Heulen

Er sagte erst mal nix. Saß in seinem blauen Transporter und trat ein paar Mal aufs Gaspedal, bis der lockere Keilriemen aufhörte zu jaulen, das ausdruckslose Gesicht  in Richtung Windschutzscheibe. „Is Motor, alt“, sagte er dann, ohne mich anzuschauen. Deutsch war nicht so seine Stärke. Und auch in dem kleinen, knochigen Körper hätte ich nicht viel Kraft vermutet. Aber mit Vermutungen liege ich oft daneben. Hätte ich ihn ohne seinen Wagen gesehen, hätte ich ihn für einen der Bulgaren (oder Rumänen?) gehalten, die an der Ecke ihre Abende breitbeinig schwatzend und rauchend auf der Straßenbank verbringen. Drumherum zahnlose, rauchende Weiblein und Kinder. Leben sie in der Eckwohnung für die illegalen Bauarbeiter mit den ewig heruntergelassenen Rollos, oder gehören ihnen die dicken Autos mit bulgarischen Kennzeichen? Ich weiß es nicht. Man sieht sich, man geht sich aus dem Weg, man denkt sich seinen Teil. Wahrscheinlich gehörte er dazu, wer weiß?
Er und ich hätten auf jeden Fall nie ein Wort gewechselt, hätte er nicht genau an diesem Samstagmorgen auf der anderen Straßenseite seinen Transporter repariert, als ich glücklos von der Autovermietung kam, deren stark schwitzende Thresenfrau beschied, dass es in ganz Berlin keine „Robbe“ mehr für mich gebe, wie die verbeulten weiß-blauen Autos für die Studentenumzüge hier schnoddrig heißen. Die Abweisung  machte mich trotzig und mutig.
„Wir brauchen nicht viel zu tragen“, warb ich ihn. „Wir haben einen Aufzug und ein Freund hilft.“ Er verzog keine Mine, fragte nur „Wann?“ Und als ich sagte „jetzt“ hielt er mir seinen sehnigen braunen Unterarm so hin, dass einschlagen konnte, ohne an den Arbeitshandschuh mit der Farbe zu kommen. Wir einigten uns auf 30 Euro und fuhren los.
Eine Stunde später saßen wir wieder im Wagen. Der Freund war nicht gekommen und der Aufzug war zu klein für das rote Sofa und das Bücherregal. Wir hatten meine letzten Habseligkeiten aus der Wohnung, die mal strahlend leer und zukunftsschwanger vor mir lag, als ich sie vor acht Jahren zum ersten Mal besichtigte, die Treppe herunterwuchten müssen. Die Frau, mit der ich diese Träume einst zu teilen glaubte, machte die Tür hinter uns zu.
Als der Motor sich wieder beruhigt hatte, fuhren wir einen Moment schweigend nebeneinander, mein Freund in der Not und ich. Dann fragte er „War Tochter oder Frau?“ „Frau,“ antwortete ich einsilbig. „Kinder?“ „Drei“
„Schade“, sagte er und schaute weiter geradeaus.

18 Gedanken zu “Heulen

  1. Ich like doch den Text. Sei mir nicht böse. Mit der Sprache erobert man/frau mich im Sturm. Aber warum „Heulen“, wenn es Dir „eigentlich ganz gut“ geht? Ich will Dir keineswegs zu nahe treten.

    ***
    Statussymbole: zahnlose […] Weiblein, dicke[n] Autos. Ja, ja, hab‘ ich gesehen: „Leben sie […], oder gehören ihnen […]“ :–)

    ***
    Das Leben zwischen zwei Lebensabschnitten ist immer der letzte Dreck. Halte Durch!

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  2. Hallo Rolf ,ein Like ist schon ok, eine tolle Geschichte , beiläufig und echt …und selbst wenn heimlich mehr als der Motor heult..das gehört manchmal dazu….aber dein Freund auf Zeit hat echt den Hang zum Philosophen…klare Erkenntnis mit sowenig Worten wie gerade nötig….
    Lieber Gruss von Jürgen

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  3. Zufallsbekanntschaft in der Not – und alles hat dann doch geklappt. Symbolisches Hindernis? Wie auch immer, solche Lebenseinschnitte sind schon traurig. Auch wenn man mit Einigem abschließen möchte, für einen Neuanfang braucht man doch auch Vertrautes, zum Beispiel ein rotes Sofa., denn man muss sich sowieso neu einnorden, orientieren, das ist ja schon schwer genug.

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  4. In seiner Trübsal trotzdem ein sehr schöner Text, danke fürs Teilhaben lassen!

    Ich erinnere mich seltsamerweise auch sehr plastisch an die Nachspiele von großen Trennungen/Trauermomenten, mehr als an die eigentlichen Minuten, da scheint mein Kopf einen Filter drüber zu legen. Wenn ich an die bisher schlimmste Trennung denke, sehe ich mich im Baumarkt Kisten kaufen, während über die Lautsprecher ein Katy Perry Song dudelt. Oder an den schlimmsten Tag im Krankenhaus mit meiner Mutter: keine wirkliche Erinnerung, aber das vietnamesische Essen, das ich mir abends geholt habe, das habe ich noch auf der Zunge.
    Neuronen sind seltsam.

    Dir& den Kindern &der neuen Wohnung alles alles Gute!

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