Happy shiny people

Foto: Michael Fanke

Was soll ich groß sagen? Die Ausstellungseröffnung von „Mein Wedding 2020“ war ein Fest, ein buntes, heiteres Sommerfest im hitzeflirrenden Norden Berlins. Alle beautiful people waren da. Die Künstlerinnen (und der eine Künstler), viele Freunde und Bekante. Sebst meine Tochter war extra in den Wedding gekommen. Alexandre, der lockenköpfige Hausmeister vom Deutsch-Französischen Jugendwerk hatte mit seinen Leuten den blühenden Gemeinschaftsgarten „Rote Beete“  besenrein gefegt und die Miniaturen der 12 ausgewählten Bilder im Garten verteilt. Wegen der Wespen und wegen Corona mussten wir die Gummibärchen in der Tüte lassen. Aber Kaffee gab’s, aus weißen Tassen, nur ohne Keks (Corona s.o.) Dann kam auch schon der Bürgermeister. Susanne Haun hat flott durch das Programm moderiert. Die drei Preisträgerinnen waren, soweit anwesend, fast zu Tränen gerührt. Alle waren glücklich und der Herr Bürgermeister ist noch etwas länger geblieben.

Wer schauen will wie’s war: https://meinwedding2020.home.blog/2020/08/16/impressionen-von-der-ausstellungseroffnung/

 

Fachwerk reloaded

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„Einen schönen Urlaub noch!“, ruft mir die Bäckereiverkäuferin hinterher, als ich das Cafe verlasse. Mit beiger Funktionshose und kariertem Hemd sehe anscheinend genau so aus wie die sommerlichen Feriengäste, die auf dem Rotweinwanderweg oder dem Ahrtalweg unterwegs sind und hier einkehren. Die Bäckerei macht auf alt, aber es gibt sie sicher noch keine zwanzig Jahre. Ich muss das wissen, denn ich bin hier  aufgewachsen.

Ich kenne das Dorf noch aus einer Zeit, in der  niemand auf die Idee gekommen wäre, jedes Fenster in den Fachwerkfassaden mit roten Geranien zu schmücken. Wäre zu viel Arbeit gewesen und man hatte genug zu tun mit den Feldern, den Kindern und dem Vieh. Den Garten hatte man hintenraus und da wuchs, was man zum Leben brauchte. Auch ein paar Blumen.
Aber ich will mich hier nicht als Einheimischer aufspielen. Auch wir waren „Zugezogene“, die hinter dem Bahndamm, der das alte Dorf vom Rest des Ortes trennte, neu gebaut hatten. Flüchtlinge waren mein Vater und sein Vater. Und die wollten wieder ein Zuhause haben. An die schäbige Hinterhofwohnung im Schatten der katholischen Kirche, in der meine Eltern in den ersten Jahren ihrer Ehe mit uns gehaust hatten, habe ich kaum Erinnerungen. Mein Leben begann in diesem neuen Zweifamilienhaus, in das der Großvater seinen Lastenausgleich, wie die Entschädigung  für den enteigneten schlesischen Bauernhof hieß, und meine Mutter ihren ganzen Verstand und ihre Nerven investierte. Denn sie war es, die die Formulare ausfüllte und das Geld zusammen hielt. Aber im Grundbuch stand natürlich mein Vater, der nach meiner Vorstellung alleine das große Loch gegraben hatte, in das dann der Keller kam.

Meine Erinnerungen passen nicht zu diesem sonnigen Nachmittag in einem aufgeputzten Fachwerkdorf mit fröhlichen Senioren und Streuselkuchen. Das Dorf hatte für mich als Kind nichts Liebliches, Romantisches, Gefälliges. Es war grau von Arbeit und dem Kampf ums Notwendige. Tagsüber rackerten die Männer in irgendeiner Baufirma oder Fabrik, abends gingen sie in den Stall, reparierten was am Haus oder fuhren auf die Felder. Die Frauen trugen tagein tagaus Kittelschürzen aus Nylon. Grau war auch jahrelang die Farbe unseres Hauses, denn das Geld hatte nicht mehr für einen Verputz gereicht. Diese Burg aus bröseligem Bimsstein war die Bühne für die Dramen unser Großfamilie.  Mehrgenerationenhaus würde man das heute nennen und viele glauben, dass dies die Lösung einiger sozialer Probleme ist. Auch so eine romantische Vorstellung.

