Halb gelesen

Beruhigend schäumt die Waschmaschine. Mal nach links, mal nach rechts. Ich könnte ihr stundenlang zuhören. Das Klatschen der Laken in der Trommel, die kurzen Stopps, und immer weiter geht’s. 2einhalb Stunden Beruhigungskonzert für meine Nerven. Viel mehr wird heute nicht passieren.
Ich könnte ja ein gutes Buch lesen. Hab ich aber schon. Heute morgen auf dem Balkon: Navid Kermani, 5 Seiten, die Rede zum 65. Geburtstag des Grundgesetzes. Erbaulich, wie es sich für einen Sonntagmorgen gehört. Warum gehe ich nicht mal wieder in die Kirche?

Neben meinem Bett stapeln sich halbgelesene Bücher. Nichts, was mich wirklich mitreißt. Corona-Unterstützungs-Käufe für meinen Buchladen. Wenigstens den Händler habe ich glücklich gemacht damit. Er hat mir beim Rausgehen die Tür aufgehalten. Natürlich musste es Camus sein: Die Pest. Hatte der Händler einen großen Stapel von aufgetürmt. Fand ich als Schüler großartig: Männer reifen im Angesicht der Katastrofe. Mann wollte ich sein und schicksalschwere Entscheidungen treffen. Die Katastrofen sind ausgeblieben, die Entscheidungen hat das Leben für mich getroffen und das Buch habe ich im Bücherregal im türkischen Café nebenan gegen Juli Zeh „NeuJahr“ eingetauscht. Eine Frechheit, dieses Buch. Musste es in der Hälfte weglegen, weil  die Schilderung verdurstender Kinder in einer spanischen Finca so an die Nieren ging (habs dann doch nicht ausgehalten, nachts um 2 den Rest gelesen und nicht mehr schlafen können). Schlecht schlafen kann ich von alleine. Brauche ich dafür Literatur?
Oder Uwe Timm „Freitisch“. Uwe Timm geht eigentlich immer. Aber das? Alte Männer bramabasieren über ihre wilden Zeiten als Arno Schmidt-Fans. Literatur über Literatur. Hat mich immer schon gelangweilt. Vorsichtig entstaube ich meine Arno-Schmidt-DDR-Erstausgabe, Verlag Volk und Welt 1990. Da war doch mal was. Hatten wir uns nicht bei Schmidt unsere seltsame postpubertäre Gruppensprache in der Berufsschule abgeschaut, oder war das aus der „Titanic“? Ok, unserem Wortführer, der heute noch so spricht, habe ich vergessen zum 60ten zu gratuliern. Seitdem spricht er gar nicht mehr mit mir. Besser so.

Wenn man selber nicht mehr weiter weiß, helfen Freunde. Schenkte mir doch aus blauen Himmel heraus eine Freundin den neuen Roman von Bov Bjerg „Serpentinen“, weil sie wusste, dass ich „Auerhaus“ geliebt hatte und weil sie mich ständig schubst, doch auch mal was über meine Jugend zu schreiben. Aber doch nicht sowas! Wieder muss ein Kind in Lebensgefahr kommen, damit der Autor seine eigene, abgrundtief hoffnungslose Kindheitsgeschichte erzählen kann. Selbstmörder, Gewalt, Alkohol auf der Schwäbischen Alb. War nett gemeint, aber mit 3 kleinen Jungs wird man da empfindlicher.

Und was sagen die Profis? Die sollten doch wenigstens die Überblick haben, was so richtig gut reinläuft in Zeiten wie diesen. Also bei Birgit Böllinger vorbeigeschaut. Sie ist angetan vom „Gesang der Fledermäuse“ Eine Einsiedlerin, im Bund mit Tieren und Natur, löst einen mysteriösen Mord an einem Pelztierhändler. Immerhin von einer Nobelpreisträgerin geschirieben und es kommen keine kleinen Kinder vor. Also nochmal zu meinem Buchhändler gelaufen, der schaut hinter seinem sehr improvisierten Corona-Schutz aus Cellophanfolie in seinen altertümlichen Röhrenbildschirm und rät „Kommt in einem Monat als Taschenbuch, da können Sie warten.“ Und weil das mächtigste Tier, mit dem ich bislang im Bunde stehe, der Sparfuchs ist, willige ich ein. Doch ohne Buch gehe ich nie aus seinem Laden, das weiß der gewiefte Bücherdealer. Mein Blick fällt auf „Das geheime Leben der Bäume“. Ich weiß, Spiegel-Bestseller und keine Literatur. Aber als Einstieg in die Weltflucht das ideale Vehikel. Und Fledermäuse sind mir in Zeiten von Corona echt noch zu gefährlich.

Im falschen Film

And you may find yourself in a beautiful house
With a beautiful wife
And you may ask yourself, well
How did I get here?

Die Verandatür ist offen. Es ist ein warmer Tag mit makellos blauem Himmel. Der automatische Rasenmäher surrt über den millimetergenau gestutzen Rollrasen. Auf dem Rasen spielen drei Jungs. Unsere Jungs. Sie nennen den Rasenmäher „Die Kröte“. Neben mir steht ihre Mutter und fragt mich, ob ich einen Kaffee will. Ich nicke. Die Jungs werfen Flugzeuge aus Styropor mit einer wuchtigen halben Drehung ihrer sehnigen Körper in die Luft. Bausparkassenwerbung.

Die Flieger kommen mit Loopings wieder zurück. Einer landet auf dem Garagendach des Nachbarn. Ein fragender Blick. Ich hole die lange Aluleiter aus dem Keller. Als ich mit der Leiter am Türrahmen anstoße, zuckt die Mutter. Immer bin ich es, der ihrem Idyll eine Schramme verpasst. Vorsichtig prüfe ich das Dach, ich bin nicht sicher, ob es mich trägt. Die Jungs staunen, als ich den Flieger nach unten werfe. Der Papa löst die kleinen Probleme, Mutter kocht im stahlend weißen Eigenheim einen Kaffee.

