Wir müssen leider draußen bleiben

Ich habe Husten. Ganz normalen Husten, wie man ihn im Herbst halt so hat. Morgens nach dem Aufstehen schlimmer als über den Tag. Ärgerlich, aber mit ein paar Hustenbonbons (Fishermans Friend) und Brausetabletten (ACC akut) gut zu überstehten. Bronchitis nannte man das noch im vergangenen Jahr und rechnete so mit zwei bis drei Wochen, dann war der Spuk meist vorbei. Husten war etwas, das alltäglich war, etwas, das man im Griff hatte „Olaf hat Husten – Seine Mutter hat Wick Vaporoub“  klang die beruhigende Nachricht aus der Vorarbendwerbung längst vergangener Tage.  Vom Husten gequälte Menschen hatten viele Freude. Nicht nur Mutti, sondern auch einen fröhlichen, zuversichtlich Bonbons werfenden Bären: „Nehmt den Husten nicht so schwer – gleich kommt der Hustinettenbär!“. Und wenn man sich beim Husten in Veranstaltungen höflicherweise die Faust vor den Mund gehalten hat, galt das als Ausweis allerbester Kinderstube.

Heute herrscht Panik. Heute hat man mit Husten wenige Freunde. Von der Veranstaltung „Soft Solidarity“ werde ich mit harschen Worten ausgegrenzt. „Gäste mit erkennbaren Symptomen einer Atemwegsinfektion und diejenigen, die nicht bereit sind, sich auf unsere Vorkehrungen einzulassen, müssen wir leider bitten, wieder zu gehen.“ Ist es das, was man heute unter „sanfter Solidarität“ versteht? So sanft, dass man sie kaum noch spürt? „Be nice or fuckin leave“ steht als Leuchtreklame im Schaufenster der neuen Hipster-Bar um die Ecke.  Wer krank scheint, ist jetzt sehr alleine. Und das geht tief bis in die Familie hinein.
„Warum hast du dich nicht auf Corona testen lassen?“ , ist dann auch gleich die erste Frage, die ich statt eines „Hallo, schön, dass du da bist.“ von meiner Tochter zu hören kriege, als sie mich in Venedig am Giardini di Bienale vom Boot abholt. „Weil ich meinen Husten kenne.“, sage ich mürrisch. „Es ist der gleiche wie im letzten Jahr.“ Statt mich zu beglückwünschen, dass ich es trotz aller Widrigkeiten durch alle Kontrollen zu Ihr geschafft habe, dass ich im Flieger ganz flach geatmet habe, nur um von Berlin-Mitte (damals noch kein Risikogebiet) nach Venedig (erstaunlicherweise auch nach meinem Besuch immer noch kein Risikogebiet) zu ihr zu kommen, um mit ihr und ihrer Mutter gemeinsam die Abschlussfeier ihres Studiums zu begehen, treffen mich zwei Tage lang vorwurfsvolle Blicke. Das kenne ich schon und halte das auch ganz gut aus. Ich genieße es einfach mit meiner Tochter durch das fast touristenfreie, sonnige Venedig zu stromern. Die Kais der Kreuzfahrschiffe sind seit Monaten verödet. Das Wasser in der Lagune ist so klar, dass die Tochter sich wie ein Kind über einen Schwarm kleiner Fische freut, den sie zum ersten Mal in einem der türkisgrün schimmernden Kanäle sichtet. Und sie hat ein halbes Jahr hier gewohnt.

Doch die Freude ist kurz.  Wie ein Damoklesschwert hängt über der Familie die Frage: Darf der kranke Vater mit in den Festsaal, ohne dass wir unauslöschliche Schuld auf die Famile laden? Es kommt zur Nacht der langen Messer, in der auch Tränen fließen, und zum Beschluss: Papa ante portas. Ich darf mir nur die Live-Übertragung aus der Scuola di San Rocco anschauen. „Aber danach gehen wir zusammen nett Essen.“, heißt es von der Restfamilie fröhlich.

