Die heilige Katrin

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Quelle: Abgeordnetenhaus von Berlin

Wenn  ich nach der Arbeit heim komme und meinen Briefkasten aufmache, habe ich seit Jahren Angst. Angst vor einem Brief meiner Hausverwaltung. Dabei habe ich eigentlich nichts zu befürchten. Ich zahle Monat für Monat brav meine überhöhte Miete und pinkel nicht ins Treppenhaus. Und eigentlich sind die von der Hausverwaltung auch ganz nett. Der Garten wird einigermaßen in Schuss gehalten und wenn was kaputt ist reicht eine Mail und die Handwerker stehen vor der Tür. Und wenn sie mal da sind, haben sie die Order, gleich mal alles zu machen, was zu tun ist.
Als ich mich nach dem Winter wegen der undichten Fenster beschwerte, kamen zwei Wochen später die Schreiner. Und es waren keine gehetzten Billiglöhner aus der Ukraine. Sie kamen im von einer sozialen Einrichtung für behinderte Menschen. Sie  nahmen das Kinderzimmer zwei Tage in Beschlag, bauten in aller Ruhe die Fenster aus und Dichtungen ein, hobelten noch die Türen in der Speisekammer ab und bauten das alte Schloss aus der Wohnungstür. Die gehobelten Holzstellen überpinselten sie mit einer weißen Tünche. Das konnte nicht so bleiben. Eine Mail reichte, und auch die  Maler rückten an. Alter Berliner Handwerkeradel. Sie strichen komplett alle Fenster neu, die Speisekammer und die komplette Wohnungstür in einem modernen, grünlich schimmerenden Schiefergrau. Jetzt sind die Nachbarinnen neidisch.

Wieso also die Angst? Weil  ich vor drei Jahren, gleich nach meinem Einzug die Hausverwaltung auf die gesetzlich zulässige Miete verklagt habe. Und die liegt nach meiner Rechnung 150 Euro unter dem was ich bezahle. Ich habe das nicht über einen Anwalt gemacht, sondern über eine Firma, die sich auf die Berliner Mietpreisbremse spezialisiert hat. Mietright hießen  die damals, inzwischen heißen sie anders. Ich kam mir vor wie Robin Hood. Ich klage, damit die raffgierigen Kapitalisten einen Schlag in die Fresse bekommen und sich nicht mehr trauen, von mir und anderen unverschämte  Mieten zu verlangen. Meine Kollegen wünschen mir schon viel Spaß beim Umzug. Denn eins war klar: Kein Vermieter würde  sich so  was bieten lassen.
Die Legal-Tec-Firm hat sich viel Zeit gelassen mit ihren Schreiben und  der Klage, denn sie verdienen an der zurückgezahlten Miete. Sie sind so eine Art Inkassobüro. Je länger der Prozess dauert, desto mehr Rückzahlung, desto mehr Profit. Ab und zu habe ich angefragt. Seit einem Jahr liegt die Klage bei Gericht und das Damoklesschwert der Kündigung über mir.

Aber dann kam Katrin. Heilige Katrin, Beschützerin der Armen, Fürsprecherin der Witwen und Waisen. Oh Katrin, du raffgierige Senatorin, du Herrin feudaler Günstlingswirtschaft. Gebenedeit seist du unter den Weibern und gebenedeit sei die Frucht deines Geistes. 
Katrin Lompscher, Bausenatorin von der Linken. Sie setzte neben die Mitetpreisbremse den Mietpreisdeckel. Ich weiß nicht, wie sie es geschafft hat. Aber auf jeden Fall scheint das Gesetz Zähne und Klauen zu haben. Denn im Frühjahr kam ein Brief des Vermieters, in dem er mit Schaum vor  dem  Mund gegen das Gesetz wetterte und behauptete, meine Miete sei rechtens. Ich tat nichts, denn ich wollte ihn ja nicht noch mehr reizen. Ja und  gestern lag wieder ein Brief im Kasten. Wieder vom Vermieter, der inzwischen gewechselt hatte, aber gleiche Adresse und wieder mit  Schaum vor dem Mund – und mit einer wundervollen Abrechnung im Anhang. „Baujahr 1930, Wohnlage einfach“ stand darin. Ab Dezember zahle ich sage und Schreibe 246 Euro weniger Miete, ohne dass  ich etwas getan hätte. „Wir werden den verminderten Betrag von ihrem Konto einziehen.“ Wenn das Gesetz die Prüfung vor dem Verfassungsgericht besteht (was bei der Mietpreisbremse  gelungen ist) gilt dieser Betrag für die nächsten fünf Jahre. Fertig.