And you may tell yourself
This is not my beautiful house!
And you may tell yourself
This is not my beautiful wife!

Ich bin nur zu Besuch. Habe mich außer der Reihe selbst eingeladen, weil mir die Zeit zu lang wurde, in denen ich die Jungs nicht sehe. Wir spielen noch eine Runde Pokemon-Karten auf dem Rasen. Dann ist Zeit für’s Bett. Die Schule hat wieder angefangen. Hastig decken wir den Abendbrottisch. Als ich mich mich auf mein Motorrad setze, sind die Jungs schon im Schlafanzug. Sie kommen noch mal an die Tür. „Wir wollen hören, wie du den Motor anmachst.“

You may ask yourself
Where does that highway go to?
And you may ask yourself
Am I right? Am I wrong?
And you may say yourself
„My God! What have I done?“

Die Talking Heads haben wir in den 80ern in Dauerschleife im Kino in der Heidelberger Hauptstraße gesehen. Waren so schön überdreht, die Bühnenshow, die Texte. Jetzt ist das mein Alltag.

Same as it ever was
Same as it ever was
Same as it ever was

 

 

 

 

 

 

 

Dämon Alkohol

Wir haben gekocht. Sitzen am Küchentisch und stochern im Spargelsalat mit Linsen. Meine Idee. „Linsen hatte ich heute schon“, mäkelt die Tochter. Sie hatte sich auf Spargel gefreut. Aber es sind nur ein paar Stangen in der Schüssel. Ich habe mich an das Rezept gehalten. Na ja, einen Versuch war’s wert. Ich versuche das Gute an dem Abend zu sehen: Schön, dass sie da ist. Schön zu hören, dass sie sich wieder um ihre Masterarbeit kümmert. Um das Thema zu wechslen, zeige ihr auf meiner Kamera die Blümchenbilder, die ich im Garten gemacht habe und auf die ich so stolz bin. „Hübsch“, sagt sie. Die Stimmung war schon einmal ausgelassener.
Da fällt mir die kleine Flasche Ouzo ein, den sie mir aus ihrem letzten Griechenlandurlaub mitgebracht hat. Ich trink ja sonst nix, ehrlich, steht schon ein Jahr bei mir rum, aber auf einmal habe ich große Lust auf Schnaps. Ich wedele die Flasche vor ihrer Nase rum. „Willst du einen?“ „Warum nicht?“, kommt es erstaunt zurück. Darf ich die Jugend zum Trinken verführen? Muss ich als Vater nicht Vorbild sein? Wir trinken den Schnaps aus Eierbechern. Was anderes hab ich nicht. Das Zeug ist süß und lecker und ungekühlt. Läuft so rein.
Nach dem zweiten Becher zeige ich ihr den Trick mit dem umgedrehten Objektiv. Sie hatte sich  im letzten Jahr eine alte Kamera gekauft und ein paar Schwarzweißfilme verschossen. So richtig ernst gemeint war es wohl nicht. Eher so ein Trend. Als ich ihr zum Geburtstag einen Belichtungsmesser schenkte, hat sie ihn angeschaut, als wäre es ein Faustkeil. Aber der Trick gefällt ihr. Objektiv abschrauben, umdrehen und vor die Kamera halten – und schon kann man winzige Details ganz groß machen. Unter den Augen meiner Tochter verwandelt sich mein Küchentisch. Abstrakte Formen, zerkratzte Details, wie aus einer alten Fabrik. Die Fotos, die sie knipst könnte man als Deko in ein Vorstadtcafé hängen, oder in einen Club, finde ich und sage es ihr auch. Meine Euphorie ist echt. Sie hat wirklich ein gutes Auge und ich bin beim vierten Eierbecher angelangt. Sie ist auch ganz begeistert, als sie sieht, wie aus der  Spülbürste ein Strahlenkranz wird. Wir sind Künstler – für einen Abend. Sie tippt auf ihrem iPhone rum und überträgt sich die Bilder. „Noch einen Becher?“, frage ich. „Nee,  ich bin noch verabredet. War aber trotzdem schön.“
Zwei Tage später sind wir mit Freunden nach Brandenburg gefahren – zum Spargelessen. Diesmal richtig.

Zwei Mal Kommunion, mit Scharf

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Es war ein Sonntag vor ziemlich genau fünfzig Jahren. Ein Sonntag, den man bei uns „Weißer Sonntag“ nannte. Da lief ich im schwarzen Anzug mit einer dicken Kerze hinter unserem Pastor und neben meinen Mitschülerinnen in Weiß durch die Dorfstraße. Hinter uns lagen Monate des priesterlichen Katechismusunterrichts und viele Testläufe, wie wir einer nach dem anderen zum Altar schreiten sollten, wie wir die Zunge rausstrecken sollten, damit der Pfarrer die geweihte Hostie darauf legen sollte und wie wir in tiefer Versenkung gebeugten Hauptes unter den Augen unserer Eltern zurück zu den knarrenden Holzbänken schreiten sollten.
Vor uns lag die Dorfkirche, was Kleines zum Futtern (immerhin: der Leib Christi) , was Leckeres zum Trinken und ein Fest mit allen Tanten und Onkeln, fettem Buttercremekuchen und: Geschenke! Dafür machten wir ja das alles mit. Leider gab es von den Tanten vor allem Pralinen, nur manchmal einen 10-Mark-Schein und, immerhin, meine erste Uhr und mein erstes eigenes Fahrrad! Metallicblau und mit viel Chrom. Dieses Ritual, diese Bestechung und diese Gewissheit, endlich zu den Großen und Rechtgläubigen zu gehören, hat mich stramm auf Kurs gehalten, bis in die Pubertät. Ich bin brav in die Kirche gegangen, habe Lieder gesungen, die ich nicht verstanden habe und Sünden gebeichtet, die ich nie begangen hatte. Dabeisein ist alles.

