Zeit, die nie vergeht

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Steht die Zeit still, oder rast sie gerade? Ausgerechnet gegenüber der Charité, Berlins größtem Krankenhaus, ja das mit dem Christian Drosten, hängt diese Skulptur, diese „Franz Kafka Uhr“ (ohne Zeijer, mit Striche drop nur; BAP). Drinnen tobt das Virus auf der Intensivstation und draußen ist alles ruhig. Ich fahre durch fast leere Straßen, unter bleigrauem Himmel, immer nur zwischen zu Hause und meinem Büro. Aber da ist niemand. Fast alle Kollegen sind im Home Office, und auch ich komme nur ein paar Mal die Woche vorbei, um nachzusehen, ob es die Arbeit noch gibt. Ich bin nicht der Richtige, um ständig von zu Hause aus zu arbeiten. Ich hab so etwas, was die Piloten „Nachtflugkoller“ nennen. Wenn du nichts mehr um sich herum siehst, keinen Kontakt mehr hast, zweifelst du irgendwann, ob der Computer, den du beobachtest, noch die Wirklichkeit zeigt. Vielleicht bist du längst im Sturzflug, während der Höhenmesser Geradeausflug anzeigt. Videokonferenzen helfen da auch nicht mehr.

Und Weihnachten? „Das glaubst du doch selber nicht, dass in paar Tagen Weihnachten sein soll.“, schreit mich mein Sohn auf dem leeren Hinterhof an. Meine Kinder sind zur Zeit, was soll ich sagen? Etwas unausgeglichen. Wer soll es ihnen verübeln? In der Schule saßen sie über Wochen mit Mundschutz. Und draußen ist es dreizehn Grad warm und trocken. Eher ein bewölkter Frühlingstag als „Schneeflöckchen, Weißröckchen“, das ich mit ihnen tapfer für die Bescherung übe. Noch nicht mal Regen, von Schnee ganz zu schweigen. In der Schule sind die ganzen Adventssachen ausgefallen. Adventssingen, Adventsfeier, Adventsbasar. Noch nicht mal die Großmutter ist zu ihrem unausweichlichen Adventswochenende vorbei gekommen. Der innere Kalender der Kleinen ist durcheinander. Auf der letzten Fahrt von Berlin in den Brandenburger Speckgürtel sahen wir ganze fünf beleuchtete Weihnachtsmänner und nur drei leuchtende Schneemänner. Dafür spenden jetzt einsame Herrenhuther Sterne Licht in der Dunkelheit. Aber die Jungs, die den Dezember nur als sich steigernden Konsum- und Lichterrausch von Nikolaus über Geburtstag (die Zwillinge) bis Heiligabend kennen, merken so kleine Lichtlein gar nicht. Es ist schwer, in solchen Zeiten den Glauben an den Weihnachtsmann aufrecht zu erhalten. Und wenn die Frohe Botschaft für das Fest „Impfstoff“ heißt, kommt man mit den Liedern von dem Kindlein in der Krippe, das angeblich den Tod überwunden hat, auch nicht weit.
Immerhin: Es ist eine beschauliche, ja fast besinnliche Vorweihnachtszeit. Etwas eintönig zwar, aber wenigstens ohne Schokoladen- Glühwein- und Weihnachtsfeierorgien. Mir gefällt das. Ich verziehe mich im Winter (ho ho ho) gerne in meine Höhle. Aber es macht mich irre, wenn ich sehe, dass immer mehr Menschen und die Welt, die ich bisher kannte, ganz leise sterben.
Natürlich haben wir trotzdem ein Weihnachtsbäumchen gepflanzt – in mein Wohnzimmer. Mit Strohsternen und Kerzen. Als meinem Sohn eine Christbaumkugel runtergefallen ist, und ich schon Scherben sah, meinte er nüchtern: „Brauchst keine Angst zu haben, die sind aus Plastik.“

Ich wünsche euch trotz allem ein frohes Weihnachtsfest.

Bleibt gesund.