So müssen Gesetze sein. Vielen Dank, gesegnete Katrin. Ich werde dir gottlosen Kommunistin in der Kirche eine Kerze anzünden. 

Gute Nachbarschaft

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Also die Särjge, die wern ja jetzt vaschweißt. Dit sieht ja nich jut aus, aber die wern ja sowieso vabrannt. Bisher ham wer alle, die mit Corona jeschtorm sin vabrannt.“, lässt mich meine stämmige Nachbarin aus dem Parterre wissen. Und wenn sie schon mal dabei ist, erzählt sie von den Details. Schwierig sei das mit den Angehörigen. Da passen ja jetzt nicht mer so viele in die Kapelle zur Aussegnung. Bei den Orthodoxen sei das ein Problem. Da würden die 50 Plätze nicht reichen. Da wären 200 keine Seltenheit. Da müsse auch mal die Polizei kommen. Ich lass sie reden. Reden von 40 Meter langen Wasserschläuchen, die sie schleppen muss, von Leichen, die „angeliefert“ werden und von ihren Gelenken, die nicht mehr mitmachen. Ich bin so froh, dass sie da ist. Noch vor zwei Stunden war Sie für mich die brummige Alte, die sich beschwerte, wenn die Jungs um 10 abends immer noch in meiner Wohnung rumtoben. Da stand sie einmal vor der Tür und sagte, dass sie Früh um Fünfe raus muss. Aber wach is sie eh schon umd Dreie, das hat sie mir auch schon mal erzählt. Dabei hat es ihre Kundschaft nicht eilig. Sie ist Friedhofsgärtnerin. Und sie ist ein Engel.

Als ich einzog hat mich die alte Hausmeisterswitwe aufgeklärt: Also die da, da brauchen sie nicht denken, dass sie da mit Sachen weiter kommen, die Frauen so gefallen. Die lebt nur für ihre Katzen. Und um den Garten kümmert sie sich. Aber ihren Sohn – der hat da gewohnt wo sie jetzt wohnen – da hat sie selber die Polizei geholt, als der bis in die Nacht gefeiert hat.“ Ich war also gewarnt. Über meiner alten Wohnung gab es auch so eine Frau mit dünnen Nerven. Meine Jungs nannten sie „die Frau mit der Ente“. Den Namen hatte ihr die Großmutter der Kleinen gegeben, damit die Zwillinge keine Angst mehr vor der keifenden Furie hatten, die uns mit Anrufen und nächtlichen Besuchen malträtierte, während wir ratlos vor fieberenden und hustenden Kindern standen. Irgendwann hat sie dann die fiesen Tricks rausgeholt. Abends um sieben stand plötztlich eine Streife vor unserer Tür. „Ein Bewohner des Hauses hat uns einen Verdacht auf Gefährdung des Kindswohls gemeldet. Dürfen wir mal reinkommen?“ Da war gerade eine Stunde vorher einer der Zwilinge aus dem Hochstuhl gekippt und hatte eine dicke Beule am Kopf. Rabeneltern wir. Die Beamtin schaute sich in unserer Wohnung um: Kinder-Chaos, Ein 1 Meter mal 1 fünfzig großer Kunstdruck von Ikea überm Sofa und ein bisschen was Antikes, zusammengwürfelt aus zwei Wohnungen. Modernes Neubürgertum. Für den Wedding, wo über die Hälfte der Kinder von Sozialleistungen leben, muss das ein beruhigendes Ambiente gewesen sein. Unsere Hebamme kam immer zu uns, um sich von dem Elend, was sie sonst den ganzen Tag sah, zu erholen. „Na scheint ja alles in Ordnung zu sein.“, bescheinigte uns die Staatsmacht und verabschiedete sich. Auf die Beule hatten sie gar nicht geschaut. Die Die Frau mit der Ente hat sich danach noch mit ein paar anderen Nachbarn angelegt und musste kurz nach mir ausziehen, nachdem die lauten Nächte mit meinen Zwillingen mir selber die Nerven dünn gemacht hatten.