Auf meinem Rundgang suche ich das Haus, in dem mein Schulfreund Günther wohnte. Es war auf dem Berg, im Wald. Ich finde es nicht mehr. Später merke ich, dass es hinter den Bäumen verschwunden ist, die in den letzten 50 Jahren weiter gewachsen sind. Meine Schule finde ich, aber ich erkenne sie nicht wieder. Sie war, wie unser Haus, neu gebaut, um die Kinder aus den Neubaugebieten aufzunehmen. Vier Räume für acht Klassen, Turnraum im Keller. Ein Foto meiner Einschulung zeigt einen gewagten, modernen Neubau mit viel Licht und Glas. Im Stil der Zeit sind auch die Frisuren der Jungs igelkurz und die meisten Mädchen tragen Kleider und Zöpfe, manche eine kecke Kurzhaarfrisur wie auch meine Schwester eine hatte. Kunst am Bau gab es auch: Eine Wandmalerei zeigt ein Paar, das eine Friedenstaube fliegen lässt. Jetzt ist die Schule ein Blechkasten, doppelt so groß wie früher, mit Wärmeisolierung und Außenrollos. Der Hausmeister kommt auf mich zu um mir zu sagen, dass die Kinder von der Corona-Kinderbetreuung erst in einer halben Stunde zurück kommen. „Ich war hier selber Kind.“, erwidere ich und er lässt mich auf den Schulhof. Bald finden wir uns in alten Zeiten wieder. Den Direktor mit dem Holzbein und Bauer Willi mit der großen Scheune, in der wir uns als Kinder vor dem Kommunionsunterricht versteckt haben. „Bauer Willi hat jetzt auch aufgegeben.“, seufzt er. „Die Grundstückspreise. Es kommen so viele Leute aus Köln und Bonn. Er ist raus aus dem Dorf.“ Mit seiner Hand weist er über den Schulhof, auf dem mir einst der rothaarige Rudi Bleffert beim Völkerball das Schlüsselbein brach, über eine Containersiedlung auf eine freigemachte Baufläche. „Hier kommt unser dritter Kindergarten hin und eine Turnhalle. „Endlich“, denke ich, „wenigstens kein Medizinballrollen mehr in dunklen Kellern.“

Ich laufe über die Hauptstraße zurück. Neben der Dorflinde (die ich als Kind nie wahrgenommen habe), an der Auffahrt zum Schützenhaus hängt ein Plakat, das den traditionellen St. Martinszug im Dorf anpreist. Komische Vorstellung, dass beim selbstverständlichen Lanternenumzug der Kinder und beim großen Martinsfeuer jetzt Touristen zuschauen sollen. Aus Einheimischen werden dann Eingeborene, die man bei einem Ritual beobachtet, an dem man selber nicht teilnimmt.
Was mich tröstet ist die Kastanie am Ende der Dorfstraße, die überlebt hat, obwohl wir sie als Kinder im Herbst mit Stöcken traktierten, um auch die letzten grünen Stachelkugeln aus dem Baum zu holen. Denn ein Mal im Jahr kam ein Lastwagen von Haribo aus Bonn, dessen Besitzer als großzügige Geste an die Dorfjugend die Kastanien für sein Wildgehege einsammelte und gegen Süßigkeiten eintauschte. Und wo wir es gerade von Süßigkeiten haben: An der Bruchsteinmauer neben dem Bahnhof (von der ich erst jetzt erfahre, dass sie zur einer Tiefburg gehört), da wo ich dann später auf den Bus zur Hauptschule gewartet habe, hängt noch ein Kaugummiautomat, an den ich mich nicht mehr erinnere, aber der so aussieht, als wäre er damals schon da gewesen. Ich freue mich über etwas echtes Altes in diesem überlackierten Dörfchen. Zum Glück hat noch niemand einen Geranientopf drauf gestellt.
Ich werfe 20 Cent rein, und er funktioniert noch! Der Kaugummi kommt jetzt in Plastikverpackung, aber immerhin. Ich ziehe drei Stück- für jeden meiner Jungs einen.

