Lola

Wandmosaik an der ehemaligen Berufsschule Naumburg/Saale

„I met her in a place down in old Soho where you drink champagne but it just tastes like cherry cola“ (The Kinks, Lola)

Nee, ganz so war es nicht. Es war nicht Soho, es war Wedding, hinterm Bretterzaun von der Baustelle vom U-Bahnhof Seestraße. Da wo es eng wird und wo trotzdem ein paar Stühle und Tische auf dem Gehweg stehen. Und es war auch nicht Champagner und auch nicht Cola sondern Kaffee und Pflaumenkuchen – mit Sahne, bei Thobens Backwaren für 1,95 Euro das Stück. Aber da kam tatsächlich diese Frau..

„She walked up to me and she asked me to dance“. Sie kam direkt auf mich zu, wie ich da so sitze vor dem Bäcker. Sie war ganz in Schwarz von Kopf bis Fuß: Schwarzer Hijab, Schwarzer Umhang, schwarze Turnschuhe und einen schwarzen Hackenporsche hinter sich. Niemand Ungewöhnliches also für die Gegend. Und sie fragte mich, nicht nach einem Tänzchen, natürlich, sondern „Kann ich ihr Geschirr reintragen?“. Das war seltsam. Nicht nur, weil muslimische Frauen in so einem Outfit einen als Mann normalerweise noch nicht mal anschauen und erst recht nicht ansprechen. Nur einmal ist mir das passiert, vor Jahren, als ich den Kinderwagen mit den Zwillingen vor dem Laden des Uhrmachers nicht weit von hier auf der Straße hatte stehen lassen, weil er nicht durch die Tür passte. Da kam eine Frau mit Kopftuch hinter mir her in den Laden und zische mich an: Sie können doch die Kinder nicht alleine draußen stehen lassen, nicht hier in der Gegend.“ Aber das ist eine andere Geschichte. Die Frau hier war anders. Als sie aus dem Backshop wiederkam, stellte sie sich neben mich und fing an zu erzählen.
„I asked her her name and in a dark brown voice she said, „Lola“ Nein,, Lola hieß sie natürlich nicht. Aber ihre Stimme war wirklich sehr dunkel. Und als ich mir sie weiter anschaue, sehe ich, dass auch ihre Hände sehr breit und knochig sind und dass ihr ein Zahn fehlt, ziemlich weit vorne. Aber sie erzählt immer noch und nestelt sich nervös an den silbernen Spangen, die ihr Kopftuch festhalten. Wovon sie erzählt hat weiß ich nicht mehr genau, es war irgendwas mit Äpfeln.

Dann ging sie weiter. Als ich meine Tasse in die Bäckerei zurückbringe frage ich die junge Verkäuferin: „Kennen sie die Dame?“ „Nee“, lacht sie verlegen. „Das habe ich noch nie hier erlebt.“

„Girls will be boys and boys will be girls
It’s a mixed up, muddled up, shook up world.“

The Doors

Eine neue Cique, neue Orte, neue Musik. Das war gar nicht so einfach, mit 17. Aber ich hatte es geschafft. Statt mit der Katholisch Studierenden Jugend, bei denen ich nach den St. Georgs-Pfadfindern sozusagen automatisch gelandet war, nach Taizé zu fahren, wozu mir nach Ansicht unseres Gruppenleiters der rechte Glaube fehlte, saß ich mit ein paar Jungs aus meinem Jahrgang und, vor allem, mit ein paar Mädchen vom benachbarten Mädchengymnasium bei Peter im Zimmer. Und er legte auf. Eine Platte, die mich alle zur Klampfe gesungenen Fahrtenlieder vergessen ließ: The Doors – live. Der hypnotisierende Sound passte zu meinen Haaren, die ich lang wachsen ließ und die Botschaften waren vage genug, um alles mögliche zu bedeuten. „Break on trough to the other side!“ hieß für mich vor allem: Von meinen Eltern weg, Schlafsack packen, in die Dorf-WG in der Eifel umziehen und da das Kiffen ausprobieren. Hat drei Tage gedauert, da stand ich wieder bei meinen Eltern vor der Tür. Vom Kiffen war mir schlecht geworden und Freiheit hatte ich mir anders vorgestellt als endloses Gequatsche auf versifften Matratzen. Und überhaupt. Ich hatte ja gerade erst eine Tür aufgestoßen. War von der Realschule auf das Gymnasium gewechselt. Ich blieb am Boden. „Not to touch the air, not to touch the sun, nothing left to do but run, run, run..“ sang Jim Morrison. Die Vorstellung war mir Rausch genug. Ich machte mein Abitur und lernte was Ordentliches.

Deswegen muss ich mich jetzt um anderer Leute Türen kümmern. Verklemmte Türen, defekte Türen, automatische Türen, die nicht automatisch öffnen und die für manche Menschen ein unüberwindbares Hindernis darstellen, vor allem, wenn sie im Rollstuhl aus der Tiefgarage wollen. „Ist das wieder die Tür zu Haus 1, die nicht aufgeht?“ frage ich den Anrufer. „Nein, die ist repariert worden, aber die Brandschutztür vor dem Aufzug, die hat einen Schnapper, und wenn der eingeschnappt ist, dann öffnet sie sich nicht automatisch.“ Ich blättre durch Schreiben und Mails des letzten halben Jahres, in denen die Techniker versichern, dass sie eine neue Tür bestellt hätten, und dass bis zum soundsovielten die Tür wieder funktioniert. Ich bin skeptisch. Setzte Fristen, mahne an. Ersatzeile können nicht beschafft werden, Zuständige sind in Urlaub, Funktionsprüfungen können noch nicht durchgeführt werden…

