Morgens, halb 10 in Deutschland

Ich spiele mit meinen zwei Jungs vor dem Haus. Sie sind bald drei Jahre alt und wollen wissen was es alles in der Welt gibt und wie es heißt. Der Postbote kommt auf seinem gelben Fahrrad. „Das ist der Postbote“, sage ich, “ der bringt die Briefe.“ Der Mann von der Post hat gute Laune und spielt mit: „Sagt mal: Guten Tag Herr Postbote, hast du einen Brief für mich?“ Ganz beeindruckt von der Respektsperson in gelb und schwarz echot es brav unter mir: „Hast du einen Brief für mich?“  Wir bekommen unsere Briefe, und das Vaterherz füllt sich mit Rührung. So soll es sein: Freundliche Briefträger mit viel Zeit  scherzen mit fröhlichen Kindern, verabschieden sich mit einem Lächeln und radeln davon. So war es immer, so wird es immer sein. Ich bin sicher, der Briefträger rangiert im Weltbild der Kinder jetzt gleich hinter dem Weihnachtsmann. Da rumpelt ein klappriger Lieferwagen vor uns auf den Bürgersteig, bremst hektisch und stellt sich quer. Der gelbe Lack ist verblichen und glänzt nur da, wo früher das DHL-Logo klebte. „Das Paketauto“ rufen meine Jungs kundig. Die Tür fliegt auf, und mit zwei Paketen unter dem Arm hetzt ein bärtiger Mann aus dem Laderaum.  Es ist der arme, selbstständige Vetter des Postboten, einer, der „Service im Auftrag von DHL“ leistet, wie es das Schild in der Beifahrertür wissen lässt. Er sieht uns und die großen, erwartungsvollen Augen der Kinder. „Ich hab nichts für euch“, schreit er uns auf zwanzig Meter Entfernung an und verschwindet im nächsten Hauseingang.

Morgens, halb 10 in Deutschland.

Pommes II

Am Curry 36, Bahnhof Zoo

Ich steh an der Pommesbude und hab kein Geld mehr. Gerade komme ich von meiner Therapeutin und hab‘ ihr diskret meine letzten 100 Euro zugesteckt. In bar, sie will das so. Es war eine anstrengende Sitzung und so stehe ich  halb bewusstlos am Wurststand  und ordere Pommes rot-weiß, um meine Psyche wieder mit meinem Körper zu verbinden . Erst als der Wurstbräter mir den übervollen Pappteller mit den goldigen Kartoffelstäbchen über den Tresen reicht, zücke ich mein leeres Portemonnaie und es überläuft mich heiß. Mir fällt nichts besseres ein als zu fragen: „Kann ich auch mit Karte zahlen?“ Es ist wirklich die blödeste Frage, die man an einer Curry-Bude in Berlin stellen kann. Sind nicht diese Buden die letzten Orte, in die der Finanzkapitalismus noch nicht seine gierigen Finger reingesteckt hat? Sind sie nicht Treffpunkte des einfachen Mannes, der seinen Lohn noch in der Tüte abholt? Gilt hier nicht das eherne Gesetz: Ware gegen Bares, und das sofort.  Ich mache mich auf eine original Berlinerische Kunden-beschimpfung gefasst, so vom Stil „Wat denkense denn wo se hier sind? Im Adlon?“Aber der Wurstmaxe nimmts gelassen. „Was für ne Karte ham se denn? fragt er einfühlsahm. Ah Postbank?, Na denn geht ja auch Deutsche Bank. Da ist ein Automat gleich um die Ecke, aber jetzt essen se erstmal ihre Pommes, die werden sonst kalt.“

Guten Abend Berlin, du kannst so herrlich sein!

Pommes I

Sie ist eine dieser superschlanken Frauen aus Äthiopia oder Somalia, so eine Naomi Champell, von denen man meint, dass sie von Luft und Wasser leben. Aber diese Wüstenschönheit hat Appetit. Sie beißt in eine knackige Bratwurst,  schnappt sich hemmungslos noch ein Stück Currywurst von ihrem schweigsamen Begleiter und schwärmt: „Ach ich könnte noch eine vertragen, aber beim zweiten Hunger schmeckt es dann doch nicht mehr so gut.“

Das wär’s doch, denke ich, Currwurstbuden nach Somalia. Das sollte ich mal dem Roten Kreuz vorschlagen, bevor die da wieder ihre alten Ein-Mann-Rationen von der Bundeswehr verteilen.

Als ich gehe sehe ich ich die Genießerin wieder am Thresen – mit einer neuen Portion Currywurst rot-weiß.