne und Kaffee im Kännchen gibt ist ihre Welt noch in Ordnung.

Ich bin hierher gekommen um auszuprobieren, ob ich noch so etwas wie Verbundenheit zu dieser Gegend empfinde, aus der ich mich mit 18 auf den Weg gemacht habe. Pflichtschuldig bin ich damals zwei, dreimal im Jahr zurück gekommen, um meine Eltern zu besuchen. Und als meine Tochter in dem Alter war, in dem sie sich gerne verkleidet hat, habe ich sie mit auf die Karnevalsumzüge genommen. Das hat uns beiden Spaß gemacht. Sie bekam ein Funkenmariechenkostüm und wir kennen heute noch alle Karnevalslieder. Abends gings dann mit meiner Schwester zum Manöverball in die Stadthalle. Ich habe damals daraus so eine Art Heimatgefühl für mich konstruiert, das ich nie hatte, als ich dort noch gelebt habe. Aber eigentlich waren wir damals schon  Touristen. Länger als ein Wochenende sind wir nie geblieben. Wir waren Touristen, wie alle andern auch, die am Wochenende mit Köln-Düsseldorfer Schifffahrtsgesellschaft kamen. Aber immer bin ich mindestens ein Mal runter zum Rhein gegangen, um zu sehen, wie es ihm geht, um das Wummern der Schiffsmotoren zu hören und um der Enge des Wohnzimmers meiner Eltern zu entfliehen.

Eilig rattere ich mit meinem Rollkoffer über das Verbundpflaster der Fußgängerzone zum Bahnhof . In einer Bäckerei will ich mir noch ein paar Brötchen für die Reise holen. Hinter der Verkäuferin sehe ich silberne Pakete, wie ich sie noch von unserm Dorfbäcker kenne: Rheinisches Schwarzbrot, von der Bäckersfrau selber in Silberpapier eingepackt und mit einem Gummi zusammengehalten. Das duftet in meinem Koffer nach nach Nachmittagen mit meinem Freund, dessen Mutter das dann abends immer mit Schinken und Majonaise aufgetischt hat, wenn wenn wir vom Steinewerfen am Rhein zurückkamen.  Es duftet noch, als ich es in Berlin auspacke.

 

 

 

K-Pop

„Ich hab Rückenschmerzen!“ klagt meine Tochter und massiert an ihren Schultern herum.

„Rückenschmerzen mit 23, ist ein bisschen früh,“ mahne ich. „Hör auf mit den hochhackigen Schuhen.“

„Papa!“

„Hast du wenigstens Einlagen drin?“

„Hast du mich schon zehn Mal gefragt.“

„Und? Hast du?“

„Du kannst dir nie was merken. Das mit dem K-Pop hast du mich auch schon zehn Mal gefragt. Das spricht man Kaj-Pop, Korean Pop – nicht Kie-Pop.“

„Ich hab halt nicht auf Englisch studiert. Als ich in der Hauptschule angefangen habe, gabs das noch nicht.  Kein Englisch und kein K-Pop.“

Küchentischgespräche. Meine Tochter hat gekocht. Eingekauft und lecker gekocht. Das gab’s selten in den vier Monaten, die sie jetzt bei mir wohnt. Meist bin ich hier für die Versorgung zuständig. Einkaufen, putzen, dreckiges Geschirr aus ihrem Zimmer räumen und lange Haare aus dem Waschbecken holen. Diskussionen kann ich dagegen jeden Abend haben. Heute hatten wir es schon über Satire und Sarkasmus und den Unterschied dazwischen, den erweiterten Berliner Infinitiv (ich hab da was zu stehen) und Feminismus,  die Krankheiten ihrer Freundinnen und dass frau gegen Migräne nix machen kann. Mit meinem über Jahrzehnte angesammelten Halbwissen habe ich keine Chance gegen ihr iPhone, das ihr der Papa zum Studienabschluss geschenkt hat und das sie jedes Mal zückt, wenn sie mir nicht glaubt oder wenn meine Antworten zu seicht sind. Immerhin ist sie fair und hebt anerkennend die Augebraue, wenn der kleine Wunderkasten mir mal Recht gibt.

Ich weiß jetzt, dass ich nicht nur schwerhörig sondern auch gnadenlos vergesslich und begriffsstuzig bin. Und von modernem Feminismus habe ich eh keine Ahnung.  Aber sie hat mich heute bekocht. Und deswegen konter ich heute nicht mit ihrer jugendlichen Wahrnehmungsstörung, die normalerweise volle Mülleimer ebenso übersieht wie die überquellende Leergutkiste und den leeren Kühlschrank.

„Hast gut gekocht,“ lobe ich, „ist sehr lecker.“

„Na ja“, sagt sie verlegen, „ich hätte das Rezept besser mal vorher gelesen. Die Zwiebeln gehören nämlich nicht in das Curry, sondern obendrauf.

„Nein, nein, ist sehr gut, schmeckt besser als beim Inder.“

Ein kurzer Moment des Schweigens, dann steht sie auf, holt tief Luft und sagt: „Also ich hab jetzt eingekauft und gekocht und …. “

„Ich weiß, was jetzt kommt, grinse ich. „Ich bin jetzt dran mit Abwasch.“

Wortlos dreht sie sich um und verschwindet in ihrem Zimmer unter ihrem Kopfhörer.

Nur noch zwei Monate, denke ich traurig, als ich die Töpfe einweiche, dann ist sie weg.