Neben meinem Büro rumort es. Das sind die zwei Techniker, die seit einer Woche versuchen eine Tür im Durchgang zur Teeküche einzusetzen. Seit mehr als 20 Jahren nutzen wir diese Büros und erst dieses Jahr ist jemand aufgefallen, dass in dem Gang eine Brandschutztür fehlt. Ich hab meinen neuen Kollegen im Verdacht, der früher Sicherheitsbeauftragter war. Die Tür haben sie schnell eingepasst. Eine massive Tür mit dickem Stahlrahmen. Ich hab gestaunt. Jetzt ist alles gut, dachte ich: Gefahr erkannt, Gefahr gebannt. Bei einem Feuer im Nachbarflur sind wir jetzt sicher und können beruhigt weiter arbeiten. Dann ist jemand aufgefallen, dass die Tür nicht barrierefrei ist. Wir haben auch einen Kollegen im Rollstuhl, der würde die dicke Tür nie alleine aufbekommen. Also wird ein elektrischer Türöffner nachträglich eingebaut. Das Ding funktioniert aber nicht. Seit Wochen. Unsere Hausverwaltung hat uns geraten wegen dem Lärm, den die glücklosen Elektriker bei ihrem ahnungslosen Rumgehämmer produzieren, ins Homeoffice zu wechseln. So lange bleibt die Tür mit einem Holzkeil aufgesperrt. So würden wenigstens nur unsere Akten verbrennen, wenn jetzt ein Kurzschluss am Türöffner die ganze Bude abfackelt.

Ich bleibe tapfer auf meinem Posten. Der Mann im Rollstuhl ruft wieder an. Die alte Tür in Haus 1 sei jetzt auch wieder kaputt. Er müsse bis auf Weiteres aus dem Homeoffice arbeiten, weil es für ihn keinen Weg aus der Tiefgarage mehr gibt. Ich bitte ihn, sich einen Plan seines Hauses zu besorgen, und dort alle klemmenden Türen einzuzeichnen. Den Plan würde ich an den Präsidenten seiner Behörde schicken, nach ganz oben, tröste ich ihn. Ich gehe in die Teeküche, um mir einen Kaffee zu machen, bevor der nächste anruft. Ich sehe den dicken Keil, der die Brandschutztür offen hält und die herunterhängenden Kabel. Vielleicht sollte ich es doch noch mal mit dem Kiffen probieren.

Unglaubliche Begegnung

Wenn man sich Zeit lässt, sieht man was. Ungesehenes, Unglaubliches manchmal. Damit meine ich nicht den Staatsbesuch mit Motorradeskorte, in den ich vor dem Brandenburger Tor hineingeraten bin. Das passiert mir oft, weil das Hotel Adlon auf meinem Arbeitsweg liegt. Aber als ich nach Hause komme, so vor mich hin trödelnd, gar nicht von der Straße weg wollend, noch ein Eis essend (Milch und Honig mit Majoran – hmm!) sehe ich an der Straßenecke einen Wagen von der BSR, der Berliner Stadtreinigung, in den zwei orange Männer herumstehende Einkaufswagen einladen. Das hab ich noch nie gesehen! Die Einkaufswagen vermehren sich in unserer Straße wie die Tauben auf dem Dach. Wer sie da hin stellt und warum, ist mir ein Rätsel, Ich hab auch noch nie jemand gesehen, der mit einem Wagen vom Aldi oder Kaufland um die Ecke zu uns gekommen wäre. Vielleicht ist es ein nächtlicher Sport, vielleicht frühmorgendliche Langeweile. Auf jeden Fall habe ich auch noch nie jemand gesehen, der sie wieder abholt – bis heute. Ob ich von dem einmaligen Ereignis ein Foto machen darf, frage ich die beiden Männer, die gerade mit ihrer Hebebühne nach oben fahren.

Und schon haben die Jungs Lust, ein bisschen zu quatschen. Sonnengebräunt und kahlköpfig und mit schicker Brille der eine, rundlicher und schwarzhaarig der andere. Zeit für eine Zigarette. Ob die Supermärkte die Wagen denn wieder zurück haben wollen?, fange ich das Gespräch an. „Lidl schon, Kaufland auch, aber auch erst seit ein paar Jahren.“ „Die anderen kümmern sich nicht drum, da gehen die Wagen bei uns gleich in die Presse.“, ergänzt sein Kollege. Müll ist ein ergiebiges Thema: Ich höre von einem Haufen aus 250 Autorreifen in der dunklen Straße hinter dem Goethepark, die ein Händler dort abgekippt hat. Es geht weiter zu Asbestplatten am Großmarkt und Kühlschränken, die schneller auf die Straße gestellt werden, als die fleißigen Müllwerker sie abholen können. Manchmal sei der Wagen schon voll, bevor sie an ihren Einsatzort kämen. Ein mal die Woche kämen sie hier im Viertel durch und ich weiß, dass wir nun im Bereich der Sagen und Märchen angelangt sind. „Drei Monate hat es gedauert, bis der Kühlschrank vor unserem Haus abgeholt wurde, den ich dem Ordnungsamt gemeldet habe.“, versuche ich den Realitätscheck. Aber die Männer in Orange kann so schnell nichts aus ihrer „Kurz vor Feierabend-Gute-Laune“ bringen. „Ja im Winter, da müssen wir ja auch noch die Streufahrzeuge fahren.“, kommt es mit einem letzen Zug aus der Zigarette. Erst jetzt fällt mir auf, dass keiner der beiden berlinert hat. Die Kippe wirft der Kahlköpfige auch nicht auf den Boden. Er gibt sie seinem Kollegen, der sie in den Mülleimer auf der anderen Seite bringt. Ich mag Männer mit Manieren und Männer, die ihren Beruf ernst nehmen. Und bevor er sich zum Gehen umdreht, höre ich mich sagen: „Einen schönen Abend noch. Und ich möchte Ihnen einfach mal Danke sagen, für ihre Arbeit.“ Das Lob gefällt ihm. Er nickt und ist schon wieder halb in seinem Wagen verschwunden. Er muss weiter, ich auch. Vor dem Eingang des Nachbarhauses haben zwei Polizeiwagen mit Blaulicht gehalten. Zwei Frauen unterhalten sich mit den Männern in Schwarz. Noch eine Geschichte heute Abend?

