
Ist eigentlich nicht so schwer, dachte ich. Immer geradeaus, über die Ampel und dann weiter geradeaus bis zur Bibliothek. Den Weg waren wir schon ein paar Mal gegangen, auch getrennt. Und jetzt wollte ich meinen Kaffee in Ruhe austrinken und die hibbeligen Jungs wollten ihre Comics ausleihen. „Also geht schon mal vor“, sagte ich. „Ich komm mit dem Fahrrad nach.“ Ein komisches Gefühl hatte ich trotzdem, vor allem, als sie sich schon mit den ersten Schritten nach links statt nach rechts aufmachten. Egal, dachte ich, einmal auf die richtige Spur gesetzt werden sie schon weiter laufen. Es ist eine ruhige Nebenstraße und ich hätte für einen Moment meine Ruhe. Dachte ich. Aber der Kaffee schmeckte nicht mehr und so machte ich mich ein paar Minuten später hinter den jungen Wilden her. Mit dem Rad. Eigentlich hätte ich sie schon an der nächsten Kreuzung einholen müssen. Spätestens an der Ampel. Aber da waren sie nicht. Verdammt flott, die beiden, dachte ich. Dann kam ich an dem großen Wochenmarkt vorbei. Ob sie sich dort in das Getümmel gestürzt hätten, fragte ich mich. Aber eigentlich waren sie dazu zu wenig neugierig und zu ängstlich. Aber in der Bibliothek waren sie auch nicht. Auch nicht davor. Nicht in der Comics-Abteilung und nicht bei den Zeitschriften im ersten Stock, nicht bei den Romanen und nicht bei den Mangas eine Treppe höher. Auch nicht im Maker-Space, wo man sich T-Shirts bedrucken lassen kann und auch nicht auf dem Klo. Hm!
Warten im Sonnenschein vor dem schicken Neubau der Schillerbibliothek. Überall Kinder, Halbwüchsige, Trinker, bewusstlose Leute, die von Männern in gelben Westen genötigt werden, von den Bänken aufzustehen, weil das kein Schlafplatz ist. Aber meine Jungs sind nicht da. Die Bibliothekarin verleiht einem umständlichen Fusselbärtigen in Sandalen ein Lastenrad vom „Flotte Lotte e.V.“ und nein, meine Jungs habe sie nicht gesehen. Ob ich schon mal oben nachgeschaut… ? Ja, hätte ich schon. Ich lasse meine Telefonnummer da. Warum habe ich dem Großen das Handy abgenommen, bevor sie losgelaufen sind? Weil er es immer wieder schafft, die Sperre zu knacken und sein Brawl-Stars-Spiel zu zocken, oder seine Mutter damit nervt, um mehr Bildschirmzeit zu bekommen. Das wär mir jetzt egal, wenn ich dafür wüsste, wo er ist. Also die ganze Strecke noch mal zurück. Vielleicht sitzen sie ja wieder vor der Haustür. Nein, sitzen sie nicht. Auch nicht im Hof in der Hängematte und auch nicht auf dem Trepppenabsatz vor der Wohnungstür. Wo weiter suchen? Im Café, wo sie aufgebrochen sind, und wo die Rentner mich fragten, ob ich heute „Enkeltag“ hätte? Da sind sie nicht, das seh ich durch das Ladenfenster. Und fragen mag ich nicht, denn wie sieht das denn aus? Dass ich meine Jungs nicht im Griff habe? Ich frage auch nicht im Eiscafé zwei Querstraßen weiter, wo wir jedes Wochenende einkehren. Was sollen sie auch da? Sie haben ja kein Geld dabei. Oh Gott: Kein Geld, kein Handy! Hoffentlich haben sie sich wenigstens meine Adresse gemerkt. Vielleicht sind sie die Parallelstraße runter gelaufen. Da haben wir früher ja mal gewohnt, da sind sie zur Kita gegangen und da ist der Spielplatz. Aber da sind sie auch nicht. Hab ich auch nicht wirklich geglaubt. Wieder in der Bibliothek. Nein, da seien keine neuen Kinder gekommen. Wieder durch alle Stockwerke. Langsam panisch frage ich die Bibliothekarin noch mal. Was sie den angehabt hätten, fragt sie. Wie soll ich das wissen? Blaues T-Shirt, oder graues. So was in der Art. Und eine schwarze Brille bei dem Großen. Wenn ich jetzt zur