The Girl on a Motorcycle

Die Stadt ist dunkel, warm und voll mit Polizei. Ständig muss ich mit meinem Moped rechts ran, weil von hinten Blaulicht und Sirenen ihren Respekt fordern. Es ist der Abend nach dem CSD-Anschlag. „Eine Stadt sucht einen Mörder“, titelt der Tagesspiegel. Ich weiß zu dem Zeitpunkt noch nicht, dass sie ihn schon gefunden und erschossen hat. Ich habe andere Sorgen. Jedes Mal geht mir bei der Aktion der Motor aus. Der Tank ist fast leer und der Vergaser verstopft. So auch jetzt an der Ampel. Ich muss wieder anklicken und komme gerade noch über die Kreuzung. In der Straße rechts sehe ich im Vorbeifahren ein Polizeimotorrad, blau weiß, Moto Guzzi, wie sie auch die Berliner Polizei mal hatte. Mein Motor geht aus. Ich schiebe nach der Kreuzung das Moped auf den Bordstein. Das Motorrad hält neben mir. Ich hab keine Angst. Nicht vor einer übereifrigen Polizei, wie im heißen Herbst 77, als eine Freundin mit ihrer Vespa in Bonn genau vor dem Kanzleramt liegen geblieben war und plötzlich in den Lauf einer Maschinenpistole guckte. Nicht vor irgendwelchen Kontrollen. Denn das letzte Mal, als ich von der Polizei mitten in der Nacht wegen meines Bremslichts angehalten wurde, stieg der Beamte aus und outete sich als Simson-Fahrer. Statt eines Strafzettels zeigte er mir, an welcher Schraube ich mein Bremslicht richtig einstellen könnte.

Jetzt sehe ich, dass es keine Berliner Maschine ist, die neben mir hält, sondern eine von der Policia Stradale aus dem Italien der 1970er Jahre. Ein renovierter Oldtimer. In dem Zustand ein kleines Vermögen wert. Gefahren wird sie von einer jungen Frau mit Jet-Helm, rundem Gesicht und robusten Klamotten. Sie hat eine Freundin im gleichen Outfit auf dem Sozius. „Kann ich dir helfen?“, fragt die junge Frau über den Lenker. „Du brauchst Sprit, nicht?“ „Ja“, sag ich noch ganz überrascht von dem Angebot, „Mir fehlt Sprit.“ „Also, ich kann für dich zur nächsten Tanke fahren. Ne Wasserflasche hab ich dabei, wenn dir ein Liter weiterhilft. Ich mein: gibst mir nen Fünfer und wartest hier.“ Woher kenne ich das? Das ist Motorradfahrerethos der ganz alten Schule. Noch älter als das Motorrad, auf dem die beiden Frauen sitzen. „Motorradfahrer helfen einander“ Weil jedem mal was passieren konnte. Weil die Maschinen unzuverlässig waren, weil man zu einer kleinen, vom Bürgertum verachteten Minderheit gehörte. Klax Leverkus, der Herausgeber der Zeitschrift „Motorrad“ hat sie in den 1960ern in die Welt gesetzt als noch nicht jeder Rechtsanwalt neben seinem BMW eine Harley in der Garage hatte. Genau so war ich unterwegs, als ich mein erstes richtiges Motorrad hatte. Helfen um dazu zu gehören – zu den richtigen Motorradfahren. „Danke,“, sag ich. „Ich schieb das Moped um die Ecke. Ist nicht weit bis zur nächsten U-Bahn. Dann kann ich es morgen abholen.“ Aber sie lässt nicht locker. „Du hast es doch bestimmt weit bis nach Hause, da ist doch besser, wenn ich dir jetzt was hole.“ The Girl on a Motorcycle. Das ist ein Film mit Marianne Faithful, die im engen Lederanzug mit einer Harley durch die Männerfantasien der 60er- Jahre bis nach Heidelberg braust. Hab ich mir das nicht immer gewünscht? Ich brauche keine Hilfe. Aber warum nicht einen Sommerabend mit zwei hilfsbereiten Frauen zu Ende bringen? Sie zum Dank auf ein Bier einladen, hier mitten im verrückt gewordenen Berlin? „Ich brauche Benzin und Öl.“, sag ich stattdessen. „Ist ein Zweitakter.“ „Zweitakter?, Versteh ich nicht.“, sagt sie. „Ist zwar ein altes Motorrad hier, aber ich lass das in der Werkstatt machen.“ Diese pfadfinderhafte Ehrlichkeit, und jetzt bringe ich sie auch noch um ihre gute Tat für diesen Tag. „Ich brauche ein paar Tropfen Öl im Benzin, sonst läuft der Motor heiß. Ist bei den alten Mopeds so.“ , entschuldige ich mich. Sie bleibt freundlich und ich finde ein paar höfliche Worte über ihre geleistete Motorradfahrer*innensolidarität. Sie gibt sie Gas, dreht auf die andere Straßenseite und beide winken mir noch mal aufmunternd zu. Ich stottere mit meinem Moped bis zur nächsten Tanke. Zwei Liter E5 pur, das wird den Vergaser durchspülen und der Motor wird es schon aushalten bis nach Hause. Als ich bezahlen will, liegen sich der Tankwart und die Tankwartin hinter der Würstchentheke in den Armen und strahlen sich an. „Wir haben uns gerade gesagt, dass wir unsere Arbeit lieben.“, sagt die Wartin und mir fällt nichts anderes ein als „Ich liebe ihre Arbeit auch.“, weil ich mich wirklich freue, kurz vor Mitternacht noch Benzin zu bekommen. „Dann liken sie uns doch auf K Circle Station Chausseestraße.“ „Werde ich ganz sicher tun.“, verabschiede ich mich. Draußen erwarten mich noch ein paar rasende Blaulichter in alle Richtungen, aber ich komme heil nach Hause. Es gibt noch Menschen, die einem Hoffnung machen in dieser wunderbaren Stadt.

3 Gedanken zu “The Girl on a Motorcycle

  1. vielleicht gerade annehmen so verrückten Tag. Da hat jeder das Bedürfnis, dem nicht am Verbrechen beteiligten Mitmenschen ein „Wir-sind-anders-Gefühl“ oder einfach ein wärmendes „Wir“ zu vermitteln.

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