Es ist ein wenig, als würde ich meine Tochter zur Hochzeitsfeier in die Kirche bringen, als wir vor dem prächtigen Portal der Scuola stehen. Um uns herum fein gemachte Studentinnen und Studenten, aufgeregtes Geplapper und würdevolle Ältere. Es fehlt nur der Pfarrer. Immerhin lassen sich Magnifizenzen aus ganz Europa in ihren prächtigen Talaren sehen und verschwinden als letzte im Dunkel der Marmorhalle. Meine Tochter ist mit ihrer Mutter auch schon drin – nur ich muss draußen bleiben…. Nein, es fühlt sich nicht richtig an. Ich fühle mich zurückgesetzt, verurteilt ohne Beweis. Und es geht auch ein wenig ums Ankommen. Ich komme aus einfachen Verhältnissen, meine Eltern trauten sich nie zu einer meiner akademischen Abschlussfeiern. Das war ihnen zu fremd, dazu führten sie sich zu klein, was mich schon damals sehr traurig machte. Ich hätte meine Freude über das Erreichte gerne mit ihnen geteilt. Aber für sie war ich jemand, der damit seine Herkunft verraten hat. (obwohl meine Mutter natürlich im ganzen Dorf erzählte, was für ein Examen ich bestanden hatte). Und was war ich jetzt? War ich jetzt selber Akademiker oder immer noch der Junge vom Dorf, der in so eine prachtvolle Veranstaltung nicht hinein gehörte? Oder war ich einfach nur der Mohr, der seine Schuldigkeit getan hatte? Gab’s ja schon mal in Venedig.

Zum Glück habe ich meinen Kafka gelesen. Und ich weiß, dass auch die schwersten Türen für einen offen stehen, wenn man den Mut hat zu fragen. Ich also rein in die Halle, werde kurz vom Security-Mann mit der Fieber-Pistole gecheckt und für gut befunden. Am Empfangstisch in meinem besten Englisch die Wahrheit gesagt, dass ich einen Husten habe, und ob dass ein Problem sei? Ob ich Fieber habe, fragt die Empfangsdame freundlich. Und als ich verneine gibt sie mir das Anmeldeformular. You’re welcome!

Eine Woche später gehe ich in Berlin zum Arzt. Ja, sagt er, so eine Bronchitis kann lange dauern und schreibt mich eine Woche krank. Eigentlich hätte ich mit meinen Jungs in die Jugendherberge im Harz fahren wollen. Aber da dürfen wir jetzt wirklich nur noch hin, wenn wir alle einen negativen Coronatest haben. Und vielleicht ist es auch keine gute Idee zu verreisen – mit Kindern in Zeiten der Pandemie.

 

Is ma gut jetzt

Meine Tochter hat Corona – denkt sie. Oder nein, denkt sie eigentlich nicht, aber sie ist sich nicht sicher. Eigentlich hat sie nur Angst. Angst, sie könnte was falsch machen. Andere anstecken und so. Auf jeden Fall ging’s ihr seit ein paar Tagen nicht gut. Sie geht zum Arzt und kriegt promt einen Corona-Test. Und das Ergebnis kommt erst in paar Tagen. Wir waren aber heute verabredtet. Heute Abend liest Max Goldt in Neukölln. Max Goldt! Der feinsinnige Held meiner Titanic-Zeit, der federleichte Moralist, der Mann, der Lachen und Humor auseinanderhalten kann und den ich noch nie zu Angesicht bekommen habe. Die Erste Lesung war abgesagt worden, wegen Corona natürlich. Jetzt also die Entschuldigungstour. Und weil ich weiß, dass meine Tochter so was mag, so lustige Männer mit Wortwitz auf der Bühne, habe ich sie eingeladen, schon vor Wochen.

Heute Mittag ruft sich mich an, erzählt mir von dem Test. Ich sag: Du hast kein Corona. Es ist Herbstanfang, alle schniefen, deine Brüder husten schon. Alles ok. Ist wie jedes Jahr. Und sie so: Ja glaub ich ja auch nicht. Aber würd ich mir ja nie verzeihen, wenn ich da jemand anstecken würde… Der Einzige, sag ich, den du heute Abend anstecken könntest, bin ich. Und ich hab noch ein Jahr bis Riskogruppe. Sie lacht. Also, sag ich, setzt dich halt mit Mundschutz in den Saal und gut is. Wir verabreden uns vor dem Heimathafen in Neukölln. War ich noch nie. Freu mich rauszukommen und mal wieder in Gesellschaft auzugehn.

