
Uns ist langweilig. Mein Jüngster und ich hängen im Wohnzimmer rum. Er fläzt auf dem Sofa mit einem lustigen Taschenbuch, ich sitze im Sessel und scroll im Handy. Wir waren zusammen Pfingsten an der Ostsee. Jetzt sind wir zurück. Eigentlich sollten wir längst bei der Mutter sein, aber die hat sich in einer heroischen Aufopferung die Zwillinge geschnappt, die in zwei Wochen Jugendweihe haben, und ist mit ihnen an den Ku Damm gefahren, passende Anzüge kaufen. Das kann dauern. Und so sitzen wir hier auf Abruf, bis sie sich wieder auf den Rückweg machen. Aber was sollen wir tun? Der Kreuzworträtselblock ist schon bei der Zugfahrt gelöst worden, das Wortagon-Rätsel im Handy auch, alle Urlaubs-Bilder sind schon drei Mal durchgeschaut und die Serien bei TOGGO und das Hörspielkonto bei Apple sind auch schon strapaziert. Mit Süßigkeiten haben wir uns auch schon vollgestopft. Also was jetzt? Wenn einem langweilig wird, hilft die Kunst. Dafür ist sie ja da. Ich hole die Schachtel mit den Wasserfarben und den Malblock, die im Regal verstauben. Die Begeisterung für bunte Bilder hat bei meinen Großen aufgehört, seit sie aus der Grundschule raus sind. Und der Kleine macht nichts, was die Großen auch nicht mehr machen. Also muss ich mit gutem Beispiel voran gehen. Ein Portrait meines Sohnes werfe ich mit groben Strichen aufs Papier. Seit der Schule habe ich auch nur noch selten einen Pinsel angefasst. Am Ende sieht er aus wie Bert von der Sesamstraße. Aber mir gefällts.
Jetzt muss ich Modell sitzen. Gar nicht so leicht. Der junge Künstler will alle Perspektiven meines Charakterkopfes einfangen. Als er sich dann zum Malen entschließt, macht er sich nicht die Mühe, die Pinsel nach dem Anrühren der Farbe wieder gerade zu streichen, bevor er die Nuancen auf das Papier bringt. So gerät manches breiter als gewollt. Vor allem die Ohren. Die Nass-in-Nass-Technik führt zu interessanten Verläufen und Schattierungen wogegen die Bartstoppeln in drastischem Schwarz überbetont werden. Freiheit der Kunst. Mein Junge ist ernsthaft bei der Sache und erzählt, was er malt. Am Ende schaut er sein Werk kritisch an: Sieht aus wie ein Affe, sagt er. Ja, sage ich, aber die Farben gefallen mir. Wir können es „True Colours“ nennen. Damit kann er nichts anfangen. Willst du`s mitnehmen?, frage ich. Nee, sagt er, kannst du bei dir aufhängen. Ich bestehe noch auf einer Signatur. Da klingelt die Mutter durch, und wir müssen los.