Im Königreich Gardinestan

Manchmal möchte ich ja dem Motto meines Blogs wieder Ehre machen. Dann fasse mir ein Herz und gehe durch einer der Türen, die in unserm Viertel immer offen stehen. Und manchmal entdecke ich dabei ein verborgenes Märchenland: Gardinestan! Es hat einen geheimnisvollen Namen. Es liegt gleich neben Babylon und nicht weit weg von den Kabul Nights. Manchmal ist es schwer zu finden, doch nie war es ganz verschwunden. Jetzt ist es wieder in voller Pracht aufgetaucht: Nicht hinter den sieben Bergen, nicht im wilden Kurdistan, sondern wieder in der Müllerstraße im Wedding. Und um seine Bewohner und ihre Schätze zu entdecken, muss man nur durch die neue goldene Pforte treten. Und manchmal trifft man dabei eine orientalische Prinzessin, die keine sein will.

Es ist kein Reich voll Tüll, Taft und Teppichen, auch wenn der orientalische Name etwas anderes vermuten lässt. „Gardinestan“, egal wer sich diesen Namen ausgedacht hat, er hat einen Treffer gelandet. Der markante gold-blaue Schriftzug bevölkert schon lange die Blogs und Instagram-Profile über den Wedding. „Gardinestan“, das klingt wie ein fernes Land, das irgendwo zwischen Afghanistan und Usbekistan an der Seidenstraße liegen könnte, ein geheimes Königreich, aus dem legendäre handgeknüpfte Teppiche kommen. Und gleichzeitig könnte es eine selbstironische Anspielung sein auf das Multi-Kulti im Wedding, auf orientalische Teppichhändler und auf das, was hier wirklich verkauft wird: Schimmernde Fenstervorhänge und – na ja: Gardinen.

„Vielleicht ist es auch nur eine Abkürzung von ‚Gardinenstange'“, vermutet der nüchterne Verkäufer, der mich durch den Laden führt. Er ist durch und durch Händler. „Schauen sie!“, wirbt er für seine Ware. „Das ist ein wirklich lichtdichtes Gewebe.“ Zum Beweis hält er seine Handy-Lampe unter eine Stoffprobe. Der Lichtfleck dringt nicht durch. Zum Vergleich zeigt er mir ein leichter gewebtes Stück: blickdicht, aber nicht lichtdicht. Einen Unterschied, den mir bei IKEA, wo ich bisher meine Vorhänge kaufte, keiner gezeigt hat. Und vielleicht ist diese Expertise und die Leidenschaft für den Stoff das wirklich Exotische an diesem Geschäft: „Gardinestan“ ist das letzte Gardinen-Fachgeschäft an der Müllerstraße. Erst vor Kurzem hat das „Ideal“-Gardinenhaus aufgegeben und die Gardinenabteilung von Karstadt am Leopoldplatz ist seit vergangenem Jahr Geschichte.

Aber um das Königreich hinter den seidigen Stores muss man sich keine Sorgen machen, auch wenn der markante Schriftzug für eine Weile von der Fassade verschwunden war – das Haus wurde renoviert. Denn die Kundschaft kommt nicht nur aus dem Wedding, sondern aus ganz Berlin und Brandenburg, verrät mir Fatih Genc, einer der Inhaber. Deshalb, und wegen des guten Online-Geschäfts, sei man durch die Veränderungen und die Geschäftsschließungen in der Müllerstraße auch nicht zu stark betroffen. Man habe Angebote zwischen 20 Euro und 300 Euro pro Meter Gardine. Damit sei man unter den etwa 60 Gardinenläden in Berlin noch nicht im obersten Preissegment, ergänzt sein Verkäufer eifrig. Im Schnitt werde im Wedding 100 Euro pro Meter ausgegeben. Für seine eigene Zwei-Zimmer-Wohnung habe er 1200 Euro für Gardinen und Vorhänge angelegt, verrät er mir. Teppiche habe man auch, aber eher Zusatzangebot und als Sonderangebot für die Laufkundschaft. Soviel zum Thema Wunschvorstellungen.

Im Hinausgehen versuche ich Aişe Genc, der Tochter von Mitgründer Cengiz Genc, zwischen edlen S-Linien-Gardinen und Lamellen-Rollos doch noch das Geheimnis des magischen Namens zu entlocken. 
Im Handelsregister eintragen ist die Firma als „Jung CFO GmbH“. Der Name sei eine Verbindung der Anfangsbuchstaben der drei Brüder Cengiz, Fatih und Oktay Genc, die das Geschäft gemeinsam führen und der deutschen Übersetzung ihres Nachnamens – Genc heißt jung, verrät Frau Genc. Ein Rätsel gelöst. Bleibt noch das Geheimnis um „Gardinestan“. „Er hat schon was mit Ländern wie Afghanistan zu tun,“, lächelt sie, „obwohl mein Vater und seine beiden Brüder aus der Türkei stammen.“ Ihr Vater habe die Idee gehabt. Mehr verrät sie nicht. Ob sie später mal das Geschäft übernehmen wolle, sozusagen als Kronprinzessin von Gardinestan, frage ich sie. „Nein“, lacht sie. „Ich studiere Bio-Informatik an der FU.“