Seither sind viele Jahre vergangen. Die Sorgenkinder von damals spielen im herbstlichen Hinterhof in milden Sonnenstrahlen. Sie haben mit ihren Taschenmessern ein paar abgebroche Äste durchgesäbelt. Das reicht ihnen, um die Wiese in einen Kampfplatz für das Schwertduell zwischen Prinz John und Robin Hood zu verwandeln. Auch der kleine Bruder darf ausnahmsweise mitmachen. Ich glaube, er ist Brother Tuck. Alles ist wunderbar, wir haben sogar noch Kuchen vom Laternenfest übrig. Alles könnte so schön sein. Aber mir fehlt eine Dosis Koffein. Elende Drogensucht. „Jungs, sage ich, ich gehe mal kurz rüber ins Cafe und hole mir einen Becher Kaffee. Bin gleich wieder da.“ Wir haben das schon oft probiert. Mal 10 Minuten weg sein, zum Einkaufen. Da hatte ich das Handy dabei und den Jungs zu Hause die Telefonnummer eingespeichert. Alles gut. Und weil das so gut lief, schaue ich gar nicht, ob ich das Handy dabei habe. Wird schon gut gehen. Mein letzter Blick fällt auf meinen Sohn, der mit der groben Klinge die Rinde von einem Stock schält. Wir ja wohl nicht gerade jetzt was passieren.
Zum Cafe sind es nur zwei Minuten. Doch vor dem Cafe ist eine Schlange. Junge Menschen mit Mundschutz. Ich hatte Corona vergessen. Und es ist Sonntagnachmittag um vier. Die Kaffee und Kuchen-Tradition scheint über die Generationen hinweg eine der letzten Bastionen der Normalität in diesem Land zu sein.
Es müssen mehr als 10 Minuten gewesen sein, als ich mit dem Kaffeebecher zurück in den Garten komme. „Da bist du ja endlich!“ rufen die Zwillnge vorwurfsvoll. „Wir sind überall rumgelaufenen und haben dich gesucht.“ Und ich sehe das Blut auf dem Anorak des Kleinen und den dicken Pflasterverband um seinen Daumen. Er ist ganz still. Dafür klagen seine Brüder: „Das hat ganz stark geblutet und wir haben im Treppenhaus nach dir gerufen. Ich bin auch in das Cafe gelaufen, aber du warst nicht da. Und dann ist die Haustür zugefallen und ich habe Sturm geklingelt…“ Gefährdung des Kindswohls, kommt es mir durch den Kopf. Ich sollte ein schlechtes Gewissen haben, hab aber keins. Ich nehme den Kleinen auf den Schoß, krame nach Bonbons in meiner Hosentasche. „Frau Lehmann ist dann rausgekommen, und hat ein Pflaster drauf gemacht.“ Obs noch weh tut, frage ich den Kleinen und er schüttelt tapfer den Kopf. Dann schaue ich mir das Pflaster an. Es sieht so aus, wie ein Pflaster, das sich eine Gärnerin um die Finger macht, wenn sie sich mal wieder geschnitten hat: Dickes Hasaplast, drei Mal gewickelt. Ich danke dem Himmel für Frau Lehmann.

„Da hamse aber Glück jehabt, dass ich da war. Ich wollt zum Geburtstag von meinem Neffen. Hab dann aber überlegt, wegen Corona.“ „Und“, frag ich, „ist es tief?“ „Nee, grinst sie, „nur een Kratzer. Aber dickes Pflaster beruhigt doch, oder?  Jetzt schau ich doch ein bisschen betröppelt. „Na“, sagt sie, „das nächsemal nich wegjehn wenn die Taschenmesser draußen sind.“ Ich bedanke mich nochmal. Und dann mache ich mit den Jungs die Fotosafari durch den Hinterhof, die ich ihnen versprochen habe.
Wolln se mal kieckn, was die Kleenen so jesehn ham?

