Halb gelesen

Beruhigend schäumt die Waschmaschine. Mal nach links, mal nach rechts. Ich könnte ihr stundenlang zuhören. Das Klatschen der Laken in der Trommel, die kurzen Stopps, und immer weiter geht’s. 2einhalb Stunden Beruhigungskonzert für meine Nerven. Viel mehr wird heute nicht passieren.
Ich könnte ja ein gutes Buch lesen. Hab ich aber schon. Heute morgen auf dem Balkon: Navid Kermani, 5 Seiten, die Rede zum 65. Geburtstag des Grundgesetzes. Erbaulich, wie es sich für einen Sonntagmorgen gehört. Warum gehe ich nicht mal wieder in die Kirche?

Neben meinem Bett stapeln sich halbgelesene Bücher. Nichts, was mich wirklich mitreißt. Corona-Unterstützungs-Käufe für meinen Buchladen. Wenigstens den Händler habe ich glücklich gemacht damit. Er hat mir beim Rausgehen die Tür aufgehalten. Natürlich musste es Camus sein: Die Pest. Hatte der Händler einen großen Stapel von aufgetürmt. Fand ich als Schüler großartig: Männer reifen im Angesicht der Katastrofe. Mann wollte ich sein und schicksalschwere Entscheidungen treffen. Die Katastrofen sind ausgeblieben, die Entscheidungen hat das Leben für mich getroffen und das Buch habe ich im Bücherregal im türkischen Café nebenan gegen Juli Zeh „NeuJahr“ eingetauscht. Eine Frechheit, dieses Buch. Musste es in der Hälfte weglegen, weil  die Schilderung verdurstender Kinder in einer spanischen Finca so an die Nieren ging (habs dann doch nicht ausgehalten, nachts um 2 den Rest gelesen und nicht mehr schlafen können). Schlecht schlafen kann ich von alleine. Brauche ich dafür Literatur?
Oder Uwe Timm „Freitisch“. Uwe Timm geht eigentlich immer. Aber das? Alte Männer bramabasieren über ihre wilden Zeiten als Arno Schmidt-Fans. Literatur über Literatur. Hat mich immer schon gelangweilt. Vorsichtig entstaube ich meine Arno-Schmidt-DDR-Erstausgabe, Verlag Volk und Welt 1990. Da war doch mal was. Hatten wir uns nicht bei Schmidt unsere seltsame postpubertäre Gruppensprache in der Berufsschule abgeschaut, oder war das aus der „Titanic“? Ok, unserem Wortführer, der heute noch so spricht, habe ich vergessen zum 60ten zu gratuliern. Seitdem spricht er gar nicht mehr mit mir. Besser so.

Wenn man selber nicht mehr weiter weiß, helfen Freunde. Schenkte mir doch aus blauen Himmel heraus eine Freundin den neuen Roman von Bov Bjerg „Serpentinen“, weil sie wusste, dass ich „Auerhaus“ geliebt hatte und weil sie mich ständig schubst, doch auch mal was über meine Jugend zu schreiben. Aber doch nicht sowas! Wieder muss ein Kind in Lebensgefahr kommen, damit der Autor seine eigene, abgrundtief hoffnungslose Kindheitsgeschichte erzählen kann. Selbstmörder, Gewalt, Alkohol auf der Schwäbischen Alb. War nett gemeint, aber mit 3 kleinen Jungs wird man da empfindlicher.

Und was sagen die Profis? Die sollten doch wenigstens die Überblick haben, was so richtig gut reinläuft in Zeiten wie diesen. Also bei Birgit Böllinger vorbeigeschaut. Sie ist angetan vom „Gesang der Fledermäuse“ Eine Einsiedlerin, im Bund mit Tieren und Natur, löst einen mysteriösen Mord an einem Pelztierhändler. Immerhin von einer Nobelpreisträgerin geschirieben und es kommen keine kleinen Kinder vor. Also nochmal zu meinem Buchhändler gelaufen, der schaut hinter seinem sehr improvisierten Corona-Schutz aus Cellophanfolie in seinen altertümlichen Röhrenbildschirm und rät „Kommt in einem Monat als Taschenbuch, da können Sie warten.“ Und weil das mächtigste Tier, mit dem ich bislang im Bunde stehe, der Sparfuchs ist, willige ich ein. Doch ohne Buch gehe ich nie aus seinem Laden, das weiß der gewiefte Bücherdealer. Mein Blick fällt auf „Das geheime Leben der Bäume“. Ich weiß, Spiegel-Bestseller und keine Literatur. Aber als Einstieg in die Weltflucht das ideale Vehikel. Und Fledermäuse sind mir in Zeiten von Corona echt noch zu gefährlich.

7 Gedanken zu “Halb gelesen

  1. Schöner Abgesang. Bloß nichts über Fledermäuse! Hier sausen sie mit Klickgeräuschen durch die Gärten zwischen den Häusern. Wenn man sie genau beobachtet trinken sie Wasser im Vorbeiflug aus den von Eltern aufgestellten Kinderpools.

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  2. Oh danke, mich hier als Profi genannt zu finden, adelt ungemein. Die Feldermäuse hat jedoch meine Gastautorin Veronika besprochen, dies nur, damit ich mich nicht mit fremden Federn schmücke.

    Ich bin übrigens behördlich anerkannte Fledermausretterin, nachdem sich im vergangenen Sommer einige in eines unserer Büros verflogen hatten. Die armen Tiere haben so einen schlechten Ruf, dabei sind sie eigentlich von der Natur so interessant konzipiert.

    Nun ja, hilft auch nicht über deine Leseflaute – so Zeiten, gerade jetzt, kenne ich gut.

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  3. Auerhaus hat mir auch sehr gut gefallen, Rolf.
    Bei „Die Modernisierung meiner Mutter“ bin ich jedoch nach der Hälfte abgestorben. Vielleicht darf man von Bov Bjerg nicht zuviel auf einmal lesen 😉
    Kennst du schon von Regina Scheerer „Gott wohnt im Wedding“? Das spielt genau in den Straßenzügen vor meinem Atelier. Ich fand es beeindruckend.

    Ich kenne solche Tage, an denen man nicht so recht weiß, was man will. Ich schlafe dann entweder, mache einen langen Spaziergang oder schaue mir sinnlose Dokus auf arte an. Kennst du die Blow Up Serie auf arte? Die kannst du auf der Mediathek bis zum Abwinken schauen. (https://www.arte.tv/de/videos/RC-014095/blow-up/)

    Bis morgen bei der Jurierung, Grüße von Susanne

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    • Ich hatte es schon in der Hand, da empfahl mir der Buchhändler im „Belle et Triste“ es zuerst mit ihrem Buch „Machandel“ zu versuchen. Ein Epos! das sehr berührt, aber auch seine Längen hat Danach war ich erst einmal bedient.

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  4. Ich kann seit einer Weile kein Gefällt mir bei Dir mehr klicken, ich vermute was Technisches, oder hab ich mal daneben kommentiert und bin gesperrt (Entschuldigung!)?, jedenfalls: Ein schöner Sommerbst-Abend, den Du da teilst, gefällt mir!

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    • Nein, ich hab dich nicht gesperrt und freue mich über deine Kommentare. WordPress ist auch bei mir eine Baustelle. Ich hoffe, ein neuer Computer bringt Besserung.
      Viele schöne Sommerabende wünsche ich dir.

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