Es geht wieder los

Es ist Mittagszeit in Berlin-Mitte. Aus den vielen schicken Büros rund um die Friedrichstraße strömen die Menschen in die schicken asiatischen Restaurants zum Mittagstisch. Ich sitze in dem gediegenen Sushi-Laden, in dem nie viel los ist und ich meine Ruhe habe. Die wenigen Gäste unterhalten sich meist gesittet und in Zimmerlautstärke. Aber heute ist es anders. Heute ist es draußen warm und der Himmel wolkenlos. Es ist Frühling und das merkt man. Zwei Tische vor mir sitzen eine Frau und ein Mann Anfang Dreißig. Ich sehe den Rücken des Mannes und das Gesicht der Frau. Es glüht. Es ist blass, aber die Wangen sind so rot wie es kein Rouge schaffen kann und die Stirn auch. Krank?, denke ich. Dann sollte sie hier nicht sitzen. Aber dann sehe ich, dass sie lacht. Sekt, um die Uhrzeit? Sie lacht nicht nur, sondern sie strahlt. Sie strahlt bei jedem Satz, den ihr Gegenüber fallen lässt. Er ist locker. Fläzt sich auf dem Stuhl, die Beine ausgestreckt. Die kurzen Haare mit erstem grauem Schimmer, das Gesicht kantig. Weicher, goldbrauner Kaschmir-Rollkragen. Ein Bild von einem Intellektuellen. Sie knabbert an ihrem kleinen Finger, wenn er spricht, die Hand elegant am Kinn. Die Beine unter dem dunklen Rock überschlagen kommt ihr Gesicht ihm näher – und weicht wieder zurück. Sie weiß sich zu benehmen, aber am liebsten hätte sie ihn zum Nachtisch. Langsam merkt er es auch. Gottseidank. Setzt sich auf, kratzt sich am Nacken, fährt sich durch die Haare. Ach ist das schön. Frühlingsgefühle. Draußen geht die Welt unter und hier fängt was Neues an.

Hilfe

An der Tankstelle. Ich brauche Luft. Neben mir ein glänzend weißer Mercedes, der von vier jungen schwarzen Männern in modernem, makellosem Sportdress gewienert wird. Sie machen das mit Begeisterung und rufen sich auf Englisch lachend Neckereien zu. Es ist ihr Auto und sie sind stolz darauf. Mit großen Handys machen sie immer wieder Fotos – von sich und dem Auto. Es ist ein Sportwagen, tiefergelegt, mit breiten Reifen und filigranen Speichenrädern. Ich sehe die dunkelroten Bremssättel, die über riesigen silbernen Bremsscheiben sitzen. Protzig, aber nichts Besonderes. Eher so Angeber-Mittelklasse im Wedding. Nichts Besonderes ist auch das ukrainische Nummernschild. Ich hab schon dickere Autos mit dem blau-gelben Zeichen die Müllerstraße langrasen gesehen. Die Männer brauchen bestimmt keine Hilfe.

Aber vielleicht brauche ich bald Hilfe von Ihnen. Der Druckmesser funktioniert nicht. Ich klemme den Luftschlauch auf das Ventil, aber die Luft geht nicht rein, nur raus. Gleich ist der Reifen platt und ich muss mit dem platten Motorrad zur nächsten Tankstelle eiern. Eine, die noch eine intakte “Luft und Wasser“- Station hat. Ich bin nicht verzweifelt. Ich kenn das schon. Da hält mir jemand einen schwarzen Luftschlauch über die Schulter. Es ist der schmächtige Kerl mit dem kleinen Geländemotorrad von der Station neben mir. “Hier, nimm mal den. Der funktioniert.“ Ohne weitere Worte stellt er sich an die Druckluftsäule und drückt auf dem Knopf, bis ich Stopp sage. Solidarität funktioniert nicht nur mit der Ukraine.