Meine Söhne sind jetzt Acht, ungetaufte Heidenkinder und nicht im Schoß der hl. katholischen Kirche wachsen sie auf, sondern, zumindest wenn sie zu ihrem Vater kommen,  in der großen Stadt, die laut und verwirrend für sie ist. Wie kann ich ihnen das Gefühl vermitteln, dass aus sie jetzt schon groß sind und dazu gehören, zu der Welt der Erwachsenen? Am besten ohne lange zu überlegen, aus dem Bauch heraus.

Es ist Sonntag, der letzte Tag der Winterferien. Hinter uns liegen ein paar Tage in Bayern, in denen wir nur mit viel Glück ein paar verschneite Hügel gefunden haben. Es ist Mittag. Vor uns nichts als ein leerer Tisch und ein leerer Kühlschrank. Ich hatte nach zwei mal Umsteigen mit zwei Jungs und einem 20 Kilo schweren Koffer einfach keine Lust mehr, einzukaufen. „Wart ihr schon mal beim Döner?“, frage ich. „Na klar!“, kommt es zurück. „Kennen wir schon!“ Ich glaube den kleinen Großmäulern kein Wort. „Mit Mama? Bestimmt nicht“. Ein, zwei Fangfragen später ist klar: Es ist Zeit, meinen Söhnen die wirkliche Welt des Wedding zu zeigen. „Kommt, wir gehen in die Müllerstraße. Heute gibt es Döner zu Mittag.“ Ungläubige Kindergesichter hellen sich auf: „Echt jetzt? Das dürfen wir jetzt?“ „Ja“, sag ich, „los jetzt, in die Jacken, und vergesst die Mützen nicht, die ich euch zu Weihnachten geschenkt habe.“ Diese Mützen finden sie doof und wollen damit auf keinen Fall gesehen werden. Heute geht es ohne Murren. Mit Triumph und Vorfreude geht es, der Vater mit den Söhnen, die Müllerstraße runter. Wir haben was vor, ein Abenteuer! „Drei Mal Mini-Döner, zwei Mal Kräuter, ein Mal scharf, ohne Zwiebel“, bete ich vor den Augen meiner staunenden Zwillinge das Berliner Evangelium fehlerfrei vor dem Dönermann runter. Sie beobachten das heilige Ritual des Messerschärfens, des Absäbelns und das Grillen der Brote. Ich bin selbst ganz ergriffen. Hat der Dönermann nicht gerade gesagt „Nehmet, und esset alle davon?“, als er die kleinen Fladen über den Tresen reichte?  Nein, er hat gesagt: Die Getränke nehm se sich selbst ausm Kühlschrank.“ ‚Ruhig bleiben. Fanta und Sprite. Jeder darf sich  eine eigene Flasche aus dem großen Kühlschrank holen und trägt sie wie einen Schatz zum Tisch, auf den sie schon Gabeln und Messer gelegt haben. „Das ist Lamm, was ihr da esst“, schocke ich die beiden, die schon mit den Gabeln in den Brottaschen herumpicken. Glauben wollen sie es lieber nicht. Hab ich das mit dem Lamm Gottes geglaubt, damals? Nein, aber es hing ja auch nicht an einem Spieß und war knusprig braun.
So schnell, dass ich nicht gucken kann, haben sich die Jungs die Döner nach Berliner Sitte in die Hand genommen und beißen beherzt zu. Fällt kaum was auf den Boden. Schon fast wie die Großen. „Is nicht zu scharf?“ frage ich. „Nö“ kommt es echt cool (oder crash, wie das immer öfter bei ihnen heißt) von den harten Burschen an der anderen Tischseite. Hallelujah! Es ist vollbracht.
Die Flaschen jonglierend sprinten wir über die sonnige Straße zurück. Zuhause warten noch Geschenke auf sie. Zwei Armbanduhren, es ist das richtige Alter. Ich habe sie vom Roten Kreuz für’s Blutspenden bekommen. „Das ist mein Blut, dass ich für euch…“ Eine katholische Erziehung sitzt doch tiefer, als man denkt.

 

Fast wie Weihnachten

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Gloria in excelsis deo! Lange Zeit sah es so aus, als wäre diese atemberaubend abschüssige Straße unter der fast fertigen neuen Brücke für die S 21, die meinen bisherigen Arbeitsweg abschneidet (die Brücke, nicht die Straße) das einzige Geschenk, das die Stadt Berlin mir zum hl. Fest macht. Und das würde ja eigentlich auch schon reichen, würde ja schon ein Zeichen der Hoffnung sein, weil diese Ersatzstraße tatsächlich fertig wurde, bevor die alte Straße gesperrt wurde. Da hat sich einer mal was gedacht. Hat an die Radfahrer gedacht, die sich sonst über die rumplige Tegler Straße nach Mitte quälten und hat ihnen was Nagelneues, Makelloses hingestellt, wo’s mal ein bisschen flotter wird und der Tag mit einem Jauchzen beginnt.

