No go aereas

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Berlin Wedding ist wirklich ein einladender Ort. Überall gibt es Neues zu entdecken und alle Türen stehen einem offen. Ich lebe gerne hier und es ist ja auch alles so schön bunt. Aber es gibt Orte, die würde ich selbst am hellerlichten Tag nicht betreten.

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Hier zum Beispiel möchte ich nicht tot über’m Zaun hängen. Neuerdings ist das eine   Location, die  „Silent Green“ heißt. So wie das grüne Zeug in dem Film „Soylent Green“, das aus Leichen gemacht wird. In den unterirdischen, fensterlosen Leichenhalle wird Kunst gezeigt.  Was aus den Besuchern gemacht wird, will ich gar nicht wissen.

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Im Krematorium sind die Leute wenigstens richtig tot. Aber wer diese Treppe hinunter geht, trifft Zombies – lebende Tote, mit oder ohne Telefon vorm Gesicht. Die U6 ist ein Gesamtkunstwerk. Die Gestalten, der Mief und der Krach… Wer für nur 2,90 Euro mal Geisterbahn fahren will, ist hier genau richtig.

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Wo wir’s gerade von lebenden Toten haben. Im Wedding hat auch die Berliner SPD ihre Zentrale….

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Nee, war ’n Scherz. Bei der SPD siehts so aus. War ich aber auch noch nie drin.

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Hier übrigens auch noch nicht. Obwohl es hier auch schön rot ist und die Tür Tag und Nacht offen steht.

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Dieser freundliche Mann hat mich auch gleich eingeladen. Das Foto sollte mich ein Fässchen Schultheiss Bier kosten.

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„Die Tür mach auf, das Tor mach weit…“ Die Christen am Leopoldplatz kümmern sich um die Menschen, die gerne mehr als ein Schultheiss trinken.

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Und wenn das Bier mal alle sein sollte: Der Spätkauf hat immer auf.

 

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Man konnte auch im Wedding abends natürlich auch mal etwas Anständiges machen. Aber diese Schule hat nur noch ein Buch – und das ist die Getränkekarte.

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Und das war auch mal eine gute Schule, auf die ich gerne meine Kinder geschickt hätte. Und weil zu viele Eltern davon gehört hatten, dass es eine gute Schule ist, kamen viele Kinder. Und dann kamen die Container. Dass der Senat mit den Containern auch gleich mehr Lehrer geliefert hat, glaub ich nicht.

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Für mich gibt es jetzt nur noch eine Tür durch die ich gehen möchte. Mein Kietz-Café. Nicht schön von aussen, aber…

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Einen schönen Abend wünsche ich euch.

 

Zwei Mal Kommunion, mit Scharf

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Es war ein Sonntag vor ziemlich genau fünfzig Jahren. Ein Sonntag, den man bei uns „Weißer Sonntag“ nannte. Da lief ich im schwarzen Anzug mit einer dicken Kerze hinter unserem Pastor und neben meinen Mitschülerinnen in Weiß durch die Dorfstraße. Hinter uns lagen Monate des priesterlichen Katechismusunterrichts und viele Testläufe, wie wir einer nach dem anderen zum Altar schreiten sollten, wie wir die Zunge rausstrecken sollten, damit der Pfarrer die geweihte Hostie darauf legen sollte und wie wir in tiefer Versenkung gebeugten Hauptes unter den Augen unserer Eltern zurück zu den knarrenden Holzbänken schreiten sollten.
Vor uns lag die Dorfkirche, was Kleines zum Futtern (immerhin: der Leib Christi) , was Leckeres zum Trinken und ein Fest mit allen Tanten und Onkeln, fettem Buttercremekuchen und: Geschenke! Dafür machten wir ja das alles mit. Leider gab es von den Tanten vor allem Pralinen, nur manchmal einen 10-Mark-Schein und, immerhin, meine erste Uhr und mein erstes eigenes Fahrrad! Metallicblau und mit viel Chrom. Dieses Ritual, diese Bestechung und diese Gewissheit, endlich zu den Großen und Rechtgläubigen zu gehören, hat mich stramm auf Kurs gehalten, bis in die Pubertät. Ich bin brav in die Kirche gegangen, habe Lieder gesungen, die ich nicht verstanden habe und Sünden gebeichtet, die ich nie begangen hatte. Dabeisein ist alles.

