Neues Füllwort, genau

Ich saß heute in einem Seminar mit lauter Dreißigjährigen. Und wenn die Youngster was können, dann präsentieren. Kommt also eine nach dem anderen nach vorn und stellt was vor. „Ich bin Maike.“ Pause „Genau.“ Ja, genau die Maike bist du, die jetzt vorne steht. Oder gibt es noch eine im Raum?, frag ich mich. „Und wir haben jetzt in unserer Session dieses Ergebnis zusammengetragen.“ Pause, Trommelwirbel!! „Genau.“ Aus dem Publikum kommt eine Frage zu ihrem Poster, und Maike antwortet: „Genau! Das ist nicht so, wie du es vermutest, sondern… Genau.“ Nach Maike kommt Golo, nach Golo Julia und nach Julia Robin. Und?  Genau! Alle fangen ihre Sätze mit dem kleinen Bestätigungswörtchen an, ohne irgend etwas bestätigen zu wollen. Wenn man heute nicht weiter weiß, wenn die Gedanken an der letzten WhatsApp hängen geblieben sind,  dann bestätigt man einfach ins Blaue hinein irgendetwas, um danach völlig ungeniert das Gegenteil zu sagen. Wo haben die das gelernt? Auf der Hertie School of Governance, die die Hälfte unserer jungen Eleven besucht haben? Oder bringen sie sich das selber bei? Oder beantwortet man heute sich seine Fragen einfach selber. „Liebst du mich?  Genau.“ Was ist mit dem doofen alten „äh“ geworden. Ist das zu sehr 80er? Zu viel Unsicherheit? Zu viel Boris und Barbara? Ist von der angeblich so präzisen deutschen Sprache nur das Wörtchen übriggeblieben, das Präzision verspricht? Wie würde man in England sagen? Exactliy.

27 Gedanken zu “Neues Füllwort, genau

  1. Das „Genau“ muss dann außerdem noch mit hoher, näselnder Stimme ausgesprochen werden. Alle Mädels versuchen, Wucht aus ihrer Stimme herauszunehmen, und beide Geschlechter verzichten auf erkennbare Satzmelodie (analog zum Verzicht der aktuellen Popmusik auf Bässe). Also, ich als Vertreterin der singenden, klingenden, mit ausholenden Gesten unterstreichenden, Geschichten erzählenden Generation X stehe staunend vor dies Phänomen😄Ich meine, plappern können die Kleinen ja, aber erzählen?? Meiner Meinung nach merkt man den Millennials an, dass sie einfach nichts zu sagen haben, im Wort- und im übertragenen Sinn…
    Mein vorletzter Boss schrieb mir ins Arbeitszeugnis, ich sei „kreativ‘. Da wir nicht 1997, sondern 2017 schrieben, war das nicht als Kompliment gemeint. Es sollte heißen, dass ich den Prozess nicht einhielt (was ich tatsächlich oft nicht tat, da ich, wenn ich den Prozess einhielt, vor lauter Dokumentieren, Felder in Excel von rot auf grün zu schalten und Uhrzeiten eintragen, einfach nicht zum Arbeiten kam😄😄😄)

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  2. genau.

    Es ist mir an der Uni selbst beim Vortrag wirklich guter Referate von Referentinnen und Referenten auch schon aufgefallen, dass GENAU das neue Füllwort ist. Ich hätte nicht gedacht, dass auch Füllwörter der Mode oder des Zeitgeists unterworfen sind.
    Die Dozentinnen und Dozenten sind zum größten Teil Füllwortfrei.

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  3. Hm, genau. Es bestätigt dein Gegenüber und du hast deine Ruhe, lach. Genau das gewöhne ich mir jetzt an, und zack habe ich überall Freunde und meine Ruhe. Wieso bloß schreibst du erst jetzt darüber, lach.
    Danke für diesen erhellenden Beitrag und einen guten Start ins Wochenende. Liebe Grüße, genau, Annette 😀

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  4. Genau.
    Ein weiteres inflationäres, mich mittlerweile total nervendes Füllwort ist tatsächlich „tatsächlich“.
    Genau.
    Erst gestern gehört – von zwei mit Einkaufstüten bepackten Damen:
    „Laß uns doch tatsächlich mal einen Kaffee trinken.“
    Antwort: „Genau. Tatsächlich habe ich auch Hunger.“
    Urrrghh.

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  5. Jetzt hab‘ ich für heute meinen Wort-Ohrwurm weg ;-). Glücklicherweise fehlt die ‚musikalische Untermalung‘, sonst wäre meine Nachtruhe ernsthaft gefährdet.
    Nun – Spaß beiseite: Bin über Stöckchen und Steinchen hier gelandet, und es könnte durchaus sein, dass ich mal ein Weilchen weiterlese, vorausgesetzt die Ohrwürmer halten sich in Grenzen ;-).

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  6. Ihr kennt die Wollnys, eine sehr authentische Großfamilie im TV?😊Frau Wollny kocht im Endeffekt für sehr viele Personen und es macht ihr im Endeffekt auch meistens Spaß. Im Endeffekt kommt sie so gut wie immer mit ihrem Budget aus, aber wenn sie von ihren Kochvorhaben erzählt, merkt man im Endeffekt sofort, was ihr Lieblingswort ist😄

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