Bilder einer Ausstellung

Müllerstraße, stadtauswärts, hinter dem U-Bahnhof. Seit Jahren gibt es hier einen Laden für Party-Artikel und Kostüme. Aber die Auslage ist verstaubt, die Farben verblasst, die Plakate blaustichig. Ein trauriger Anblick für einen Laden, der Freude verkaufen will. Ist der Laden zu, oder passiert hier noch was?  Da geht die Tür auf. Heraus kommt ein Mann mit einer fröhlichen grauen Lockenpracht. „Hallo!“, sag ich, „Ist ihr Geschäft noch offen?“ „Natürlich“, raunzt er zurück, „Wonach sieht’s denn aus?“ „Na ja, die Auslage hat sich seit ein paar Jahren nicht verändert.“ „Und sie fragen sich jetzt, ob dit een Laden is oder n’e Ausstellung?“. „Bald ist Karneval, da könnt man ja mal was Neues ins Schaufenster stellen.“ „Ach was, das läuft doch alles heute über Temu oder Sch…“ Das letzte Wort klingt wie ein Fluch. Neben uns hält ein DHL-Transporter, auf den der Mann wohl gewartet hat.

Der Bote drückt ihm drei Pakete in die Hand. Er nimmt Lieferungen von Online-Shops an, die sein Geschäft ruiniert haben. Damit verdient der Grauhaarige wohl jetzt sein Geld. Die Party ist vorbei. Er muss irgendwie über die Runden kommen.

Do sin mer dabei

Foto jeck

Ich bin undercover unterwegs. Meine Perücke liegt sicher versteckt auf dem Boden meiner unauffälligen Aktentasche. Mein Gesicht zeigt die gleichen missmutigen Züge wie die meiner Mitreisenden in der U-Bahn und mein brauner Mantel verbirgt vollständig das rot-weiß gestreifte Hemd, das die Eintrittskarte ist für das geheimen Treffen, das heute im Botschaftsviertel stattfindet. Ich muss sorgsam darauf achten, dass ich mich auf meinem Weg durch das dunkle und freudlose Berlin mit keiner Äußerlichkeit verrate. Denn nichts ist in dieser angelblich so feierfreudigen Stadt so verpönt wie Anzeichen spontanen Frohsinns. Erst im Bus zur Hiroshimastraße, als ich mich von Gleichgesinnten umgeben weiß, wage ich es, die Tarnung aufzugeben. Ich ziehe mir die rote Pappnase und die Perücke auf und trete mit vielen anderen Versprengten ein in das Reich, in dem das Wort „Jeck“ (Spinner, Verrückter)  für einen Abend lang ein Kompliment ist.

Jedes Jahr zu Weiberfastnacht wagt die Landesvertretung von Nordrhein-Westfalen in Berlin ein spannendes Experiment: Haben sich die in die preußische Diaspora verbannten Rheinländer ihre natürliche Fröhlichkeit erhalten, oder hat die hauptstädtische Blasiertheit schon über die Lebensfreude gesiegt? Auch für mich ist es ein Wagnis. Ich bin am Rhein geboren, in einem katholischen Krankenhaus, nahe der Landesnervenklinik. Eigentlich gute Voraussetzungen um ein richtiger Jeck zu werden. Aber die Liebe zum Karneval habe ich erst entdeckt, als ich in Berlin war. Als ich merkte, was mir fehlt. Jedes Jahr bin ich mit meiner Tochter in die Heimat gepilgert, zum Umzug und zum Manöverball in meinem Heimatstädtchen. Und dem lärmenden Pandämonium von roten und blauen Funken, strahlenden Gesichtern und schrägen Blechbläsern in der rappelvollen alten Turnhalle ist es bisher noch jedes Mal gelungen, mich zu verwandeln, mir ein lautes „Ja“ zum Leben und zur besinnungslosen, Grenzen überwindenden Fröhlichkeit abzuringen. Aber in Berlin? Reichen ein paar für einen Abend versammelte Rheinländer, um den Funken überspringen zu lassen?

Als ich ankomme, ist die bunte Gemeinschaft noch unentschlossen. Eine drittklassige Karnevalsband aus Köln müht sich, heimatliche Gefühle zu wecken. Aber noch stehen die Kostümierten etwas steif mit dem Kölschglas in der Hand herum. Auch ich brauche erst ein paar von den schlanken Gläschen, um mich aus mir raus zu trauen. Langsam fangen die ersten Grüppchen an zu schunkeln, noch eng beieinander und mein erster Versuch, mich bei einer Gruppe junger Frauen einzuhängen wird brüsk abgewiesen. Beim zweiten Versuch kriege ich einen blöden Spruch über mein Kostüm, rotzig berlinerisch: „Bist n Streichholz, wa? Rote Perücke und nix drunter.“ Ich suche Trost bei einer Gruppe rundlicher Frauen, die schunkeln und mich dankbar in ihre Reihen aufnehmen. Gemeinsam schwingen wir hin und her, lachen uns an und singen auf Kölsch die Lieder der Band mit – und da bricht das Eis. Ja, es ist diese Gemeinsamkeit, es sind wirklich diese Lieder, die hier jeder kennt und mitsingt. Seit 20 Jahren das gleiche Medley von Gruppen, die sich „Bläck Föös“, „Brings“ oder „Höhner“ nennen. Ein bisschen Irish Folk, ein bisschen Samba und ein paar besinnliche Balladen. Die Texte handeln von den Kleinen Leuten und ihren Freuden, von Köln und der Lust am Feiern. Ich liebe sie! Mein Kreis löst sich auf, als sich die erste Schlange zur Polonaise bildet, ich schließe mich an, bin mir für nichts mehr zu blöd und einfach nur noch dabei. Der Spaß geht so lange, bis mir jemand ein Glas Kölsch in den Nacken kippt, aber da ist auch schon Zeit zu gehen.

Im Rausgehen höre ich noch mal, wie die Band mit dem ganzen Saal singt „Mir sin wie mer sin, mir Jecke vom Rhing. Dat is jet wo mir stolz drof sin.“ Ja, so isses, und meine rote Perücke lass ich auf dem Weg nach Hause auf dem Kopf. Ein bisschen gute Laune tut auch den Berlinern in der U-Bahn gut.

P.S. Auf dem von mir geschätzten Sätze und Schätze Blog ist ein Karnevalsgedicht von Ringelnatz eingestellt, das sehr schön all die widerstreitenden Gefühle beschreibt, die einen sonst noch nach einer solchen Karnevalsnacht beschleichen.