Zwei Tage im Frieden

Na, ist noch jemand zu Hause? Oder sind alle draußen im Grünen bei dem schönen Wetter?
Also mein Freund und ich waren nach dem Feiertag (ja, Berlin hat die Befreiung von Krieg und Naziherrschaft am 8. Mai mit einem Feiertag begangen) mit dem Rad unterwegs. Von Frankfurt/Oder durchs Schlaubetal nach Eisenhüttenstadt und zurück. Die „Mönchstour“, weil man dabei am Kloster Neuzelle vorbeikommt. Ja, war wieder schön gewesen. Hier ist Brandenburg so ein bisschen wie da wo ich herkomme. Es klappert die Mühle am rauschenden Bach. Die Schlaube ist ein kleiner Bach, an dem früher viele Mühlen und Eisenhämmer betrieben wurden. Heute sind das Biergärten. Wir kehren gleich beim ersten ein, nachdem wir den Schreck am Bahnhof Frankfurt hinter uns haben: Viel Polizei in voller Montur. Grenzkontrollen an der Friedensgrenze zu Polen. Und das auf nüchternen Magen. Wir sind unverdächtig. Und nachdem ich mich bei der Bäckereiverkäuferin, die tapfer das babylonische Sprachgewirr ihrer Kundschaft meistert, mit einer Bockwurst versorgt habe, die so fade, fett und verkocht schmeckt, dass ich mich sofort wohlig in die alte DDR zurückversetzt fühle (noch schlimmer sind nur die, die man in Polen kriegt), suchen wir gleich die erste Gelegenheit, um den Geschmack aus dem Mund zu bekommen. Ist viel passiert hier, seit ich das letzte Mal da war. Neue Fußgängerbrücke, geteerte Fahrradwege und keine Menschen mehr auf den Straßen. Alles leer, auch im Biergarten, der ein Idyll ist. Es klappert.. (siehe oben). Eigentlich ist geschlossen. „Ich kriege ja kein Personal mehr.“, klagt die weißhaarige Mühlenwirtin. „Nur noch Ukrainerinnen, die was schwarz neben dem Bürgergeld verdienen wollen.“ Ob‘s noch ein Bier gebe, fragt mein Freund. „Ein Bier gibt‘s immer.“, ist die joviale Antwort, und schon stehen zwei „Radler“ in schimmernden Glaskrügen vor uns. „Aber den Blütenstaub kann ich nicht auch noch von den Tischen wischen.“
Und heiter gehts weiter. Solange wir uns an die ausgeschilderte Route halten (das Zeichen, dem wir folgen ist ein Mönch, der gemütlich auf seinem Fahrrad schlingert) ist‘s auch wirklich nett, dunkel, üppig und voller Nachtigallen. Aber als wir einmal falsch abbiegen, sind wir wieder in der Brandenburger Wirklichkeit: Staubige, kahle Äcker, leere Dörfer, die aus einem Baumarktkatalog zusammengebaut zu sein scheinen und kläffende Hunde hinter Zäunen. Mir tut mein Knie weh. Unsere Rettungsinsel ist das Kloster Neuzelle. Eine barocke Pracht, die man eher aus Bayern kennt. Geht auch in Brandenburg. Und selbstgebrautes Bier gibt‘s auch: „Schwarzer Abt“. Danach schlingern wir wie der Mönch auf unseren Rädern nach Eisenhüttenstadt, der „ersten sozialistischen Stadt auf deutschem Boden“ – heute das größte Flächendenkmal Europas. Menschenleer, wie die Dörfer drumherum. Aber das Stahlwerk arbeitet noch. Ein Geruch nach Koks und kaltem Kamin, wie ich sie noch aus meiner ersten Berliner Wohnung mit Ofenheizung kenne, liegt schon Kilometer vorher in der Luft. Eigentlich hätten wir stilgerecht im Hotel „Lunik“ absteigen müssen, ehedem das erste Haus am Platze, aber das Lunik ist eine Ruine. Also wird es das Hotel „Berlin“, das einzige Hotel, das es in der Stadt noch gibt. Der Empfang ist solide und herzlich. „Ham‘ ses doch noch jeschafft.“, kumpelt die Empfangsdame, die ich von unterwegs angerufen hatte, weil wir uns ja verfahren hatten. Sie empfiehlt uns das deutsche Restaurant nebenan, in dem es grabesstill ist und nach kaltem Frittenfett riecht. Also gehen wir zum Griechen, gleich unten im Keller. Hier brummt der Laden, Familien mit Kindern feiern (Jugendweihe?) und die Lammkotteletts schmecken wie Schuhsohle. „Nimm Essen mit, du fährst nach Brandenburg.“, singt Reinald Grebe.

Am nächsten Tag, dem Samstag, treffen wir nur nette Menschen in unserem Alter. Ist wirklich so. Keine Ahnung, wo die anderen abgeblieben sind, die Jungen, die Familien, die ganz Alten. Vielleicht interessieren sie sich nicht für das Museum „Utopie und Alltag“, das in einem ehemaligen Kindergarten untergebracht ist. Und eigentlich hat das Museum auch noch zu. Aber ein Herr in unserem Alter steht davor, er ist Maler (hab noch bei Tübke in Frankenhausen das Bauernkriegsfries mitgemalt; 3,50 Meter davon sind von mir…) und Mitglied des Museumsbeirates, der sich früh trifft und nachdem die Computer und die Lichtanlage hochgefahren sind, weist uns eine beflissene Frau in unserem Alter in die Dauer- und die Sonderausstellung (Völkerfreundschaft) ein. Es ist wirklich ein gut kuratiertes Museum über die Alltagskultur der DDR. Es gibt ja einige, in denen nur ein paar Küchengegenstände aus Plaste und ein Schwalbe-Moped in eine Scheune gestellt werden. https://www.utopieundalltag.de/