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Ils sont fous, ces …

Haun_Susanne_02© Susanne Haun.com

Ja, wir spinnen, das ist klar. Schon vor wenigen Monaten, als wir ankündigten, in Berlin Wedding, mitten in Coronazeiten einen Kunstwettbewerb für eine Open air-Galerie zu starten, fragte ein Kommentator auf diesem Blog, ob wir noch in der gleichen Welt leben würden? Ob wir glauben würden, dass wirklich im August auf der vierspurigen Müllerstraße Plakate mit Kunstwerken zu sehen sein würden? Das war die Zeit der Kontaktsperre, wenn sich jemand erinnert und es war sehr, sehr leer auf den Straßen.

Und um ehrlich zu sein: Nein, manchmal haben wir daran nicht mehr geglaubt. Denn neben Corona gab es ja noch den ganz normalen Berliner Wahnsinn. Wenn zum Beispiel für den Standort eines Plakates zwei verschiedene Bezirksämter inklusive einer landeseigenen Immobilienverwaltung zuständig sein könnten, aber keiner eine Entscheidung trifft und das ganze dann scheitert, dass auch in der Raucherecke des JobCenters ausreichende Abstände zur Belüftung und Beleuchtung eingehalten werden müssen, dann wird es manchmal etwas viel.
Wir haben trotzdem weiter gemacht. Weiter gemacht, als plötzlich 2000 Flyer wertlos wurden, weil alle Kneipen und Cafés geschlossen hatten, in denen wir sie verteilen wollten. Als der Bescheid des Bezirksamtes für die „Ausnahmegenehmigung gem. § 46 StVO“ vom Fachbereich Straßen- und Grünflächenverwaltung auch nach monatelanger Wartezeit und hundert Nachfragen immer noch nicht kommen wollte. Und weiter gemacht, als das Postfach für die Einsendungen in den ersten Monaten, bis auf ein paar Fotos von vollgestopften Mülleimern und weggeworfenen Fernsehern, leer blieb.

Und jetze? Allet jut. Jetzte is allet durch. 🙂
Die Genehmigungen sind da, das Centre Francais de Berlin ist als Träger mit eingesprungen, das Postfach ist kurz vor Einsendeschluss übergelaufen und die Jury hatte plötzlich mehr als 180 tolle, farbenfrohe, melancholische, coole, kreative, unmögliche, dunkle, strahlende, bescheuerte, liebevolle, trashige, brave, schwarz-weiße, persönliche, abstrakte oder einfach großartige  Collagen, Fotos, Ölbilder, Grafiken, Tuschezeichnungen, Webteppiche!, Kinderzeichnungen, Aquarelle – und wat sonst noch allet – dazuliegen und musste daraus die zwölf besten aussuchen.
Und dit in zwee Stunden uffn Nachmittach.

Deshalb dürfen wir euch jetzt einladen zur Ausstellungseröffnung

Samstag, den 15. August 2020, 11 Uhr
im interkulturellen Garten „Rote Beete“
neben dem Centre Francais de Berlin,
Müllerstraße 75,
13349 Berlin

Der Bürgermeister von Mitte kommt auch und die ganzen Künstlerinnen und Künstler. So zum Angucken und Anstoßen. Wird bestimmt nett. Ick freue mir so.

Ach ja: Diesen Sommer keinen Blogbeitrag ohne Blumengruß aus dem Hinterhof.