Aussichten

Blick vom “Futurium“ auf die neue Europa City Berlin

Die Zukunft ist ein Kinderspiel. Aber sie funktioniert nur im Halbdunkel. Mit offenem Mund stehen meine Jungs vor den weißen Ausstellungswänden, an denen vieles blinkt, schnarrt und zum Mitspielen einläd. Wissenschaftlerinnen erklären das Genom, Roboter erzählen hier von ihren Fähigkeiten, seltene Krankheiten werden per Genanalyse schon früh erkannt und geheilt und der Verkehr läuft per Rohrpost oder Lufttaxi. Ja, so sieht die Zukunft aus, wenn man an die Technik glaubt. Und das tut man als Junge gerne. Als ich zehn war las ich Bücher von Walt Disney, in denen riesige Maschinen mit Laserstrahlen die Urwälder rodeten, die wir heute gerne wieder hätten. Aber wozu brauchte man noch Bäume, die das Klima erhalten? Weiße Männer mit Seitenscheitel und wohlerzogenen Kindern machten es sich in großen Glaskugeln mit künstlicher Atmosphäre unter dem Meer oder auf dem Mars gemütlich, während die weiße Frau im Etuikleid ihnen Getränke servierte. Das mit dem Mars glauben meine Jungs immer noch. Aber vorher müsse man die Sonne reparieren, weil sie ja in mehreren Millionen Jahren aufhört zu strahlen. Die Jugend denkt in großen Zeiträumen. Für mich ist die Zukunft heute ist nicht mehr so übersichtlich. Wie ein Labyrinth fächern sich die Visionen in dem abgedunkelten Teil des “Futuriums“ in Berlin auf, das gleich neben dem Bundesministerium für Bildung und Forschung an der Spree steht. Nicht weit weg ist das “Museum der Gegenwart“ im alten Hamburger Bahnhof. Und wir sind heute im Museum der Zukunft. Und die Zukunft nervt. Überall muss man sich entscheiden. Permanent werde ich von Computern geduzt: Willst du, dass der Doktor deine Gendaten in eine Gendatenbank hochläd, um dir zu helfen? Willst du, dass …? Die Zukunft ist ein Wunschkonzert und überfordert mich, weil ich schon von der Gegenwart genug gefordert bin. In dieser blauäugigen Version der Zukunft, die von ein paar Pharmakonzernen gesponsert ist, gibt es keine Grenzen, keine Gesellschaft und keine Traditionen. Alles steht immer zur Verfügung und jeder ist für sich selbst verantwortlich. Ich verliere schnell den Überblick und den Kontakt zu meinen Kindern, die wie hypnotisiert vor den Wänden stehen. Die Idee, gemeinsam mit ihnen Station für Station abzulaufen und ihre Fragen zu beantworten, gebe ich schnell auf. Meine Gedanken springen, während sie die gleiche Station drei oder vier Mal ausprobieren wollen. Das Geblinke und das Gewirr der mechanischen Stimmen verwirrt mich. Immerhin ist es der erste Museumsbesuch seit einem Jahr. Und Antworten auf ihre Fragen habe ich eh nicht. Erschöpft setze ich mich auf eine der Bänke, von denen ich alles zu überblicken glaube und muss keine zehn Minuten später suchend durch das ganze Haus irren, weil meine Jungs durch irgendwelche Quergänge meinem Blick entwischt sind. Ich finde sie auf der helleren Seite der Zukunft bei einer riesigen Kugelbahn, neben einer riesigen, raumfüllenden Holzskuptur, deren Sinn sich mir nicht erschließt. Image