Halbe Stunde vorher ruft sie an. Nee, sie hätte jetzt noch mal in den Zettel geschaut: Bis der Test da ist, muss man in Karantäne. Ich sag, ist nicht dein Ernst? Ja, sagt sie, es tut mir ja so leid, aber geht wirklich nicht. Bist du jetzt sauer? Natürlich bin ich jetzt sauer, ich platze gleich. Sag ich auch. Wir haben uns ein paar Wochen nicht gesehen und es ist ein wunderbar warmer Abend und ich hätt mich gerne mit ihr gefreut über den schönen Abend und den lustigen Max. Aber sie war schon immer so. Lieber ’n bisschen vorsichtig, nix neben der Reihe. Oder ist sie nur bei mir so? Oder ist sie so, weil ich immer die Sachen ins Blaue mache und sie manchmal schief gehen? Oder bin ich selber so, und merks nur gar nicht? 20 Jahre Beamter ist man ja auch nicht ohne Grund. Und die Mutter erst. Auf jeden Fall kann das Kind nix dafür. Nee, sag ich also, Gesundheit geht vor. Und wenn’s dir nicht geheuer ist… Und du bist echt nicht traurig, fragt sie? Nee, sag‘ ich, aber jetzt ist Schluss. Ich geh jetzt los.

Der Heimathafen Neukölln hat ein paar Tische in den Hof vor dem Theater gestellt. Menschen beim Wein. Lampions, laue Luft und tintenblauer Himmel. Eine italienische Nacht. Das macht meine Enttäuschung noch viel größer. Wie schön hätten wir hier sitzen können? Und ich hätt sogar mal Lust auf einen Wein gehabt. Die zweite Eintrittskarte ist natürlich auch für die Katz. Einfach hinstellen, und sie ein paar Nachzüglern zu verkaufen klappt nicht, das merke ich schnell. Denn in Zeiten von Corona kommt keiner ohne vorbestelltes Ticket. Im Saal stehen die Stühle und Tische so weit auseinander, dass ein Ozeanriese zwischendurch fahren könnte. Meine Tochter hätte Opernarien singen können, ohne dass jemand ein Tröpfchen abbekommen hätte. Ich vergrabe mich immer weiter in meinen Groll und komme mir auch noch alt und hässlich dabei vor.

Aber es gibt ja noch Max Goldt. Und der braucht nur zwei Texte zu lesen und mein Herz ist wieder leicht. So ein feiner Mensch, so viel Wortgefühl. Seit vielen Jahren habe ich nichts mehr von ihm gelesen, und er ist immer noch gut. Nimm mal nich alles so schwer, sag ich mir, als er seinen Rausschmeißer „Froschfilm“ singt. Ich lasse mir von ihm ein Buch für meinen Freund Norbert signieren, mit dem ich die härtesten „Titanic“-Zeiten durchgemacht habe. Jung-Männer-Sarkasmus war unsere Alltagsdisziplin. Der ist jetzt auch schon 60. Seinen Geburtstag hab ich vergessen. Ich schick’s ihm zu Weihnachten.

Herbei, herbei zum 4. Mai

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Geschlossen war zum 1. Mai seit hundert Jahren nur eins: Die solidarische, unbezwingbare Arbeitereinheitsfront, die auf den Plätzen und Straßen gegen ihr Elend  und die Macht des Kapitals kämpfte. Doch in diesem Jahr ist alles anders. Die Plätze verwaist, die Straßen im Griff des Ordnungsamtes, das mit strengem Blick darauf achtet, dass das Volk nicht zusammenkommt und die Gewerkschaften demonstrieren online.
Aber ich habe da einen Verdacht: Ich vermute,dass die Absage der großen DGB-Demos, die sonst mit Trillerpfeifen das Schweinesystem erschütterten, geht nicht auf die staatsragende Einsicht der Einheitsgewerkschaften in coronabedingte polizeiliche Auflagen zurück, sondern auf Scham.
Denn was würde dieses Jahr unter roten Bannern zur Schau gestellt?  Wohlstandsbürgerinnen und Bürger fortgeschrittenen Alters in den immergleichen Plastikleibchen mit Gewerkschaftslogo?  Das wäre schon schlimm genug. Aber dieses Jahr kämen herausgewachsene Blondierungen, ausgewaschene Dauerwellen, graue Streifen in vormals schwarzen Haaren, büschelweise Haare in den Ohren und verzottelte VoKuHilas dazu.
So darf die stolze organisierte Arbeiterschaft sich nicht auf der Straße zeigen, will sie sich nicht mit dem alten Schimpfwort „Lumpenproletariat“ verhöhnen lassen. Natürlich ist das ein perfider Schachzug der Bourgeoisie. Warum wohl dürfen die Friseure erst nach dem 1. Mai öffnen, die kleinen Geschäfte aber schon seit vergangener Woche? Eben!
Wusste die herrschende Klasse doch, dass die erzwungene Schließung der Friseurläden tiefere Einschnitte in die Kampfkraft der Vertretungen der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer bewirkt, als es alle bisherigen Finten des Kapitals vermocht haben.
Doch was soll ich tun? Auch in mir steckt ein kleinbürgerlicher Reaktionär. Auch ich meide schamhaft die Nähe meiner Kolleginnen und Kollegen, weil ich ihren Spott fürchte. Meine ansonsten von freundlichen arabischen Männern auf 9 mm Einheitsschnitt getrimmten Resthaare nehmen barocke Formen an. Barock nicht im Sinne einer gepuderten Lockenpracht sondern barock im Sinne eines „gesprengten Giebels“. Das heißt: Links und rechts wuchert es verspielt und üppig und in der Mitte klafft eine Lücke, die nichts anderes ausdrückt als Vergänglichkeit. In die moderne Popkultur ging diese Form der Frisur ein als Erkennungszeichen verrückter Wissenschaftler. Auch im Comic ist sie beliebt. Der Chef der hoffnungslosen Bürohengstes Dilbert trägt sie.