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Mille fleurs

Also dieser Sommer…. Wind, dramatische Wolken und Sturzregen: wunderbar. Als Fan der Regensucherin gibt es für mich kein schöneres Geräusch als das Tanzen der Regentropfen auf dem Fensterbrett und das Rauschen der Bäume vor dem Gewitter.
Das gibt mir das Gefühl: Es ist alles wieder gut. Klimawandel war einmal. Die Wiese bleibt grün. Die Kastanie im Hinterhof hat die Motten, aber auch damit kommt sie in so einem regenreichen Sommer besser klar. Und was es heute regnet, das füllt den Grundwasserspiegel für die nächsten Jahre, hoffe ich . Mit meinen Söhnen habe ich kein Apfelbäumchen gepflanzt, sondern Astern in drei kleinen Blumentöpfen. Und die brauchen sie gar nicht zu gießen – nur in den Garten stellen. Wächst von selber.

„Wäre schön, stimmt aber alles nicht.“, sagt der schlacksige Kerl, der neben mir durch die Wiesen des Naturschutzgebiets Klapperberge stapft. „Der Regen kommt viel zu spät, den hätten wir im April gebraucht. Die Bäume hier lassen die Blätter hängen, weil es damals zu trocken war. Jetzt schwemmt der Starkregen nur die Erde weg. Unten an den Wurzeln kommt nichts an.“ Ach dieser Kerl – verdient sein Geld mit Dachbegrünungen. Da muss er den Leuten ja so was erzählen. Und bei einer Sache muss er mir sogar Recht geben. Auf den  Wiesen hier in der Uckermark haben seit Jahren nicht mehr so viele Blumen geblüht . Ich schau in meine Pflanzen-App: Alles Unkräuter. Na Gottseidank sprießt das wieder.

 

Unter dem Pflaster

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Es ist kalt. Vom nahen Ufer zieht klamme Feuchtigkeit unter meine Jacke. Jemand hat ein Feuer angemacht, um uns zu wärmen. Eine Frau ruft meinen Namen über den Strand. So wie sie ruft, klingt er wie ein wildes Tier. Sie holt mich heim. Essen ist fertig. Das ist schön.
Noch vor einer Viertelstunde war das ein ganz normaler Feierabend, mit Wäsche bügeln und ein bisschen Internet. Irgendwas hat mich nach draußen gezogen, an diesem Abend im Juli, der sich schon wie Herbst anfühlt. Dann bin ich durch den Wald gefahren und durch die Tür gegangen, die immer offen steht. Jetzt sitzen um mich herum junge Männer mit den Füßen im Sand. Sie reden ruhig, ihre Abenteuer sind für heute vorbei. Einer improvisiert auf einem E-Piano ein bisschen Jazz ein bisschen Lateinamerikanisches. Die Melodien sind fein, machen die Gedanken leicht und ziehen über den See, in dem noch ein paar Nackte baden. Die Sonne ist längst untergegangen.
Eigentlich gehöre ich nicht hier hin. Das ist eine Aussteigertraum, eine Hippiekommune, ein alternatives Projekt. Ich weiß noch nicht mal, wie man das heute nennt. Ist auch egal.
Ich bewundere den Mut und die Unbefangenheit der Truppe, aus einem heruntergekommenem Strandbad am Rande der Stadt einen Lebensraum für sich selbst und ein Refugium für ihre Gäste zu machen. In Zeiten, in denen meine Gedanken um die verschiedenen Facetten des Weltuntergangs oder zumindest des Älterwerdens kreisen, einfach ein paar Hütten auf den Strand zu stellen,  einen Steinofen zu bauen, gute Pizza zu backen und die Tür weit auf zu machen. Es ist wie ein Geschenk
Die Pizzabäckerin ruft die letzte Runde aus. Ich verschenke die Hälfte meiner an ein paar Jugendliche, die zu spät gekommen sind. Es ist schön, was geben zu können. Ich muss zurück. Morgen geht es für mich woanders weiter. Aber ich hoffe, das kleine Paradies ist nach meinem nächsten Feierabend noch da.