Foto: Futurium; David von Becker

Die Zukunft, ein Klettergerüst auf einem Kinderspielplatz mit Blick auf das Bundeskanzleramt? Ich lotse die Jungs zur riesigen Fensterfront auf der Gegenseite. Sie bietet uns Ausblick auf die gerade fertig gewordene “Europa City“, ein Neubaugebiet neben dem Hauptbahnhof, das auf dem ehemaligen Gebiet der Berliner Mauer von Investoren hochgezogen wurde. So sah die Zukunft nach dem Mauerfall aus: Gesichtslose Wohnblocks für die Bessergestellten, nur unterbrochen von Hotels für die “Anywheres“ und Bürohochäusern mit Schießschartenfenstern, in denen sich Ölkonzerne und Unternehmensberatungen gleich neben dem Regierungsviertel in Position gebracht haben. Und das alles wurde dann noch als Beitrag zur europäischen Einigung verkauft. Was man in dem Panorama nicht sieht ist der Berliner Hauptbahnhof, an dem seit Tagen tausende Flüchtlinge aus der Ukraine ankommen. Unsere schöne neue Welt hat einen Knacks bekommen. Unser selbstverliebtes Spiel mit Daten, Geld und Waren. Aber vielleicht ist die Freundlichkeit mit der die Menschen empfangen werden, die hier heute ankommen ja unsere wirkliche Zukunft?

Auf dem Rückweg jammert einer meiner Söhne, tritt lustlos in die Pedale und bleibt hinter uns zurück. Den nächsten Tag bleibt er im Bett. Heute weiß ich, dass er Corona hat. Das gibt es ja auch noch. Die Zukunft ist immer für eine Überraschung gut.

Blau Gelb

Gesehen in der Puderstraße, Berlin

Jetzt unterstützt also auch Kafka die Menschen in der Ukraine. Kafka on the road auch. Die taz-Panther-Stiftung fördert ukrainische Journalistinnen und Journalisten. Das finde ich gut. Ich will wissen, was da wirklich los ist.

Billige Gefühle

Zugegeben, es waren nicht die edelsten Gedanken, die mich ins “Happy Day“ führten. Niemand sollte sein Süppchen darauf kochen, wenn große Träume zerplatzen, wenn Traditionen zerbrechen und ein Lebenswerk auf dem Ramschtisch landet. Aber mir gings um die Bilder. Nach dem Fall der Berliner Mauer bin ich lange in zerfallenen Kasernen und verlassenen Fabriken umhergestreift und konnte vom Hauch der Vergänglichkeit und vom Untergang großer Zeiten nicht genug bekommen. “Lost-Places-Fotografie“ nannte man das später. Jetzt hatte es mich zum ersten Mal seit langer Zeit wieder gejuckt. An dem Laden in der Müllerstraße konnte ich einfach nicht vorbei, als ich die Schilder sah, die den Ausverkauf ankündigten. Ich wollte da rein, wollte nicht nur die Nase neugierig an die Scheibe drücken, mir meinen Teil denken. Ich wollte hinter die Kulissen schauen, den Niedergang dokumentieren und die wahre Geschichte erfahren, mit den Menschen sprechen – und wieder schräge Bilder machen. Ich wolle eine Geschichte erfahren, die weiter nicht von meinem eigenen Leben entfernt sein könnte als diese. Und ja, es ging mir auch um das blöde Wortspiel mit “Wedding“ und “Hochzeit“. Ich ging zum Schlussverkauf in ein Brautmodengeschäft. Ich kriegte alles was ich wollte. Und es wurde ein trauriger Tag.

Ganz offiziell hatte ich die besten Absichten. Ich hatte mir einen Rechercheauftrag des „Weddingweisers“ besorgt, dem “Was ist los in deinem Kiez?“-Portal für den Wedding. Einen Interviewtermin mit der Besitzerin hatte ich auch, die lakonisch mit “Ein bisschen Werbung kann ja nicht schaden.“, zugesagt hatte. Und dem Motto meines Blogs war ich auch treu: „Manche Geschichten sind einfach zu schön, als dass sie vergessen werden dürften.“

Als ich in den Laden trete, ist es still. Ich rufe, niemand antwortet. Auf dem Boden verstreut liegen weiße Pumps, aufgeklappte Kartons und eine Stehleiter. Hier hat noch vor kurzem eine Auswahlschlacht getobt. Zeichen von Leben in dem sonst grabesstillen Räumen. Was ist hier los? Ich schaue mich um, hole vorsichtig die Kamera raus, mache zaghaft die ersten Bilder. Ich bin vorsichtig. Es ist ein Terrain, das man als Mann selten alleine betritt, und das ich mein Leben lang gemieden habe wie der Fisch das Fahrrad.

