Warum?

Von weit her schreit mich die Frau von ihrem Balkon an: „Warum?“, ruft sie und es klingt wütend. Gerade habe ich ein Foto von dem heruntergekommen Wohnblock gemacht, in deren Erdgeschoss sie mit ihrer Familie in der Sonne sitzt. Mehr Worte werden nicht gewechselt, wohl auch, weil sie wenige Worte in Deutsch kennt. Aber sie schafft es das eine Wort so auszusprechen, dass ich genau verstehe, was sie meint: Wieso nimmst du dir das Recht heraus, uns hier zu fotografieren? Warum fotografierst du dieses schäbige Haus? Und warum können wir uns nicht dagegen wehren? Ja warum? Warum fotografiere ich nicht die Schillerparksiedlung, durch die ich gerade gelaufen bin? Die ist schön, Bauhausarchitektur, UNESCO-Weltkulturerbe, warum nicht die 50er-Jahre-Siedlung nebendran? Die ist immerhin geschütztes Denkmal, leicht, luftig, mit großen Balkons. Warum habe ich erst den Fotoapparat herausgeholt, als ich in die Siedlung kam, in der die Farben verblichen waren, wo an einigen Fenstern noch die Rauchspuren von vergangenen Zimmerbränden an der Fassade sichtbar waren und die wie bunte Kinderkleckse auf der Wand verteilten, grob zugeschmierten Löcher in der schon wieder renovierungsbedürftigen Wandisolierung? Elendstourismus in die Nachbarschaft? „Es ist wegen der Farbe. Wegen pastellfarbenen Balkone unter dem strahlend blauen Frühlingshimmel.“, würde ich gerne rufen. Aber das würde die Frau wohl nicht verstehen. Ich verstehs ja selber nicht. Statt dessen rufe ich „Nicht Sie, ihr Haus!“. Lösche das Bild und laufe weiter. Vielleicht sollte ich anfangen, die Menschen zu fragen und dann die Menschen zu fotografieren und nicht die Häuser. Das habe ich versucht. Aber nur so zum Spaß will das in Zeiten der deep fakes keiner mehr.

Als ich mir später in der Pizzeria die Fotos anschaue, gefallen sie mir trotzdem.

4 Gedanken zu “Warum?

  1. Ich fotografiere meistens Menschen nur noch von hinten. Wenn ich sie nämlich frage, dann verändern sie sich zu stark und es ist nicht mehr das Foto, das ich eigentlich machen wollte.

    Herzliche Grüße, Ulli

    Like

  2. Das Vertrauen der Menschen zu gewinnen, die man zu fotografieren beabsichtigte, war schon immer einer Künste, über die eine Fotografin verfügen musste. Da denke ich an Äußerungen etwa von Barbara Klemm oder vielen anderen. Eine weitere war zweifelsohne, unbemerkt Menschen fotografieren zu können. Dass es mit Sicherheit dennoch oft genug Stress gab, wird sicher gerne verschwiegen. Ist dann halt für einen höheren Zweck. Das Foto bleibt (hoffentlich), der Stress verpufft. Mit Sicherheit waren die Profis in dieser Hinsicht frei von Skrupeln. Deine ehren Dich natürlich 🙂

    Like

Hinterlasse eine Antwort zu Rolf Antwort abbrechen