 

Häuserkampf

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Ich liege auf meinem Sofa und genieße die gute Laune und die Ruhe, die sich nach einer Woche Fasten immer bei mir einstellt. Ich hab die Wohnug aufgeräumt, war einkaufen und hab meinen Apfel zum Fastenbrechen gegessen. Heute Abend kommen meine Jungs – das Leben ist schön.
Unter mir jault eine Bohrmaschine. Das ist wahrscheinlich das junge Pärchen, das vor ein paar Wochen in die alte Wohnung der Hausmeistersgattin eingezogen ist. Sie ist vor einem halben Jahr gestorben. Kaum war ihre Leiche kalt, da machte die Tochter, die über mir wohnt, mit ihrem Alki-Mann in der Wohnung ihrer Mutter einen Flohmarkt auf. Sie schickten ihre Kinder an alle Türen „Vielleicht können Sie ja was gebrauchen.“, wurde ich von einem blassen 14-Jährigen mit Tropfenbrille nach unten gebeten. Dort wurde ich von der Tochter mit dem von Nikotin gegerbeten Gesicht und den schlecht schwarz gefärbten Haaren zum Kauf genötigt. Es war schrecklich. Die ganze Baggage samt Enkeln und Schwägern saß im Wohnzimmer und wartete darauf, was sich aus dem mit einem Rauch- und Fettfilm (und wahrscheinlich Leichengift) überzogenen Gerümpel der Mutter wohl herausschlagen ließe. In meiner Familie hat man wenigstens zum Kaffeetrinken nach der Beerdigung gewartet, bis die acht Geschwister, die den Krieg überlebt hatten sich um unserm Opa sein klein Häuschen aufs Blut stritten. Berliner Pietät geht anders.
In den Augen der Tochter stand nicht Träne noch Trauer sondern die traurige Hoffnung auf ein paar mickrige Euro. Um der grausigen Szene zu entgehen kaufte ich schnell zwei schwer hölzerne Barhocker, die bestimmt mal in einer Kneipe standen, einen geflickten Badschrank und einen Fernseher. Für alle  Stücke wurden ganz still freche Preise aufgerufen und handeln kam natürlich im Haus der Toten nicht in Frage. Zumindest nicht für mich. Den Fernseher gab ich später wieder zurück, weil ich gar keinen Fernseher wollte. Mürrisch aber korrekt wurden mir Zwanzig Euro wieder in die Hand gedrückt. Die Barhocker wurden zum Streitobjekt zwischen meinen Jungs. Drei Jungs, zwei Stühle, das geht natürlich nicht gut. Oder war es der Fluch der Toten? Jetzt stehn sie auf dem Balkon.

Nach den Leichenfledderern kamen die Bulgaren. Schweigsame, eingeschüchterte Leute in weißen Arbeitsklamotten. Die schmissen den ganzen Rest in den Container und machten Platz für die traurigen Trockenbauer, die sich wochenlang mit einer Flasche Wasser und ein paar Stullen in die Wohnung einschlossen und das verrauchte Gelass in eine strahlend weiße Berlinder Traumwohnung verwandelten, abgeschliffene Dielen inklusive.
Und an einem Samstagmorgen standen sie dann, verklemmt lächelnd und vorsichtig miteinander tuschelnd vor der Tür: Drei Pärchen, handverlesen, deutsch, Anfang dreißig, berufstätig, keine Kinder. Ich hatte natürlich vorher die Adresse der Wohnungsverwaltung einer türkischen Kollegin gegeben, die ganz verzweifelt eine neue Bleibe in Berlin suchte. Aber sie bekam die offensichtlich gelogene Antwort, dass die Wohnung schon vergeben sei. Jetzt wohnt sie in der Türkenstraße im Wedding. Hatte ich erwähnt, dass es auf unseren Klingelschildern keinen einzigen ausländischen Namen gibt?

Ach, eigenlich sollte ich mich freuen. Endlich mal junge Leute im Haus, ist das nicht schön? Ihr Einzug war wie die Berliner-Pilnser-Werbung im Kino, die ich mal wunderbar fand, die aber langsam nervt, weil es klar ist, dass diese Kerle jetzt die Stadt übernehmen. Junge Kerle, mit Glatze oder Bart, immer ein Bier von einer angesagten Craft-Brauerei in alten Flaschen abgefüllt in der Hand, dazwischen locker die Möbel aus der Studentenbude ins Hochpaterre gewuchtet. Dazu emsige Frauen, stets ein Lächeln im Gesicht. Und im Sonnenuntergang die Bierkisten im Garten hinterm Haus zusammengeschoben und Party gemacht. Das Leben kann so herrlich sein bei 12 Euro kalt und Staffelmiete. Genau so war’s.
Und als mir die neuen Nachbarn neulich vor der Haustür begegneten, war ich es, der sich vorstellen musste. Die Reaktion blieb schmallippig. Und meine Pakete, die die alte Hausmeisterwitwe immer für mich angenommen hat, muss ich mir seither selber bei der Postfiliale abholen.