Was mir als erstes auffällt sind die Unmengen von Kitsch. “Accessoires“ wird das die Besitzerin später nennen. Nippesfigürchen für Hochzeitstorten, Tischdeko und Spardosen für die Flitterwochen in der Form von fröhlich kopulierenden Schweinen. Das alles gemischt mit katholischen Ritualgegenständen, Kerzen, Taufkissen und lebensgroßen Kinderpuppen wie aus einem Horrorfilm, erstarrt in weißen Kleidchen für die Kommunion. Das alles durchdrungen vom Geruch einer schlecht gelüfteten katholischen Kirche. Oder holt mein Gedächtnis diesen Geruch wieder hervor, weil es diese Devotionalien sieht? Mir wird zum ersten Mal schlecht.

Aus dem Nichts erscheint die Besitzerin. “Keine Bange, ich hatte sie die ganze Zeit im Blick: Videoüberwachung.“, lächelt sie und bietet mir ein bisschen widerwillig einen Platz auf der altdeutschen Polstergarnitur an. Ihr Gesicht ist perfekt geschminkt und ich schätze sie 10 Jahre jünger als ihr Alter, das sie mir später verraten wird. Aber sie ist eine Weddinger Hochzeitsschneiderin und völlig ohne Glamour. Sie kleidet sich wie ihre Kundschaft: Jeans, Glitzerpullover und Turnschuhe von undefinierbarer Farbe. Einen größeren Kontrast zu den edlen Roben, die dicht gedrängt bis unter die Decke hängen, kann ich mir nicht vorstellen. Wenn ich sie an der Kasse von Edeka getroffen hätte, sie wäre mir nicht aufgefallen.

Das Gespräch beginnt schleppend. Die Frau wirkt misstrauisch und müde wie ihr Laden. 30 Jahre werden es in diesem Mai, seit sie das Geschäft mit ihrem Mann gestartet hat. Fünf Angestellte hatten sie mal, Auszubildende auch. Seit Corona machen sie Verluste. Als ich sie frage, wann sie endgültig Schluss machen, zögert sie kurz, als würde ihre Entscheidung in diesem Moment fallen: “Schreiben sie Ende Juni. Und dass es bis dahin bis zu 80 Prozent Rabatt auf alle Kleider gibt.“ Was dann sein wird, wage ich sie nicht zu fragen. Ich fühle mich immer unwohler, als sei ich in einem Beerdigungsinstitut statt in einem Brautladen. Alle Lebensfreude, all die Zukunftsträume, die mit einer Hochzeit verbunden sein sollen, sind aus diesem Laden gewichen. Die blicklosen Augen der Schaufensterpuppen, der Ramsch, die vertrockneten Blumen; alles erdrückt nur noch. Und auch die 400 festlichen Kleider in creme, champagner und ivory hängen wie leblose Fahnen der Kapitulation von der Decke. „Ja, schreiben sie Ende Juni.“, sagt sie mit plötzlich kratziger Stimme. „Noch so eine tote Saison will ich nicht erleben.“