 

Halb gelesen

Beruhigend schäumt die Waschmaschine. Mal nach links, mal nach rechts. Ich könnte ihr stundenlang zuhören. Das Klatschen der Laken in der Trommel, die kurzen Stopps, und immer weiter geht’s. 2einhalb Stunden Beruhigungskonzert für meine Nerven. Viel mehr wird heute nicht passieren.
Ich könnte ja ein gutes Buch lesen. Hab ich aber schon. Heute morgen auf dem Balkon: Navid Kermani, 5 Seiten, die Rede zum 65. Geburtstag des Grundgesetzes. Erbaulich, wie es sich für einen Sonntagmorgen gehört. Warum gehe ich nicht mal wieder in die Kirche?

Neben meinem Bett stapeln sich halbgelesene Bücher. Nichts, was mich wirklich mitreißt. Corona-Unterstützungs-Käufe für meinen Buchladen. Wenigstens den Händler habe ich glücklich gemacht damit. Er hat mir beim Rausgehen die Tür aufgehalten. Natürlich musste es Camus sein: Die Pest. Hatte der Händler einen großen Stapel von aufgetürmt. Fand ich als Schüler großartig: Männer reifen im Angesicht der Katastrofe. Mann wollte ich sein und schicksalschwere Entscheidungen treffen. Die Katastrofen sind ausgeblieben, die Entscheidungen hat das Leben für mich getroffen und das Buch habe ich im Bücherregal im türkischen Café nebenan gegen Juli Zeh „NeuJahr“ eingetauscht. Eine Frechheit, dieses Buch. Musste es in der Hälfte weglegen, weil  die Schilderung verdurstender Kinder in einer spanischen Finca so an die Nieren ging (habs dann doch nicht ausgehalten, nachts um 2 den Rest gelesen und nicht mehr schlafen können). Schlecht schlafen kann ich von alleine. Brauche ich dafür Literatur?
Oder Uwe Timm „Freitisch“. Uwe Timm geht eigentlich immer. Aber das? Alte Männer bramabasieren über ihre wilden Zeiten als Arno Schmidt-Fans. Literatur über Literatur. Hat mich immer schon gelangweilt. Vorsichtig entstaube ich meine Arno-Schmidt-DDR-Erstausgabe, Verlag Volk und Welt 1990. Da war doch mal was. Hatten wir uns nicht bei Schmidt unsere seltsame postpubertäre Gruppensprache in der Berufsschule abgeschaut, oder war das aus der „Titanic“? Ok, unserem Wortführer, der heute noch so spricht, habe ich vergessen zum 60ten zu gratuliern. Seitdem spricht er gar nicht mehr mit mir. Besser so.

Wenn man selber nicht mehr weiter weiß, helfen Freunde. Schenkte mir doch aus blauen Himmel heraus eine Freundin den neuen Roman von Bov Bjerg „Serpentinen“, weil sie wusste, dass ich „Auerhaus“ geliebt hatte und weil sie mich ständig schubst, doch auch mal was über meine Jugend zu schreiben. Aber doch nicht sowas! Wieder muss ein Kind in Lebensgefahr kommen, damit der Autor seine eigene, abgrundtief hoffnungslose Kindheitsgeschichte erzählen kann. Selbstmörder, Gewalt, Alkohol auf der Schwäbischen Alb. War nett gemeint, aber mit 3 kleinen Jungs wird man da empfindlicher.

