Du bist keine Schönheit…

Und wie ging das bei Grönemeyer weiter? „Von Arbeit ganz grau. Du liebst dich ohne Schminke. Bist ne ehrliche Haut, leider total verbaut…“

Passt nicht ganz, aber ging mir durch den Kopf, als ich gestern, wie jeden Arbeitstag, am Russischen Haus, oder, soviel Zeit muss sein, Российский дом науки и культуры, oder, für Freunde, RUSHAUS# an der Friedrichstraße in Berlin vorbeiging. Es gibt nicht viel Schönes an ihm zu entdecken. Ich bin ja ein Freund realsozialistischer Architektur, aber bei diesem grauen, protzigen Klotz aus den 1980ern hört die Freundschaft auf. Die Fassade bröckelt und fällt einem nur nicht auf den Kopf, weil dort schon seit Jahren in der ersten Etage ein grünes Netz gespannt ist, an dem in der Adventszeit ganz malerisch üppige Lichterketten glänzen. Noch vor ein paar Jahren hatte ein Schweizer Juwelier im Erdgeschoss seine funkelnden Luxusuhren angeboten, aber die Zeit der reichen Russen auf dem Friedrichstraßen-Boulevard sind erstmal vorbei. Und daran ist ausnahmsweise nicht die Fahrradstraße schuld, die die grüne Verkehrssenatorin hier trotzig hat durchsetzen wollen. Es wird, soviel kann ich verraten, auch nicht besser, wenn man hinein geht. Grau, protzig und unübersichtlich.

Viele Stunden habe ich dort im Theatersaal verbracht, vor 20 Jahren, als die Tanzschule meiner Tochter dort ihre jährliche Gala veranstaltete. Die Luft war stickig und der Saal voll mit begeisterten Eltern. Und bis endlich nach all den Tutu-Kindern und dem ganzen „Schwanensee“ die Hip-Hop-Gruppe meiner Tochter dran war, war ich manchmal schon im Lächel-Koma. Wenn ich kam, verschwanden hinter unzähligen Türen unerkannte Mitarbeiterinnen (ja, meist Frauen) mit unerkennbaren Aufgaben in verwinkelten Fluren. Jetzt weiß ich von unserem Bundeskanzler, dass es keine Sprachlehrerinnen, Kunstlehrerinnen oder Bibliothekarinnen waren, sondern Agentinnen des russischen Geheimdienstes. Ich will das gar nicht in Frage stellen. Vom russischen Staat erwarte ich, so wie die meisten Russen, nichts Gutes. Aber wenn man sich ein wenig in Berlin auskennt, und auch wenn nicht, fragt man sich, warum sie gerade hier ihr Handwerk betreiben und nicht auf dem riesigen Komplex der Russischen Botschaft, zwei Blocks weiter. Unter den Linden, nicht weit weg von Brandenburger Tor und der US-Botschaft. Da ist genug Platz und es gibt ein Schwimmbad an dem bis vor Kurzem noch ein bronzener Lenin-Kopf prangte und eine Schule für die Kinder. Oder haben Agentinnen keine Kinder?

Aber wenn Kunst und Kultur 40 Jahre lang nur eine Tarnung waren, dann erklärt das wenigstens, warum die hier gezeigte Kultur in den letzetn Jahren so jämmerlich war. Immer wenn ich vorbei kam, dachte ich mir: Das kann doch nicht die russische Kultur sein? Anfang der 1990er war ich in St. Petersburg und hatte drei Wochen die aufbrechende Klub- und Kulturszene kennen gelernt. Und in den 2000er gab es keine Galerie und kein Museum in Deutschland, das nicht Künstlerinnen und Künstler aus dem Osten ausstellte. Tolle Sachen. Und in den Schaufenstern des Russischen Hauses? Selbsgetöpfertes, Naturfotos oder einen Buchladen der Mnogoknig (viel Buch) heißt und auch so aussieht. Er ist voller Bücher, aber sie sehen alle gleich aus und stehen in den Regalen wie Zinnsoldaten. Eine staatliche Kultur, die mehr zeigt, was fehlt, was nicht mehr gezeigt werden darf als dass sie die Vielfalt des Landes ausstellt. Wenn es einen Beweis dafür gibt, was in Russland derzeit an Freiheit fehlt, dann ist es in diesen Schaufenstern zu lesen. Ein großes Land, das sich auf dem Niveau eines Kindergartens präsentiert hat viel zu verschweigen. Und deshalb meine ich auch, dass das Haus nicht geschlossen werden soll. Nicht nur weil es von Russinnen und Russen aus Berlin weiter genutzt wird, sondern weil es, ohne das Wort Krieg oder Diktatur auszusprechen genau das zeigt. Und auch, weil wir in Berlin nicht noch einen leerstehenden Laden auf der Friedrichsstaße gebrauchen können.

Ein Gedanke zu “Du bist keine Schönheit…

  1. ja, sehr schön hintergründig beobachtet und zeigt auch die hilflosigkeit und oberflächlichkeit unserer entscheider in der politebene. ob es auch hier zutrifft: man schlägt den sack und meint den esel? wenn immer mehr kanäle zugeschüttet werden: wo sollen da verbindungen zum besseren möglich sein?

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