Call a Papa

Man braucht nicht in Berlin bei den „Gorillas“ zu arbeiten, um sich zum Affen zu machen. Es reicht eine kranke Prinzessin am Samstagmorgen, die um die Ecke wohnt. Immer, wenn mein Handy drei Mal klingelt, weiß ich: Neue Nachrichten von meiner Tochter. Diese nachhaltige Jugend schafft es einfach nicht, einen Gedanken in eine Nachricht zu packen. „Ich hab ne fette Erkältung“ „Hast du“ „Sinupret forte“ Pause: „Danke“. Ich bin ja froh, dass meine Tochter überhaupt noch per SMS mit mir in Kontakt bleibt. Und das Kind ist in Not. Also stürze ich in die nächste Apotheke und dann zu ihr. Sie wohnt ja um die Ecke, schon seit einem halben Jahr. Was nicht heißt, dass wir uns oft sehen.
Sieht wirklich krank aus, das Kind. Und die Wohnung, und die Blumen. „Ich war nicht viel zu Haus“, entschuldigt sie sich. Ich weiß schon, neuer Job, Wahlkampf von Tür zu Tür… „Da hast du dir das bestimmt geholt“, vermute ich mit Anerkennung. „Oder von den Jungs, letztes Wochenende“, schnieft sie. Sie meint meine Jungs, die kleinen, auf die sie, großes Lob!, zum ersten Mal seit sie geboren sind mal einen Samstagabend aufgepasst hat. Natürlich hatten die Jungs eine Rotznase, aber wann haben sie das nicht? „Kann nicht sein.“, verteidige ich meine Brut, „Dann hätt ich’s ja auch.“ Und natürlich hatte ich es auch, aber das braucht ja hier keiner zu wissen und außerdem hab ich mich nicht so angestellt deswegen. Hatte ja auch kein Publikum. Die Tochter liegt mittlerweile auf dem Divan hingestreckt, große Pose, ganz sterbender Schwan. War die Tanzschule bis 18 doch nicht ganz umsonst. Umsonst war sie sowieso nicht. „Du gehst jetzt besser, sonst fängst du dir auch noch was.“, stöhnt sie mit letzter Kraft. Ihre Fürsorge rührt mich. Und seit Corona ist sie nebenberuflich Infektologin. Keine Widerworte möglich. „Corona-Taliban“ nennt das ihre Mutter. Ja und schließlich hab ich ja auch was zu besorgen. Auch ich habe die erste Woche beim neuen Job hinter mir, auch ich brauche was zum Leben. Nach meiner Runde durch den Kiez sitz ich mit gefüllten Taschen vor dem Bio-Laden und lese die Taz. Alle 14 Tage gönn ich mir das. Sonst wüsste ich ja nicht, dass die Chinesen uns Europäer in Afrika als die alten Kolonialisten anschwärzen, um selber kräftig auszubeuten. Wer Zeitung liest, erfährt was von der Welt. Und die bezaubernde Studentin, die am Wochenende aushilft (ja, ich bin schon so alt, dass ich junge Frauen „bezaubernd“ finde) kocht mir auch noch einen Kaffee dazu. Aber zwei mal klingelt das Telefon. „Kannst du noch Taschentücher mitbringen“ „und Klopapier“. Natürlich, Herzenskind, ich bin schon unterwegs. Und weil ich mich nicht noch mal in die EDEKA-Hölle am Samstagvormittag stürzen will, geh ich in den Späti gegenüber und zahl das Doppelte. Alles für meine Tochter. Vor der Haustür stoße ich fast mit einem Kerl in rosa Dienstkluft zusammen. Einer von denen, die so eckige Nylontaschen auf dem Rücken tragen. Ich klingele, mir wird aufgetan und ich haste die Treppen hoch. Durch den Türspalt darf ich die Sachen reichen und bekomme ein verschnupftes Danke dafür. Wieder draußen ist der Lieferdienst immer noch da. Mit leichtem Akzent nennt er fragend meinen Namen. Ich sage ja, und er drückt mir zwei Papiertüten mit Lebensmitteln in die Arme und ist weg. Haltmal, denke ich, wie immer zu langsam. Bin ich hier der Ausputzer? Bin ich nur noch gut für die Sachen, die meine Tochter nicht mehr vom Lieferdienst gebracht bekommt, oder die sie in ihrem Tran vergessen hat, zu bestellen. Sehr sehr mürrisch steige ich ein drittes Mal die Treppen hoch. „Ach, hatt ich ganz vergessen,“ säuselt meine Tochter, als hätt ich sie bei einem verbotenen Rendezvous erwischt (obwohl ich ihr ja nichts verbieten kann und obwohl das jetzt Date heißt) „Aber danke“.