Die Hexe von Garmisch

Manchmal braucht ein Mann Mut. Zum Beispiel, wenn er im Hallenbad von Garmisch ein Fünf-Meter-Sprungturm sieht. Er ist mit seinem Sohn da, weil der Schnee weggetaut ist in Oberbayern. Und wenn der Sohn sagt, dass er sich nie trauen würde, da runter zu springen, dann muss es eben sein. Dann muss der Vater eben sagen: „Als ich so alt war wie du, bin ich im Freibad da runter gesprungen.“ Und dann muss er da hoch, um seinem Sohn zu zeigen, dass er einen tollen Vater hat. Insgeheim hofft der natürlich, dass der Fünfer gesperrt ist. Aber dann kommt die bayerische Jugend und überredet den Bademeister, den Turm aufzumachen. Und dann stehen sie da oben, kreischen und drängeln. Manche lassen sich plumpsen, manche stehen noch oben und schauen ängstlich nach unten, als die andern schon längst wieder nach oben kommen. So wie ich vor 50 Jahren im Freibad. Und es fühlt sich genau so schwindelerregend an, als ich jetzt wieder über den Rand der 5-Meter-Plattform schaue. Viel höher, als es von unten aussah. Ich weiß nicht, wie ich es damals geschafft habe, wie oft ich wieder schmachvoll nach unten gegangen bin. Aber es hat sich gelohnt, dass ich mich damals getraut habe. Denn jetzt weiß ich: Ich werde es überleben, auch wenn ich es immer noch nicht glaube. Damals konnte ich noch nicht mal schwimmen. Alles was ich konnte, war tauchen. Im Wegducken und Untertauchen war ich ein Naturtalent. Aber dann gab es die zweite gefährliche Phase: Wenn man unterwasser an den Beckenrand schwamm, konnte es sein, dass man die ausgeleierte Badehose verlor. Und ich konnte sicher sein, dass meine schlimmsten Feinde bei meinen Sprüngen an den Guckfenstern im Springerbecken standen. Oder noch schlimmer: Die Mädchen, die ich Mit meinem Sprung beeindrucken wollte. Heute kann das nicht passieren. Denn meine Badehose ist nagelneu. Ich hab sie auf dem Weg zum Schwimmbad kaufen müssen, weil ich meine natürlich zu Hause vergessen hatte. Badehosenvergesser ist schlimmer als Turnbeutelvergesser.
Ich lass mich fallen und tauche in einem Meer von Luftblasen wieder auf. Das ist das Schöne am Turmspringen. Dieses ozeanische Gefühl, wenn einen die Blasen nach oben tragen. Aber was ist das? Der Schlüssel für unseren Umkleideschrank mit diesem aus Plastikfaser geflochtenen Armband und dem fummligen Verschluss ist von meinem Armgelenk verschwunden. Als sich das Wasser beruhigt hat, sehe ich ihn am tiefsten Punkt des Beckens. 4,80 Meter Beckentiefe steht am Turm. Aber es hilft jetzt nichts. Ich muss da noch mal rein. “Pass auf, sag ich zu meinem Sohn, „Ich hol jetzt den Schlüssel von da unten.“ “Schaffst du das?“ fragt er mich ungläubig. “Natürlich schaff ich das.“, antworte ich seelenruhig. Vor dem Tauchen habe ich wirklich keine Angst. Aber je tiefer es geht, desto seltsamer wird mir. Es fühlt sich anders an als früher. Der Druck ist im Kopf schwerer auszuhalten als früher. Wird der Schädel morsch mit der Zeit, ab wieviel Metern reißen die ersten Nähte? Ich denke kurz an den Film „Das Boot“ als das U-Boot tiefer taucht als es soll und alle Spanten knarzen und Martin Semmelrogge Herbert Gröhnemeyer diabolisch grinsend erzählt, dass irgendwann der Wasserdruck das Boot zerquetschen wird.
Ich hab den Schlüssel und komme nach oben. Mein Sohn hat alles beobachtet und hält mich jetzt für den mutigsten Taucher. Es ist gut, wenn die Jugend Vorbilder hat.

Aber was mein Sohn noch nicht weiß: Es gibt im Schwimmbad Wesen und Orte, an denen mehr Gefahren lauern als am Boden des Springerbeckens. Zum Glück weiss ich die Zeichen richtig zu deuten:

Zuerst bin ich enttäuscht, denn das Schild lässt ahnen, dass hier, wie in Berlin, die Sauna von bärtigen Hippstern bevölkert wird. Doch dann sehe ich den betonharten Busen der rothaarigen Frau, der sogar das dicke Fichtenbrett der Sauna durchschlagen kann. Da geht es nicht nicht mit rechten Dingen zu, denk ich mir. Bleib besser draußen. Die raucht dich in der Pfeife!