Als ich nach dem Ausstellungsplakat zur „Fremde Freunde“ frage, kriege ich die Antwort: „Ist aus. Wir drucken das gerade nach. Die waren ganz schnell vergriffen.“ Völkerfreundschaft an der Friedensgrenze? Im Landkreis an der Oder hat die AfD im Februar 39,1 Prozent geholt. Wo sind die ganzen Nazis? Sitzen die alle zu Hause? Auf dem Radweg auf dem Oderdeich treffen wir nur freundliche Leute (unseres Alters) in Funktionskleidung auf Elektrorädern. Einer erklärt mir die Industrieruine, die hinter dem Deich auftaucht: Das war ein Kraftwerk, das die Nazis haben bauen lassen, weil sie hier mitten im Krieg eine große Chemiefabrik errichten wollten. Die Deutschen haben sich hier in den letzten Kriegstagen verschanzt, die Russen haben sie zusammengeschossen, als sie über die Oder sind. War da heute nicht was? Genau: 9. Mai, 80 Jahre Kriegsende. An einem sowjetischen Kriegerdenkmal halten wir an. An Kriegerdenkmälern hat es in Brandenburg keinen Mangel. Aber das ist das einzige, so weit ich mich auskenne, das für sowjetische Matrosen errichtet wurde. „Schwarzmeerflotte, ewiger Ruhm den Helden, die für die Freiheit der Sowjetunion und der Heimat… so weit reicht mein Russisch immer. Sie sind mit ihrem Boot in der Oder ertrunken. Arme Kerle. Auf dem Sockel liegen ein paar kümmerliche Nelkensträuße. Nebendran bietet ein fliegender polnischer Blumenhändler seine Ware an. Mit dem Wort „Schnittblumen“ kann er nichts anfangen. Ich kaufe eine rote Geranie im Topf für 2,50 Euro und stelle sie auf den Stein. Dank euch, ihr Sowjetsoldaten.

Ein paar Kilometer flussabwärts wird es dann richtig konkret mit der Völkerfreundschaft. In Aurith ist heute Deutsch-Polnisches Volksfest. Hier gibt es eine Fähre über die Oder (wenn der Fluss genug Wasser hat) und die Mädchen der „Oderwendischen Volkstanzgruppe“, nicht zu verwechseln mit den Sorben, wie ich belehrt werde, mümmeln Bratwurst vor ihrem Auftritt. „Bei den Polen ist heute noch viel mehr los.“, versucht mich ein EU-gesponserter Tourismusbeauftragter auf die andere Seite zu locken. Aber mein Freund will nach Hause. Immerhin erfahre ich bei der Tourismusinfo auch, dass das „Lunik“ in Eisehüttenstadt wieder aufgebaut wird. Diesen Sommer beginnt es als provisorische Theaterspielstätte. „Sie müssen unbedingt kommen, und unbedingt vorher die Führung durch das „Lunik“ mitmachen!“ charmiert eine Theaterbegeisterte aus Eisenhüttenstadt, die ausnahmsweise nicht in unserem Alter ist. Na, dann muss ich da wohl nochmal hin.

Auf dem Rückweg treffen wir dann doch noch einen Nazi, einen verklemmten. Er kommt auf einem schwarzen BMW-Motorrad mit Beiwagen daher, wie eine Motorradpatroullie der Wehrmacht. Es soll eine BMW R 71 aus Vorkriegsproduktion sein, was er da fährt, aber es ist eine mit versteckten Runen und Frakturbuchstaben umlackierte sowjetische Kopie, eine M72 Molotov. Da kenne ich mich aus. Hatte selber mal so eine, aber in lila!

So ist das mit den Nazis heutzutag: Alles eine russische Kopie.

A Farewell to Yoga #2

Tage drei bis fünf: Ruhig, nicht gut, nicht schlecht. Wenig Yoga und ein gutes Buch (Michael Degen: Es waren nicht alle Mörder, hab ich im Bücherregal hier gefunden). Spazieren gehen und über Vergänglichkeit nachdenken. Schön ist dieser Ort, in seiner bunt zusammengeflickten Einfachheit. Die Barracken aus DDR- Zeiten, die großen alten Bäume, das verfallende Bootshaus am See. Lange geht das hier nicht mehr. Die Betreiber haben es 30 Jahre lang geschafft, Aussteiger, Berliner Yogis, Jugendgruppen und Urlauber mit Wurst auf dem Grill nebeneinander leben zu lassen. Jetzt sind sie alt. Die großen Bäume vor dem Haus, in denen ich bei meinem letzten Fasten im Frühling noch die Hummeln brummen hörte, mussten schon gefällt werden. Es regnete schon immer wenig in den Klapperbergen, jetzt fast gar nicht mehr. Die Hütten sind morsch und im Dorf nebenan hat sich der „König von Deutschland“ versucht breit zu machen (Aber das Volk wehrt sich). Ein Trost ist die Gruppe. Einige kenne ich schon lange, denn ich mache das schon seit 10 Jahren, andere sind neu. Mit einigen kommt man ins Gespräch, andere wollen ihre Ruhe, aber alle sind freundlich und respektvoll zueinander. Alle helfen in der Küche (für Tee, Saft und Fastensuppe). Keiner spricht über seine Arbeit. Alle sprechen übers Essen. 🙂

