
Immer noch Vilnius. Und wieder ein Gebäude, das man nicht auf der Touristen-Karte findet und auch nicht im Reiseführer. Offiziell ist hier grüne Wiese. Dabei ist der Bau unübersehbar, von weitem sichtbar, denn er ist riesig, um nicht zu sagen: gigantisch! Es steht einfach da, seit 1971, gegenüber dem litauischen Nationalmuseum, aber am anderen Ufer der Neris. Am Nationalmuseum wird kräftig gebaut. Es bekommt ein neues Dach und bald wohl auch einen neuen Inhalt. Am ehemaligen Sportpalast aus Sowjetzeiten, dem großen weißen Elefanten im Stadtraum, werkelt nur ein einsamer Elektriker, der uns verscheuchen will. „No civilians here!“, herrscht er uns an als sei es militärisches Sperrgebiet. Aber da ist unser Entdeckergeist schon längst geweckt.






Ich schlüpfe durch eine Lücke im Bauzaun, die mein Freund, wie in alten Zeiten, für mich aufhält. Eine halbe Stunde springe ich mit der Kamera um den Palast wie ein Kind um den Weihnachtsbaum. Alles für mich und an jeder Ecke wartet ein neuer phantastischer Blickwinkel wie ein neues Päckchen, das ich auspacken darf. Ich stolpere auch über einen Gedenkstein, in Hebräisch und Litauisch. Auch er nicht auf der Karte eingetragen. Keine Chance, das zu entziffern. Erstmal genug Rätselraten für heute. Gibt noch andere schöne Ecken in der Stadt. Die übervolle Markthalle zum Beispiel.





Am nächsten Tag regnet es. Genug Zeit, für ein paar Recherchen. In alten Bildbänden, die wir im Gastraum unseres Hostels finden, gibt es Fotos, die den Koloss in besseren Zeiten zeigen. Aber seltsamerweise weit hinten und ohne großen Kommentar. Dabei war man in der Sowjetunion doch meist sehr stolz auf die Neubauten. Im Technikmuseum gibt es ein Stadtmodell von 1980, das den Sportkomplex in seiner ganzen Größe zeigt. Mit Schwimmbad und Stadion. Das Stadion ist längst abgerissen und durch moderne Bürohäuser und Stadtvillen überbaut, das Schwimmbad ist eine Ruine. Der Koloss hat überlebt und steht seit ein paar Jahren unter Denkmalschutz. Aber warum steht er leer? Warum will keiner etwas davon wissen?
Weil er und das Stadion auf einem Gräberfeld gebaut wurden. Das war es, was auf dem Gedenkstein stand. (Google kann zwar kein Litauisch, aber Hebräisch) Hier war der älteste jüdische Friedhof von Vilnius. Die jüdische Bevölkerung, die einmal mehr als ein Drittel der Einwohner zählte, wurde von den Deutschen umgebracht. Die Sowjets haben dann in den 1950ern die Reste des Friedhofs einfach planiert und den Sportkomplex draufgesetzt. Spiel und Spaß auf den Gräbern von toten Juden. Eine Freundin aus Ost-Berlin erzählte mir Ähnliches. Der jüdische Friedhof im Scheunenviertel sei der Sportplatz ihrer Schule gewesen. Kein Wunder, dass das nicht gut ging. Nachdem Litauen unabhängig war, gab es laut Wikipedia eine Klage der Nachkommen der dort Beerdigten gegen eine neue Nutzung. Seitdem herrscht Grabesstille und der Palast ist zum Nicht-Ort geworden.
Als wir am Bahnhof von Vilnius auf unseren Zug warten, kommt ein alter Mann auf uns zu. Gebeugt, kleiner Rucksack, schwarze Laptoptasche. Er sucht seinen Stock und findet ihn auf unserer Bank. Sein Gesicht kommt mir bekannt vor. Als er mit weicher dunkler Stimme in langsamem Deutsch anfängt zu erzählen denke ich : Leonhard Cohen. Das gleiche Lächeln, die gleiche Stimme. Aber seine Geschichte ist eine andere. 1942 sei er im Ghetto von Vilnius geboren. Es habe damals keine Babys im Ghetto geben dürfen. Frauen hätten ihn versteckt und er sei in einem Haus aufgewachsen. Ihm fehlt das Wort und er formt ein Dach mit den Händen „für Kinder“. Er sei Sportler geworden und lebe jetzt in Israel. Heute sei er zu einer Gedenkfeier hier gewesen, allein, mit 83, mit dem Zug. Jetzt wolle er weiter nach Byalistok, zu „Anwandten“. Später sehe ich ihn im Zug. Er sprich Litauisch mit der Schaffnerin und telefoniert mit seinen Verwandten auf Polnisch. Als ich mich neben ihn setze, schweigt er einen Moment und entschuldigt sich dann. Es dauere etwas, bis er wieder umdenken könne – von Polnisch auf Deutsch. Als eine Frau mit Kinderwagen zusteigt, steht er auf, und bietet ihr seinen Platz an. Die lehnt ab, als sie ihn wacklig auf den Stock gestützt stehen sieht. „Tapfere Frau“, sagt er, als er sich wieder in seinen Sitz fallen lässt.
Schöne Begegnung!!
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Dieses schön geschwungene Gebäude habe ich über den Fluss hinweg immer bewundert, wenn ich am Südufer der Neris entlang ging.
Irgendwo außerhalb der Stadt – ich weiß leider nicht mehr, welche Richtung – habe ich mal Grabsteine des alten jüdischen Friedhofs gesehen. Die waren zwischenzeitlich als Treppensteine missbraucht, dann aber gerettet worden und harrten zu jener Zeit (2012/13) einer hoffentlich angemessenen Verwendung.
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