Meine Söhne sind jetzt Acht, ungetaufte Heidenkinder und nicht im Schoß der hl. katholischen Kirche wachsen sie auf, sondern, zumindest wenn sie zu ihrem Vater kommen,  in der großen Stadt, die laut und verwirrend für sie ist. Wie kann ich ihnen das Gefühl vermitteln, dass aus sie jetzt schon groß sind und dazu gehören, zu der Welt der Erwachsenen? Am besten ohne lange zu überlegen, aus dem Bauch heraus.

Es ist Sonntag, der letzte Tag der Winterferien. Hinter uns liegen ein paar Tage in Bayern, in denen wir nur mit viel Glück ein paar verschneite Hügel gefunden haben. Es ist Mittag. Vor uns nichts als ein leerer Tisch und ein leerer Kühlschrank. Ich hatte nach zwei mal Umsteigen mit zwei Jungs und einem 20 Kilo schweren Koffer einfach keine Lust mehr, einzukaufen. „Wart ihr schon mal beim Döner?“, frage ich. „Na klar!“, kommt es zurück. „Kennen wir schon!“ Ich glaube den kleinen Großmäulern kein Wort. „Mit Mama? Bestimmt nicht“. Ein, zwei Fangfragen später ist klar: Es ist Zeit, meinen Söhnen die wirkliche Welt des Wedding zu zeigen. „Kommt, wir gehen in die Müllerstraße. Heute gibt es Döner zu Mittag.“ Ungläubige Kindergesichter hellen sich auf: „Echt jetzt? Das dürfen wir jetzt?“ „Ja“, sag ich, „los jetzt, in die Jacken, und vergesst die Mützen nicht, die ich euch zu Weihnachten geschenkt habe.“ Diese Mützen finden sie doof und wollen damit auf keinen Fall gesehen werden. Heute geht es ohne Murren. Mit Triumph und Vorfreude geht es, der Vater mit den Söhnen, die Müllerstraße runter. Wir haben was vor, ein Abenteuer! „Drei Mal Mini-Döner, zwei Mal Kräuter, ein Mal scharf, ohne Zwiebel“, bete ich vor den Augen meiner staunenden Zwillinge das Berliner Evangelium fehlerfrei vor dem Dönermann runter. Sie beobachten das heilige Ritual des Messerschärfens, des Absäbelns und das Grillen der Brote. Ich bin selbst ganz ergriffen. Hat der Dönermann nicht gerade gesagt „Nehmet, und esset alle davon?“, als er die kleinen Fladen über den Tresen reichte?  Nein, er hat gesagt: Die Getränke nehm se sich selbst ausm Kühlschrank.“ ‚Ruhig bleiben. Fanta und Sprite. Jeder darf sich  eine eigene Flasche aus dem großen Kühlschrank holen und trägt sie wie einen Schatz zum Tisch, auf den sie schon Gabeln und Messer gelegt haben. „Das ist Lamm, was ihr da esst“, schocke ich die beiden, die schon mit den Gabeln in den Brottaschen herumpicken. Glauben wollen sie es lieber nicht. Hab ich das mit dem Lamm Gottes geglaubt, damals? Nein, aber es hing ja auch nicht an einem Spieß und war knusprig braun.
So schnell, dass ich nicht gucken kann, haben sich die Jungs die Döner nach Berliner Sitte in die Hand genommen und beißen beherzt zu. Fällt kaum was auf den Boden. Schon fast wie die Großen. „Is nicht zu scharf?“ frage ich. „Nö“ kommt es echt cool (oder crash, wie das immer öfter bei ihnen heißt) von den harten Burschen an der anderen Tischseite. Hallelujah! Es ist vollbracht.
Die Flaschen jonglierend sprinten wir über die sonnige Straße zurück. Zuhause warten noch Geschenke auf sie. Zwei Armbanduhren, es ist das richtige Alter. Ich habe sie vom Roten Kreuz für’s Blutspenden bekommen. „Das ist mein Blut, dass ich für euch…“ Eine katholische Erziehung sitzt doch tiefer, als man denkt.