Wenn ich wenigstens in der Wüste oder in der Eifel lebte, wo mich nichts an meine Verunstaltung erinnerte. Aber nein! Ich lebe wahrscheinlich in dem Stadtteil mit der höchsten Friseur-Dichte Deutschlands. Ich leide Tantalusqualen, wenn ich durch die Straßen gehe. Denn in meinem Bezirk gibt es amtlich gezählte 67 Friseurgeschäfte, – im Wedding legt man viel Wert auf gepflegtes Aussehen – aber was nützt mir das?
Alle, alle haben zu!

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Das kleine Vergnügen eines Friseurbesuchs, das Eintauchen in die fremden Welten, das kurze Glück exotischer Sprachen und Düfte habe ich auf diesem Blog schon oft beschrieben. Aber gerade heute, wo ich das erhebende Gefühl, sich mit frisch gestutztem Haar sich wieder als Teil der zivilisierten Welt fühlen zu dürfen besonders brauche, wird mir diese kleine Wohltat verweigert. Und sogar die Hoffnung, das mein Leiden am 4. Mai ein Ende haben wird, wird mir verwehrt. Denn wenn wir auch  alle wissen, dass nach der Krise nichts mehr so sein wird  wie es vorher war, hat mich dieser Aushang im Salon „Aufhübschstation für die Dame und den Herrn“ doch sehr erschüttert.

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Vorbei die Zeit, als ich mich aus einer Laune heraus nach Feierabend in einen Frisiersalon fallen lassen konnte, um mich zu entspannen. Vorbei die Zeit als ich ungewaschen den Salon verlassen konnte, und ja, auch vorbei die Zeit, in der ich selbst bestimmen konnte, ob ich mir Wimpern oder Brauen färben lassen wollte. Das ist jetzt alles für mich geregelt. Na ja, wenn’s der Infektionsbekämpfung dient… Wir müssen ja alle Opfer bringen. Aber für gute Ratschläge, welche Wimpernfarbe sich am schnellsten wieder auswaschen lässt, wäre ich dankbar.

Das ist eine Geschichte mit Happy End (gesehen in einem Kunstsalon in der Otavistraße).

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Mal wieder kurz die Welt retten?

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Also wegen mir könnte es so weiter gehen. Die Straßen sind leer, die Regale voll. Keiner macht mehr Pläne oder Termine. Alle denken nur bis morgen. Viel weiter konnte ich noch nie denken. Jetzt sind wir alle gleich. Und keiner fragt mich, wohin ich in Urlaub fahre.

Corona ist gerade die Ausrede für alles. Und ich habe gerne Ausreden, weil ich mich so selten traue nein zu sagen.

Das Gedröhne der Düsenflieger über Tegel hat aufgehört und auch die Martinshörner der Krankenwagen schweigen. Sie rollen jetzt ganz still und ganz langam durch die Straßen. Das ist unheimlich. Fast wie bei einem Leichenwagen.

Morgen kommen meine Jungs zu mir. Eigentlich wollten wir zuammen an die Ostsee. Jetzt muss ich mir was einfallen lassen. Frühling unter dem Balkon. Ich brauche einen Plan, sonst gucken wir nur Videos. Ich mache nicht gerne Pläne. Sagte ich schon. Aber wenn es muss.