Aber Berlin kann mehr. Ich meine, für fast eine Milliarde Euro vier Kilometer S-Bahn bauen, das kann man anderswo wahrscheinlich besser und schneller, aber kurz vor Weihnachten auf n Nachmittag noch mal für eine richtige Überraschung sorgen, mal eben das Seelenheil retten, so auf die Schnelle, das geht nur hier.
Lauf ich doch mit meinem Jüngsten durch einen wundervoll stillen vierten Adventsnachmittag, so mehr so aus Verlegenheit und weil der Junge noch mal an die frische Luft muss, in Richtung Kinderbauernhof. Komm am Cafe Stern vorbei, nehm noch einen dieser wunderbaren Kaffees für ein Euro und einen Keks für den Kleinen. Trinke den in Ruhe, obwohl der Besitzer drängelt, weil er auch mal Weihnachten haben will, machen Wettrennen (mit dem Sohnemann, nicht mit dem Besitzer) auf dem Hof der Beuth-Hochschule und schauen uns die ewig gleichen Meerschweinchen, Ponys, Ziegen, Schafe, Gänse an. Füttern verboten. Der Knabe fremdelt beim Animalischen und friert. Noch ein Wettrennen bis zur Ampel. Wer sich auskennt, weiß, dass wir jetzt nur einen Steinwurf von dem epochalen Brückenbauwerk entfernt sind, aber das tut hier nichts zur Sache. Denn wir schnüren in die andere Richtung, der Heimat zu und ich will das junge Herz nicht mit den Abgründen Berliner Bauskandale belasten, schielen noch kurz zum Atze-Kindertheater rüber, weil ein bisschen Kultur wär ja nicht schlecht, so an einem langen Winterabend. Aber mein Junge hat es noch nicht so mit den darstellenden Künsten. Vergangene Weihnacht musste ich das barmende Kind im Foyer des Puppentheaters trösten, nur weil einmal das Krokodil zugebissen hatte. Also noch einmal um die Wette durch den Matsch gerannt. Kommen wir an der evangelischen Kirchenburg an der Seestraße vorbei, an der auf dem Hinweg eifrige Menschen ein Transparent aufhängten „Konzert 17 Uhr“. Hängt immer noch da, jetzt im Halbdunkel. Bin ich neugierig, schau ich aufs Handy. Nur ne halbe Stunde, überrede ich den Jungen , einfach mal reinschauen. Erwarte mir Orgelklang und steifes Gefiedel im leeren Kirchenschiff. Aber siehe: Die Bude ist voller Leben. Heute ist großes Weihnachtssingen, wo ich doch gestern noch, als wir unsern Weihnachtsbaum mit dem Handwagen nach Hause zogen, mit ebenjenem Kinde O Tannenbaum textsicher alle drei Strophen in die ungläubigen Straßen schallte. Der Junge, dem Vater gleich, singt gerne.
Auf der eichenen Kirchenbank liegt das Textheft mit vielen, vielen Liedern, die mein Herz in Schwingung setzen. Ich singe immer gleich von der ersten Strophe mit, die eigentlich dem Kirchenchor gehört, wie die Pfarrerin eindringlich mahnt, hauen doch ab der zweiten Strophe  der infernalische Posaunenchor und routinierte Kirchensänger, die es sonntags mit jeder Orgel aufnehmen können jede Besinnlichkeit in Fetzen. Warum machen die Evangelischen immer so einen Krach? Doch egal, auch wenn es nicht besinnlich ist. So wie ich da sitze und mit dem holden Knaben auf dem Schoß „Ihr Kinderlein kommet“ anstimme wird die Stimme flattrig und die Augen feucht. Nach zwei Stunden Lobpreis treten wir halbtaub auf die ruhig scheinende Straße. Das brave Kind kriegt einen der geliebten Eukalyptusbonbons, beim Vater hilft nichts mehr. Auf dem Heimweg stimmen uns lieblich die Martinshörner der Krankenwagen auf ihrem eiligen Weg zur Charité wieder in den Rhythmus der Großstadt ein. Ich bin reich beschert worden.

 

Fast wie zu Hause

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Das Blöde am Fliegen ist, dass es so schnell geht.

Kaum hab ich mich  wieder darüber eingekriegt, dass der 128er zum Flughafen mal wieder ausgefallen ist und die BVG ne volle Viertelstunde gebraucht hat, um aus dem Depot gleich nebendran am Kutschi einen Ersatzbus zu beschaffen und dass ich, obwohl ich ja eigentlich die Flugzeuge bei mir über der Wohnung an den Rädern packen kann und ich zwei Stunden vor Abflug losgefahren bin, mich in der Security-Schlange noch vordrängeln musste, um dann auch noch in die Sprengstoffkontrolle zu kommen und dass ich dann auf den letzten Drücker ohne Hosengürtel durch die nach billigem Parfüm und Schokolade stinkende Mall zum Gate zu hetzen musste, da bin ich auch schon gelandet.

Gelandet in einem anderen Land, in dem der Flughafen so gebaut ist, dass man mit ein paar Schritten aus der Halle am Busbahnhof ist, wo auch schon ein schicker Reisebus auf mich wartet, mit zwei Chauffeuren, die auch in der Dunkelheit Sonnenbrillen tragen und mich zur Piazzale Roma bringen. Kostet dann allerdings auch nich 2,80 Euro wie zu Hause, sondern gleich acht.

Das Gute an Venedig ist, dass man sich nicht groß an was Neues gewöhnen muss.
Wie zu Hause in Berlin, wo man mit dem 100er Bus, der vom Zoo bis zum Alex alle schönen Sachen abklappert, die die Touristen so sehen wollen, kann man hier das Vaporetto Linie 1 nehmen und den ganzen Canal Grande runterschippern bis zum Markusplatz und weiter. Und wenn man dann morgens früh um achte mit den ganzen schlecht gelaunten Leuten, die auf Arbeit müssen im Fährboot sitzt, dann ist das genau so wie im BVG-Bus. Nur lauter. So ungefähr wie in einem BVG-Bus von vor der Wende bei dem das Getriebe kaputt ist. An jeder Haltestelle haut der Gondoliere erst mal den Rückwärtsgang rein um vom Pier loszukommen und dann macht’s ratsch und dann Vorwärtsgang Vollgas. Wenn das einem zu viel wird, kann man sich raus an die frische Luft setzen. Aber wer macht das schon im November? So was wie die BSR haben die auch hier. Die Müllboote sind schwarz mit einem grünen Streifen und heißen „Veritas“.

