Auf der Baustelle

Er war schon da, als ich noch nicht da war. Und seit ich da bin war ich nie da. Aber seit ein paar Monaten ist er verschwunden und deswegen habe ich habe ihn endlich gefunden.

„Ist schon komisch“, sagt die Friseurmeisterin mit der roten Petra-Pau-Lookalike-Igelfrisur und bunter Halskette. „Seit das Baugerüst vor unserem Laden ist, haben wir mehr Kundschaft. „Vielleicht weil die Leute langsamer gehen und merken: Da ist ja noch ein Friseur.“, mutmaße ich. Denn genau so ist es mir gegangen. Erst durch den Aufsteller mit dem völlig aus der Zeit gefallenen Plakat auf dem Gehweg bin ich in den Laden gestolpert. Nächstes Wochenende hat mein Ältester Jugendfeier, da muss ich obenrum gut aussehen, weil er mir schon eine handbreit über den Kopf gewachsen ist und ich neben ihm sonst aussehe wie ein grauer Gnom.
„Haare ab?“ fragt die Chefin, als ich meine Mütze an die Garderobe hänge. Die Jacke nimmt sie mir ab, und hängt sie auf einen Bügel mit Kunstlederbezug und Nieten. „Haare ab!“ nicke ich, froh mal nicht nach den Worten suchen zu müssen, die passen, wie es bei den türkischen, kurdischen, arabischen oder vietnamesischen Barbershops in meinem Viertel üblicherweise tue, und trotzdem verstanden zu werden. Die Frau macht sich gleich an die Arbeit und sie gibt mir das Gefühl, dass ich mich jetzt entspannen kann. Ohne zu wissen, was ich erst später erfrage, dass sie Friseurmeisterin ist und dass sie den Laden seit 23 Jahren führt, merke ich an jedem Handgriff, dass hier jemand am Werk ist, die weiß, was sie tut und weiß was ich brauche. Und sie beherrscht die Kunst des unverbindlichen Friseurgeplauders. Nie aufdringlich, nie zu persönlich. Freundlich und respektvoll. Neben mir arbeitet ihr schmaler kleiner Kollege im roten Friseurkittel und schütterem Haar an den eingeschäumten Haaren einer älteren Frau. Sie erzählt wie sie als Kind in den Trümmern der Stadt gespielt hat und dass sie jetzt auf eine goldene Hochzeit eingeladen ist. Altes Deutschland. Ein bisschen ist es wie beim Dorffriseur in meiner Kindheit. Auf dem Bord über den Spiegeln stehen Frisierpuppen und ein Männerkopf mit eingeseiftem Bart. „Haben da ihre Lehrlinge das Rasieren gelernt?“, frage ich. „Ja, aber heute darf man ja nicht mehr nass rasieren. Gesundheitsgefährdung, sagt die Berufsgenossenschaft.“ Ich hake noch mal nach, ob es mit Blut und HIV zu tun hat, aber das ist ihr dann doch zu verbindlich. Statt einer Antwort holt sie den Spiegel und lässt mich meinen frisch frisierten Nacken begutachten. „So gut sah ich lange nicht mehr aus.“, flachse ich und sie nimmt das Kompliment freundlich schweigend entgegen. „18 Euro Fünfzig“.
Im Rausgehen sag ich noch gut gelaunt in den Raum: „Wahrscheinlich merkt wieder keiner, dass ich beim Friseur gewesen bin.“ „Ich geh jeden Tag zum Friseur.“, kontert der kleine Mann am Frisierstuhl, „Und das merkt ooch keener.“ Berliner Schnauze, mal gut gelaunt. Das nächste Mal zahl ich Eintritt.

Nachtschatten

Wie ein Pinselstrich im Gemälde der nächtlichen Stadt.

Vertuscht verschwommen.

Nur einen Augenblick sichtbar

Und doch Teil des Bildes.

Wie ein blitzender Faden auf dem Lichtteppich der Straßen

Unbemerkt und doch da.

Auf einer geraden Bahn auf den nassglänzenden Straßen

die dafür gemacht sind ihn zu tragen

Und doch verloren im Gewirr

Zielstrebig, aber doch an jeder Ecke neu entscheidend.

Zwangsläufig aber doch frei

Not to touch the sky, not to touch the sun. Nothing left to do but run run run…

In der riesigen Kulisse spielt er keine Rolle, aber ohne ihn wäre es ein anderes Stück. Das Theater ist da für ihn und alle andern. Es gibt keinen Dirigenten, aber jeder ist ein Ton in der Großstadtsymphonie. Jede Sekunde eine Uraufführung.

Jeder ist ein Solist und der Star des Abends, solange er dabei ist.

Gracias a la vida

Schön der Reihe nach, oder einfach drauf los? Na, wenn ich mich in meiner Wohnung umschaue gefällt sie mir nach diesem Wochenende wesentlich besser als vorher, nach den zwei Wochen als schweigender Karthäusermönch im Karantäne-Fasten-Homeoffice. Nur ora und labora und nix essen. Und wenn ich in mich rein schaue gefällt es mir da auch wesentlich besser als vor zwei Tagen, als meine Jungs nach drei Wochen das erste Mal wieder zu mir durften. Das Wort glücklich benutze ich selten. Aber vielleicht wäre es mal angebracht.