Heute bin ich drei Stunden unter dem weiten Himmel des Tempelhofer Feldes spazieren gegangen. So lange hat es gedauert, bis meine Begleiterin und ich die Weltlage einmal durch hatten. Sie glaubt, dass wir aus Alledem was Gutes lernen. Ich lass mich überraschen. Durch die Hasenheide sind wir auch noch. Keine Dealer weit und breit. Ordentliche Bürger in ordentlichem Abstand. Da fuhren Polizisten mit zwei dicken Motorrädern Streife. Die Staatsmacht zeigt sich hoch zu Ross. Das gefällt denen.

Meine Tochter kommt vorbei, aber nicht wirklich. Raufkommen will sie nicht. Sie bleibt auf dem Gehweg und ich muss runter kommen. Sie hat einen schicken Mundschutz und tierische Angst. Umarmen will sie mich auch nicht, obwohl wir das als Verwandte in gerader Linie  dürften. Eigentlich sollte sie in Bulgarien sein. Aber die Uni in Sofia ist zu und der Professor nicht zu erreichen. Bis Herbst muss ihre Masterarbeit fertig sein. Ob es jemand geben wird, der sie lesen wird? Wahrscheinlich hat sie deshalb noch keine Zeile gschrieben, seit sie wieder in Berlin ist.

Meine Welt ist in Ordnung. Ich schlafe gut, seit die Stadt ruhiger geworden ist. Darf ich das? Muss ich nicht denen helfen, denen es gerade schlecht geht? Suchen nicht die Krankenhäuser verzweifelt Krankenpfleger? Lass sie suchen.
Diese Rufe kenne ich. Schon vor dreißig Jahren hieß es, dass die Krankenhäuser vor dem Untergang stehen, weil das Personal fehlt. Damals war das nicht wegen Corona oder geschlossenen Grenzen. Im Gegenteil. Damals waren die Grenzen gerade aufgemacht worden. Ich also los, die kranken Menschen im Osten und den realen Sozialismus retten. Aber das einzig Reale am real existierenden Sozialismus war der Ruß. Den Ruß wischten wir jeden Tag einmal von den Fensterbrettern und nachts wurde die ganze Station durchgewischt. Der Ruß kam von Heizkraftwerk der Uni-Klinik Leipzig. Das war ein uralter ziegelroter Kasten mit einem zu kurzen Schornstein. Weil ich tagsüber brav wischte, durfte ich auch mal Nachts ran. Welliges PVC mit braunem Blümchenmuster. Viel mehr Verantwortung wollen die Schwestern auf der chirurgischen Station mir Besserwessi nicht übertragen. Oder doch?  Ich durfte auch kaputte Vakuumpumpen in die Werkstatt bringen und die Besorgungen der Schwestern im HO-Laden der Klinik erledigen. So war das. Muss ich nicht noch mal haben.

Damals hat wenigstens keiner von „Helden des Alltags“ gesprochen. Statt warmer Worte gab es richtiges Geld. 600 Mark der DDR im Monat. Und als ich zurück in den Westen kam noch mal 600 Westmark. Es gab da so einen Fonds, für Medizinpersonal, das in den Osten gegangen war. Mein Bewilligunsbescheid hatte die laufende Nummer 001.

 

 

Berlin lebt

„Wo ihrer drei beisammen stehen, da soll man auseinandergehen…“ Wer denkt, mit Polizeiverordnungen wie aus Krähwinkels Schreckenstagen wäre das Leben in Berlin zum Stillstand gekommen, der hat wohl keine Augen im Kopf.  Zwar heißt es heute wieder fast wie bei Heine vor 150 Jahren: Auf den Straßen und den Gassen soll man sich nicht sehen lassen. Aber es bleibt einem in Berlin ja immer noch der Hinterhof. Und da platzt das Leben aus allen Nähten. Und das Licht. „Ich habe das Licht gesehen!“ (Nicht Heine, sondern Jake Blues von den Blues Brothers).

Ich wünsche euch helle Frühlingstage und bleibt gesund!