Für das, was man zu sehen kriegt, hätte man auch nicht von Berlin weg müssen. Alte, runtergekommene Häuser mit feuchtem Mauerwerk. Haben wir ja auch zu Hause genug von. Fragen sie mal bei der Deutschen Wohnen AG . Nur haben sie hier vergessen den Stuck abzuklopfen. Da gab’s ja in Berlin nach dem Krieg vom Senat eine Prämie für. Hier gab’s das wohl nicht. Aber einigen Palazzos hätte das doch ganz gut getan. Irgendwann hat wohl ein Venediger damit angefangen, so mit Türmchen und gedrehten Säulchen und mit orientalischen Fensterchen. Und man weiß ja wie das ist: Wenn das einer in der Straße hat, wollen die Nachbarn das auch. Und einen dicken Bootssteg vor dem Haus sowieso. Und so ist das jetzt den ganzen Kanal rauf und runter.
Also wenn bei uns ein reicher Russe so ein Zuckerbäckerpalast, sagen wir mal in Charlottenburg an die Spree bauen würde, dann würde man doch sagen: „Reicher Russe,“ würde man sagen,“reicher Russe, das macht man bei uns nicht mehr so. Haste schon mal was von Bauhaus gehört? Nicht das Bauhaus mit den roten Schildern, wo du deine Stuckengel und Barock-Balkons für deine Neureichenvilla kaufst. Nee, das richtige Bauhaus. So „Form follows Function“, weißte?“ „конечно „, würde der reiche Russe sagen. „Wenn du Bauhaus haben willst, hier in Venedig, dann musst du nach Lido fahren. Kanns dir auch auf dem Markusplatz den Dogenpalast anschauen, der sieht aus wie „Karstadt Sport“ am Zoo, gleiches Muster. Und jetzt lass mich in Ruhe.“ „Na klasse,“sag ich, „nachm Lido wollt ich sowieso, weil da meine Tochter studiert. Und die wollt ich ja besuchen.“

Auf dem alten Flughafen auf dem Lido kommen keine Flieger mehr, so wie in Tempelhof. Aber er ist nicht so runtergekommen, sondern frisch renoviert und wirklich wieder schick. Schön weiß und schön ruhig. Draußen edelstes Bauhaus, drinnen Art Deco und ein helles, großzügiges Restaurant. An der Wand vor Kraft strotzende Fliegerbilder aus dem Futurismus. Die wissen, wie sie mich kriegen können, die Italiener.

Gleich nebendran, in einem alten Kloster, brütet meine Tochter über ihren Klausuren.  Das Hochwasser hat an der Uni alles durcheinander gebracht, und so muss sie auch am Wochenende ran. Aber dann ist es vorbei und der Klosterhof füllt sich mit glücklichen Studentinnen. „Was hast du bei der Frage geschrieben?“ „Was haben die bei der letzten Frage gemeint?“ „Ich hatte viel zu wenig Zeit…“ Die gleichen Sachen, die wir uns an der Uni so nach der Klausur gefragt haben – aber hier stellen sie die Fragen in perfektem Englisch. Hauptsache vorbei. Töchterchen sieht mich und strahlt.  „Lass uns hier abhauen,“ sagt sie, „ich hab jetzt Hunger, aber keine Lust auf Mensa.“ „Na prima“, sag ich, „zufällig kenne ich hier ein erstklassiges Restaurant, gleich um die Ecke. Und so sitzen wir bei goldbraunen Kürbis-Gnocci mit leichtem Maronengeschmack im alten Flughafen und sie erzählt mir, wie gefährlich das war mit dem Hochwasser und wie sie trotzdem alles hingekriegt hat. Und dann läd sie mich zum Espresso in ihre Lieblingsbar am Fähranleger ein, da wo alle Studis sich zwischen den Vorlesungen unter die Lastwagenfahrer mischen, die von Festland rüber kommen. Und der Laden heißt doch tatsächlich „Moka Efti“. „Ist ja wie bei uns zu Hause.“, sag ich. War doch so ne Serie im Fernsehn, Babylon Berlin. Kennst du die?“ „Nee,“ sagt sie, ich guck nur Netflix.“

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How to be good

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Wieviel Leid muss der Mensch ertragen können, um die Welt zu retten?

Ich wollte meine Tochter besuchen, die gerade in Venedig studiert. Und ich wollte das so machen, wie ich das immer mache: Da wo ein Zug hinfährt, muss ich nicht hin fliegen. Und die kluge Tochter hat es mir vorgemacht und ist mit dem Nachtzug von München nach Venedig gefahren. Das ist ein Zug, den man im Fahrplan der Deutschen Bahn vergeblich sucht und erst findet, wenn man bei der Österreichischen Bundesbahn nachschaut. Aber immerhin, es gibt ihn. Und ich liebe es, mit dem Nachtzug zu reisen. Reine Nostalgie, ich weiß, aber es ist auch ein gutes Gefühl , dem Klima ein paar Tonnen Kohlendioxid zu ersparen und  auch noch eine dramatische Alpenüberfahrt bei Nacht gratis dazu zu bekommen. Ganz großes Kino!