 

Durch die wilden Sofas

Auf meinem Sofa liegt ein sauber zusammengefaltetes Laken. Meine Tochter war am Wochenende da. Und wenn sie bei mir übernachtet, dann mache ich ihr mein rotes Sofa zurecht. Inzwischen ist sie so nett, dass sie das ganze Bettzeug wieder zusammenlegt, wenn sie geht. Sie ist oft unterwegs bei Freunden in der ganzen Welt und weiß mittlerweile, sich zu benehmen. So hab ich das auch gemacht, damals als ich bei anderen auf dem Sofa gepennt habe. Und das habe ich gerne gemacht. War ja auch viel unterwegs, als ich so alt war wie sie, vor allem politisch. Und wenn irgendwo mal wieder eine Demo war, gegen eine der vielen Diktaturen in Südamerika, den Nachrüstungsbeschluss oder gegen den Aussperrungsparagrafen im AFG gab es immer jemanden, der jemanden kannte, bei dem man pennen konnte. Ich liebte das, für eine Nacht oder ein paar Tage bei anderen unterszuschlüpfen, mir bei anderen Pärchen, WGs oder Familen das Leben anzuschauen, das ich nicht hatte. Ich lebte meist allein, in möblierten Zimmern, Wohnheimen oder in WGs in Hochhaussiedlungen, bei denen keiner vorbei kommen wollte. So kams mir jedenfalls vor. Als ich mir neulich den Film über Udo Lindenberg anschaute, seine Bude, die er auf der Reeperbahn hatte und das Bettzeug sah und die gemusterten Unterhosen, da war der Geruch dieser Zeit wieder da. Die Frotte-Bettwäsche, aus dem Elternhaus mitgebracht, immer ein bisschen muffig, immer zu selten gewaschen, immer mit zu dicken, ungelüfteten Federbetten in zu kalten Zimmern, in denen ich als Gast landete. Aber es ging nicht nur ums Unterkommen, es ging auch ums diskutieren, ums Quatschen an runden Tischen und ums Dabeisein. Aufgenommen zu werden, das war ein schönes Gefühl. Und ob das nur aus Solidarität geschah, als Kämpfer für die gemeinsame Sache, oder weil mich die Leute wirklich nett fanden, das konnte ich oder wollte ich nicht auseinanderhalten. Gastfreundschaft ist auch eine Art der Zuwendung und es fiel mir immer schwer, wieder zu gehen. Es gibt dieses Lied von Reinhard Mey, „Gute Nacht, Freunde“, das dieses Gefühl sehr gut beschreibt.  Ein paar Mal kam auch die Frage, ob ich wirklich auf der Couch schlafen wolle, im Bett sei ja noch Platz. Manchmal war das wirklich fürsorglich gemeint, manchmal verirrten sich dann Hände unter der Bettdecke und die Abschiede morgens waren danach oft wortlos.
Nein, mein Platz war auf der Couch oder auf dem Futon des Mitbewohners, der gerade nicht da war. Die wilden Touren durch die Betten anderer Menschen sollten anderen  vorbehalten bleiben. Und am wohlsten fühlte ich mich, wenn ich Frühaufsteher am nächsten Morgen meine Gastgeber mit frischen Brötchen, der aktuellen taz (mit den richtigen Zahlen über die Demo am Vortag) und Kaffee begrüßen konnte. Ich brachte es zu einer Meisterschaft darin, in fremden Küchen das Kaffeepulver und die Filtertüten zu finden.

