Retro-Welle

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„Die Jugend hat Heimweh nach der Zukunft“, hat Sartre mal geschrieben. Aber wenn ich mich in Berlin umschaue, so scheint es mir so, als hätten die Twens (auch so ein Retro-Wort) eher Sehnsucht nach der Vergangenheit. Gerade bei den Fahrzeugen sind Modelle aus den späten 70ern angesagt: Diesel-Mercedes oder die protzigen Ford-Modelle mit unendlich viel Hubraum. Bei den Fahrrädern hat man die eleganten französischen, die Peugeots, Motobecanes, oder die flotten italienischen Bianchis aus den Kellern der Eltern geholt, oder die teutonisch soliden Hercules, die begehrt waren, als ich auf die Oberschule kam und die sich damals nur die Söhne und Töchter der Ärzte und  Rechtsanwälte leisten konnten. Proletarisch-trotzig möbelte ich mir ein Stoewer-Fahrrad aus der Wirtschaftswunderzeit auf und malte es bunt an. Kreativität gegen Konsum. Retro-Sehnsüchte sind mir also nicht unbekannt. Auch den Wunsch nach einer gerechteren Gesellschaft habe ich damals sehr engagiert verfolgt. Und als neulich der Aufruf für einen Volksbegehren zur Enteignung der Deutsche Wohnen AG rauskam, habe ich sofort unterschrieben.

Auch deswegen ist mir das, was der Juso-Vorsitzende Kevin Kühnert gerade als Zukunftsvision für mehr Gerechtigkeit aus dem Hut zaubert, nicht ganz unsümpatisch. Aber wie die alten Fahrräder aus den 70ern mit ihren ratternden Dynamos und schlechten Bremsen: ich will die elenden Sozialismusdiskussionen der linken Splittergruppen nicht wieder haben. Auch kein rotes BMW-Werk in Volkseigentum. Auch das gab’s schon mal. Hieß dann EMW und lag in Eisenach.
Aber sollte Kühnerts Griff in die politische Mottenkiste Wirklichkeit werden, zeige  ich hier schon mal einen Vorschlag für ein neues Logo für die Edelmarke, die dann wahrscheinlich wieder nur Karossen für die sozialistischen Funktionäre bauen würde.

Ach ja, die Kevins. Vor zwanzig Jahren saßen sie alle allein zu Haus, mussten sie als Synonym für eine randständige, hoffnungslose Generation herhalten – jetzt machen sie wieder Unsinn. Die Hoffnung, die sich die Berliner Chansonniers Pigor und Eichhorn vor zehn Jahren über diese Generation machten, scheinen sich nicht zu erfüllen.

 

12 Gedanken zu “Retro-Welle

  1. Ist nicht auch der Griff in die „Retro-Kiste“ ein Ausdruck von Heimweh nach Zukunft? Nach einer Zukunft, in der auch „Ecken und Kanten“ einen Sinn machen und nicht nur der gendergerechte Mainstream?
    Danke für diese Gedanken

    Liebe Grüße,
    Werner

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  2. In meiner Nachbarschaft gibt es einen Fahrradladen, der die von dir erwähnten 1970-1980-er Jahre Renräder verkauft. Mich erstaunt vor allem, dass man für die alten Modelle noch Ersatzteile auftreiben kann. Was du übrigens „politische Mottenkiste“ nennst, ist unser Grundgesetz, Artikel 14, Absatz 2 (2) „Eigentum verpflichtet. Sein Gebrauch soll zugleich dem Wohle der Allgemeinheit dienen“, wo auch in Absatz 3 die Möglichkeit der Vergesellschaftung genannt ist. In Artikel 15 noch mal ausdrücklich erwähnt. Ein Mann namens Christian Lindner fordert dessen Abschaffung. Das und das mediale Getöse wegen Kevin (nichts auszusetzen an diesem Namen) Kühnerts Bemerkung zeigt, dass viele Politiker die Sozialpflichtigkeit des Eigentums vergessen haben. Wäre doch hübsch, wenn die im Zuge der „Retrowelle“ wieder populär würde.

