Aus Chemie und Wahnsinn

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„Du beurteiltst einen Mann nach seiner Wohnung?“ „Genau, wenn seine Wohnung sauber ist, weiß ich gleich, dass etwas nicht stimmt mit ihm. Und wenn sie zu sauber ist, dann ist er ne Schwuchtel.“, lässt Charles Bukowski, the dirty old man, Hank Chinaskis Freundin Lydia in „Das Liebesleben der Hyäne“ sagen. Und wenn ich mich in meiner Küche umschaue, dann weiß ich, dass ich mit Bukowski wohl mehr gemein habe als den gleichen Geburtsort, dass es wohl Sätze wie dieser waren, die mein Leben früh geprägt haben. Dort wo ich lebe, muss Unordnung herrschen. Wer eine aufgeräumte Wohnung hat, hat nichts erlebt. Und ich wollte nicht als Langeweiler rüberkommen. Vor allem nicht bei Frauen.
Nun, Bukowski ist lange tot, so lange, dass man ihm in meiner Heimatstadt sogar eine Gedenktafel aufgestellt hat. Aber seine zitterndernde Säuferhand umfasst die meine noch aus dem Grab heraus, immer, wenn ich nach dem Wischlappen greifen will. „Tus nicht, sagt er, „werd nicht so wie deine Eltern.“ Ungezählte Putzplandiskussionen in meinen Wohngemeinschaften, grimmig geführte Beziehungsgespräche und viele Notfallaktionen meiner Mutter und meiner Schwester haben an meinem ehernen Grundsatz nichts geändert:. Der wahre Lebenskünstler zeigt sich durch das Chaos, das er hinterlässt.
Nur wenn meine Jungs zu mir kommen, greife ich vorher widerwilig zu Staubsauger und Wischmob, denn neulich fragte mich der Jüngste: „Papa, warum ist es bei Mama so sauber und bei dir immer so dreckig?“ Das saß tief. Natürlich ist es wertvoll für meine Jungs, ihr Immunsystem mit möglichst vielen verschiedenen Keimen in Kontakt zu bringen. Aber den Job hat ja jetzt Corona übernommen, und ich will nicht, dass sie sich ihres Vaters als dirty old man erinnern. Außerdem hat Dreck was Trauriges, etwas Entwürdigendes, etwas was einenan schlechten Tagen noch mehr herunterziehen kann. „Andere Männer bauen Hochhäuser, denk ich dann, „und du schaffst es noch nicht einmal, dein Klo zu putzten.“ Doch noch ist es nicht zu spät, ein neues Leben zu beginnen.
„Chemie bringt Schönheit, Gesundheit und Brot“, hieß es in einem längst untergegangenen Staat, in dem es alles andere als sauber zuging. Aber vielleicht hatte die Partei wenigstens in diesem einen Punkt mal wirklich recht. Vielleicht brauchte ich einfach ein wirksameres Mittlel gegen den Dreck. Vielleicht brauchte ich einfach mal ein richtiges Erfolgsgefühl beim Putzen. Denn mit dem Bio-Neutralreiniger, den ich mindestens genauso lange benutze wie ich Bukowski-Bücher lese, wurde es nie so richitg blitzblank, so wie in der Meister Propper Werbung. Und in einer schwachen Stunde der Verfzweiflung griff ich bei dm mal in das andere Regal, da wo die richtige Chemie steht, die mit der Kraftformel. Hei war das eine Freude, als ich damit den verkusteten Herd einsprühte. Ein Wisch, und alles war weg. Und die Kacheln erst, die mit den Fettspritzern vom Pfannekuchenbacken, und der eingetretene Dreck auf dem PVC in der Küche- weg, weg, weg!
Es hatte etwas von einem Sieg, einem Sieg gegen einen lange gehassten, leisen aber hartnäckigen Feind, etwas von Befreiungskrieg und Entscheidungschlacht. Ich sprühte, kratzte und wischte, nahm den Herd in seine Einzelteile auseinander, überschritt siegesgewiss die Grenze zum Bad und wurde erst gestoppt, als ich merkte, dass sich meine Hände durch die Chemische Keule in rohes Fleisch verwandelt hatten. Ich betrachtete stolz mein Werk, legte eine kurze Gedenkminute ein für die Fische, die durch mein chlorreiches Abwaschwasser eines qualvollen Todes sterben würden. „Ich hatt einen Kameraden…“
Da sah ich die Frauen, die Frauen, die schon lange auf mich warteten. (Das wird die erste Geschichte auf diesem Blog mit einem Cliffhanger. )

8 Gedanken zu “Aus Chemie und Wahnsinn

  1. Bukowski mag ja ein guter Schriftsteller gewesen sein aber die Folgerung : Sauber=Schwuchtel ist doch ein wenig gewagt 🙂 Ich bin bei uns derjenige mit dem Putzlappen und jetzt wo es in eine neue Wohnung geht bin ich voll im Element…Farben, Reinigungsmittel, Fensterputztücher, Bodenreinigungschemie…im nächsten Leben werde ich Facility Manager, das klingt auch besser als Fotodesigner…. 🙂 Lieber Gruss aus der noch leeren aber immer saubereren Neuwohnung von Jürgen

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    • Danke, ich lese gerade bei dir drüben, wie’s bei dir aussieht. Du bist ja ein echter Steher. Renovierung Und Umzug selber zu wuppen… Respekt. Das hat Iron Man -Qualitäten. Trotzdem ein frohes Fest wünsche ich dir.
      Rolf

      Gefällt 1 Person

      • Danke für den…Iron Man…Rolf 🙂 Das muss ich mir merken, sehr aufbauend. Bis Mitte Januar bin ich mit allem durch aber bis dahin…Weinachten inmitten von Umzugskartons. Egal, ich möchte dir auf jeden Fall ebenfalls einige schöne entspannte Feiertage wünschen, bleibt alle gesund ! Herzliche Grüsse, Jürgen

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