Und wenn sich jetzt eine wundert, warum ich zu der ganzen Geschichte Fotos vom alten Flughafen Tegel zeige, dann ist das, weil ich eine Stunde nach dem ganzen Drama mit einem Freund zu einem Konzert mitten in der Ruine gefahren bin. Eine Frau, die sich Suzuki nennt und ein Herr namens Scanner haben den morschen Beton noch mal so richtig beben lassen. Mein erstes Konzert seit Corona. Pathetische Klavierakkorde klangen durch die verlassenen Gänge. Blixa Bargeld ließ alle Alarmsirenen auf einmal heulen. Ick lass mer doch von soner Rotzjöre nich dit Wochenende vermiesen.

P.S: Heute hab ich noch mal ne Nachricht geschickt, wie‘s ihr geht. Und was kam zurück? „Bin noch nicht ganz“ „Gesund“

7 Gedanken zu “Call a Papa

  1. Was hast Du für Rosenkinder? Warum wirst du so von ihnen beschenkt mit ihrer Zuwendung?
    Wie verdienst du solch gnadenvollen Stress aller versammelten Liebe?
    Immer frage ich mich das bei deinen Beiträgen, sobald die Kids ins Spiel kommen.
    Mann, Du bist begnadet!
    Die Götter müssen Dich einfach lieben!
    Mich prüfen sie irgendwie dauernd nur.
    Ok.
    Sind halt die Götter.
    Und Liebe kennt jede Form. Am schönsten erbarmungslos fließend.
    Ich lese zu viel Céline, ich weiß.
    Doch ich mag einfach wie du, unter anderem, Deine Kinder liebst.
    Liebe Grüße
    Amélie

    Gefällt 1 Person

      • Ja, meine Kleinen sind flügge und spucken mir mittlerweile auf den Kopf. Die Zeit, in der Du sie immer knuddelbereit zur Stelle hast, handlich und wunderbar kindlich – geht so schnell vorbei…
        Genieße es solange Du kannst und Deine Kiddies Dich lassen. Die Liebe bleibt, die Kinder bleiben gefühlt für Eltern Kinder. Doch sie werden erwachsen und reden dann mit Dir wie richtig Große. Dann bastelst Du ihnen einen Papierflieger oder kochst Spaghetti con Pomodoro und weckst das Kind wieder auf. Eine Magie, die nur Eltern beherrschen oder Kindheitskumpel.
        Ich lese Dich gerne.
        Danke und liebe Grüße
        Amélie 🦋

        Gefällt 1 Person

  2. P.S. Ich finde Menschen jeden Alters faszinierend. Die Unbeschriebenheit der Jugend, hoch gewachsen, neugierig und noch an Stellen unbefleckt, nichtkörperlich. Dias Erwachsensein der Dreißiger, der Vierziger. Das Erwachen der Vergönglichkeit in einem Kindergesicht. Es bleibt. Es staunt. Es will Zuckerwatte bis zur letzten Fahrt in der Geisterbahn. Es enttarnt den Tod, das Kind. 🙂

    Gefällt 2 Personen

  3. „Irgendwann werden Menschen aus ihnen.“

    Das sagte mir mal eine ältere Schulleiterin mitten in der Nacht auf dem Flur einer Jugendherberge. Ich war jung und verzweifelt ob der Unvernunft der Zöglinge. Ich hatte sie gefragt, wie sie das alles ausgehalten hat all diese Jahre.
    Und heute muss ich sagen: sie hatte recht.

    Gefällt 1 Person

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s