Dann sehe ich ihre Zähne und ihren irren Blick, und mache mich so schnell wie möglich aus dem Staub…

Für den freundlichen Herrn, der nicht so vorsichtig war, kommt leider jede Hilfe zu spät.

Holz

Mein ältester Sohn steht in der Ferienwohnung und bewegt sich nicht. „Los!“, sage ich, „Du musst noch den Tisch abräumen.“ Aber er bleibt wie festgewurzelt stehen und stiert die Wand an. Oder besser gesagt: Das Holz. Denn in unserer bayerischen Kammer unter dem Dach Juchee ist alles aus dicken Balken gezimmert. Unser Vermieter ist Zimmermann. Und er hat seine ganze Handwerkskunst in sein Haus gesteckt. Für uns Erwachsene bedeutet das, dass wir uns jeden Tag mindestens einmal den Kopf an dem massiven Gebälk anrennen. Die Kinder führen eine Strichliste. Ich liege vorne. Mir wäre lieber, sie würden ihre Aufgaben erledigen. „Hey!“, wiederhole ich ungeduldig, „Der ganze Kram steht noch auf dem Tisch.“ Doch mein Sohn tut so, als höre er mich nicht. Konzentriert schaut er aufs Holz. Das kenn ich schon. Wenn er etwas tun soll, ist auf einmal alles wichtiger und interessanter als das, was ich von ihm will. Dann werden Werbeschilder gelesen oder Waschzettel an Unterhosen. „Mach jetzt hin!“, werde ich lauter. Wir sind zwar schon ein paar Tage hier und Schnee gab es auch reichlich. Die lange Rodelbahn sind wir auch schon fröhlich heruntergerast, aber so richtig entspannt bin ich anscheinend noch nicht. Und einen Erziehungsauftrag habe ich bei einem Zehnjährigen natürlich auch noch. „Also, was ist jetzt? Abräumen, sonst kein Bugs Bunny heute Abend.“ „Achtunachtzig“, antwortet mein Sohn unbeeindruckt. „Achtundachtzig Ringe. Der Baum hat den Krieg noch erlebt.“

Hier noch ein Lied von Gerhard Gundermann über die Jahresringe bei Menschen. Ich mag es sehr.