Sechster Tag: Ich fang jetzt nicht an mit: „Überirdisch schöner Tag!“, oder so. Aber es war schon besonders. Bei vielen in der Gruppe merkte man heute entspannte Gesichter und Theo, mit dem ich gestern auf der Terrasse saß und der mir sein Leben erzählt hatte, meinte, der Tag sei zu schön, um heute mit dem Auto in die Sauna zu fahren. Tatsächlich war alles ganz strahlend hell und der Himmel blitzeblau und die Luft mild. Wir waren beide mit dem Rad angereist. 10 km waren es bis zur Sauna in der alten Mühle, flache Strecke, das konnte ja nicht die Welt sein. Aber unsere Muskeln kriegten keinen Schwung, keine Kraft mehr und der Mund war trocken. Es war eine Quälerei. Und blöderweise kamen mir bei der Schinderei die KZ-Häftlinge in Ravensbrück in den Kopf, die auch ohne was im Bauch Schwerstarbeit leisten mussten. Dieses Gefühl der Schwäche allein ist schon entwürdigend, das kann ich jetzt nachvollziehen. Da braucht es keine Schikane durch die Aufseher mehr. Eine Stunde haben wir über Holperpflaster und Sandpisten, vorbei am leeren Dorf-Konsum, durch die weiß blühenden Strauchalleen bis zur Mühle gebraucht. Aber wir haben es geschafft, ohne stehenzubleiben. Beim Zähne zusammenbeißen bin ich gut, übe ich jede Nacht.
An der Sauna waren schon die Andern, die mit dem Auto gefahren waren, und lobten unseren Heldenmut. Ich war erst einmal so erledigt, dass ich mich draußen auf eine Bank in die Sonne legte, bis das Leben in meinen ausgepumpten Körper zurückkam und sah dann zu, wie einer nach dem anderen aus der Sauna in den eiskalten See sprang. Nachdem ich mir einen kleinen Spaziergang gegönnt und mir Galloway-Kälbchen auf der Wiese angeschaut hatte, war ich wieder soweit, dass ich mich eine Runde in die Sauna trauen konnte. Ich wollte Teil der Vertrautheit sein, die durch den gemeinsamen Saunagang entsteht. Es war gut und die Haut prickelte danach im kalten See. Mutig entschieden wir uns, auch für die Rückreise die Fahrräder zu nehmen, obwohl wir sie hätten ins Auto stellen können. Es lief wunderbar! Neue Kraft, als hätten wir durch die Quälerei eine Barriere durchbrochen. Abends zurück setzte unser Yogalehrer sich zu mir auf der Treppe vor dem Gutshaus. Wir sprachen über Astralkörper. Und ich war sein geduldiger Schüler im goldenen Schein der untergehenden Sonne, die auf seine goldorange Jacke und unsere geröteten Gesichter fiel. Aber ich glaubte ihm kein Wort. Ich habe wirklich versucht ihm zu folgen in die Sphären der Phänomene, die sich nur in Sanskrit ausdrücken lassen, in seinen Glauben, dass Kali-Yuga, die Zeit der Verblendung, schon seit 300 Jahren seinen schlimmsten Punkt überschritten hat…. Aber ich merke, dass ihm dieser Glaube Energie gibt, die Energie, hier 20 Leute ohne etwas zu Essen, nur mit Lächeln, Rumpfbeugen und Mantrasingen eine Woche glücklich zu machen. Und das ist ja nicht Nichts.

Letzter Tag: Oh Gott! Bin ich energiegeladen! Bin seit heute Morgen um sechs Uhr unterwegs. Habe heute früh sogar die „Aufladeübung“ mit dem Lehrer im Freien und bei kaltem Wind hinter mich gebracht. Nach dem Abschied von der Gruppe und der Idylle in der Uckermark heute früh bin ich noch 20 km mit Gegenwind und Gepäck nach Fürstenberg geradelt. Hab wieder meinen Kräutertee im Bahnhofscafe getrunken (und die Frau hinter der Theke hat sich gemerkt, dass ich Honig in den Tee haben will!), habe zu Hause alle meine Sachen gewaschen (beim Fasten riecht man nicht gut), habe ein langes Bad genommen, habe und danach auch noch die Fotos, die großartigen, die ich von jedem und jeder in der Gruppe gemacht habe, sozusagen als Hoffotograf unseres Lehrers, bearbeitet und an die Anderen verschickt. Jetzt ist es 11 Uhr abends und ich komme nicht zur Ruhe. Ich bin biegsam wie ein junger Löwe und habe gerade auch mal keine Schmerzen nirgends. Schön! Ich hab keinen Hunger aber ich will essen. Beim Anblick von Knäckebrot werde ich sehnsüchtig. Aber sind erst die „Aufbautage“. Noch zwei Tage mit Süppchen Salat und Buttermilch, dann darf ich wieder richtig essen. Schlafen kann ich nicht, nicht daran zu denken! Ich mache das Handy an. Wikipedia, Suchbegriff: Yoga. Und da steht alles, alles, was ich bisher nicht verstanden habe. Ganz einfach erklärt. Wenigstens für eine Nacht bin ich erleuchtet – zumindest vom Display meines Smartphones.
Ein Farewell to Yoga, war diese Woche, zumindest von den sportlichen Übungen des  Hatha-Yoga. Aber ein Hallo zu Fasten, zu dieser Gruppe, die ein bisschen meine Familie geworden ist. Alles freiwillig, einmal im Jahr, immer ein paar Neue und immer ein paar Erfahrene. Und ich bin ein Teil davon.

Kleine Rätsel lösen

Natürlich wäre es heute naheliegend, den Untergang unseres Landes wie wir es kennen zu beklagen, die Zustände im allgemeinen und dass in meinem Viertel immer mehr Geschäfte schließen. Außerdem haben wir dieses Jahr die 1,5 Grad-Celsius-Marke (was ist das eigentlich in Fahrenheit?) erreicht und wenn wir das noch ein paar Jahre hintereinander machen, dann können wir uns den Rest sparen und den ganzen Laden dicht machen. Ja, ja.

