The Doors

Eine neue Cique, neue Orte, neue Musik. Das war gar nicht so einfach, mit 17. Aber ich hatte es geschafft. Statt mit der Katholisch Studierenden Jugend, bei denen ich nach den St. Georgs-Pfadfindern sozusagen automatisch gelandet war, nach Taizé zu fahren, wozu mir nach Ansicht unseres Gruppenleiters der rechte Glaube fehlte, saß ich mit ein paar Jungs aus meinem Jahrgang und, vor allem, mit ein paar Mädchen vom benachbarten Mädchengymnasium bei Peter im Zimmer. Und er legte auf. Eine Platte, die mich alle zur Klampfe gesungenen Fahrtenlieder vergessen ließ: The Doors – live. Der hypnotisierende Sound passte zu meinen Haaren, die ich lang wachsen ließ und die Botschaften waren vage genug, um alles mögliche zu bedeuten. „Break on trough to the other side!“ hieß für mich vor allem: Von meinen Eltern weg, Schlafsack packen, in die Dorf-WG in der Eifel umziehen und da das Kiffen ausprobieren. Hat drei Tage gedauert, da stand ich wieder bei meinen Eltern vor der Tür. Vom Kiffen war mir schlecht geworden und Freiheit hatte ich mir anders vorgestellt als endloses Gequatsche auf versifften Matratzen. Und überhaupt. Ich hatte ja gerade erst eine Tür aufgestoßen. War von der Realschule auf das Gymnasium gewechselt. Ich blieb am Boden. „Not to touch the air, not to touch the sun, nothing left to do but run, run, run..“ sang Jim Morrison. Die Vorstellung war mir Rausch genug. Ich machte mein Abitur und lernte was Ordentliches.

Deswegen muss ich mich jetzt um anderer Leute Türen kümmern. Verklemmte Türen, defekte Türen, automatische Türen, die nicht automatisch öffnen und die für manche Menschen ein unüberwindbares Hindernis darstellen, vor allem, wenn sie im Rollstuhl aus der Tiefgarage wollen. „Ist das wieder die Tür zu Haus 1, die nicht aufgeht?“ frage ich den Anrufer. „Nein, die ist repariert worden, aber die Brandschutztür vor dem Aufzug, die hat einen Schnapper, und wenn der eingeschnappt ist, dann öffnet sie sich nicht automatisch.“ Ich blättre durch Schreiben und Mails des letzten halben Jahres, in denen die Techniker versichern, dass sie eine neue Tür bestellt hätten, und dass bis zum soundsovielten die Tür wieder funktioniert. Ich bin skeptisch. Setzte Fristen, mahne an. Ersatzeile können nicht beschafft werden, Zuständige sind in Urlaub, Funktionsprüfungen können noch nicht durchgeführt werden…

Neben meinem Büro rumort es. Das sind die zwei Techniker, die seit einer Woche versuchen eine Tür im Durchgang zur Teeküche einzusetzen. Seit mehr als 20 Jahren nutzen wir diese Büros und erst dieses Jahr ist jemand aufgefallen, dass in dem Gang eine Brandschutztür fehlt. Ich hab meinen neuen Kollegen im Verdacht, der früher Sicherheitsbeauftragter war. Die Tür haben sie schnell eingepasst. Eine massive Tür mit dickem Stahlrahmen. Ich hab gestaunt. Jetzt ist alles gut, dachte ich: Gefahr erkannt, Gefahr gebannt. Bei einem Feuer im Nachbarflur sind wir jetzt sicher und können beruhigt weiter arbeiten. Dann ist jemand aufgefallen, dass die Tür nicht barrierefrei ist. Wir haben auch einen Kollegen im Rollstuhl, der würde die dicke Tür nie alleine aufbekommen. Also wird ein elektrischer Türöffner nachträglich eingebaut. Das Ding funktioniert aber nicht. Seit Wochen. Unsere Hausverwaltung hat uns geraten wegen dem Lärm, den die glücklosen Elektriker bei ihrem ahnungslosen Rumgehämmer produzieren, ins Homeoffice zu wechseln. So lange bleibt die Tür mit einem Holzkeil aufgesperrt. So würden wenigstens nur unsere Akten verbrennen, wenn jetzt ein Kurzschluss am Türöffner die ganze Bude abfackelt.

