Knietief in der Kohle

F 60

Als ich die Plakate von „Gundermann“ sah, dachte ich: Ach wieder so ne Ostrockband auf der nimmerendenen Tour durch die „Gib uns unsere Jugend wieder“-Festivals jenseits der Elbe. So wie die Phudys, Keimzeit oder City. Von Gundermann hatte ich mal was gehört, nie ein Lied, nur die Geschichte: Baggerfahrer in der Braunkohle,  depressive Lieder für hoffnungslose Leute und so weiter. Nix was mich anging, dachte ich.

War aber kein Konzert, denn Gundermann ist, was ich auch nicht wusste, schon lange tot. War Werbung für einen Film, noch dazu für einen von Andreas Dresen, den ich ja besonders liebe, schon seit „Stilles Land“. Und als ich den Film, natürlich im Kino International an der Karl-Marx-Allee, dem Prachtkino der DDR, dem mit dem riesigen Foyer, in dem man so herrlich melancholisch die Abenddämmerung über dem Cafe Moskau mit seinem kleinen Sputnik und den denkmalgeschützen Plattenbauten aufsteigen sehen kann, angeschaut hatte, war ich rettungslos verloren. Ich meine: Dresen schafft es ja jedes Mal, dass ich mich in seine orientierungslosen Helden verliebe. Aber diesmal, mit diesem tolpatschigen Gundermann, der immer im falschen Moment aufrecht ist und dann wenn er mutig sein sollte, die besten Freunde verrät, der sich nicht entscheiden kann, ob er jetzt Künstler sein will, oder Bergmann wie sein Vater und der deshalb beides macht, malochen und singen, der Zeilen raushaut wie „Ich schau jeden Morgen in den Spiegel, damit ich mir mein Leben glaube.“, mit diesem Gundermann hat er mich voll erwischt.

Und während sich die Baumhausmenschen im Westen gegen die Bagger der RWE stemmten, versank ich tief im Osten in einem Braunkohlesumpf . Der Film hatte mich nicht nur dazu gebracht, nächtelang Gundermanns Balladen zu hören, bis vor lauter Schwermut die Welt um mich herum versank, er hatte auch an eine alte Saite in mir zum Klingen gebracht: Meine alte Faszination für alles, was im Osten qualmte.
Denn während ich im Westen so öko war, dass ich mit Stolz die abgelatschte Birkenstocksandale auch im juristischen Seminar trug,  wusste ich doch aus den Fahrten mit meinem Vater, der mich in seinem LKW in die Fabriken von Leverkusen bis Essen mitgenommen hatte, dass es hinter meiner grünen Fahrrad-Windrad-Komposthaufen-Utopie noch eine andere Welt gab. Die Welt der Kraftwerke, der Chemie-Komplexe und der Schwerindustrie. Und am schwersten war sie im Osten. Man konnte sie riechen wenn man auf der Transit-Autobahn nach West-Berlin fuhr, man konnte sie sehen, wenn man den Interzonenzug über Eisenach nahm, der an den riesigen, rostbraunen Leuna-Werken vorbeischlich.  Das war was anderes als das, was ich kannte. Die großen Werke im Westen hatten eine saubere Fassade und Filter im Schornstein, die den gröbsten Dreck zurück hielten. Im Osten war alles alt, ungeschminkt, ehrlich, brutal und kurz davor, zusammenzubrechen. Und wenn mich etwas noch mehr faszinierte als luftig-grüne Zukunftsvisionen, dann war das die Vorstellung, etwas Altes, von niemandem Geschätztes vor dem Untergang zu retten.
Kaum war die Mauer auf, machte ich rüber. Als gelernter Krankenpfleger war es damals leicht, eine Stelle zu bekommen. In Leipzig lernte ich Annette kennen, eine Jura-Studentin die vorher in der „Produktion“ gearbeitet hatte, auf einem Braunkohlebagger als Klappenschläger – was immer das war. Ich war fasziniert. Eine Jura-Studentin, die ehrliche Arbeit kannte hatte ich in Heidelberg noch nicht getroffen. Sie stellte mich ihrem Vater vor, der gerade als Ingenieur im Tagebau in den Vorruhestand geschickt worden war. Ich ließ nicht locker, bis er mich durch die abgrundtiefen Löcher in der Lausitz führte. So oft, dass er irgendwann sagte, er müsse aufhören, weil es  zu schmerzhaft für ihn sei.