Doch ich bin zu spät. Der Klimawandel hat nicht nur mein Reiseziel unter Wasser gesetzt, er hat auch den Alpen einen Sturzregen beschert, der die Gleise unterspült hat. Seit Tagen bekomme ich von der ÖBB Nachrichten, die mir Umleitungen und Verspätungen ankündigen. Doch wer bin ich, dass ich mich von solchen Kleinigkeiten von einer Reise abhalten lasse? Mit Zugverspätungen in südlichen Ländern verbinde ich die wunderbarsten Erinnerungen an Zeiten, in denen man noch mit anderen Rucksackreisenden und ein paar Clochards in den Bahnhofshallen übernachten konnte. Aber in der Mail von gestern war eine weiter Warnhinweis: Streik bei der italienischen Trennord. „Viva lo sciopero!“ war ein extra Kapitel in meinem Reiseführer „Anders Reisen Italien“, mit dem ich in den frühen 80ern das Land bereiste. Es lebe der Streik, jawoll! Jeder Streik ein weiterer Schlag in die Fresse des Kapitals. Natürlich waren wir solidarisch mit den Genossen der Eisenbahngewerkschaft. Heute unkt meine sozialdemokratische Kollegin „Da wollen bloß ein paar gut bestallte Bahnbeamte durchsetzen, dass sie weiter mit 58 in Rente gehen können.“ So weit ist es mit der internationalen Solidarität gekommen.

Und ich? Ich muss zugeben, dass die Aussicht auf einem nasskalten norditalienischen Bahnhof Ende November mit ungewissen Aussichten über Stunden hinweg auf meinem Gepäck zu sitzen mich nicht wirklich begeistert. Warum streiken die Kollegen nicht im Sommer?

Also doch fliegen? Als fliegender Streikbrecher und Klimasünder gleichzeitig?
Wer sonst könnte das entscheiden als die Generation, von der wir unsere Erde angeblich nur geborgt haben? Ein paar SMS hin und her und meine Tochter schickt mir eine Verbindung von easyjet, 150 Euro hin und zurück. Und sie sagt mir, dass ich Zusatzgepäck buchen soll. In Venedig braucht man Gummistiefel.

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Uhrmacher

Es gibt so viel schmierige Werbung mit Familienglück in den Weihnachtsbeilagen, die langsam wieder anfangen, die Zeitungen dick zu machen, dass ich fast krank werde davon. Diese Zeitungen, die auf Seite 3 das Schicksal der ärmsten dieser Welt brilliant und einfühlsam beschreiben und dann in der Hochglanz-Magazinbeilage eleganten Designer-Schnick-Schnack für die Münchner Stadtvilla präsentieren. Natürlich auch im redaktionellen Teil. Und auf der Rückseite, in dezentem Schwarz-Weiß gehalten immer wieder Werbung für teure mechanische Armbanduhren. Und man sieht den Mann in den besten Jahren, erfolgreich aber sportlich elegant, mit so einer Schweizer Luxuszwiebel am Handgelenk, wie er seinem wie aus dem Ei gepellten Sohn, den er wahrscheinlich gerade vom Internat abgeholt hat, freundlich und wissend zulächelt. „Eine Patek Phillipe gehört einem nie ganz allein… eigentlich bewahrt man sie nur für die nächste Generation.“
Ist das nicht wunderbar? Das ganze Jahr dem Shareholder Value die letzten Resourcen und das Klima zu opfern, aber von den vielen Talern, die dabei raussspringen sich eine ganz nachhaltige Uhr zu kaufen, die hoffentlich wasserdicht ist, damit Sohnemann später auch in überfluteten Landstrichen weiß, was die Stunde geschlagen hat.
In unserer Familie lief das mit der Übergabe vom Vater auf den Sohn anders.
Vatter war mal wieder auf Tour und Mutter wahrscheinlich im Keller, in der Waschküche. Ich war sechs oder sieben und stromerte durch die leere Wohnung. In der Nachttischschublade meines Vaters fand ich drei goldene Uhren: Für 100 000 unfallfreie Kilometer, für 250 000 unfallfreie Kilometer und für 500 000 unfallfreie Kilometer. Ein goldener Löwe glänzte auf dem Ziffernblatt. Das Markenzeichen der Firma Büssing aus Braunschweig. Der Braunschweiger Löwe eben, der auch auf dem Kühlergrill des LKW prangte, mit dem mich mein Vater ab und zu mitnahm. Die Uhren überzustreifen und den Sandkastenfreunden zu zeigen, war eins. Leider kamen sie aus der Buddelkiste nicht wieder so strahlend heraus, wie ich sie in Erinnerung hatte. Eine hatte ich wohl auch verschenkt. Erstaunlicherweise bekam ich kaum Ärger deswegen. Vielleicht, weil sie schon kaputt waren als ich sie fand, es waren ja eigentlich nur Werbegeschenke, oder weil sich mein Vater aus Armbanduhren nichts machte, weil er in seinem Führerhaus einen Fahrtenschreiber hatte, der präzise jede gefahrene Minute aufzeichnete (und von dem er wusste, wie man ihn manipulieren konnte, um noch mehr Überstunden zu machen), oder vielleicht, weil er schon die Uhr für eine Million unfallfreie Kilometer mit goldenem Flex-Armband am Handgelenk hatte. Es wurde mir verziehen und der Liebe Gott persönlich schenkte mir zur  1. hl. Kommunion eine kleine Junghans mit hellem Zifferblatt und Leuchtziffern, mit denen ich mich stundenlang unter der Bettdecke beschäftigen konnte. Und die Faszination blieb.