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  3. Autos aus volkseigenen Betrieben waren ja bekanntlich Spitze aber schwer zu bekommen. 18 Jahre Lieferzeit für eine Rennpappe könnte vielleicht eine Lösung für die drängenden Verkehrsprobleme sein. Vielleicht reicht es auch aus, wenn Audi sich wieder in Horch unbenennt.
    Aber mal im Ernst: Planwirtschaft ist in Bereichen, die die Versorgung der Menschen mit Grundbedürfnissen wie Gesundheit, Sicherheit oder Wohnen betrifft, meiner Meinung nach die bessere Alternative zum ungeregelten Markt. Der Pseudowettbewerb im Gesundheitswesen ist aufgrund des Konstruktionsfehlers, dass der Patient nicht selber zahlt, höchst korruptionsanfällig und muss ständig reformiert werden. Wie soll das Gewinnstreben von Krankenhauskonzernen da zu einer Verbesserung führen? Mehr Mut zur staatlichen Eingriffen in diesen Bereichen könnte hilfreich sein. Von Wirtschaftsunternehmen wie Automobilkonzernen sollte die Politik die Finger lassen.

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    • Da stimme ich dir voll zu. Ich war sehr froh, als Berlin seine privatisierten Wasserbetriebe wieder zurückgekauft hat. Und ich war auch sehr froh, als ich mein sowjetisches Ural-Motorradgespann gegen eine Moto-Guzzi tauschen konnte 😉

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  4. Nicht zu vergessen sind die tollen VELO-SOLEX, schicke schwarze französische Fahrräder mit Hilfsmotor. Die schönen Mädchen der reicheren Eltern fuhren damit um 1970 kess herum.

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    • Die Velo-Solex-Zeit war schon herum, als ich mich für die Töchter reicher Eltern zu interessieren begann. Da waren französische Mofas (Mobilette) angesagt. Aber seit einiger Zeit gibt es ein E-Solex. für alle, die der Zeit mit Brigitte Bardot an der Rive Gauche nachtrauern und keine Lust haben, sich Öl auf die schicken Kleider spritzen zu lassen. Auch die 50er und 80er Fahrräder gibt es jetzt wieder niegelnagelneu und mit moderner Technik in Läden zu kaufen, von denen man nicht weiß, ob sie ein Café, ein Coworking-Space oder eine Betreute Werkstatt für Spät-Adoleszenten sind.

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  5. Wenn dann das vergesellschaftete BMW Werk genauso zukunftsgewand arbeitet wie die im Staatsbesitz befindliche Deutsche Bundesbahn …bleibt wirklich nur noch das alte Peugeot Rennrad als Fortbewegungsmittel…hatte selbst mal eins, bin aber mit den schmalen Reifen immer in den Dortmunder Strassenbahnrillen hängen geblieben und habe etliche nicht rendite Abstürze hingelegt…dann haben mir die Amis aus der Gosse…äh..Rille geholfen und Mountainbikes mit dicken Reifen erfunden…und Dortmund die Strassenbahn unter die Erde als U-Bahn verbannt…Aber Retro geht mit mir nicht…27 Gänge und 4 Kolben Scheibenbremse mit 16cm Federgabel gehören an ein anständiges Rad …und wenns dann noch einen Motor dazu gibt…nicht wahr Rolf 🙂 LG Jürgen

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  6. In der letzten Zeit sah ich bereits auch wieder Herren mit chicen, klassischen und teuren Retro-Aktentaschen (!) ( z.B. von The Bridge) auf dem Weg ins Büro oder ggf. auch zur Uni schreiten.
    Sollte irgendwann der praktische Rucksack auch etwa „out“ sein?
    Grübel **

    Gefällt 2 Personen

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