Jahre danach, ich war längst sesshaft geworden, als die kleine Tochter, die jetzt schon wieder auf dem Weg zum nächsten Auslandssemester ist, mir den Schlaf raubte, war es oft ein Gnadenakt meiner Freunde, mir eine Schlafstatt anzubieten, weil mir auf den schönsten Festen schon um zehn die Augen zufielen. Später kam ich dann immer öfter, war Couchsurfer bei meinen Freunden, weil im gemeinsamen Zuhause ein Chaiselong fehlte, auf das ich bei dicker Luft hätte ausweichen können. Irgendwann hatte ich dann wieder eine eigene Wohnung und die erste Anschaffung war ein eigenes Sofa. Ein erfahrener Freund riet mir dazu. Ein Polstermöbel für zwei sei unerlässlich, wenn ich erfolgreich wieder auf Partnersuche gehen wolle. Es wäre so unhöflich, wenn man einer Besucherin nur einen Stuhl oder das Bett anbieten könne. Ganz Unrecht hatte er damit nicht, aber wenn ich mir mein abgerocktes rotes Designerteil so anschaue, waren es wohl eher die drei Knaben, die  mittlerweile meine regelmäßigen Besucher sind, die den Samt so blankgewetzt haben. Bleibt nur noch die Frage, ob ich bei einem solchen unsteten Lebenswandel irgendwann tatsächlich „auf der Couch“ gelandet bin. Nein, bin ich nicht. Es war ein Sessel.

 

 

 

Nappo

Laterne Ost

Breuer schob den Vorhang zur Seite und öffnete das Aluminiumfenster einen Spalt zum morgengrauen Innenhof.  Er spürte den feuchten Morgendunst, der sich auf seinem Weg in den schmucklosen Vernehmungsraum zuerst auf seine weit nach hinten gelichtete Stirn legte und dann weiter zog in die hintersten Ecken voller abgestandener Luft. Ein leichten Schauer lief über Breuers Rücken. Nach den Stunden des Verhörs merkte er wieder, dass er einen Körper hatte. Er streckte sich. Das fahle Licht des frühen Augustmorgens hatte jetzt auch den Kerl erreicht, den sie ihm mitten in Nacht gebracht hatten. Der Lockenkopf blinzelte und rieb sich die Augen. Breuer sog noch einmal einen tiefen Atemzug ein: Spreedunst mit etwas Zweitaktöl schmeckte er heraus, ohne es zu wollen. Er schloss das Fenster wieder. Es konnte weiter gehen.

Bisher hatte sein Gegenüber geschwiegen. Noch nicht mal nach einem Anwalt hatte er gefragt. Erstaunlich eigentlich, denn das war immer das Erste, was den Burschen einfiel, weil sie es so aus Fernsehen kannten. Der hier war anders. Anfang Dreißig vielleicht, schwer einzuordnen. Aber es kamen ja jetzt einige seltsame Gestalten aus dem Westen hierher. Eigentlich ein bisschen zu alt für den Mist, den er gebaut hatte, ein bisschen zu weich. Wahrscheinlich hatte er es auch nicht allein gemacht. Aber sie hatten nur ihn geschnappt. Eins nach dem anderen, sagte sich der erfahrene Kripo-Mann. Er fühlte sich wieder frisch und war sicher, dass er kurz vor dem Ziel stand.

„So mein Junge,“ versuchte er es auf die joviale Tour und lehnte sich über den Tisch, freundlich wie die Spinne zu der Fliege in ihrem Netz, „jetzt fangen wir noch mal ganz von vorne an. Am besten erzählst du mir jetzt deine ganze Geschichte, ganz von Anfang an.“ Sein Gegenüber hörte auf an die Decke zu starren und so zu tun als sei er nicht anwesend, die Masche, die er die ganze letzten Stunden gefahren hatte. Er hatte sich nicht beeindrucken lassen von dem, was Breuer ihm an Paragrafen aus dem Strafgesetzbuch um die Ohren geworfen hatte. Diebstahl, Störung der Totenruhe, Eingriff in den Straßenverkehr.“Dafür kannst du in den Knast kommen, ist dir das klar? Das ist  ein Friedhof, auf dem ihr da auf  auf Raubzug wart. Da liegen 2000 tote Sowjetsoldaten.“ Dann hatte er ihm ausgemalt, was ihn im Knast so alles erwartete, was die Jungs dort mit einem Weichei wie ihm anstellen würden. Der Kerl hatte ihn nur verwundert angeschaut und gegrinst. War er bekifft, hatte er was geworfen? Würde passen, aber Breuer roch nichts und die Pupillen waren ok. Es gab auch Typen, die sich an ihrer Tat berauschten, ganz ohne Drogen high waren von dem was sie sich getraut hatten. Bei denen half kein Drohen. Aber Breuer hatte noch mehr auf Lager. Good cop, bad cop, das alte Spiel. Wenn Drohen nicht half, dann musste man dem Verdächtigen eine Geschichte anbieten, eine, in der er der Held war. „Also,“ sagte er so freundlich, wie er es um 5 Uhr morgens konnte, „du musst mir nicht jeden Lutscher beichten, den du als Kind in der Kaufhalle geklaut hast. Wann hat das angefangen bei dir?“