Für manche Männer sind Uhren ein Zeichen, das ihren Erfolg im Leben zeigt. Für mich sind sie ein Instrument, Männerherzen zu öffnen. Das geht schöner und subtiler als mit Fußball und Autos oder Alkohol. Als ich nach dem Abitur ein Praktikum auf einer Männerstation machte, hatten meisten Männer ihre Armbanduhren an den Bettgalgen gehängt, um Platz zu schaffen für die Nadeln und Kanülen in ihrem Unterarm. Ein Hinweis auf die schöne Uhr und die Frage, woher sie die denn hätten, und schon erzählten sie eine Lebensgeschichte. Hochzeit, Krieg, der verstorbene Vater… Einmal bekam ich auch von einem jüdischen Patienten eine Lektion fürs Überleben im KZ. Ich hab sie mir gemerkt. Denn damals, als Franz Josef Strauß Bundeskanzler werden wollte, war noch nicht klar, auf welcher Seite des Stacheldrahts wir Langhaarigen und Schmeißfliegen hinterher landen würden. Der Uhren-Trick klappt fast immer. Ob bei garstigen Vorgesetzten oder skeptischen Schwiegervätern und später bei der Arbeit als Journalist war er ein Türöffner zu sehr verschlossenen Quellen. Vielleicht auch, weil die Kerle auf  meiner Seite echte Leidenschaft spürten.

Denn seit den Löwen- und Leuchtziffernerlebnissen war ich auf der Suche nach der idealen Uhr. Sie sollte aussehen wie eine der Löwenuhren meines Vaters, eine Stoppuhr musste sie haben, Wasserdicht musste sie sein und schlagfest (wie die Timex, die in der Fernsehwerbung immer auf einer Faust durch eine Glasscheibe geschlagen wurde). Unerreichbar schienen die berühmten sowjetischen Uhren, die sogar einen eingebauten Wecker haben sollten. Und was die Uhren von James Bond alles konnten…. Keine Frage: Der Besitz der richtigen Uhr war so lebensentscheidend wie der Besitz eines Schweizer Offiziersmessers. Und das Drama meines Lebens spielte sich deswegen bei einem windigen Antiquitätenhändler in einem Kölner Hinterhof ab. Er hatte die Uhr meiner Träume, eine Schweizer Fliegeruhr aus den 40ern, so eine, bei der die gelbliche Leuchtziffernfarbe noch aus radiokativem Material war, also ewig strahlte. Aber ich hatte  die 400 Mark nicht, die er dafür wollte und er war beinhart wie ein Dealer. Eine Woche später hatte ich das Geld, aber die Uhr war weg.

Der Rest meines Lebens hatte seither praktisch nur ein Ziel: Die Suche nach dieser Uhr. Auf jedem Flohmarkt Berlins, auf den Polenmärkten der Nachwendezeit bis nach Sankt Petersburg, wo in den bitteren Jelzin-Jahren Armeechronografen und Pistolen auf dem gleichen Tisch verkauft wurden. Immer wieder kaufte ich eine, immer wieder war ich überzeugt, es wäre jetzt die richtige – und immer wieder wurde ich enttäuscht. Entweder merkte ich, dass doch ein ganz wichtiges Merkmal fehlte oder die alten Dinger gingen einfach kaputt. Was mich wiederum zu endlosen Rettungsveruchen bei skurrilen Uhrmachermeistern oder noblen Schweizer Läden auf der Friedrichsstraße brachte. Man kann nicht nur von Babybäuchen Ultraschalluntersuchungen machen, sondern auch von Uhrwerken. Geht aber nicht auf Krankenkasse.

Eine Zeitlang sah es so aus, als könnte die Liebe meine Krankheit heilen. Als ich meiner Freundin verkündete, dass ich jetzt, um meine Pein zu beenden, mein Sparbuch auflösen wolle, um mir für mehrere tausend Euro eine nagelneue Schweizer Uhr zu kaufen, bangte sie nicht nur um die Zukunft des werdenden Lebens, das sie unter dem Herzen trug, sondern auch um meine geistige Gesundheit.
Und sie tat etwas sehr Kluges.
Sie schenkte mir ein Seminar einer Uhrenmanufaktur, bei dem ich mir selber eine Uhr bauen konnte. War ich bisher am idealen Äußeren der Uhren verzweifelt, konnte vielleicht ein Blick in die wahren Schönheiten, die bekanntlich innen wohnen, mich von meinem Fluch befreien. Und so schraubte ich ein Wochendende unter der strengen Zucht eines Uhrmachermeisters der ehmaligen Bundesbahn an einem filigranen Schweizer Werk herum. Erst auseinanderbauen, dann zusammenbauen, dann kalibieren. Es war ein berauschendes Erlebnis, als ich die Unruh einsetzte und das Werk zu pulsieren begann. Ich war geheilt! Keine andere Uhr sollte mehr mein Herz verstören, als die, die ich selbst geschaffen hatte.
Leider vermag die Kraft der Liebe nichts gegen den Lug und Trug in dieser Welt. Nach ein paar Jahren fing nicht nur die Beziehung an zu knirschen, sondern auch das Uhrwerk. Der letzte Meister der Zeit, den ich aufsuchte sah tatsächlich aus wie Einstein und verkaufte nebenher Comics. Er setzte seine Lupe auf und murmelte etwas von „asiatischen Teilen“, die sich schnell abnutzten. Das war das Ende.

Alles was von meiner Odyssee geblieben ist, ist ein schwarzer Schuhkarton in meinem Schrank, der voll  ist mit kaputten Uhren und vielen vergilbten Reparaturrechnungen, die mit Tinte von feiner Uhrmacherhand geschrieben wurden.
Letztes Wochenende hatte ich vergessen, den Schrank abzuschließen, in dem der Friedhof meiner Träume lagert. Meine Jungs zogen den Karton hervor und hatten großen Spaß mit den Glanzstücken, die mir mal alles bedeutet hatten. Ich holte eine Ahle aus dem Werkzeugkasten und stach in die Armbänder ein Loch, damit sie um die dünnen Handgelenke passen. Ich erklärte ihnen, wie man eine Uhr stellt und wie man sie aufzieht. Als ich sie zurück zu ihrer Mutter brachte prahlten sie mit dem, was sie von Papa gekriegt hatten. Da zog der Älteste, der bei seiner Mutter geblieben war, ein langes Gesicht, was mich natürlich traurig machte. Also streifte ich meine letzte funktionierende Uhr ab, eine Casio, die  mich mal in der Altstadt von Ankara angefunkelt hatte, und band sie ihm ans Handgelenk.