Das muss jetzt

Plötzlich geht vieles, was lange nicht möglich war. Oder aufgeschoben. Oder unentschieden. Mein billiges Handy zum Beispiel. Es schwächelt schon eine Weile. Aber ich hab mich nicht dazu aufraffen können, es endlich aufzugeben. Dabei habe ich ein solides Nokia in der Schublade. Ich wollte mich halt nicht mit was Neuem, Anstrengendem beschäftigen. Aber gestern dachte ich: Du kannst doch nicht mit einem wackligen Handy rumlaufen, jetzt, in Zeiten von Corona. Du musst erreichbar sein. Du musst wissen was los ist. Also hingesetzt, Betriebsanleitung gelesen, rumgetippt, Hotline angerufen und jetzt läuft’s. So kenn ich mich gar nicht.
Oder die Sache mit dem neuen Perso. Hatte ein Schreiben bekommen. Könnte den jetzt abholen kommen. In Schöneweide, nur 20 Kilometer quer durch die Stadt. Nehme mir einen halben Tag frei, gehe durch die Tür vom Bezirksamt und da ist auf einmal ein Absperrband. Dahinter ein blondes Mädchen, so ne Azubi wahrscheinlich. Fragt mich, was ich will. Meinen Perso will ich abholen, sag ich. Geht nicht, sagt sie, neue Anweisung von heute, geht nur noch mit Termin. Oder brauchen sie den dringend, für die Bank, oder so? Ja, sag ich, ich brauch den dringend, für die Bank und so. Das glaub ich ihnen jetzt nicht, sagt sie, das ham sie jetzt von mir. Na, sag ich, dann brauch ich ihn eben für die Post, um Päckchen abzuholen. Sie müssen doch nur ins Regal hinter sich greifen. Nein, geht nicht, sagt sie und nestelt ein paar fliederfarbene Latexhandschuhe über ihre Finger, sie könnten sich infizieren. Wo könnte ich mich infiziern? frag ich. Wenn sie ihre Unterschriften leisten, da müssen sie unseren Stift benutzen, sagt sie ins Blaue hinein. Wo lernen die, sich so Sachen auszudenken? Die Jungen sind schlimmer als die Alten, denk ich mir, die wissen noch nicht welche Macht sie haben, kennen noch nicht das menschliche Maß. Und an Kafka denke ich, der sich so eine Situation hätte ausdenken können. Aber da bin ich schon wieder aus der Tür. Geht aber nicht ohne Perso. Nicht in Zeiten von Corona. Nicht wenn Ausgangssperre und Polizeikontrollen drohen, Massenunruhen und Straßenkämpfe, Lebensmittel auf Bezugschein und hungrige Kinder mit großen Augen. Ich brauche einen Perso. Ich denk an die Großmutter, die aus Vorpommern flüchten musste und als alte Preußin das Wichtigste mitnahm, was sie hatte: Ihre Kinder und ihre Papiere. Und die Papiere, das war tatsächlich das erste, wonach sie die Beamten fragten, als sie mit drei Kindern in Berlin strandete und um Hilfe bat. Geht also nicht, nicht in Preußen. Ich brauche ein Dokument, das beweist, dass ich existiere. Ich versuche Zeit zu gewinnen. Es ist Mittag, und nach der Mittagspause, so hoffe ich, wechselt das Personal. Gehe mir also selber einen Döner essen, krieg noch einen Tee auf’s Haus und eine halbe Stunde später geh ich wieder durch die schwereichene Amtstür. Ich wundere mich, über mich selber, über meine Beharrlichkeit. Und über die Verschlagenheit, die in mir aufkommt. Ich werd einfach lügen. Ich werd sagen, dass ich Krankenpfleger bin (was stimmt, auch wenn es dreißig Jahre her ist) und dass ich dringend gebraucht werde (was nicht stimmt, im Gegenteil) Und wenn das alles nicht hilft komme ich mit meinen vier Kindern. Dazu bin ich entschlossen.
Die Blonde hat ihre Absperrung hinter sich gelassen und ist jetzt als Abfangjäger in der Halle unterwegs. Sie waren doch schon mal hier, stellt sie fest. Hat sich etwas an den Umständen geändert seit eben? Ich brauche meinen Personalausweis, sag ich stumpf. Warscheinlich habe ich dabei so grimmig geschaut, wie auf meinem Passbild. Da muss sie erstmal nachfragen gehen. Hinter dem Schalter sitzt jetzt eine Dunkelhaarige, keine Preußin. Die Blonde tuschelt mit ihr und die Dunkle winkt mich heran. Sie entschuldigt sich, nicht für die Warteschleife, sondern dafür, dass sie mir keinen Platz anbieten kann. Denn aus den Stühlen im Wartezimmer haben sie ihre Absperrung gebaut. Zwei Unterschriften auf ein schwarzes Schreibpad und ich bin für 10 Jahre wieder ein Mensch, rein amtlich. Aber innerlich, innerlich merke ich, dass ich auf Überlebenskampf eingestellt bin.