Polizei ginge, würden sie direkt die Mutter anrufen, wenn ich so rumstammle. Kenn ich schon. Also noch mal die Hauptstraße zurück, bunter Flitter, heller Schein, Menschenmassen und Döner-Läden, die mich nicht mehr locken. Wo sind die Jungs? Immerhhin habe ich auf meinen ganzen Hin- und Her keinen Krankenwagen gesehen, kein Martinshorn gehört. Das ist eine Seltenheit, denn die Straße geht zur Autobahn und die Kreuzung zum Virchow-Klinikum. Also überfahren sind sie nicht. Gibt es einen organisierten Kinderhandel im Wedding? Böse Onkels, die kleine Kinder in Autos zerren? Aber warum sollten die gleich zwei wollen? Und warum meine? Aber vielleicht irrt einer schon hilflos duch die Straßenschluchten, um mir die schreckliche Nachricht zu überbringen? Wo war nochmal die Polizeidirektion? Vor der Haustür sitzen sie immer noch nicht. Wohin jetzt noch? Ich suche schon eine Stunde. Im Suchen war ich noch nie gut. Da endlich ein Anruf. Die Bibliothekarin. Ja, die Jungs seien bei Ihr. Sie habe sie angsprochen, als sie reinkamen. Es gibt noch Menschen, auf die man sich verlassen kann.
Wieder aufs Rad. Wieder die Strecke. Und endlich sehe ich sie – zwischen den Regalen, seelenruhig in ein Buch vertieft. Ich rege mich gar nicht auf. Wo sie gewesen seien, frage ich den Großen. Ach, sie wären falsch abgebogen (Ich hatte die Baustelle vergessen, die eine Umleitung in die Seitenstraße macht). Dann seien sie immer geradeaus gelaufen. Wie sich herausstellt Richtung Osten statt Richtung Süden. Als sie das gemerkt hätten, wären sie schon ganz schön weit gewesen. „Fast da wo Aaron wohnt“. Das sind etwa zwei Kilometer. Dann seien sie wieder zurück nach Hause, da sei keiner gewesen, also hätten sie im Café nachgefragt, wo die Bibliothek sei und seien losgelaufen. Aber in der Bibliothek sei ich nicht gewesen. Der Kleine sagt, er hätte von Anfang an gewusst, dass sie falsch laufen, aber er hätte seinem Bruder vertraut. Jetzt habe er Durst und wolle was zu trinken kaufen. Sie sind ganz schön stolz, dass sie das alles geschafft haben und ich bin es auch. Mit einem riesigen Stapel Comics verlassen wir die Bibliothek. Es ist ein warmer Tag, wir laufen lange, bis wir einen Getränkeladen finden. Mir wird warm – ums Herz.
Oh man, das kenne ich auch so ähnlich, das sind wahre Schrecken. Zum Glück geht es meistens gut aus.
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Herrlich, ich beneide Dich um diesen abenteuerlichen Tag!
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Uff, Danke, aber bitte nicht noch einen davon. 😉
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Ein Alptraum. Man kanns nachvollziehen.
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puh, ich würde da (quasi schon beim lesen) durchdrehen…
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Da siehste mal, was man als Mutter tagtäglich für Ängste aussteht. Ich jedenfalls, alleinerziehend und berufstätig in Frankfurt, war täglich heilfroh, wenn mein kleiner Sohn (Erst- bis Viertklässler) den Rückweg in die Wohnung gefunden hatte – mit dem eigenen Schlüssel. Und in Athen dann, zehnjährig und der Sprache nur halbwegs mächtig, mit drei Verkehrsmitteln zur Schule. Handys gab es noch nicht, natürlich. Vertrauen war das einzige, was zählte. Einmal, noch neu in Athen, kam er nach Hause und hatte den Schlüssel vergessen, hockte vor der Tür und klagte. „Warum er nicht nachgedacht habe und zur Oma gefahren sei“, meinte sein Vater streng. Immerhin 15 Minuten zu Fuß, ein paar Stationen U-Bahn und wieder zu Fuß wäre es gewesen.
