Kein Anschluss

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Die Geschichte habe ich für die Wolkenbeobachterin geschrieben.

Es ist eine lange Geschichte, die ich noch niemandem erzählt habe. Sie beginnt traurig, und ich weiß noch nicht, ob sie ein gutes Ende finden wird.

Unter einer großen Trauerweide, die ihre langen Äste über eine gelbe Telefonzelle hängen lässt, sitzt ein niedergeschlagener, entmutigter Junge. Er hat 20 Pfennig in zwei 10-Pfennig-Stücken. Die Münzen sind heiß wie seine Hand. Immer wieder  hat er sie in den grauen Apparat geworfen, die Nummer seines Freundes gewählt und immer die gleiche mechanische Antwort gehört „Diese Nummer ist nicht vergeben.“ Vorbei kommt eine elegante Dame, die in der Nähe wohnt. Es ist – zu allem Elend – seine Französischlehrerin. Er ist schlecht in Französisch, aber sie ist freundlich zu ihm, fragt nach dem Grund seines Kummers und als er es ihr erzählt, lacht sie. „Oh mein Gott, ihr Dorfkinder. Hast du denn noch nie telefoniert? Du musst die Vorwahl weg lassen, wenn du ein Ortsgespräch führen willst.“ Nein, hat er nicht. Seine Eltern haben ein neues Haus gebaut. Da war kein Geld mehr für einen Telefonanschluss. Und bis dahin hat er es auch noch nicht vermisst. Im Gegenteil. Nicht erreichbar zu sein ist für einen Jungen in seinem Alter das Beste, was es gibt. Andere Kinder müssen zu Hause anrufen, wen der Schulbus zu spät kommt oder fragen, ob sie ins Freibad gehen dürfen. Er macht das einfach und hat immer eine gute Ausrede für sein zu spät Kommen. Kein Telefon haben heißt Freiheit, das lernt er früh. Und selbst als die protzigen Nachbarn allen verkündeten, dass sie jetzt einen „Anschluss“ hätten, und seine Mutter ihn ermahnt, immer dort anzurufen, wenn etwas nicht klappt, hat er immer noch die Ausrede „Anna von nebenan war nicht da.“ Dagegen kann die Mutter nichts sagen, denn immerhin muss Anna ja öfter putzen gehen, um das Haus abzubezahlen.

Als er 15 wird, haben es die Eltern geschafft. Im Flur steht ein graues Plastiktelefon, die Schnur fest mit der Wand verbunden. Wenn er den Hörer abnimmt schlägt eine elektrische Glocke, die im ganzen Haus zu hören ist. Dann kommt sofort die Frage: Wen rufst du da an?  Die Angst vor den Rechnungen ist hoch. Ortsgespräche kosten 23 Pfennig. Von Ferngesprächen hat man gehört, sie seien unerhört teuer. Mondscheintarife gelten ab 22 Uhr. Da hat er im Bett zu sein. Es ist ein Telefon, um angerufen zu werden, nicht um Kontakt mit der Welt aufzunehmen.

Es folgen Telefone auf dem Flur von Krankenschwesternwohnheimen, die den ganzen Abend sehnsüchtig von den Schülerinnen und Zivis umstanden werden, das WG-Telefon, bei dem die WG-Genossen nie, aber auch wirklich nie notierten, wenn einer oder gar die EINE für ihn angerufen hatte, die ersten Auslandsgespräche mit dem Bruder in fernen Häfen, die rauschen wie die See auf die der sich begeben hatte und irgendwann wurden die 20 Pfennig von einer Telefonkarte abgelöst. Aber immer war Telefonieren für ihn etwas, was man eigentlich vermeiden sollte. Die Scheu, jemanden einfach anzurufen bleibt groß. Jemand mit seinem Anruf zu stören bleibt ihm unangenehm. Aber es gab für ihn auch diese Abende, an denen er den Apparat an einer langen Schnur in sein Zimmer zieht und stundenlang mit alten Freunden spricht. Wenn es still wird beim fernen Gegenüber nach langen Passagen des Mitfühlens, wenn beide kurz schweigen und es in der Leitung rauscht und man weiß, dass der andere versteht warum man jetzt schweigt. Das ist das Schönste.

Mit dem alten Jahrhundert und den  Mobiltelefonen ist das Schweigen vorbei. Nach einem Monat im gemeinsamen Journalistenbüro entscheiden die Kollegen: Du bist jetzt selbstständig, du kannst es dir nicht leisten, nicht erreichbar zu sein. Ein altes schwarzes Siemens muss es tun. Es ist schwer und zieht die Jacketttasche nach unten, aber nach drei Tagen, auf dem Weg zum Mülleimer, ruft die erste Redaktion an, sein erster großer Auftrag! Seither sind sie unzertrennlich, sein Backstein und er. Und er verliert die Scheu. Wichtige Leute anrufen, auch außerhalb der Bürozeiten, freche Fragen stellen und merken, wie sich seine Gesprächspartner winden, Visitenkarten mit privaten Nummern zugesteckt bekommen mit dem geraunten Hinweis „Rufen Sie mich jederzeit an, ich kann ihnen zu dieser Sache noch mehr erzählen…“ Wichtige Menschen werden gerne angerufen – eine völlig neue Erfahrung. Die Macht der Presse. Sein Filofax ist prall gefüllt mit Nummern – in Bleisift. Denn die Nummern ändern sich ständig.  Auch die Zeiten, in denen er an der Vorwahl oder in Berlin an den  ersten zwei Ziffern erkennen konnte, von welchem Ort er angerufen wurde, waren vorbei.