Aber das Thema Kohle kam immer wieder, sei es dass wir in unserer ersten, natürlich Ostberliner, Wohnung mit Brikett heizen mussten, was ich romantisch fand, bis auf die Tatsache, dass die Bude nie warm wurde und unsere Tochter von einer Bronchitis zur nächsten Mittelohrentzündung taumelte, bis die Mutter, was damals noch möglich war, von einem Tag auf den anderen eine neue, zentralbeheizte Wohnung an Land zog  – wohl auch wegen der Ratten im Kohlenkeller, sei es, dass mich ein Bekannter aus dem Dessauer Bauhaus in die aufgelassenen Gruben um Gräfenhainichen führte und vor der kargen Wüstenlandschaft, in der noch ein paar rostige Bagger standen, von seinem Projekt schwärmte, bei dem aus den alten Baggern eine Kulisse für eine Open-Air-Bühne inmitten einer Seenlandschaft von gefluteten Tagebaulöchern entstehen würde. „Industrielles Gartenreich“ nannte er das. Ich hielt das für eine typische spinnerte Idee junger Kreativer, die nichts von der wirklichen Welt wissen. Vor zwei Monaten war ich, umrundet von mächtigen Schaufelrädern, zu einem Konzert in dem Areal, das jetzt „Ferropolis“ heißt.

Und als mich ein Freund, mitten in meinem Gundermann-Blues, zu einer Motorradtour einlud, ging es natürlich zur „F 60“, einer schwindelerregend hohen Förderbrücke, einem gigantischen, filigranen Meisterwerk der Ingenieurskunst, das man nach der Wende aus einem Tagebau gerettet hat. Kaum waren wir vom Wind zerzaust zurück in Berlin, versuchten wir uns in seiner Stammkneipe „Idyll“ etwas aufzuwärmen. Und kaum hatten wir dem Wirt erzählt, wo wir waren, fing er an, von seiner Jugend zu erzählen. Die gefährlichen Wintereinsätze, zu denen er als Soldat auf eine F 60 abkommandiert wurde, Einsätze bei denen es viele Tote gab. Und als er es so erzählt, denke ich, dass ich keinem Bergmann in der Lausitz oder in Hambach ins Gesicht sagen könnte, dass ich seine Arbeit am liebsten von heute auf morgen stillegen möchte.

Als ich aus der Kneipe rauskomme, klingelt das Telefon. Annette ist dran. „Du, hast du Gundermann gesehen? Ich musste ja so an dich denken. Wie du mit meinem Vater rumgeklettert bist. Ich weiß ja bis heute nicht, was du damals in der Kohle gesucht hast.“

 

 

 

15 Gedanken zu “Knietief in der Kohle

  1. Ich hab mich tatsächlich als einer der Ersten „rübergetraut“. Und mit Stolz bewahre ich mein grünes SV-Buch, in dem mir drei Monate Arbeit in der Uni-Klinik Leipzig bescheinigt werden. Aber ich hab auch Vieles sehr idealistisch gesehen. Gerade die Knochenarbeit, die sich hätte vermeiden lassen, wenn man im Arbeiter- und Bauernstaat auch nur ein bisschen auf die Arbeitsbedingungen acht gegeben hätte.

    Gefällt 2 Personen

    • Ja, vielleicht wird von der ganzen Kohlezeit in Berlin nichts weiter bleiben als die hellen Flecken auf den abgezogenen Dielen an den Stellen, an denen früher der Kachelofen stand. Aber noch ist sie sehr präsent. Nicht nur in der Lausitz. Als ich in meine neue Wohnung zog, stand der Keller noch voll mit Briketts, Ascheeimer und Kohleschütten. Ich hab sie einfach auf die Straße gestellt – und am nächsten Tag war alles weg.