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Freut mich, dass alles gut gegangen ist, und dass du deine Geschichte hier erzählst. Ja, den Kleinen darf man ruhig mal was zutrauen. Aber auch als Vater braucht man dafür gute Nerven.
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Sicher, auch Väter haben diesen Stress. Aber du scheinst es ja nicht täglich zu erleben, sondern nur ausnahmsweise.
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oh, unsere kinder sind viel einfallsreicher (und sorgloser) als wir denken.
ich weiß noch: mein neunjähriger kurz nach schuljahresbeginn in der neuen stadt. ich hatte durch heimliches hinterhergehen getestet, ob er über die stark befahrene straße vor der haustür auch wirklich die ampel nimmt, da rief mich sein lehrer an und teilte mit, er sei nun schon zum wiederholten mal erst zur zweiten schulstunde erschienen. nachfragen, wusste ich, würde nichts ergeben. also lief ich ihm, der stets pünktlich vor abfahrt des schulbusses losging, hinterher. als der schulbus kam, versteckte er sich hinter einem busch und lief dann los. danach befragt, warum er nicht mit dem schulbus fahre, erklärte er, die großen jungs im bus würden ihn nerven.
da er sich in der neuen stadt so gut nicht auskannte, lief er korrekt die komplizierte busfahrstrecke ab, statt direkt zu gehen. wir reden von irgendwas um die 5 km. das dauerte natürlich etwas länger.
übrigens ist er noch heute ein läufer und kommt bei seinem arbeitsweg schon mal auf 8-10 km einfach. 😉
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Danke für die Geschichte. Das lässt ja hoffen. ☺️
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Sind wir früher nicht alleine durch Wald, Stadt und Flur gelaufen? Irgend etwas hat sich verändert.
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Wald und Flur fand ich schon immer respekteinflößend. Aber irgendwie sind wir nach Hause gekommen, da hast du Recht. War aber auch nicht Berlin. Als meine große Tochter bei mir gewohnt hat, kam sie oft Stunden später, weil sie sich auf Google verlassen hatte, statt auf den Stadtplan. Aber vielleicht war das auch eine moderne Variante von „ich hab den Bus verpasst“. Väter müssen nicht alles wissen.
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sehr eindrücklich und spannend und fast hätte ich gleich aufs ende geguckt, aber dann wollte ich doch den ganzen weg erlesen.jupp trauth
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In der ersten Klasse ging mein Schulweg über einen Eisenbahnüberweg, eine breite Strasse und dann über ein Feld. Drei Kilometer waren das und ich mächtig stolz, das alleine zu bewältigen. Später habe ich, in einer anderen Stadt, Umwege gemacht, weil was Interessantes zu sehen war. Ich bin auch schon mehrfach verloren gegangen, weil ich was anschauen oder lesen musste unterwegs. Sogar auf dem Cannstatter Wasen hat man mich mal ausrufen lassen.
Ich war also das Kind, das Sorgen bereitete.
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Danke für den Tipp! Das nächste Mal, wenn bei mir irgendwer weg ist, rufe ich auch in der Schillerbib an. Die werden dann schon wissen.
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verstehe die aufregung sehr. unsere dreijährige enkelin mit abenteuerlust verloren wir einmal in einem vollgestopften altmodischen kleiderladen. wir riefen, sie meldete sich nicht. aufgeregt liefen wir zwischen den regalen und kleiderständern umher, dann nach draußen, dann wieder rein. da kam sie grinsend hervor und sagte, sie hätte sich verlaufen. für längere zeit durfte sie nur noch in greifnähe bleiben.
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schreibt man Stadtrally nicht ohne „e“?
hab das letztens schon mal gesehen und war überrascht.
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Ist beides erlaubt.
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Quelle?
der Duden sagt Rally bzw Rallye aber nie mit dem e vor dem y
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Jetzt ist mir mein „Dreher“ aufgefallen. Ist korrigiert. Danke
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Ich lief als kleiner Knirps die Bundesstrasse entlang, dabei immer gegen die Hausmauern gelehnt – so glaube ich es. Damals gab es wenig Verkehr, man fand mich irgendwann unversehrt.
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Glück gehabt!😊
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Ja, meine Muuter hatte schon einen Sohn verloren.
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Oh weh!
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