Das gelobte Land

Mit einer Tasche voller Weihnachtseinkäufe (der Christbaumständer fehlt noch) stolpere ich ins „Haircut 64“, ein arabischer Friseurladen im Afrikanischen Viertel. Noch einmal ordentlich hübsch machen für die Feiertage. Der diensthabende Figaro tut so, als erinnere er sich an mich:

Stufe 5 , einmal alles, oder?

Nein, Stufe 6 an den Seiten, Stufe 9 oben – so war das.

Ehrlich? Wollen Sie auch rasieren mit warmen Schaum und Wachs an den Seiten?

Nein, aber Augenbrauen ausdünnen und Ohren absengen.

Während er mir den Kragen umschlägt und  mich in einen schwarzen Umhang hüllt (mit Sichtfenster für die Hände – und das Handy), kommt ein junger Kerl mit langem dunklen Bart, mehr Hipster als Taliban, aus dem Hinterzimmer. Anscheinend hat er dort etwas im Internet gefunden, was seine Meinung unterstützt. Aufgeregt deklamiert schon im Anlauf auf seinen Kunden, den Mann neben mir: Oualla, ein Palästinenser hat bereut, dass er mit den Israelis zusammen gearbeitet hat. Er sagt, er will sterben, diese Schande. Was macht man mit so einem? Sein Kunde, ein massiger Araber, brüllt die Antwort, als stände er ohne Megafon vor einer Versammlung im Gaza-Streifen: Einen Verräter erschießt man oder man hängt ihn auf. Wenn Krieg ist, erschießt man ihn! Genau!, pflichtet der Bartjunge zu, ich hasse die Israelis.

Ich liebe Amerika, gibt sein Kunde überraschend  zurück. Amerika ist großartig. Aus Amerika kommt alles was wir lieben. Was für Zigaretten rauchst du?, fragt er den jungen Palestinenser. Äh, ich rauche türkischen Tabak. Der Freund der USA versucht es noch mal anders herum: Aber du trägst Jeans, die kommen aus Amerika. Du trägst keine palestinensischen Kleider, du trägst amerikanische. Amerika ist die wichtigste Wirtschaft auf der Welt, doziert er mit Stentorstimme weiter. Sogar unser Benzin kommt von da. Deutschland ist schwach. Der DAX ist bei 13 000 in Amerika sind sie bei 23 000!

Aber dich lassen sie nicht rein, gibt der Junge keck zurück. Du bist Araber. Die wollen dich nicht! Und Deutschland gibt dir Sozialamt und Asyl und Wohnung. Warum liebst du nicht Deutschland? Ich habe einen Traum, brüllt der Araber, jeder muss einen Traum haben. Irgenwann lassen sie mich rein. Jedes Land hat mal einen guten oder einen schlechten Chef. Das ist so. Und du? Warum lebst du nicht in Palästina, wenn du es so liebst? Ich sag dir: Ich finde es gut, dass die Israelis da sind. Die Israelis sind eine Demokratie! Die Araber kommen aus Afrika.

Das ist unser Land, gibt der Palästinenser ruhig zurück. Nein, beharrt der Araber, das gehört den Israelis. Moses hat es ihnen vor 2000 Jahren gegeben. Das ist ja schon eine ganz schöne Weile her, mische ich mich ein. Mein Friseuer gluckst vor Freude. Mir scheint,  dass er das Gebrüll nicht sonderlich ernst nimmt und sich auf eine deutsche Arabeske freut. Aber die Nachbarn sind zu sehr in ihrem gepflegten Streit, als dass sie auf mich eingehen könnten. Mittlerweile geht’s wieder ums Sterben.

Was machen die Israelis, wenn du ihr Feind bist?, fragt der Araber. Die schießen auf dich, und wenn du verwundet bist, bringen sie dich ins Krankenhaus, das machen die Israelis. Und was machen die Palästinenser? Wenn du ihr Feind bist, dann reißen sie dir den Arsch auf, mit einer Flasche, sie vergewaltigen dich. Der Palästinenser wird immer ruhiger. Vielleicht ist es auch nur der Respekt vor dem Kunden. den er nicht verlieren möchte. Die Israelis erschießen jeden Tag Palästinenser – und ich bin bereit zu sterben für mein Land, sagt er aufopferungsbereit. Sein Kunde greift das sofort auf und dreht es um: Du lebst hier. Und wieviel Araber erschießen die Israelis pro Tag? Vielleicht drei, vielleicht fünf. Und wieviele Araber tötet Assat in Syrien jeden Tag? Ich sag dir: Es sind hunderte!

Während der Nahostkonflikt sich ausbreitet, hat mein Friseur sein Feuerzeug gezückt und lässt die Flamme über meine Ohren lecken. Es riecht nach verbrannten Haaren.

10 Gedanken zu “Das gelobte Land

  1. Hallo mal unbekannterweise. Interessanter Text.
    Haben die sich echt untereinander auf deutsch gestritten?

    Im Übrigen: Ja, so ist das mit dem Smalltalk. Einfachste Antworten auf schwierigste Fragen.
    Die Sache mit dem Moses der Legenden ist so eine Sache. Theodor Herzl dagegen ist real. Er erfand den Zionismus in Kolonialer Zeit um 1880. Dann kam der Holocaust in spätkolonialer Zeit und dann der Staat Israel als Wiedergutmachung 1948 und durch weltweite Uno-Abstimmung… Also eine Mehrheit von Staaten, die es eigentlich nichts anging, war dafür, während die arabischen Anrainer dagegen waren. Jedoch waren sie in der Minderheit
    .
    Nach „Verursacherprinzip“ hätte nun Israel auf deutschem Boden gegründet werden müssen. Welche Ecke wäre da in Frage gekommen? Hessen? Weil dort ursprünglich die Judenemanzipation auf deutschem Boden ihren Anfang nahm? Der Ruhrpott, wegen der wirtschaftlichen Potenz?
    Nun isses, wie’s ist. Ein gordischer Knoten. Unauflösbar verkorkst nach allen Seiten. Jede Lösung würde millionenfaches neues Unrecht hervorbringen. Und die friedliche 2 Staatenlösung ist realiter so vorstellbar wie funktionierender Kommunismus.

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    • Ja, die beiden haben auf Deutsch gestritten – Arabisch hätte ich nicht verstanden 😉 Hab mir sagen lassen, dass das Arabische viele Dialekte hat, die sich untereinander so wenig verstehen wie Bayern und Plattdeutsche. Und was du Smalltalk nennst, nenne ich Stammtischgeschwätz: Jeder brüstet sich mit noch größeren, radikaleren Forderungen und am Ende geht jeder mit dem guten Gefühl nach Hause, Recht gehabt zu haben. Scheint kein deutsches Phänomen zu sein.

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  2. Tolle Geschichte, man sieht im Kleiner ist es genauso wie im Grossen, ob nun beim Friseur oder beim Staatsbanket …die Vernunft bleibt unterm Tisch…und darüber werden Reden geschwungen.
    Lieber Gruss, Jürgen

    PS. Mein Friseur kommt aus Syrien aber wenn der das Rasiermesser in der Hand hat bin ich grundsätzlich stumm 🙂

    Gefällt 1 Person

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