Aber ich schreibe lieber über was anderes. Etwas, was mir Freude und mich nicht dümmer macht: Ich mag es, wenn sich in meinem Kopf Begriffe verknüpfen. Wenn sich zwischen dem einen enormen Halbwissen, das ich in mehr als 60 Jahren angesammelt habe (nennen wir es mal Erfahrung) und dem anderen enormen Halbwissen aus Büchern, völlig nutzlose Verbindungen ergeben. Als ich vor vielen Jahren eine Freundin in London besuchte, die an einer halbkreisförmigen Straße wohnte, die „Crescent“ hieß ging mir auf einmal wie der Halbmond auf, dass das „Croissant“ deshalb so heißt, weil die französischen Hörnchen einen Halbkreis bilden. Oder wenn ich in Berlin eine Boulette esse und denke: Das waren die Hugenotten in Berlin, die das so genannt haben, wahrscheinlich, während sie Boule spielten. In einigen europäischen Sprachen habe ich ein paar Grundkurse belegt und es freut mich immer, wenn es mir mit ein bisschen Italienisch, Französisch und Spanisch gelingt, eine lateinische Inschrift auf einem Grabstein in irgendeiner Kirche zu enträtseln. Oder mit dem Wissen über die kyrillischen Buchstaben im Russischen in einem griechischen Llidl auf Kreta eine Büchse in die Hand zu nehmen und zu entziffern, dass das, was da in griechischen Buchstaben steht „Crema Galaktika“ heißt und dann mit dem 10% Zeichen und anderen Hinweisen zu verstehen, dass das „Kondensmilch“ ist und dann einen Geistesflash zu kriegen und meinen Freund, der stoisch die H-Milch-Packungen für sein Hippie-Camp in den Wagen läd, mit der Stimme des Erleuchteten anzuhauchen: „Jetzt weiß ich warum Galaxie Galaxie heißt.“ Worauf der schwäbisch trocken und völlig unbeindruckt antwortet: „Wegen der Milchstraße natürlich.“
Wie gesagt: Dieses Wissen ist völlig nutzlos. Weder spreche ich eine der Sprachen einigermaßen ordentlich, noch arbeite ich in einem Bereich, in dem mich das weiter bringt. Es gibt bei Umberto Eco in „Der Name der Rose“ einen Mönch namens Salvatore, der alle Sprachen des damaligen Abendlandes spricht, nur leider alle durcheinander, so dass ihn keiner mehr versteht.
Aber ich brauche keine fremden Sprachen, um in meinem Hirn Verwirrung zu stiften. Mein neuster Spleen ist Sütterlin (reimt sich). In Jüterbog fiel mir im Heimatmuseum eine Anleitung für die alte Schreibschrift in die Hände, die ich noch in der Schule gelernt, aber wieder vergessen hatte. Jetzt schreibe ich mit kratziger Feder die Buchstaben auf, die heute keiner mehr braucht und kann Stunden damit verbringen, die krakeligen Briefe von Schiller zu entziffern, die ich im Netz finde (aber nur, wenn ich eine Übersetzung dabei habe). Natürlich träume ich davon, dass irgendwann der Moment kommt, an dem ich, wie der Gelehrte bei Indiana Jones, plötzlich in einem alten Tempel stehe und der einzige bin, der die alten Schriftzeichen entzifferen kann und die vergessenen Formeln kenne, um die Tore zur Schatzkammer zu öffnen, oder die Welt vor dem Untergang zu retten. Aber meistens bin ich in solchen Situationen viel zu aufgeregt, um eine Entscheidung zu treffen. Als wir in Kapadokien waren und auf dem Rückweg mit unserem Leihwagen hektisch zum Flughafen in Ankara jagten, hatte ich mir genug Türkisch beigebracht um zu wissen, dass „Yol“ der Weg heißt (gibt auch einen Film, der so heißt. Und „Bal“ heißt Honig, auch ein toller Film. Leider gibt es keinen türkischen Film der „Nein“ heißt. Das vergesse ich nämlich immer). Und die türkische Luftfahrtgesellschaft heißt „Türk Hava Yollari“, also müsste Flughafen etwas mit „Hava“ sein, sagte ich meiner Freundin, die am Steuer war. Das blöde war, dass es in Ankara zwei Flughäfen gibt. Und der große heißt natürlich „Atatürk“, (was ich nicht wusste, aber mir hätte denken können. Aber solche Erkenntnisse kommen mir nur dann, wenn ich sie nicht brauche.). Und nur der kleine wird mit Havalimanı, also Flughafen, auf den Autobahnschildern angegeben. Im letzten Moment riss die Frau am Steuer, der meine Rabulistik auf die Nerven ging und die sich lieber an der Größe der Schilder orientierte, das Steuer in Richtung Esimboga um, wo der Atatürk-Flughafen liegt und wir kriegten unseren Flieger in der letzen Minute.
Aber Kreuzworträtsel kann ich mit meinen Fähigkeiten prima ausfüllen.

Berliner Botanik

Ist eine Ärztin in meiner Leserschaft, oder wenigstens ein Botaniker? Bitte melden sie sich schnell. Es geht um Leben und Tod. Kalter Schweiß steht mir auf der Stirn und im Bauch ist mir blümerant.

Frau Doktor, nach einer harten Arbeitswoche ging ich Waldbaden. Soll man jetzt ja so machen. Ich ging also nur im Park so für mich hin, nach schmackhaften Früchten stand mir der Sinn. Ich kam an einem Baum, nein eher einem Strauch vorbei, der mich mit roten Beeren lockte. Sie müssen wissen, dass ich bei den Pfadfindern war und gelernt habe, im Wald Essbares zu finden. Bucheckern, Brombeeren, Blaubeeren, kaum gesehen wandert es in meinen Mund. Sogar Sauerampfer weiß ich im Sommer zu genießen. Meine Kinder denken, ich bin ein Pferd. Aber als Pfadfinder hab ich natürlich gelernt: Iss nie etwas, was du nicht kennst. Von Pilzen lasse ich die Finger. Von Vogelbeeren auch. Aber diese roten Dinger, sehen die nicht aus wie Kirschen? Oder sehen Kirschen nicht irgendwie anders aus? So mit Zacken an den Blättern?

Und ich weiß nicht wie’s passiert ist, schon hab ich so ein Ding im Mund. Nicht schlecht, ein bisschen sauer, Kern in der Mitte. Doch eine Kirsche? Aber ist die Kirschenzeit nicht schon vorbei? Wer weiß das heutzutage noch , wo es alles zu jeder Zeit im Supermarkt gibt? Das war doch jetzt nicht schlimm, oder? Ich meine, das ist doch ein öffentlicher Park, da darf doch gar nichts Giftiges wachsen. Da passt doch einer drauf auf, schon wegen der Kinder, so von Amts wegen? So richtig glaube ich das aber nicht mehr. Ehrlich gesagt, glaube ich, dass sich die Berliner Grünflächenämter in die ewigen Ferien verabschiedet haben, wenn ich so in die Botanik schaue und sehe wie alles zuwächst.