Ein Lächeln erschien unter den Locken, und der Blick war nach innen gerichtet, auf eine sehr ferne Zeit. Er senkte die Kopf und sagte „Nappo“. Breuer richtete sich auf „Wie?“ „Nappo,“wiederholte der andere. „Keine Lollis: Nappo und Eiskonfekt. Kennen Sie das? Das haben wir im Supermarkt immer mitgehen lassen.“  Breuer schüttelte den Kopf. Aber er freute sich. Er hatte sein Handwerk bei der Volkspolizei gelernt. Studierter Graphologe war er. Eine handgeschriebene Seite hatte ihm früher genügt, um genau zu wissen, wen er vor sich hatte. Oberlängen, Unterlängen, Neigungsgrad. Das war eine echte Wissenschaft. Aber das galt ja heute nichts mehr. Dieses neue Zeug  aus dem Westen musste er nicht kennen.
Er hatte nur noch seine Erfahung, und die sagte ihm, dass er den Fisch jetzt an der Angel hatte. Bequem lehnte er sich zurück, verschränkte die Arme über seinem Bauch und beglückwünschte sich selber zu seiner Treffer-Frage. „Aha,“ sagte er, “ Erzähl mal.“ Es würde jetzt noch mindestens eine Stunde dauern, aber das war es wert.

Morgens um sechs wurde Breuer mürrisch. Was sollte er denn mit diesem ganzen Quatsch anfangen? Der Kerl hatte fröhlich eingestanden, dass er den Aufsatz einer Straßenlaterne am Sowjetischen Ehrenmahl vor dem Brandenburger Tor mit seinem Kumpel weggetragen zu haben. Sie hätte schon auf dem Boden gelegen und sollte wohl entsorgt werden. Da habe er sich zur Rettung berufen gefühlt, denn immerhin wäre es die einzige ostdeutsche Straßenlaterne auf Westberliner Gebiet gewesen. Das sei historisch. Außerdem sehe der Aufsatz wie eine gigantische Nachttischlampe aus, was sie auch zu einem einmaligen Zeugnis der biederen ostdeutschen Industriegestaltung und damit erhaltenswert mache. Er habe niemals die Absicht gehabt, sich das Gerät anzueignen, auch nicht, als sie beide die Lampe im 100er BVG-Bus durch die halbe Stadt transportiert hätten.
Breuer grunzte. Was war das für eine Stadt geworden?  Da schleift einer Volkseigentum, eine Lampe mit fast einem Meter Durchmesser, ganz ungeniert durch den öffentlichen Verkehr und keiner sagt auch nur ein Wort. Auch der Busfahrer nicht, die doch sonst wegen jedem Kinderwagen meckern. Die Westdeutschen betrachteten den Osten wohl als einzigen großen Andenkenladen, in dem sie einfach zugreifen konnten. Auf jeden Fall hatten ein Bürger erst die Polizei gerufen, als es vor dem Haus des Kerls zu Streit gekommen war.  Vom Balkon des ersten Stocks soll eine junge Frau mit zerrauften Haaren, wohl die Lebensgefährtin, geschrien habe, dass sie dieses verrostete Stück Ostschrott nicht in ihrer Wohnung haben wolle. Es scheint einen heftigen Wortwechsel gegeben zu haben, worauf der Komplize abgehauen wäre, was es dem Kerl unmöglich gemacht hat, die Lampe allein nach oben zu tragen. Stehenlassen wollt er seine Beute auch nicht. Und so stand er noch dabei, als die Kollegen ihn festnahmen.