 

Keine Ruhe in Berlin

BND

Nur raus hier! Raus aus dem Gedrängel zwischen Paketauto und Bierkutscher, zwischen den PS-protzenden Jungtürken und den orientierungslosen Touristenkisten aus NRW. Runter von der lauten und engen Chausseestraße. Zehn Radfahrer hat es dieses Jahr in Berlin schon erwischt. Ich will nicht der nächste sein. Rein in eine ruhige Seitenstraße. Und am besten erst einmal eine Pause und einen Kaffee. Das Café „Du und Ich“ ist zwar nur halb so hip wie die mit den englischen Namen auf der Touristenmeile, aber hier ist Ruhe. Und das brauche ich jetzt.

Es dauert eine Weile, bis die aufgepeitschten Nerven in der Lage sind das Umfeld wahrzunehmen. Und mein Kaffee ist schon fast alle, als ich das Auto sehe. Ein völlig ausgebranntes Auto in einer Parkbucht auf der anderen Straßenseite. Ey, denk ich, Autos abfackeln ist doch schon seit fünf Jahren out. Oder ist das jetzt schon wieder in und ich hab was verpasst? In Berlin wechseln ja die Moden ständig. Und als ich so schaue, merke ich, vor welchem Haus das Wrack steht. Vor der neuen Zentrale des Bösen, dem Bayern-Import aus Pullach: der Zentrale des Bundesnachrichtendienstes. „Zentrum für nachrichtendienstliche Aus- und Fortbildung“ steht mit eisernen Lettern an der Tür. Ach, denke ich mir , so was lernt man jetzt also als Azubi beim BND. Andere feilen im ersten Lehrjahr ein Eisenstück bis es passt und gehen Bier holen. Und die BND-Stifte hier müssen lernen, wie man mal schnell ein Auto abfackelt, ohne sich dabei erwischen zu lassen. Welcher radikalen Gruppe man das später in die Schuhe schiebt, das kommt dann erst im dritten Lehrjahr. So wie das „Celler Loch“, das die Kollegen vom Verfassungsschutz in den Achzigern in eine Gefängnismauer sprengten. Aber das war wohl schon ein richtiges Gesellenstück.

Aber nein, es ist viel schlimmer als ich es mir mit meinen altbackenen Verschwörungstheorien zurecht lege. Denn im Kofferraum des Wracks liegen Flugblätter.

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„Wir bleiben wohnen“ steht da drauf.  Ich sprinte nach Hause, um meine Kamera zu holen und schaue schnell bei Google nach, was es mit dem Brand auf sich hat.

Die Berliner Woche, ein kostenloses Anzeigenblättchen, hat als einzige Zeitung recherchiert und der Angstspeicher in meinem Hirn bekommt ein Update. Wenn ich mich bisher vom allmächtigen Staat bedroht fühlte, weiß ich jetzt, dass heute andere Gruppen die Einschüchterung von wehrhaften Bürgern übernehmen. Das Auto gehörte dem Vorsitzenden einer Mieterinitiative. Die Mieter des schmucklosen Plattenbaus gegenüber dem BND wehren sich seit langem gegen Mieterhöhungen und seit einigen Monaten gegen den Abriss ihres Hauses. Die Hauseigentümer sind Brüder aus einer libanesischen Großfamilie. Diese Familien waren zuletzt in den Schlagzeilen, weil sie sich auf offener Straße bekriegen und erschießen. Und was tut der Senat? Er erteilt den Brüdern, laut Zeitungsbericht, sogar die Abrissgenehmigung für das Haus mit den mutigen Mietern.

Ich weiß nicht, ob es daran liegt, dass ich älter werde. Ich habe nichts mehr gegen einen starken Staat. Aber könnte man nicht die 8000 Mitarbeiter des BND umschulen in Mitarbeiter für Mieterschutz? Ein Weiterbildungszentrum wäre ja schon da.