Das Ideale ist, keine Uhr mehr zu haben, aber drei strahlende Jungs.

 

 

 

 

 

Before, in and after the Wedding

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Kindermund

Bin mit meinen Söhnen auf dem Weg zum Fotografen. Der Fotograf, der auch alle Babybilder von ihnen gemacht hat. So Bilder, auf denen man als Paar glücklich lächelnd auf dem kuschligen Schafsfell sitzt und das Baby in die Mitte nimmt. Der Fotograf ist klug, denn er hat seinen Laden direkt neben dem Hochzeitsgeschäft. Zuerst die Hochzeitsfotos, dann die Babybilder. Normalerweise jedenfalls. Bei uns war’s ja anders. Das fällt jetzt auch einem meiner Jungs auf: „Papa, was ist eigentlich Hochzeit?“ fragt er vor dem Schaufenster mit den Rüschenkleidern. „Hochzeit ist“, erwiedere ich unwillg, „wenn Mann und Frau sich sagen, dass sie immer zusammen bleiben möchten.“ Pause. „Hast du deswegen Mama nicht geheiratet, weil du wusstest , dass ihr es nicht miteinander aushaltet?“ Die Frage kommt nicht vorwurfsvoll sondern sachlich. Er versucht sich einen Reim auf das Durcheinander der letzten Jahre zu machen. Was soll ich ihm erzählen? Von all der schönen Zeit, die ihre Mutter und ich hatten, die romantischen Liebeserklärungen, die vielen Reisen, bis…ja bis die Kinder kamen. Nicht eins, sondern gleich zwei auf einmal. Aber das würde ja heißen, dass die Kinder schuld sind. Und das, Lektion 1 für Trennungsseltern, darf man den Kindern nie und niemalsnicht sagen. Haben wir einen Kurs für gemacht. Dafür hat’s nach der Trennug noch gereicht. Außerdem stimmts nicht. Ich habe mir nie vorstellen können, so wie meine Eltern, mein Leben lang mit einer Frau zusammen zu leben. Jetzt hab ich den Salat und drei Kinder und mehr. Und manchmal klappt es so auch ganz gut – so getrennt. „Hm“, antworte ich meinem Sohn, „so ungefähr.“ Mit der Antwort ist er zufrieden, ich auch.

Unter Männern

Nach solchen nervenzehrenden pädagogsischen Herausforderungen suche ich manchmal die Ruhe und Stärkung durch kräftig Speisen. Der Wedding bietet ja nicht nur Restaurants aus aller Welt, sondern auch an, versteckten Ecken, noch deutsches Deftiges. Nix wie rin also. Und im „Fabea“ wird nicht nur deutsche Küche geboten, sondern auch ein deutscher Sammtisch. Vier Männer von Vierzig bis Siebzig am Samstag früh bei Bier und Kümmerling.  Ich studiere die Speisekarte, die so deutsch ist, dass sie sogar in Fraktur gesetzt wurde (übrigens immer in der falschen, aus England stammenden gotischen Typo). Drüben geht’s um Fußball. Und so sehr ich dem Koch danke für seine sublime austro-erotische Kreation 31 „Erdäpfel küssen Eier dazu Gewürzgurke“, entscheide ich mich doch für den Klassiker „Kassler Nackenkamm mit Sauerkraut“. Am Stammtisch sind die Männer inzwischen bei der Verurteilung eines KZ-Aufsehers angelangt („Unmöglich, so was gibt es nur in Deuschland“. „Die DDR-Grenzer, die haben wirklich geschossen, die verurteilt niemand…“) Muss ja nicht stimmen, aber sie sind ja am Stammtisch, da hat jeder Recht. Und überhaupt: Schimpfen die Männer schon längst wieder über den Berliner Senat und die Grünen mit ihren Fahrradwegen, die sich wundern werden…. und so weiter. Was mich freut ist, dass keiner schreit, keiner den Platzhirsch macht,  und dass auch mal ein „kann man ja auch mal so sehen…“ dazwischen kommt. Mein Kassler ist auch schon da, ein ganzer Teller voll, ohne besondere Feinheiten, aber solide. Ich entschuldige mich bei dem armen Schwein, das für meine Gelüste sein Leben lassen musste und gehe beruhigt nach hause, bis ich an einer Litfassäule hängen bleibe:

After the Wedding

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After the Wedding?

Was soll nach dem Wedding schon kommen?

Erstmal kommt der Wedding (schon seit Jahren).

Und dann kommt lange nix.

Lange

Und dann kommt Reineckendorf.

Ein Film über Reineckendorf?

Wie öde ist das denn?

 

Schönet Wochenende noch, wünsch ick Ihnen

 

Lasset die Kindlein

 

Ein grauer, regnerischer Tag in Berlin. Also schnapp ich mir den Fotoapparat und such mir was in meinem Kiez, was Buntes. Muss nicht lange laufen, um mein Thema zu finden. In so ziemlich jeden leerstehenden Laden ist in den letzten zwei-drei Jahren eine Kita eingezogen. Der Kindersegen muss enorm sein. Die Grundschule musste Container aufstellen. Während die Hipster-Cafes schon wieder pleite gehen, und der Montessoriladen seine Pforten für immer geschlossen hat (was da jetzt wohl reinkommt?) boomen die Hinterhofkitas.

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Und wenn die Sonne wieder scheint machen wir weiter mit den neuen Seniorenresidenzen und Pflegestationen, wo die Baby-Boomer meiner Generation so nach und nach versorgt werden….