Was jetzt? Am liebsten hätte Breuer diese unreife Gestalt für eine Nacht in Untersuchungshaft genommen. Das reichte meist, um ihnen einen Schrecken einzujagen. Aber der Kerl hatte eine feste Adresse und zu vertuschen gab es nichts mehr. Grober Unfug, würde der Staatsanwalt sagen und ihn wieder weg schicken.
„Du bekommst Post vom Ordnungsamt,“ raunzte er drohend. Abtransport der Lampe und so weiter. Das wird schön teuer für dich.“ „Und ich behalt dich im Auge, damit das klar ist. Ich bin sicher, dass das nicht der letzte Scheiß ist, den du  und dein Kumpel hier baut. Das war eine leere Drohung, das wusste er. Aber er wusste auch, dass er recht behalten würde.

 

 

 

 

 

 

75

Dieses Jahr werden in Berlin eine Menge Dinge 75 Jahre alt. Zum Beispiel der sowjetische Panzer am Ehrenmal vor dem Brandenburger Tor (natürlich ein T 34, soviel Zeit muss sein), der angeblich als erster die Stadtgrenze von Berlin überfuhr. Vor 25 Jahren hat mich ein seelenruhiger Wachtmeister von dem Panzer runtergeholt als ich meinte, sein Kanonenrohr wäre ein guter Ort, um sich die Love Parade anzusehen. „Kommse mal da runter“, raunzte er, das Ding ist 50 Jahre alt, da weiß man nie, wann das zusammenbricht.“ Na, er hat jetzt 75 Jahre gehalten, genau so wie die Bombe, die sie gestern vor dem Roten Rathaus ausgegraben haben. Es war eine deutsche Bombe mit sowjetischem Zünder. Und ich kann nicht umhin, die Dialektik zu bewundern, die die Sowjets beherrschten wie niemand anders. Eine deutsche Bombe zu nehmen, um mit ihr die Nazis zu bekämpfen und dann einen sowjetischen Zünder draufzuschrauben, der seit 75 Jahren zuverlässig das tut, was ein Zünder tun soll: Nicht zu explodieren.

Übrigens ist die Quersumme von 75 die 12, die Zahl der Vollkommenheit. Nächstes Jahr ist es dann die 13. Mal schauen, was dann die Bomben unter Berlin so machen.

Am Fenster

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Das Feuerwerk ist vorbei, der Sekt verkippt und der Walzer getanzt. Der Rausch macht eine Pause. Wir stehen am großen Fenster im vierten Stock und schauen wie aus einem Raumschiff über die strahlende Stadt und das neue Jahrzehnt. Der grauhaarige DJ scannt seine Playlists durch und startet mit zarten Geigenklängen einen zaghaften Versuch die erschöpften Tänzer auf der „Zeitlos“-Sylvesterparty wieder in Bewegung zu bringen. Unter dem sanften Gefiedel fängt eine dumpfe Trommel an einen dumpfen Rhythmus zu wummern. Und ich weiß schon jetzt, wie es weiter geht. Schwelgend erwarte ich die klagende Stimme, die ich seit 40 Jahren kenne: „Einmal wissen, dieses bleibt für immmer…“ Ein Freund hatte mir die rote Platte mit dem gelben Blitz vorgespielt, ein paar Wochen nachdem ich auf’s Gymnasium gekommen war. Eine Platte auf Deutsch, das war neu. Eine sehnsüchtige Melodie, ein poetischer Text, den ich verstand, aber nicht begriff. Mit 17 braucht es nicht viel mehr, um sich zu verlieben. Aber verliebte mich nicht nur in das Lied und die Platte. Ich bekam Sehnsucht nach der Welt, von der sie erzählte, nach dem Land, das ich bisher nur einmal für einen 20 Mark-Zwangsumtausch-Nachmittag in Ost-Berlin betreten hatte. Ich hatte Sehnsucht nach der DDR.

