Wir müssen leider draußen bleiben

Ich habe Husten. Ganz normalen Husten, wie man ihn im Herbst halt so hat. Morgens nach dem Aufstehen schlimmer als über den Tag. Ärgerlich, aber mit ein paar Hustenbonbons (Fishermans Friend) und Brausetabletten (ACC akut) gut zu überstehten. Bronchitis nannte man das noch im vergangenen Jahr und rechnete so mit zwei bis drei Wochen, dann war der Spuk meist vorbei. Husten war etwas, das alltäglich war, etwas, das man im Griff hatte „Olaf hat Husten – Seine Mutter hat Wick Vaporoub“  klang die beruhigende Nachricht aus der Vorarbendwerbung längst vergangener Tage.  Vom Husten gequälte Menschen hatten viele Freude. Nicht nur Mutti, sondern auch einen fröhlichen, zuversichtlich Bonbons werfenden Bären: „Nehmt den Husten nicht so schwer – gleich kommt der Hustinettenbär!“. Und wenn man sich beim Husten in Veranstaltungen höflicherweise die Faust vor den Mund gehalten hat, galt das als Ausweis allerbester Kinderstube.

Heute herrscht Panik. Heute hat man mit Husten wenige Freunde. Von der Veranstaltung „Soft Solidarity“ werde ich mit harschen Worten ausgegrenzt. „Gäste mit erkennbaren Symptomen einer Atemwegsinfektion und diejenigen, die nicht bereit sind, sich auf unsere Vorkehrungen einzulassen, müssen wir leider bitten, wieder zu gehen.“ Ist es das, was man heute unter „sanfter Solidarität“ versteht? So sanft, dass man sie kaum noch spürt? „Be nice or fuckin leave“ steht als Leuchtreklame im Schaufenster der neuen Hipster-Bar um die Ecke.  Wer krank scheint, ist jetzt sehr alleine. Und das geht tief bis in die Familie hinein.
„Warum hast du dich nicht auf Corona testen lassen?“ , ist dann auch gleich die erste Frage, die ich statt eines „Hallo, schön, dass du da bist.“ von meiner Tochter zu hören kriege, als sie mich in Venedig am Giardini di Bienale vom Boot abholt. „Weil ich meinen Husten kenne.“, sage ich mürrisch. „Es ist der gleiche wie im letzten Jahr.“ Statt mich zu beglückwünschen, dass ich es trotz aller Widrigkeiten durch alle Kontrollen zu Ihr geschafft habe, dass ich im Flieger ganz flach geatmet habe, nur um von Berlin-Mitte (damals noch kein Risikogebiet) nach Venedig (erstaunlicherweise auch nach meinem Besuch immer noch kein Risikogebiet) zu ihr zu kommen um mit ihr und ihrer Mutter gemeinsam die Abschlussfeier ihres Studiums zu begehen, treffen mich zwei Tage lang vorwurfsvolle Blicke. Das kenne ich schon und halte das auch ganz gut aus. Ich genieße es einfach mit meiner Tochter durch das fast touristenfreie, sonnige Venedig zu stromern. Die Kais der Kreuzfahrschiffe sind seit Monaten verödet. Das Wasser in der Lagune ist so klar, dass die Tochter sich wie ein Kind über einen Schwarm kleiner Fische freut, den sie zum ersten Mal in einem der türkisgrün schimmernden Kanäle sichtet. Und sie lebt seit über einem Jahr hier.

Doch die Freude ist kurz.  Wie ein Damoklesschwert hängt über der Familie die Frage: Darf der kranke Vater mit in den Festsaal, ohne dass wir unauslöschliche Schuld auf die Famile laden? Es kommt zur Nacht der langen Messer, in der auch Tränen fließen, und zum Beschluss: Papa ante Portas. Ich darf mir nur die Live-Übertragung aus der Scuola di San Rocco anschauen. „Aber danach gehen wir zusammen nett Essen“, heißt es von der Restfamilie fröhlich.