Und was sagen die Profis? Die sollten doch wenigstens die Überblick haben, was so richtig gut reinläuft in Zeiten wie diesen. Also bei Birgit Böllinger vorbeigeschaut. Sie ist angetan vom „Gesang der Fledermäuse“ Eine Einsiedlerin, im Bund mit Tieren und Natur, löst einen mysteriösen Mord an einem Pelztierhändler. Immerhin von einer Nobelpreisträgerin geschrieben und es kommen keine kleinen Kinder vor. Also nochmal zu meinem Buchhändler gelaufen, der schaut hinter seinem sehr improvisierten Corona-Schutz aus Cellophanfolie in seinen altertümlichen Röhrenbildschirm und rät „Kommt in einem Monat als Taschenbuch, da können Sie warten.“ Und weil das mächtigste Tier, mit dem ich bislang im Bunde stehe, der Sparfuchs ist, willige ich ein. Doch ohne Buch gehe ich nie aus seinem Laden, das weiß der gewiefte Bücherdealer. Mein Blick fällt auf „Das geheime Leben der Bäume“. Ich weiß, Spiegel-Bestseller und keine Literatur. Aber als Einstieg in die Weltflucht das ideale Vehikel. Und Fledermäuse sind mir in Zeiten von Corona echt noch zu gefährlich.

Im falschen Film

And you may find yourself in a beautiful house
With a beautiful wife
And you may ask yourself, well
How did I get here?

Die Verandatür ist offen. Es ist ein warmer Tag mit makellos blauem Himmel. Der automatische Rasenmäher surrt über den millimetergenau gestutzen Rollrasen. Auf dem Rasen spielen drei Jungs. Unsere Jungs. Sie nennen den Rasenmäher „Die Kröte“. Neben mir steht ihre Mutter und fragt mich, ob ich einen Kaffee will. Ich nicke. Die Jungs werfen Flugzeuge aus Styropor mit einer wuchtigen halben Drehung ihrer sehnigen Körper in die Luft. Bausparkassenwerbung.

Die Flieger kommen mit Loopings wieder zurück. Einer landet auf dem Garagendach des Nachbarn. Ein fragender Blick. Ich hole die lange Aluleiter aus dem Keller. Als ich mit der Leiter am Türrahmen anstoße, zuckt die Mutter. Immer bin ich es, der ihrem Idyll eine Schramme verpasst. Vorsichtig prüfe ich das Dach, ich bin nicht sicher, ob es mich trägt. Die Jungs staunen, als ich den Flieger nach unten werfe. Der Papa löst die kleinen Probleme, Mutter kocht im stahlend weißen Eigenheim einen Kaffee.

And you may tell yourself
This is not my beautiful house!
And you may tell yourself
This is not my beautiful wife!

Ich bin nur zu Besuch. Habe mich außer der Reihe selbst eingeladen, weil mir die Zeit zu lang wurde, in denen ich die Jungs nicht sehe. Wir spielen noch eine Runde Pokemon-Karten auf dem Rasen. Dann ist Zeit für’s Bett. Die Schule hat wieder angefangen. Hastig decken wir den Abendbrottisch. Als ich mich mich auf mein Motorrad setze, sind die Jungs schon im Schlafanzug. Sie kommen noch mal an die Tür. „Wir wollen hören, wie du den Motor anmachst.“

You may ask yourself
Where does that highway go to?
And you may ask yourself
Am I right? Am I wrong?
And you may say yourself
„My God! What have I done?“

Die Talking Heads haben wir in den 80ern in Dauerschleife im Kino in der Heidelberger Hauptstraße gesehen. Waren so schön überdreht, die Bühnenshow, die Texte. Jetzt ist das mein Alltag.

Same as it ever was
Same as it ever was
Same as it ever was

 

 

 

 

 

 

 

