
Alles ist gut. Die Sonne scheint, eine steife Briese weht über das Achterdeck, vermischt mit leichten grauen Schleiern, die nach verbranntem Diesel riechen. Über mir dreht sich ein aufrechter Stahlzylinder, den ich zuerst für den Schiffsschornstein gehalten hatte. Es ist aber ein Rotor. Er unterstützt die Fähre von Gedsder nach Rostock mit Windenergie, das spart immerhin fünf Prozent fossilen Kraftstoff. Es geht voran. Im Bauch des Schiffes wartet ein leuchtend grüner FlixBus, der mich ohne Probleme von Kopenhagen hierher gebracht hat. Und wenn ich Glück habe und alles wie geplant läuft, erreiche ich mit ihm auch heute noch Berlin.
Natürlich habe ich Glück, schon die ganzen 14 Tage, die ich mit meinen Jungs in Dänemark verbracht habe. Die Jugendherberge, das „vandrerhjem“ war eine Insel der Sorglosigkeit. Alles war da für uns in der prächtigen, ehemaligen Arbeiterhochschule in Esbjerg. Alles war durchdacht, solide und liebevoll ausgestattet. Wir hatten das Haus, den Garten und die Küche fast für uns alleine (und nur wenn niemand drin war, trauten sich die Jungs, dort etwas zu machen). Morgens konnten wir uns am Frühstücksbuffet frische Waffeln backen und am Wochenende gab es im Versammlungsraum zwei Beerdigungsfeiern. Als wir fragten, ob wir uns deswegen besonders ruhig und pietätvoll verhalten sollten, wurden wir freundlich belächelt. Nein, das sei in Dänemark eher eine gesellige Veranstaltung. Schön wenn man was vom Leben (und Sterben) im Gastland mitbekommt. Und drei Mal (in Zahlen 3 x) gelang es mir, meine Söhne tatsächlich zu einer Wanderung zu bewegen. Obwohl man streiten kann, ob eine halbe Stunde durch die Dünen zu dem Fischereimuseum als Wanderung durchgehen dürfen. Aber die Stelle mit dem Strand, der monumentalen Skulptur, der Frittenbude und dem Blick auf den Hafen war so schön, dass sie von den Einheimischen sogar für Hochzeitsfotos genutzt wird (Das im Hintergrund sind keine Fabrikschornsteine, sondern Türme für Windkraftanlagen). Für dem Rückweg wählten meine Söhne lieber den Weg direkt an der Autostraße, weil der kürzer war und nahe dem Netto-Supermarkt endete, wo sie sich mit billiger Fanta und Chips für die abendlichen Fußball-WM-Spiele eindeckten. Sie nannten das „Aktiv-Urlaub“.




Aber auch im perfekten Dänemark braucht das Glück mal eine Pause. Und das ist auch gut so, denn sonst würde man es ja nicht zu schätzen wissen. Das Grausame daran ist nur, dass man nicht vorbereitet ist auf den Absturz aus den elysischen Höhen in die menschlichen Niederungen. Im mehr als unperfekten Deutschland schaue ich drei Mal vorher nach, ob ein Zug, den ich nehmen will, denn auch wirklich kommt. In Dänemark vertraute ich darauf, dass alles klappt. Und nur eine ganz kleine gelbe Fußnote auf der Bahnhofsanzeige (auf Dänisch) hätte mich stutzig machen können, als wir mit Koffern und Rucksäcken bepackt in dem ruhigen und menschenleeren Bahnhof von Esbjerg auf den Zug nach Kopenhagen warteten. Den zweiten Teil der Ferien wollten wir zusammen mit dem Rest der Familie in einem Ferienhaus am Roskilde-Fjord verbringen. Irgendwann fiel mir auf, dass unsere Verbindung nicht mehr angezeigt wurde. Und die gelbe Fußnote war nun auch auf Englisch: „Replacement Bus“; auf Deutsch: „Schienenersatzverkehr“ ab Fredericia stand da. Wie ich dieses Wort hasse. Zwischen lesen und verstehen dauerte es eine Weile. Und was es wirklich bedeutete, merkte ich erst, als wir mit hunderten schwer bepackten Reisenden und quengelnden Kindern in der dunklen Bahnhofsunterführung in Fredericia landeten. Unser Zug war nicht der erste, der seine Fracht in den Schlund der Verzweiflung entladen hatte. Und nirgendwo ein Zeichen, wie es weiter gehen sollte. Nach einer halben Stunde waren wir im Freien angelangt und sahen die ganze Länge der Schlange, die sich über einen Parkplatz wand. Aber immerhin: Es ging vorwärts. Eine einzige platingraue Mitarbeiterin der Dänischen Staatsbahn und ein paar Meter Flatterband reichten, um die Massen und ihr Gepäck diszipliniert auf die Busse der Viking-Line zu verteilen. Nach einer Stunde saß ich mit meinen Jungs, die das noch als Abenteuer betrachteten, im Bus. Niemand hatte bis dahin ein Wort gesprochen. Nicht in der Warteschlange und nicht unter den Reisenden. Anscheinend gab es einen unausgesprochenen Code, wie so etwas zu funktionieren hatte.