Es ist ein wenig, als würde ich meine Tochter zur Hochzeitsfeier in die Kirche bringen, als wir vor dem prächtigen Portal der Scuola stehen. Um uns herum fein gemachte Studentinnen und Studenten, aufgeregtes Geplapper und würdevolle Ältere. Es fehlt nur der Pfarrer. Immerhin lassen sich Magnifizenzen aus ganz Europa in ihren prächtigen Talaren sehen und verschwinden als letzte im Dunkel der Marmorhalle. Meine Tochter ist mit ihrer Mutter auch schon drin – nur ich muss draußen bleiben…. Nein, es fühlt sich nicht richtig an. Ich fühle mich zurückgesetzt, verurteilt ohne Beweis. Und es geht auch ein wenig ums Ankommen. Ich komme aus einfachen Verhältnissen, meine Eltern trauten sich nie zu einer meiner akademischen Abschlussfeiern. Das war ihnen zu fremd, dazu führten sie sich zu klein, was mich schon damals sehr traurig machte. Ich hätte meine Freude über das Erreichte gerne mit ihnen geteilt. Aber für sie war ich jemand, der damit seine Herkunft verraten hat. (obwohl meine Mutter natürlich im ganzen Dorf erzählte, was für ein Examen ich bestanden hatte). Und was war ich jetzt? War ich jetzt selber Akademiker oder immer noch der Junge vom Dorf, der in so eine prachtvolle Veranstaltung nicht hinein gehörte? Oder war ich einfach nur der Mohr, der seine Schuldigkeit getan hatte? Gab’s ja schon mal in Venedig.

Zum Glück habe ich meinen Kafka gelesen. Und ich weiß, dass auch die schwersten Türen für einen offen stehen, wenn man den Mut hat zu fragen. Ich also rein in die Halle, werde kurz vom Security-Mann mit der Fieber-Pistole gecheckt und für gut befunden, am Empfangstisch in meinem besten Englisch die Wahrheit gesagt, dass ich einen Husten habe, und ob dass ein Problem sei? Ob ich Fieber habe, fragt die Empfangsdame freundlich. Und als ich verneine gibt sie mir das Anmeldeformular. You’re welcome!

Eine Woche später gehe ich in Berlin zum Arzt. Ja, sagt er, so eine Bronchitis kann lange dauern und schreibt mich eine Woche krank. Eigentlich hätte ich mit meinen Jungs in die Jugendherberge im Harz fahren wollen. Aber da dürfen wir jetzt wirklich nur noch hin, wenn wir alle einen negativen Coronatest haben. Und vielleicht ist es auch keine gute Idee zu verreisen – mit Kindern in Zeiten der Pandemie.

 

12 Gedanken zu “Wir müssen leider draußen bleiben

  1. Tja, Läbbe is hadd in diesen Zeiten… Und Solidarität gibt es, je häufiger sie heuchlerisch beschworen wird, umso weniger, höchstens auf dem Papier. Finde es aber gut, dass du der Abschlussfeier auch entgegen deiner Sippe noch beigewohnt hast. Wäre ja noch schöner gewesen, wieder draußen stehen zu müssen (kommt mir übrigens bekannt vor, habe wohl einen ähnlichen sozialen Hintergrund wie du, da lassen sich die Eltern in so fremden Umgebungen nicht gern sehen).

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  2. Wer husten hat – wird auch in Berlin nicht weit kommen. Der Mob könnte ihn finden und wer weiss was dann passiert. Am besten zum H.Mann und einen veganen Burger essen. Der wird nicht krank – der ist es evtl. schon.

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  3. Im Urlaub in der Bretagne hatte ich plötzlich Fieber. Der Arzt schickte mich zum Coronatest. Wir vier Personen waren 48 Stunden im Ungewissen, ob wir alle in Quarantäne müssten. Ich als der vermeintliche Verursacher allen Übels fühlte mich hart ausgegrenzt. Drum kann ich deine Erfahrung gut nachvollziehen.

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  4. Wie schön, dass du in die Heiligen Hallen, in denen deine Tochter ihren Abschluss feierte, doch hineingelassen worden bist, Rolf. Ich denke auch immer, dass Fragen nichts schadet. Ich sehe jetzt deine Tochter, wenn du von ihr berichtest, bildlich vor mir. Grüße sie bitte von mir.
    Tja, die Herbstferien sind doch für viele von uns anders als gedacht!
    Kennst du vom Deutschlandfunk den Tacheles Podcast? Sehr interessant wird dort die Frage diskutiert, wie sich unsere Gesellschaft nach der Pandemie verändert hat oder sich verändern sollte.

    Liebe Grüße von Susanne

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  5. Ich weiß noch nicht, ob ich vor diesem Virus mehr Angst haben soll, oder vor der Reaktion auf das Virus.
    Manchmal denke ich, ich weiß es, aber dann verschwindet sie wieder, die Gewissheit.
    Ich wünsche Dir noch eine schöne Restwoche.

    Viele liebe Grüße
    Wolfgang

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  6. „Fragen kostet nix!“
    Das lernte ich als schüchternes Kind, indem mir meine Mutter immer wieder predigte, dass es keine Schande sei, jemanden zu fragen, man aber auch ein „Nein“ akzeptieren müsse.
    Wie schön, dass es bei dir ein „JA“ war.
    .

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