      Gefällt mir

      • In der Malplaquetstraße stehen noch einige Häuser, die mit Kohle geheizt werden. Ich merke an den Rußpartikeln auf meinem Gesicht, wenn die Heizsaison losgeht. Wie jetzt! Ich bin immer erstaunt, was sich da so auf die Haut setzt. Dabei ist die Malplaquetstr. ja noch 5 Minuten von mir entfernt.

        Gefällt 1 Person

      • Mich erfüllt dieser muffige Kohlegestank inzwischen mit Nostalgie. Aber nur, weil er gottseidank selten geworden ist 😉
        Ich hoffe du hattest gestern eine erfolgreiche Ausstellungseröffnung. Ich hatte leider keinen Babysitter, aber ich werde sie mir diese Tage ansehen.

        Gefällt mir

      • Es war eine wirklich gelungene Ausstellungseröffnung, Rolf. Vielleicht hast du es ja auf dem Blog gelesen. Es ist sehr Arbeitsintensiv, deshalb auch jetzt erst die Antwort zum Kommentar. Bis Sonntag kannst du die Bilder noch in der Motte sehen, am Montag wird schon abgehangen. Jedoch werden die Bilder in der Schillerbibliothek noch bis zum 28.12. zu sehen sein.
        Einen schönen Tag von Susanne

        Gefällt 1 Person

  2. Ja, die Braunkohle. In deren Schatten bin ich auch aufgewachsen, am Rande des rheinischen Reviers. Wenn in Rheydt Kirmes war, konnte man vom Riesenrad aus die Bagger und Kraftwerke ganz in der Ferne sehen. Zwar war ich schon in den 1970ern in (West-)Berlin, habe das Revier in der Lausitz aber erst kennengelernt, als dort von 2000 bis 2010 die IBA stattfand. Und auf der F60 bin ich da natürlich auch gewesen … und die andere F60, die in Welzow noch in Betrieb ist, habe ich mir natürlich auch angesehen. Mal ganz abgesehen von der Begeisterung für die großen Gerätschaften, ist es selbstverständlich so, dass man den Abbau und das Verbrennen der Kohle sofort einstellen sollte.

    Gefällt 1 Person

  3. lieber eimaeckel, so klingt schwärmen auf männlich. 🙂 diesen text hätte ich so nie schreiben können, unmöglich. aber den film, den habe ich auch gesehen und gemocht (und andreas dresen-filme mag ich auch und kenne ich einige, tatsächlich aber nicht den von dir erwähnten … uralten? 🙂 ).
    jedenfalls, ja, der film war beeindruckend. ich habe ihn vor mehreren wochen gesehen, hatte auch in meinem filmblog darüber geschrieben (den ich allerdings vorläufig privat gesetzt habe). was wollte ich sagen? beeindruckender film, der von mir die volle punktzahl, also 5 von 5 erhalten hat. ich fand den schauspieler großartig und er hat, wie ich später recherchierte, sämtliche gundermann-songs noch mal neu eingesungen (er ist schauspieler und sänger).
    und wohnung mit kohleofen kenne ich auch, hatte ich auch mehrere jahre, allerdings nicht hier in berlin, sondern in einer anderen wohnung. und warm ist es schon geworden, aber nicht in allen räumen gleichzeitig. 🙂 ich fands dann irgendwann auch sehr angenehm, einfach die heizung aufdrehen zu können.
    jedenfalls … sehr stimmungsvoller text und filmbesprechung. nach dem film sind meine freundin und ich noch eine weile im kino sitzen geblieben, weil wir beide sehr ergriffen waren noch von dem film.
    ich wünsche dir einen schönen abend und sorry, dass es mit meiner (bei mir im blog angekündigten) antwort etwas gedauert hat. liebe grüße von hier nach da. 🙂

    Gefällt 1 Person

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s