Und dann der Schnitt: Feste Stelle, feste Durchwahl, acht Stunden vor einem Bildschirm  mit Internernetanschluss. Aufgeregte Abteilungsleiter, die sich mit dem Privileg einer eigenen E-Mail-Adresse brüsteten. Das Telefon wird wieder Privatsache. Und privat läufts schief. Aus der Familienwohnung geht es Hals über Kopf in ein Hinterhauszimmer. Ein Telefon aus dem Trödelladen kauft er auf die Schnelle. Es ist ideal, denn es kann nur klingeln, sprechen geht nicht. Das schützt vor nächtlichen Anrufen und langen Diskussionen. Aber erreichbar bleibt er doch, auch wenn das Handy aus ist. Wenns klingelt muss es was Besonderes sein. Irgendwas mit den Kindern. Nur die Mutter hat diese Nummer. Dann geht er los, mitten in der Nacht. Irgendwann verliert er sein Smartphone und kauft sich kein neues. Ein 20 Euro Handy mit ein paar Nummern von Freunden ist alles. Es ist still. Es ist fast wieder wie früher, als er ein Junge war.  Aber es wäre auch schön, wenn wieder jemand vorbeikommen könnte, um ihm zu zeigen, wie man heute wieder Kontakt zur Außenwelt aufnimmt.

 

 

 

 

12 Gedanken zu “Kein Anschluss

  1. Schön geworden! Ich finde es eigentlich auch zu Anfang nicht traurig an sich. Es ist traurig, wenn man es so liest, dass der Junge sich mit anderen vergleicht, ja, dann merkt man auch, dass er sich schämt, das kommt gut rüber. Wenn man es aber nicht so liest (ich kann auf zwei Arten lesen), dann ist es – meine Perspektive – nicht traurig, sondern die Geschichte beginnt mit dem Ausgangpunkt der Entwicklung (seiner Beziehung zu Telefonen) und die Entwicklung einer Beziehung zu etwas beginnt immer damit, dass jemand zunächst unwissend darüber ist.

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  2. Lieber Rolf,
    dein poetischer Text über eine vergangene Zeit inspiriert zum Nachdenken über den eigenen Umgang mit dem Medium Telefon. Gerade zu den Anfangszeiten des Telefons gab es ja aus heutiger Sicht auch lustige Begebenheiten.
    Meine Mutter und ihr Bruder wohnten mit ihren Familien in der Malplaquetstr. nebeneinander in einem Miethaus und beschlossen, sich einen Telefonanschluss zu teilen. Ich war 12 Jahre alt und habe jeden Tag nach der Schule mit meiner Freundin telefoniert – stundenlang versteht sich. Dabei hatten wir gerade den Schultag gemeinsam durchlebt, den es in allen Einzelheiten zu besprechen gab. Oft kam es vor, dass meine Tante anklopfte und fragte, ob sie auch mal telefonieren darf, denn beim gemeinsamen Anschluss konnte trotz unterschiedlicher Telefonnummern immer nur einer die Leitung benutzen 🙂 🙂
    Danke, das du diese Erinnerung aus meinem Kopf hervorgezaubert hast,
    einen schönen Sonntag von Susanne

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  3. Eine sehr schöne Geschichte.

    Ich greife auch viel zu selten zum Festnet, das nur klingelt, wenn mich meine Mutter anruft. Schreibe und empfange aber Trillionen von Whatsapp Nachrichten. Unglaublich intime Dinge werden über WA abgehandelt. Zwei Freundinnen, deren Männer in den letzten Monaten gestorben sind.. alle Unterstützung nur noch virtuell („Nein, bitte im Moment keine Anrufe, ich kann nicht reden“). Das ist doch Irrsinn.

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  4. Eine wunderschöne atmosphärische Erzählung, die Erinnerungen weckt.
    Ich finde überhaupt nicht, dass sie traurig beginnt, nein.
    Als ich ein Kind war, gab es in dem winzigen Dorf, in dem ich aufgewachsen bin, nur ein einziges Telefon und zwar in unserem kleinen Tante Emma Laden.
    Die Telefonnummer war dreistellig.

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    • Danke. Dann wusste bei euch im Dorf bestimmt auch jeder von der Krämersfrau, wer was mit wem besprochen hat. Ich erinnere mich auch noch an die Telefone in den Kneipen, bei denen man sich immer beim Wirt anmelden musste und bei denen die ganze Wirtschaft mithörte. Heute würde ich mich freuen, wenn einige Trolle, die ihren Mist im Internet verzapfen das laut und deutlich vor Publikum sagen müssten.

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