Dämon Alkohol

Wir haben gekocht. Sitzen am Küchentisch und stochern im Spargelsalat mit Linsen. Meine Idee. „Linsen hatte ich heute schon“, mäkelt die Tochter. Sie hatte sich auf Spargel gefreut. Aber es sind nur ein paar Stangen in der Schüssel. Ich habe mich an das Rezept gehalten. Na ja, einen Versuch war’s wert. Ich versuche das Gute an dem Abend zu sehen: Schön, dass sie da ist. Schön zu hören, dass sie sich wieder um ihre Masterarbeit kümmert. Um das Thema zu wechslen, zeige ihr auf meiner Kamera die Blümchenbilder, die ich im Garten gemacht habe und auf die ich so stolz bin. „Hübsch“, sagt sie. Die Stimmung war schon einmal ausgelassener.
Da fällt mir die kleine Flasche Ouzo ein, den sie mir aus ihrem letzten Griechenlandurlaub mitgebracht hat. Ich trink ja sonst nix, ehrlich, steht schon ein Jahr bei mir rum, aber auf einmal habe ich große Lust auf Schnaps. Ich wedele die Flasche vor ihrer Nase rum. „Willst du einen?“ „Warum nicht?“, kommt es erstaunt zurück. Darf ich die Jugend zum Trinken verführen? Muss ich als Vater nicht Vorbild sein? Wir trinken den Schnaps aus Eierbechern. Was anderes hab ich nicht. Das Zeug ist süß und lecker und ungekühlt. Läuft so rein.
Nach dem zweiten Becher zeige ich ihr den Trick mit dem umgedrehten Objektiv. Sie hatte sich  im letzten Jahr eine alte Kamera gekauft und ein paar Schwarzweißfilme verschossen. So richtig ernst gemeint war es wohl nicht. Eher so ein Trend. Als ich ihr zum Geburtstag einen Belichtungsmesser schenkte, hat sie ihn angeschaut, als wäre es ein Faustkeil. Aber der Trick gefällt ihr. Objektiv abschrauben, umdrehen und vor die Kamera halten – und schon kann man winzige Details ganz groß machen. Unter den Augen meiner Tochter verwandelt sich mein Küchentisch. Abstrakte Formen, zerkratzte Details, wie aus einer alten Fabrik. Die Fotos, die sie knipst könnte man als Deko in ein Vorstadtcafé hängen, oder in einen Club, finde ich und sage es ihr auch. Meine Euphorie ist echt. Sie hat wirklich ein gutes Auge und ich bin beim vierten Eierbecher angelangt. Sie ist auch ganz begeistert, als sie sieht, wie aus der  Spülbürste ein Strahlenkranz wird. Wir sind Künstler – für einen Abend. Sie tippt auf ihrem iPhone rum und überträgt sich die Bilder. „Noch einen Becher?“, frage ich. „Nee,  ich bin noch verabredet. War aber trotzdem schön.“
Zwei Tage später sind wir mit Freunden nach Brandenburg gefahren – zum Spargelessen. Diesmal richtig.

There’s a light

Die ganze Zeit hat sie geleuchtet, Tag und Nacht, im leeren Café. Sie war mein Hoffnungsschimmer in trostloser Zeit, mein Stern am Abend. Diese biedere Stehleuchte. Sie hat durchgehalten, während ich verzagte. Die Blumen im Schaufenster vertrockneten, mein Mut sank. Aber sie schien weiter. Sie ist das Markenzeichen des kleinen Flop-Cafés bei mir um die Ecke und eine, die nie den Glauben daran verliert, dass es weiter geht.
Lange hatte ich geglaubt, dass mein zweites Wohnzimmer, mein Kaffeehaus seine zweite große Krise nicht übersteht.
Die erste war vor einem Jahr über das ältere syrische Ehepaar herein gebrochen, als ihr Sohn, der in unserer Straße die Flop-Bar aufgemacht hatte, und für seine Eltern das Café, ganz überraschend starb. Blutvergiftung, munkelten die Nachbarn. Zu spät gemerkt. Keiner konnte ihm mehr helfen. Dabei war er erst Anfang 30.
Ein Monat war zu, dann standen alten Leutchen wieder auf den Beinen. „Ich bin froh, dass Sie wieder da sind.“, sagte ich zu dem zurückhaltenden Herrn mit dem weißen Schnurrbart. „Und ich danke Ihnen, dass Sie wiedergekommen sind.“, erwiderte er leise mit erlesener Höflichkeit. Er hat in Syrien wahrscheinlich etwas anderes gemacht als Schalen mit Humus und Kibbe zu verkaufen. Er ist langsam und mit seinen Gedanken oft woanders. Ich könnte mir ihn gut in einer Bibliothek vorstellen. Seine Frau sitzt am Tisch in der Ecke, wenn sie nicht in der Küche ist. Sie spricht kein Deutsch, aber sie hat aus ihrem Café eine Art syrisches Jugendzentrum gemacht. Immer sitzen junge Leute um sie und reden, während die jungen Deutschen an den anderen Tischen in ihre Laptops tippen. Manchmal trippelt ihr Mann zum Tisch, will dabei sein, steht aber etwas verloren rum. Die beiden sind rührend miteinander.
Dann kam Corona. Von einem Tag auf den anderen war zu. Und kein Hinweis darauf, dass es weiter geht. Kein Schild, kein Eintrag bei Facebook (das wohl noch vom Sohn eingerichtet wurde und seit Jahren unverändert ist) keine Telefonnummer. Nur die Lampe war geblieben, wie das ewige Licht in der Kirche, das immer leuchtet und die Gemeinde an die Wiederauferstehung glauben lässt.
Irgendwann fand ich das Cafe auf der Seite von „Berlin hilft“, kaufte einen Gutschein und schenkte ihn meiner Tochter, die in dem Cafe viele Tage verbracht hat, als sie bei mir wohnte. „Hast du gesehen? fragte ich sie, als sie gestern endlich mal wieder vorbei kam, „Unser Cafe hat wieder auf.“ „Ja“, sagte sie nebenbei, „bin schon dran vorbei gelaufen.“ Den Gutschein hatte sie schon vergessen. Ist ja schon vier Wochen her. Eine Ewigkeit in dem Alter.