Die Rote

Nein, heute gibt es nichts Neues im Blog. Ist zu spät und ich habe zu viele böse Briefe geschrieben. An Leute, die noch weniger vom Fach verstehen als ich. Und das will was heißen. Außerdem war es ein grauer Tag. Ein grauer Wintertag mit Nieselregen und eiskalten Windböen wie es sie nur in Berlin gibt: Aus allen Richtungen. Das wär ja nicht so schlimm gewesen, wenn es nicht schon seit einer Woche so grau wäre, und wenn ich nicht zum Zahnarzt gemusst hätte. Und das wär nicht so schlimm gewesen, wenn wenigsten die U-Bahn gefahren wäre. Ist sie aber nicht. Die Strecke sollte schon vor einer Woche wieder klappen, aber heute seh ich wieder die gleichen müden Massen an der Ersatzbushaltestelle. (Frust kommt auf, denn der Bus kommt nicht..) Also wieder kehrt gemacht, das Fahrrad rausgeholt. Wenn man erst mal drauf sitzt, ist es ja nicht mehr so schlimm mit dem Wind und dem Regen und der Kälte. Sind ja nur 10 Kilometer quer durch die Stadt. Was nicht so schlimm gewesen wäre, wenn wenigstens alle wirklich wegen Corona zu Hause geblieben wären. Sind sie aber nicht. Alle sitzen im Auto, weil ja die U-Bahn nicht fährt und man sich im Ersatzbus den Tod holt. Inzidenz 3000 in Berlin-Mitte. Was auch nicht so schlimm gewesen wäre, wenn nicht noch die wummernden LKWs und die Martinshörner von hinten gekommen wären, was mich auch nicht gejuckt hätte, wenn es an der Müllerstraße wenigstens einen Radweg gäbe und nicht die vielen Ersatzbusse einen eingedieselt hätten. Doch auch da wäre ich schnell durch gekommen, wenn der Hinterreifen nicht die Luft verloren hätte. Also mit voller Kraft treten um mit halber Geschwindigkeit zu fahren. Aber pünktlich angekommen. Und natürlich war die Zahnärztin krank und an ihrer Stelle ein weißhaariger Vertreter im Dienst. Ich weiß nicht, aus welchem Ruhestand die Ärztekammer ihn geholt hat, aber als er mich, als ich mit Helm, nasser Jacke und beschlagener Brille ins Behandlungszimmer komme, fragt, ob ich mit dem Fahrrad da wäre, wusste ich: Das wird nix mit uns. Wir haben es tapfer hinter uns gebracht, und ich glaube, er war darüber mehr erfreut als ich. Eine Stunde später kam der Anruf, dass der Abguss nichts geworden ist, und ich morgen noch mal kommen muss. Aber das wusste ich ja noch nicht, als ich vor der Praxis stand und sah, dass das Rad natürlich endgültig platt war. Was mir aber egal war, weil vor mir jetzt der schönere Teil des Tages lag: Bergab zur Markthalle, wo ich mir immer nach dem Zahnarzt einen guten Kaffee und was Süßes gönne. („I gonna have a candy bar!“ Kennt das noch jemand aus “Little Shop of Horrors“?)
So, ich hoffe, dass ich das was jetzt kam noch einigermaßen zusammenbekomme, denn ist ja wirklich schon spät, und es war ein anstrengender Tag. Ich hoffe, das ist bis jetzt so rübergekommen. Ja, um es kurz zu machen: Dann war da diese Frau, diese Italienerin, diese Naturgewalt, diese Mama Roma. In der Marheinekehalle gibt es einen neuen Stand, irgendwas mit cuccina italiana. Da gibt es eben nicht nur allerfeinsten Cappucino, sondern auch sie! (Ich habe mich noch nicht mal getraut nach ihrem Namen zu fragen) Wie aus dem Film entsprungen, den ich gestern Abend gesehen habe. „Verliebt in scharfe Kurven“ aus dem Italien der frühen 60er mit dem jungen Jean Louis Tirtingnang (oder so, ich hab jetzt wirklich keine Zeit mehr zum Googeln), der einen schüchternen Jurastudenten spielt. Ähnlichkeiten mit lebenden Personen rein zufällig. Aber der Film war schwarz-weiß. Und diese Frau war Farbe. Rot vor allem. Rotes, eng anliegendes Kleid, rot gefärbte Haare und rote Fingernägel. „Hier kommst du nur rein, wenn du grün bist.“ war der einzige deutsche Satz, den ich von ihr hörte. Und sie meinte damit meinen Corona-Test. Den Rest der Zeit verhandelte sie mit zwei Landsleuten, die ihr Ware geliefert hatten und scheuchte ihren Gehilfen durch die Gegend. Laut, wie es nur Italienerinnen sein können. Ich war ihr so dankbar. Denn durch sie war ich augenblicklich auf einer italienischen Piazza. Der Lärm, der gute Kaffee, die vielen Hände und Arme, die sie brauchte, um klar zu machen, was sie von den Männern wollte. Ich war im Urlaub, für die Länge eines Kaffees und eines panni caldo (von dem ich mich wunderte, dass sie es in den Ofen schob. Ich war zu lange nicht mehr in Italien, um zu wissen, das caldo nicht kalt sondern heiß heißt.)

Abends rief die Mutter meiner Söhne an und fragte, ob wir Ostern nicht einfach eine Woche verschwinden könnten. Egal wohin. Die Kinder würde sie an ihre Mutter verschicken. Ja, sagte ich, gern. Mailand oder Madrid: Hauptsache Italien. Sie kannte den Witz nicht.