Zehn Jahre später im Februar. Ich liege mit hohem Fieber in einem langsam schaukelnden Interzonenzug nach Leipzig, meinem Traum entgegen. Der Zug hält mitten auf der Strecke, wie schon so oft. Im Delirium schaue ich aus dem Fenster. Ich sehe Menschen auf einer ausgfahrenen, lehmbraunen Straße vor einer Kaufhalle. Frauen in Kittelschürzen, ein Mann, der eine ölverschmierte, apfelsinenfarbene Regenhose trägt. Er lehnt am Seitenwagen seines Motorrads und zündet sich eine Zigarette an. Für mich ist es ein Bild unglaublicher Ruhe und Gelassenheit – oder spielt mir mein gedämpftes Gehirn das nur vor? Will ich hier Ruhe und Harmonie sehen, oder ist in diesem Land wirklich alles ein bisschen ruhiger, ein bisschen wie in alten Zeiten, von denen meine Eltern erzählten? Eine Frage, die ich mir in den kommenden zwei Monaten immer wieder stellen werde. Jetzt ist es egal. Es ist zu spät umzukehren. In meiner Tasche habe ich eine Einladung der Klinken der Karl Marx Universität Leipzig. Gerne würden sie mein Angebot annehmen, in ihrem Haus als Krankenpfleger zu arbeiten. Ich werde erwartet. Ich bin die Vorhut. Und ich darf nicht kneifen. Denn wir haben einen Plan.

In unserm alten Bahnhof in Heidelberg, auf unserer Insel zwischen Güterzuggleisen und Fernbahntrassen hatten wir im Sommer 89 mitbekommen, wie die Menschen aus der Botschaft in Prag nach Westdeutschland kamen.Viele Ärzte und Krankenschwestern waren darunter. Vom Notstand in den DDR-Krankenhäusern wurde berichtet. Das durfte nicht sein. Die DDR musste bleiben. „Die endgültige Teilung Deutschlands ist unser Ziel“ war die Losung, die von der Satirezeitung Titanic, neben der taz die Pflichtlektüre unserer Krankenschwestern-WG, damals wider den großdeutschen Geist ausgegeben wurde. Uns war das ernst. Wir hatten wirklich Angst vor dem vierten Reich. Und so schrieben wir, die wir alle unser Examen schon in der Tasche hatten, die Krankenhäuser hinter der Mauer an. Der Mauer wohlgemerkt, die damals noch stand. Wir wollten – jetzt darf ich es gestehen – die DDR retten, so wie sie war. Das mit der Revolution kam später. Und von der Stasi hatten wir noch nie was gehört.

Leipzig antwortete im November. Die Mauer ging auf, und ich wurde ausgewählt, mal zu schauen, wie es da so ist. An dem Mut meiner zwei Mitbewohnerinnen bestand kein Zweifel. Sie fuhren Motorrad, trugen schwarzes Leder und waren auf jeder autonomen Demo (ja, so etwas gab es in Heidelberg) dabei. Später würden sie in Rotkreuz-Zelten Peschmergas in Kurdistan zusammenflicken oder Flüchtlinge in Zentralafrika versorgen. Aber das mit dem deutschen Osten, das war ihnen erstmal doch ein wenig zu abenteuerlich.  Ich brauchte keinen Mut, denn ich fuhr ja Richtung zu Hause.