Der Schlächter

Das Gesicht ist aufgedunsen. Klein und verkniffen liegen die Augen in den Wülsten. Der Stiernacken, die nach vorne hängenden Schultern: Der Kerl würde in jedem Stück, in jedem Film den tumben Spießgesellen, den Handlanger und Mordbuben geben können. Aber die Theater sind zu und deshalb wütet er in Wirklichkeit. Bahn für Bahn hinterlässt er seine Spur der Verwüstung in unserem Hinterhof. Weiß er was er anrichtet? Weiß er, dass er mit seiner stumpfen Tat mein kleines Glück vernichtet?
Der Schweiß rinnt ihm vom kahlen Schädel während er stoisch seine scharfen Messer kreisen lässt. Unbeholfen schiebt er seinen Schmerbauch mit mechanischen kurzen Schritten hinter seiner Mordmaschine über die Wiese. Seine Opfer heißen Storchenschnabel, Hasenglöckchen oder Löwenzahn. (Ich hab ’ne Pflanzenapp) Esels-Wolfsmilch, Graukresse oder Italienscher Aaronsstab. Allein wegen ihrer liebevollen Namen muss man sie schon mögen. Und noch mehr bewundern, mit welcher Harnäckigkeit sie sich und ihre streichholzkopfkleinen Blüten auf dem trockenen Sandboden durchbringen. Allem haben sie getrotzt. Dem glühenden Sommer im letzten Jahr, dem nassen Februar und den viel zu trockenen Tagen danach.

Und jetzt er: Der Büttel der pfennigfuchsenden Hausverwaltung, der unwürdige Nachlassverweser des großen Meisters, der dieses Blütenreich vor 90 Jahren geschaffen hat, der abgestumpfte Landsknecht, der für ein paar Heller ein Massaker anrichtet.

In den vergangenen Wochen habe ich die Fülle in dem großen Garten unter meinem Balkon mit dem Fotoapparat erkundet. Das Wunder im Kleinen hat mich ein wenig die Krisen draußen vergessen lassen. Aber ausgerechnte am Tag der Artenvielfalt bleibt davon nichts als abgemähtes Gras, das in der Sonne verdorrt. Ich hoffe, dass ein paar meiner kleinen Freunde sich tief genug geduckt haben, und noch da sind, wenn sich die Staubschleppe über dem Schlachtfeld gelegt hat. Sie müssen das ja zwei Mal im Jahr über sich ergehen lassen und wissen wohl längst: Der Mörder ist immer der Gärtner.