Ich bleibe tapfer auf meinem Posten. Der Mann im Rollstuhl ruft wieder an. Die alte Tür in Haus 1 sei jetzt auch wieder kaputt. Er müsse bis auf Weiteres aus dem Homeoffice arbeiten, weil es für ihn keinen Weg aus der Tiefgarage mehr gibt. Ich bitte ihn, sich einen Plan seines Hauses zu besorgen, und dort alle klemmenden Türen einzuzeichnen. Den Plan würde ich an den Präsidenten seiner Behörde schicken, nach ganz oben, tröste ich ihn. Ich gehe in die Teeküche, um mir einen Kaffee zu machen, bevor der nächste anruft. Ich sehe den dicken Keil, der die Brandschutztür offen hält und die herunterhängenden Kabel. Vielleicht sollte ich es doch noch mal mit dem Kiffen probieren.

No go aereas

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Berlin Wedding ist wirklich ein einladender Ort. Überall gibt es Neues zu entdecken und alle Türen stehen einem offen. Ich lebe gerne hier und es ist ja auch alles so schön bunt. Aber es gibt Orte, die würde ich selbst am hellerlichten Tag nicht betreten.

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Hier zum Beispiel möchte ich nicht tot über’m Zaun hängen. Neuerdings ist das eine   Location, die  „Silent Green“ heißt. So wie das grüne Zeug in dem Film „Soylent Green“, das aus Leichen gemacht wird. In den unterirdischen, fensterlosen Leichenhalle wird Kunst gezeigt.  Was aus den Besuchern gemacht wird, will ich gar nicht wissen.

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Im Krematorium sind die Leute wenigstens richtig tot. Aber wer diese Treppe hinunter geht, trifft Zombies – lebende Tote, mit oder ohne Telefon vorm Gesicht. Die U6 ist ein Gesamtkunstwerk. Die Gestalten, der Mief und der Krach… Wer für nur 2,90 Euro mal Geisterbahn fahren will, ist hier genau richtig.

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Wo wir’s gerade von lebenden Toten haben. Im Wedding hat auch die Berliner SPD ihre Zentrale….

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Nee, war ’n Scherz. Bei der SPD siehts so aus. War ich aber auch noch nie drin.

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Hier übrigens auch noch nicht. Obwohl es hier auch schön rot ist und die Tür Tag und Nacht offen steht.

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Dieser freundliche Mann hat mich auch gleich eingeladen. Das Foto sollte mich ein Fässchen Schultheiss Bier kosten.

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„Die Tür mach auf, das Tor mach weit…“ Die Christen am Leopoldplatz kümmern sich um die Menschen, die gerne mehr als ein Schultheiss trinken.

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Und wenn das Bier mal alle sein sollte: Der Spätkauf hat immer auf.

 

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Man konnte auch im Wedding abends natürlich auch mal etwas Anständiges machen. Aber diese Schule hat nur noch ein Buch – und das ist die Getränkekarte.

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Und das war auch mal eine gute Schule, auf die ich gerne meine Kinder geschickt hätte. Und weil zu viele Eltern davon gehört hatten, dass es eine gute Schule ist, kamen viele Kinder. Und dann kamen die Container. Dass der Senat mit den Containern auch gleich mehr Lehrer geliefert hat, glaub ich nicht.

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Für mich gibt es jetzt nur noch eine Tür durch die ich gehen möchte. Mein Kietz-Café. Nicht schön von aussen, aber…

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Einen schönen Abend wünsche ich euch.