Ich landete da, wo ich nie hin wollte: Vor dem Tisch eines deutschen Feldwebels. Das Quartier, das mir die Uni zugeteilt hatte war eine ehemalige Parteihochschule, die von der NVA beschlagnahmt worden war. Lenin hing noch an der Wand, auf dem Linoleumfußboden knallten Knobelbecher. Sie gehörten jungen Rekruten, die jetzt in die Kohlekraftwerke geschickt wurden, weil die Heizer schon im Westen waren. Der Feldwebel schaute misstrauisch auf mein Papier und zuckte die Achseln. Es gab so vieles, was nicht mehr zu verstehen war in dieser Zeit. Ein Westler, der freiwillig in den Osten kam, um hier zu arbeiten? „Verrückte hat es immer gegeben.“, war sein Kommentar. Ich bekam ein riesiges Zweibettzimmer und viele Telegramme. Das war die einzig verlässliche Art mit der alten Heimat Kontakt zu halten. Ich bekam auch viel Besuch: Von meinen Krankenschwestern und andern, die „mal schauen wollten.“ Gearbeitet habe ich auch. Auf der nephrologischen Station. Dreischichtbetrieb, 600 Mark der DDR, später 800. Geschlafen habe ich nicht viel in der Zeit. Aber das ist einer andere Geschichte, die ein andermal erzählt werden soll… Gute Nacht

 

Dauerschleife

Die ungeschriebenen Blogideen stapeln sich in meinem Kopf wie die ungebügelten Hemden auf meinem Bügelbrett. Der nächtliche Ausflug zur Ruine des Steglitzer Kreisels, die Erinnerung an meine Wendeabenteuer in Leipzig vor dreißig Jahren, die Freude, alle Kinder gemeinam und ohne Streit unter den Weihnachtsbaum versammelt zu haben. Alles nur Ideen, Einstiegssätze und Möglichkeiten, die meinen Kopf nicht verlassen. Nicht dass ich nichts erzählen wollte, aber die Zweifel werden größer: Lohnt sich das? Hab ich das nicht schon mal erzählt? Was denken die Leser von mir? Und je länger ich darüber nachdenke, brechen die Schächte zu den Goldminen meiner Erinnerung ein. Abgesoffene Bergwerke, verschüttete Schätze. Allein die Vorstellung, den Computer anzuschalten ist mir dann schon zu viel. Und je mehr Ungeschriebenes sich auf die alten Ideen legt, desto platter werden sie.
Wo ist nach fünf Jahren Blog der Elan, der Drang etwas mitzuteilen, die Lust mit Wörtern und Stilen zu spielen? Tickerscherk schrieb neulich, dass sie sich sehne nach der Tiefe, mit der sie früher geschrieben hat und ihre Worte kämen ihr jetzt vor wie abgeschliffene Kieselsteine. Die Wolkenbeobachterin ist frustriert über die Erwartbarkeit der Kommentare auf ihre Beiträge und sinniert über die Grenzen dessen, was in von der Bloggemeinde an Inhalten toleriert wird. Langeweile in Bloghausen? Geht’s uns zu gut? Ist die Seelenpein verschwunden, die uns an die Tasten trieb? Noch heute Morgen formte sich ein dramatischer Bericht über die Versäumnisse meiner Eltern, mir lebenspraktische Dinge beigebracht zu haben. Und wie sehr ich mich anstrenge, das bei meinen Kindern nicht zu verpassen. Dann traf ich mich mit einem Freund im Café und erzählte ihm, dass ich bis zum Alter von 10 Jahren noch nicht mal meine Schuhe selber hätte binden können. Eine Schmach und eine Erniedrigung vor allen Klassenkameraden, die ich meinen Kindern ersparen möchte. Ach, sagte er, das war bei mir genau so. Ich hatte immer nur Schuhe mit Klettverschlüssen. Und schon war das Thema gestorben. Vielleicht ist es das, was mir am Bloggen gefallen hat: Zu erfahren, dass ich mit meinen seltsamen Erfahrungen nicht allein bin. Dass ich bei allem Chaos ein Leben erlebt habe wie viele andere auch. Schönen Dank auch dafür.

Und dann sehe ich gestern Abend den Vollmond über Berlin, wie er sich blass hinter den Wolken verbirgt und denke, das könnte doch ein wundervoller Einstieg in die Geschichte sein, wie wir damals nachts die Straßenlaterne vor dem Sowjetischen Ehrenmal geklaut haben…

Und weiter geht’s.