Kuno – Mein Freund und Helfer

Heute gibt es in meinem Blog mal was Nützliches zu lesen.

Nicht Seelenpein noch Kinderfreude, weder Hauptstadtfrust noch Altersbeschwerden. Es geht um Geld! Um Menschen, die einem helfen. Und es geht darum, dass manchmal doch alles gut wird.

Vor einigen Wochen war ich, gelinde gesagt, nicht ganz bei mir. Vielleicht war die Sonne zu hell oder die Nacht zu kurz. Auf jeden Fall passierte mir, was mir so jedes Jahr mindestens einmal passiert: Ich steckte meine EC- Karte, die jetzt Girocard heißt, in den Fahrkartenautomaten und wartete geduldig bis die BVG mit Neun-Nadeldrucker-Technik aus den 70er-Jahren fiepsend und quietschend vier Fahrkarten ausgedruckt hatte. Das ist ein altertümlicher Prozess, der mich jedes Mal so fasziniert, dass ich die Welt um mich vergesse, bis ich von der einfahrenden U-Bahn aufgeschreckt, schnell meine Karten in mein Portmonee stopfe, eine entwerte und mit letzter Hast in den letzten Wagen springe. Wieder mal Glück gehabt: Vier Karten gewonnen – und eine verloren. Denn in der Eile blieb die EC-Karte im Automaten stecken. Nichts Neues. Hatten wir schon mal, kennen wir schon. Und doch erschreckt es mich immer wieder, wenn in den leeren Schacht in meiner Brieftasche fasse, wenn ich merke, dass ich mal wieder für ein paar Minuten aus dem Raum-Zeit-Kontinuum geflogen bin. Aber es haut mich nicht mehr um.  Ich bin vorbereitet. Die Sperrnummer ist im Handy gespeichert und auch in meiner Bankfiliale bin ich gut bekannt.  Aber seit ich von einer der strengen Frauen hinter dem Schalter einmal mahnend auf meine hohe Kartenfolgenummer angesprochen wurde (es war die 20te) beantrage ich die neue Karte lieber übers Telefon. Kurze Warteschleife, nette Dame am anderen Ende. Alles paletti- sogar meine PIN darf ich behalten. Nach einer Woche liegt ein Brief meiner Bank im Briefkasten. Ich fühle mich umsorgt und wertgeschätzt. Das Leben ist schön.

Vier Wochen später kommen die Kontoauszüge und irgend jemand ist vier Wochen nach dem Verlust mit meiner Karte shoppen gewesen. Zum Glück nicht im KaDeWe, sondern bei Netto. Drei mal 50 Euro. Ich vermute Schnaps. Einzug per Lastschrift.  Es muss ein Versehen sein. Ich widerspreche den Lastschriften und denke, ich habe meine Ruhe. Zwei Wochen später dann ein Brief von einer Inkassofirma. Unverschämter Ton, unverschämte Mahngebühren, unverschämte Zahlungsfrist. Hatte ich auch schon mal. Damals brauchte ich einen Rechtsanwalt, um die Zecke wieder loszuwerden.
Wie in aller Welt konnte da einer meine Karte benutzen, wo sie doch gesperrt war?

Ich rufe bei der Bank an. Wieder eine freundliche Stimme aber eine enttäuschende Antwort: Die Sperre gilt nur für Zahlungen mit der PIN. Einkäufe mit der Unterschrift sind weiter möglich. Da müssen sie zur Polizei gehen, und ein KUNO-Verfahren einleiten. Dazu brauchen Sie – aufgemerkt liebe Leserinnen und Leser:  Die Kartennummer der verlorenen Karte, die Kartenfolgenummer und das ausgebende Kreditinstitut. Das alles kriegt man auf Anfrage von der Bank.

Und so warte ich an einem dieser dunklen und kalten Maitage nach Feierabend auf einer der harten Plastikschalen im Warteraum des Polizeiabschnitts 31 in Berlin-Mitte. Die Beamtin hinter dem Sicherheitsglas hat mir gesagt, es könne dauern. Vor mir sei eine Frau mit dem gleichen Anliegen. Und so versinke ich apathisch im funzligen Halbdunkel der altersschwachen Neonröhren, in dem jeder Wartende wirkt wie ein Darsteller in Gorkis „Nachtasyl“.  Nach einer Viertelstunde kommt ein älterer Beamter mit der aufgelösten Frau in den Vorraum. Sie ist so aufgeregt, dass sie sich total verheddert, als sie ihr Fahrrad aufschließen will. Der Beamte hilft ihr, greift sogar in die ölige Kette, um das Rad wieder flott zu machen, dann kommt er zu mir, wischt sich die Finger an einem Papiertaschentuch ab und bittet mich hinein. Und ich denke wirklich: Dein Freund und Helfer! Mit der Hand füllt er einen hundert Mal kopierten Vordruck aus und fragt mich geduldig nach meinen Daten (siehe oben). Nach einer halben Stunde habe ich eine schlechte Kopie des schlechten Vordrucks in der Hand und frage mich, warum der Beamte eigentlich einen Computer auf seinem Schreibtisch hatte. Aber er versichert mir, dass ich mit dem Zettel das Inkassounternehmen in seine Schranken weisen kann. Das ist auch höchste Zeit, denn zuhause angekommen liegt schon die zweite Mahnung im Briefkasten. Ich schreibe einen kurzen Brief (nachdem ich die hasserfüllten, beleidigenden und juristisch belehrenden Passagen gestrichen habe) und stecke die Sperrungsbestätigung der Bank und die Anzeige der Polizei in den Umschlag. Zur Sicherheit alles per Einschreiben und zur Sicherheit rufe ich noch mal bei dem Inkassounternehmen an. Ich erwarte eine von Alkohol und Zynismus raue Stimme eines grobschlächtigen Mannes mit russischem Akzent, der mich verhöhnt und mir einen Besuch seiner sportlich trainierten Freunde androht. Statt dessen wieder eine freundliche Frauenstimme, die den Eingang meiner Sperranzeige bestätigt und sich für den Anruf bedankt. Danach ist Ruhe.

Nur der Polizeipräsident von Berlin schickt mir noch einen Brief. Er bittet mich, um meine Anzeige weiter verfolgen zu können, um die Angabe folgender Daten (siehe oben). Alles wird gut.