Jetzt weiß ich nicht was ich tun soll. Klatschnass bin ich, was nicht daran liegen kann dass es nach dem letzten Schauer im heißen Park dampft wie im Urwald und dass ich eine Jacke anhabe, weils ja eben noch geregnet hat. Um es kann auch nicht am Schwedenbecher liegen, den ich im Eiscafe mit extra Eierlikör bestellt habe. Ach sie wissen nicht was ein Schwedenbecher ist? Ist auch egal. Irgendwas stimmt nicht mit mir. Bitte melden Sie sich schnell….

Dornröschen und der böse Lindemann

Wir fahren tapfer mit dem Rad von Leipzig nach Berlin. Durch Sachsen und Brandenburg. Es gibt viel Schönes zu sehen und viel Trauriges.

Und natürlich blühende Landschaften!

Als wir Wandervögel die blaue Blume gefunden haben, finden wir auch das Ende des Regenbogens.

Das Trostlose dieser Welt verschwindet. Und am Ende des Regenbogens steht das Haus am See.

Wir lassen uns hineinziehen in den zugewucherten Park und stehen bald vor einem echten Traumschloss.

Da kommt schon der Wächter des Schlosses (mit Ölkanne und Akkuschrauber). Er hat seinen Kafka nicht gelesen und weiß nicht, dass er uns abweisen muss. Er öffnet uns die Tür…

Das Schloss schläft seit dreißig Jahren.

Viele Stunden sind wir im Banne des Kastellans. Unglaubliches erzählt er in seiner unglaublichen Sprache. Über viele hundert Jahre spannt er den Bogen. Vom starken August bis zum magischen Investor, der hier alles bestimmt. Bis er uns endlich von dem Geist erzählt, der in diesen Mauern haust. Es ist ein Geist aus der Zeit des gottlosen Sozialismus. Es ist der Geist von Werner Lindemann, der vor sechzig Jahren, als sich das Haus „Kulturhaus“ nannte, der Herr des Schlosses war.

Und nur sein böser Sohn Till, ein berühmter Geisterbeschwörer, kann das Schloss von seinem Fluch befreien und es zu neuem Leben erwecken. Aber wo ist das Dornröschen, das er wach küssen könnte?

Dornröschen ist abgehauen. Wir sehen sie an der nächsten Bahnstation. Sie hat den bösen Till schon getroffen. Geküsst hat sie ihn dabei hoffentlich nicht…

This little light of mine

Ich weiß, es klingt albern, aber ich habe das Licht gesehen. Ein Licht in der Dunkelheit. Es kam, als ich es am wenigsten erwartet habe. So wie das immer versprochen wird. Das klingt nach Christen-Kitsch, nach baptistischen Erweckungserlebnis, nach der Szene in „Blues Brothers“, als das Licht in Strömen durch das Kirchendach auf den Erleuchteten fällt. So war es natürlich nicht, es war anders. Aber es ist wahr. Ich habe ja schon einiges ausprobiert in den letzten Jahrzehnten um die Grenzen meines Bewusstseins etwas zu erweitern, oder zumindest etwas Seelenfrieden zu finden. Ich habe mit Qui Gong angefangen. Aber das Licht war nicht beim Qui Gong. Ich habe viele Jahre Yoga gemacht, aber das Licht war nicht beim Yoga. Ich habe gefastet, aber das Licht kam nicht durch das Fasten. Ich habe gefastet und Yoga gemacht. Das hat mir einen unglaublichen Kick gegeben, aber erleuchtet hat es mich auch nicht und die Ankunft in der Wirklichkeit war hart. Ich habe auch Bücher gelesen wie man Motorradfahren und Zen-Praxis verbindet. Und tatsächlich denkt man an nichts, wenn man einen Alpenpass hinauf fährt, außer an die nächste Serpentine. Aber irgendwann ist auch der höchste Pass erreicht, und dann geht’s wieder runter. Mantrasingen ist auch nicht schlecht. In einem Kreis stehen, in einem nur von Kerzen erleuchteten Raum und gemeinsam „Im Dunkel der Nacht“ singen, da passiert was, da hebt es die Decke, da fühlt es sich an, als würde ein Energiestrahl bis ins All fliegen. Seitdem mag ich gregorianische Choräle und romanische Kirchen. Aber es ward kein Licht. Es gab noch ein paar Versuche mit Karate, Tantra, schamanischen Trommmelritualen, Gospelsingen und irgendwelche Übungen zu Sonnenaufgang auf einem taunassen Hügel über dem Oderbruch. Alles nicht schlecht. Irgendwann habe ich es aufgegeben. Das Spirituelle und ich sind keine Freunde geworden. Mir fehlt wohl die Disziplin, oder die Verzweiflung an der Welt hat sich etwas gelegt. Ich finde in der begrenzten menschlichen Realität inzwischen auch einiges, was mich freut und mich am Leben hält. Geblieben sind ein paar Atemübungen, die ich praktiziere, wenn ich nachts um zwei immer noch nicht schlafen kann. Also ziemlich oft. Aber dazu habe ich auch nicht immer Lust. Und deshalb nehme ich oft die bequemere Methode und schleiche zur Speisekammer. Dort liegt mein Vorrat an „Nussknacker Vollmilch“ von Lidl. Ich habe viele Sorten ausprobiert, aber nur die hilft. Zwei Riegel davon in meditativer Sille gekaut sind besser als eine Schlaftablette. Und dabei ist es passiert. Neulich in einer dunklen Neumondnacht. Die Schokolade ist in Folie verpackt und diese Folie ist an einer Naht zusammengeklebt. Und als ich in meiner Gier die Folie aufriss, war da ein kleines, phosphorisierndes Leuchten. Vielleicht ist es der Klebstoff, der dieses Licht abgibt, wenn man ihn auseinander zieht. Ich gebe zu, ich hatte gedacht, dass das Licht, das mir zugeteilt ist, etwas heller leuchtet, nicht gleich wie der Stern von Betlehem, aber so ähnlich. Aber immerhin, es ist ein Licht und es ist mein Licht. „This Little light of mine. I gonna let it shine!“