Schön, dachte ich, den Anschluss in Kopenhagen werden wir verpassen, aber dann nehmen wir halt den nächsten. Alles kein Problem. Und der Bus rollte ruhig und klimatisiert über die Meerenge. Da klärte uns ein Mitreisender auf, dass die Reise nur bis Odense gehe und dass danach noch mal gewechselt werden müsse von Bus zu Zug und von Zug zu Bus. Und dann wieder Zug. Er lächelte amüsiert. So sei das nun mal.
Die Eisenbahnbrücke über den Bahnhof von Odense ist, wie alles in Dänemark, ein Meisterwerk des modernen Designs. Aber wenn man zwei Kinder und drei Koffer die Stufen hoch bringen muss, sieht man sie mit anderen Augen. Der Zug, der uns am Bahnsteig erwartete, war einer der typischen dänischen Züge mit Gummipuffer vorne und hinten. Aber er war alt. Die Farbe blätterte ab, und nur ein Tür öffnete sich. So dauerte es lange mit dem Aus- und Einsteigen. Mein Sohn nahm es sportlich, drängelte sich vor und ergatterte uns Sitzplätze Wir mit den Koffern hinterher. Weil die Klimaanlage nicht funktionierte, kamen wir schon durchgeschwitzt in der nächsten Endstation an. Was dort geschah, wollte ich in meinen schlimmsten Träumen nicht erleben. Nichts war klar, niemand war da, der etwas regelte. Mal hieß es, ein Zug kommt, und dann hieß es: Alles in die Busse! 3-4 mal wechselten wir mit Gepäck über die alte Bahnhofsüberführung zum Busbahnhof und zurück aber es kam immer nur vereinzelt ein Bus, der sofort belagert wurde. Keiner regelte irgendetwas und bevor unsere Koffer im Gepäckraum des Busses verstaut waren, hatten sich Schnellere ohne Gepäck schon die Sitze im Bus geschnappt. Wir mussten also die Koffer wieder aus dem Gepäckraum holen. 3-4 mal, und die Jungs, die schon ohne zu fragen in den Bus gerutscht waren, wieder raus aus dem Bus holen. All das ging ohne Panik, weil die Wartenden zwar ungehalten, aber gefasst waren. Man sprach immer noch wenig. Eine Frau erklärte uns, dass wohl ein Unwetter am Wochenende die Bauarbeiten an der Hauptstrecke verzögert hätte.

Zeit für das Notfallszenario, dass ich mir für solche Fälle zurecht gelegt hatte. Nicht verzweifeln! Ein Taxi und ein Hotel suchen und am nächsten Tag weiterfahren. Aber es gab keine Taxis und wenn, dann waren sie vorbestellt. Es gab nur Uber, und die kann man nur über eine App bestellen, die auf meinem Handy nicht bei installierbar war. Da stand ich nun handlungsunfähig mit zwei aufgeregten und aktionistischen Jungs.
Und dann löste sich die Sache von selbst. Wir gaben die Taxi-Idee auf und gingen zurück zum Busbahnhof. Dort waren es noch mehr Wartende geworden, denn alle halbe Stunde spuckte ein neuer Zug Reisende nach Kopenhagen aus, die sich um die wenigen Busse drängten. Aber dann fand mich mein Glück wieder, das mich den ganzen Tag verlassen hatte. Da stand ein Linienbus, der nach Ringstedt fuhr, genau dahin, von wo der nächste Zug nach Kopenhagen weiter fahren sollte. Die Tür war offen und wir gingen einfach hinein. (Ich will dir nicht schon wieder das Kaka-Zitat bemühen, aber der Bus stand dort schon vor einer Stunde und ich hätte einfach nur durch die offene Tür gehen müssen.) Der Bus war voll, und wir mussten stehen, aber nach einer schwitzigen Fahrt über die dänischen Dörfer kamen wir in der Dunkelheit in Ringstedt an. Und diesmal war es der unwahrscheinlichste aller Freunde, der uns rettete: die Deutsche Bahn. Denn während die Webseite der dänischen Bahn zusammengebrochen war, zeigte uns die Bahn App, dass wir sogar noch den einen Zug bis zu unserem Ferienort erreichen würden. Mit einem Vorortzug fuhren wir von Kopenhagen nachts um 11 Uhr in das dunkle Nirgendwo der dänischen Provinz. Ich klingelte die Mutter meiner Söhne aus dem Bett, und sie stimmte widerwillig zu, uns noch nach Mitternacht vom Bahnhof in abzuholen. Bis zum letzten Moment blieb ich angespannt, denn wir mussten noch einmal den Zug wechseln, bevor wir auf dem idyllischen Bahnhof von Olsted endlich den Zug verlassen konnten.
Zurück bin ich eine Woche später alleine gereist. Mit dem Bus. Auch nach einer ruhigen Woche unter einem dänischen Ferienhausdach: Eine weitere Bahnreise hätten meine Nerven nicht überstanden.