 

 

 

 

„Beginne mit einer Explosion…“

„…und steigere dich dann langsam.“ Das ist angeblich das Rezept, nach dem Hollywood- Blockbuster gedreht werden. Filme, die sich die Menschen anschauen, um ihr wirkliches Leben für eine Weile zu vergessen.

Das wirkliche Leben beginnt nämlich langsam, morgens um drei, wenn mein Jüngster mit kalten Füßen in mein Bett krabbelt und ich schweigend, aber beharrlich beginne,  um meinen Teil der Bettdecke zu kämpfen. Einer der vielen vergeblichen Kämpfe von denen der kommende Tag voll sein wird. Das wird spätestens um sechs klar, wenn die ein Meter breite Matratze dann für vier Kerle reichen muss, von denen einer angeblich der Erziehungsberechtigte ist. Einer gegen Drei, das ist nicht fair. Aber so ist das Leben, das wirkliche. Es klappt einigermaßen, wenn die Burschen gut gelaunt sind. Aber wenn schon beim Frühstück der Übermut so groß ist, dass die startenden Düsenflieger über unserem Haus übertönt werden, dann heißt das nichts Gutes.

Und doch ist es uns am Abend wieder gelungen, den Tag mit seiner Serie von Dreikämpfen (Frühstück-Zähneputzen-Anziehen; Spielplatz-Kinderbauernhof-Bioladen; Schuhe aus- Hände waschen – Abendessen) so weit durchzustehen, dass ich zumindest nicht durch technisches Ko ausgeschieden bin. Die gegnerische Mannschaft hat zumindest so viel Kraft verschwendet, dass die Bratkartoffeln mit Begeisterung begrüßt werden und alle tatsächlich mit den Würstchen warten, bis der Vater den Ketchup aus dem Kühlschrank geholt hat.

Es ist ein Augenblick höchster Konzentration. Vor zwei Wochen hatten die unbedachten Kinderhändchen den Verschluss der Ketchupflasche gelöst, bevor der Vater mit kräftiger Hand mit dem Schütteln des zähen Safts begann. Eine halbe Flasche rote Tunke auf dem Fußboden und ein johlendes, minderjähriges Publikum hatten dem Abend eine unangenehme Wendung gegeben. Die mulitmedial gebildete Jugend hatte augenblicklich alle schadenfrohen Zitate aus „Meister Eder und sein Pumuckl“ parat, die um listig aufgedrehte Wasserhähne, ausgeschüttete Leimtöpfe oder ähnliches kursierten. Der Abend wurde lang.  Und für einen solchen langen Abend wird meine Kraft heute nicht mehr reichen. Immerhin erlebe ich diese Abenteuer in einem Alter, in dem mein Vater die Tage zu seinem Vorruhestand zählte.

Mit sicherer Geste prüfe ich den Verschluss, ziehe ihn noch mal extra fest und schüttele… Alles gut.  Zumindest dieser Abend würde auf dem gewünschten Gleis Richtung Zähneputzen-Sandmännchen-Gute Nacht Geschichte laufen. Aber die Filme aus Hollywood sind doch nicht so weit weg vom Leben, wie ich gedacht hatte. Niemand hatte schließlich gesagt, dass die Explosion am Anfang des Tages passieren muss. Der Film beginnt einfach in dem Moment, an dem irgendetwas in die Luft fliegt.
Und der Moment ist jetzt!
Als ich die Ketchupflasche aufschraube knallt der Verschluss wie ein Champagnerkorken in Richtung Decke. Und hinterdrein, gut aufgeschäumt, eine halbe Flasche fein vergorener Tomatensaft. Augenblicklich weiß ich, welcher Film hier läuft. Es ist ein Splatter-Movie.
Die Küche hat sich in ein Schlachthaus verwandelt, ich mich in einen Zombie und die Kinder sehen schrecklicher aus als vorgestern in ihren Halloween-Kostümen. Immerhin: Niemand ist wirklich verletzt, die Flasche war heil geblieben. Aber für einen optischen Schock hat es gereicht.
Was mich aber am meisten überrascht, ist die Ruhe. Nicht, dass tatsächlich Stille eingekehrt wäre an unserem Küchentisch, im Gegenteil. Es war als hätte ich an einem Kindergeburtstag ein Tischfeuerwerk gezündet. Die mit roten Flecken überzogenen Kinder rezitierten mit sich überschlagenden Stimmen wieder und wieder den Satz schieren Erstaunens, der mir eine Sekunde nach dem Knall entfahren sein muss und den ich hier aus Gründen der Selbstachtung nicht wiedergebe.
Es war die Ruhe in mir, die mich erstaunte. Es war mir völlig klar, dass ich in den nächsten zwei Stunden die kreischende Bande waschen, umziehen und  ins Bett bringen und gleichzeitig die gesamte Küche und alles, was sich darin befand einmal abwaschen musste, wenn ich nicht die nächsten Wochen mit Renovierungsarbeiten oder die Nacht mit immer lauter werdenden Ordnungsrufen im Kinderzimmer verbringen wollte – und es war mir klar, dass ich das tatsächlich schaffen würde.

Es ist jetzt kurz vor zehn, in der  Waschmaschine läuft eine Trommel Kinderkleider mit dem Programm „Intensiv“, die Jungs haben brav ihre Würstchen aufgegessen, das Geschirr abgewaschen und schlafen seit einer Stunde. Ich weiß  jetzt ungefähr, wie sich die Trümmerfrauen gefühlt haben müssen aber weiß noch nicht, ob ich heute Nacht ein Auge zubekommen werde. Doch das ist alles egal:
Ich wollte immer ein Leben leben wie im Film.