Habbibis

Das Schöne am Wedding ist, dass ich selbst am Heiligabend um 12 Uhr einfach zum Friseur gehen kann, zu meinem arabischen Lieblingsladen, ohne Termin, ohne zu warten. Einfach so.Das wäre in meiner christlichen Heimat undenkbar. Alle Friseure sind vor Weihnachten über Wochen hinaus mit den Dauerwellen ihrer Kundinnen beschäftigt und ausgebucht. Noch schöner ist, dass ich, als ich in den Laden trete, als erstes gefragt werde, ob ich einen Kaffee will und nicht nach meinem Corona-Test. Bleibt die Maskenfrage. Die drei Friseure tragen sie nasenfrei, die Kunden gar nicht und der schwarze Mann, der neben mir wartet brav die ganze Zeit mit einer billigen blauen Maske. Ich beschließe seinem Vorbild zu folgen, sobald ich mit meinem Kaffee fertig bin.
Das schlechte am Wedding ist, dass in den Friseursalons auch an Heiligabend arabischer Gute-Laune-Pop in Clublautstärke gedröhnt wird. Von wegen stille Nacht. Das ist nicht gut für meinen Kopf, der voller Schmerzen ist und voller Gedanken zum bevorstehenden Fest. Wie feiern eigentlich Araber in Berlin Weihnachten? Keine Ahnung. Immerhin sehe ich, dass der AMAYA Schönheits-Salon für Frauen auf der anderen Straßenseite heute geschlossen ist. Was haben die arabischen Frauen heute zu tun, während sich die Männer fröhlich frisieren? Mit den Kindern den Tannenbaum schmücken? Ich verabschiede mich frisch in Form gebracht mit einem neutralen “Frohe Feiertage“ und bekomme ein herzliches “fröhliche Weihnachten“ zurück. Es wird Zeit, dass ich nach Hause komme. Heute um vier werden drei erwartungsvolle Jungs mit ihrer gottergebenen Mutter durch meine Tür jagen und das Wort “Geschenke“ skandieren. Und bis dahin ist noch die Wohnung zu putzen, das Essen zu kochen und die Nachbarin, die unter mir immer das Gehopse und Getrappel der jungen Wilden mitkriegt wieder für ein Jahr mit einem Geschenk zu besänftigen. Versprochen habe ich auch, dass ich ihnen heute die Geschichte mit der explodierten Ketchupflasche aus meinem Buch vorlese, von dem sie natürlich auch längst alles mitgekriegt haben. Das muss ich noch üben, damit ich nicht über die selbst geschriebenen Worte stolpere. Ein Exemplar geht als Geschenk an die Mutter, und ich hoffe, dass sie meine Berichte von der anderen Seite unserer „Irgendwie doch Familie“ nicht in den falschen Hals kriegt. Es ist übrigens das letzte Exemplar der großen Erstauflage von 30 Exemplaren. Alles verschenkt oder sogar verkauft (wozu hat man Freunde?). Auf diesen Lorbeeren werde ich mich jetzt ausruhen. Ach ja ausruhen. Nach Weihnachen, vielleicht.

Ich wünsche jeder und jedem von euch ein paar ruhige und friedliche Tage.

Bleibt gesund.

5 Gedanken zu “Habbibis

  1. Ich empfehle persische Friseure. Das scheint die beste Kombination aus günstig und unkompliziert und ohne Musik zu sein.

    Wobei ich nach etlichen Erfahrungen mittlerweile schon froh bin, wenn „nur“ laute Musik läuft und die jungen Barbiere nicht nebenbei noch Fernsehen gucken, telefonieren und sich mit ihrer Freundin streiten/versöhnen.

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    • Persisch, das hatte ich noch nicht. Aber ich probiers mal, der Salon Nemrut liegt ein wenig weiter weg. Und ja, man bekommt das ganze Programm geboten. Wortlos wird man als Kunde verlassen, wenn das Handy klingelt oder ein wichtiges Gespräch mit dem Kollegen geführt werden muss…

      Gefällt 1 Person

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