Nicht, dass es mir vorher schlecht ging. Nach einer Woche Fasten war ich mit mir selbst und der Welt zufrieden. Wenn Mann allen irdischen Genüssen entsagt, stellt sich so eine innere Entschlossenheit ein. Die Frage, ob ich schnell noch einen Kaffee trinken soll, oder etwas esse, bevor ich eine unangenehme Arbeit anpacke, stellt sich einfach nicht mehr. Und auch die Versagensangst ist weg. Was bleibt ist ein ziemlich klarer Blick auf die Welt und eine große Gelassenheit.
Aber irgendwann muss man wieder in den Apfel des Lebens beißen. Und das wörtlich, denn mit einem Apfel beginnt das Fastenbrechen. Und seit Adam und Eva weiß man ja, dass damit der ganze Zirkus wieder losgeht.
Meine Eva steht, wie immer zu spät, am Freitagabend mit dem Kinderrad unterm Arm in meinem Flur und nölt, wer ihr eigentlich das Benzin bezahle dafür, dass sie mir die drei Jungs vorbeibringt. Um wieviel ich ihr denn den Unterhalt kürzen solle, für die zwei Tage, die sie jetzt bei mir sind, geb ich unbeeindruckt zurück. Es ist nach sieben Jahren kein Kampf mehr, nur noch eine Routine und ein Gestus. Sie ist nicht mehr meine Eva, sondern meine Dolores, die Schmerzensreiche, Und ich bin der Dorn in ihrem Fleisch. Das gibt sie mir alle vierzehn Tage mit Bravour zu verstehen. Als ich sie frage, ob sie mit uns einen der Pfannkuchen mit uns essen mag, die ich in der Stunde, die ich auf sie und die Jungs gewartet habe, gebacken habe, nimmt sie erst an, nachdem sie leise erwähnt hat, dass sie den ganzen Tag noch nicht zum Essen gekommen sei. Es ist nicht einfach, alleine mit drei Jungs, nicht einfach von ihrem Vater verlassen worden zu sein, heißt das für mich. Ich danke ihr auch von Herzen, für alles, was sie für unsere Jungs tut, aber ich bin dann doch froh, als ich mit meinen Drei alleine am Tisch sitze.

Drei fröhlich vor sich hin plappernde Jungs also. Nach meinem wochenlangen Eremitendasein ist das wie Besuch vom Mars. Aber eins weiß ich noch: Ich muss sie jetzt, ohne das Wiedersehen lange zu genießen ins Badezimmer bugsieren und dann ins Bett. Es beginnt das beliebte „wer schläft wo?“-Roulette, bei dem es nur eine Regel gibt: Keiner schläft da, wo er hingehört. Am Ende schläft der Kleine in meinem Bett, der ältere Zwilling auf dem roten Sofa und der andere im Hochbett des Jüngsten. Es ist ist 10 Uhr und für mich bleibt das Stockbett der Zwillinge. Aber vorher mache ich die letzte Runde und sehe, dass sich der Kleine am Schlafzimmerboden mit dem Bettzeug ein Lager gebaut hat, wuchte ihn wieder ins Bett und zähle zurück am Küchentisch meine Wirbel. Er wird nächste Woche sechs und ist ein Wonneproppen. Da kommt der Älteste und sagt, er kann nicht schlafen. Ich nehme ihn auf den Schoß und lasse mit ihm den Tag Revue passieren. Dann kommt der Bruder, der immer genau das auch haben muss, was die anderen haben und ich habe auf jedem Bein einen sitzen. Sie gehen zurück in die Betten, diesmal die richtigen, aber ich ahne, dass das noch nicht das Ende ist. Ich versuche mich auf ein Portait über Annalena Baerbock im „Freitag“ zu konzentrieren, gebe nach fünf Minuten auf und gehe ins Kinderzimmer. Zwei Jungs liegen da, die mit leeren Augen ins Dunkle stieren. Das ist nicht schön, aber besser als die andere Variante: Dass die Zwillinge unter einer Bettecke kuscheln und kichern. Das wird dann lange und laut, bis ich die wieder in ihre Betten bekomme. Ob’s beim Einschlafen helfen würde, wenn ich seine Hand nähme, frage ich den, der unten liegt. Oh ja sehr, seufzt er. Kaum hab ich seine Hand in meiner, sind seine Augen zu und er dreht sich zur Seite. Die Hand des Ältesten, der oben liegt, ist angespannt und ich merke, dass er mit irgendwas kämpft. Manchmal macht mir das Sorgen. Sagen kann ich nichts. Aber die Hand ist warm und ich spüre sein Herz schlagen. Vielleicht zehn Minuten stehe ich so, bis er einschläft. Und ich bedanke mich beim Leben, dass ich das erleben darf.