Eine Geschichte nach Hause tragen

Es hat sich in meinem Kopf so viel angesammelt, das geschrieben werden müsste, dass ich es am besten gleich vergesse und einfach eine kleine Geschichte aufschreibe, die ich vor ein paar Tagen erlebt habe. Eine U-Bahn Geschichte. Damit habe ich vor 8 Jahren diesen Blog angefangen.

Es war in der U8 Richtung Alexanderplatz. Ich komme in diese schöne, neue, neongrell beleuchtete Bahn und sehe dort gleich neben der Tür zwei riesige, in sich zusammengefallene Turnschuhe stehen. Direkt unter den hochgeklappten Sitzen, daneben ein paar Socken. Erstaunlich flott erfasse ich die Situation und schreie dem großen Mann mit den dunklen, langen Haaren, der sich beim Einsteigen an mir vorbei auf den Bahnsteig gedrückt hat hinterher: „Hey, hast deine Schuhe vergessen!“ Der läuft barfüßig noch ein Stück weg, dreht sich dann um, kommt wieder durch die noch offen stehende Tür und brummelt fast schon charmant: „Hach ja, meine Schuhe. Sollte ich wohl mitnehmen.“ Packt seine Latschen und die Socken, vergisst seine Dose mit dem Energy-Drink, die noch oben auf der Sitzreihe steht und verschwindet in Selbstgespräche vertieft. Das alles hat zusammen keine 10 Sekunden gedauert. Die Tür schließt sich mit lautem Gequäke und ich stehe orientierungslos im Gang. An der Wand gegenüber sitzt ein junger Kerl, der meine Unschlüssigkeit , trotz der Maske in meinem Gesicht, genau als das deutet, was sie ist: Nämlich die Abneigung, sich auf den Platz zu setzen, auf dem der Verwirrte saß. Wer weiß, was er sonst noch da vergessen hat. Er klappt den Sitz neben sich herunter und lacht mich mit einer freundlichen Zuversicht an, die ich schon lange nicht mehr gesehen habe. Bübisch wäre ein altmodischer Begriff dafür. Ein offenes, waches Gesicht, weder blasiert noch doof. Er scheint das Absurde an der Situation zu genießen, als sei es ein Theaterstück, dass er sich gerne anschaut, ohne mitspielen zu müssen. Schon wird der zweite Akt gegeben. Ein stämmiger Mann steht zum Aussteigen vor der nächsten Station an der Tür, sieht die Limonadendose, nimmt sie prüfend in die Hand, dreht sie um, schüttet den Rest Zuckerwasser über den Sitz, steckt die Dose stumpf in seine ranzige Einkaufstasche und geht durch die sich öffnende Tür ab. Auftritt eine Mutter mit Tochter und blütenweißer Hose. Sie wählt den besudelten Sitz für sich und ihr Kind und ist gerade dabei, ihn herunterzuklappen, als ich durch die Maske rufe: „Nicht hinsetzen, der Sitz ist nass.“ Die Frau versteht mich nicht, schaut mich unwillig an, spricht etwas zu ihrer Tochter, wahrscheinlich auf Ukrainisch und trollt sich in eine andere Wagenecke. An der nächsten Station übernimmt mein Nachbar die Rolle des Warners. Er ruft und fuchtelt mit den Händen und es gelingt auch ihm, die neuen Fahrgäste davor zu bewahren, mit dunklen Flecken auf der Hose die Bahn zu verlassen. Wir schauen uns fröhlich an und sind einverstanden mit unserer neuen Aufgabe. Doch schon an der nächsten Station entgleitet uns die Regie. Lärm von draußen übertönt unsere Warnrufe und ein großer, schwerer schwarzer Mann lässt sich wuchtig auf den Sitz fallen. Der Sitz wäre nun trocken. Und das ist auch gut so, denn wir hilflosen Helfer brauchen jetzt alle Aufmerksamkeit, um uns selbst zu retten. Denn von rechts betritt die Polizei die schwankende Bühne, einen Büttel der Berliner Verkehrsbetriebe im Schlepptau und stürzt sich auf meinen Nachbarn. Weil ich die U-Bahn nur noch mit Ohrstöpseln betrete, seit wegen Der Hitze oder wegen Corona Sommers wie Winters die Klappfenster geöffnet sind, durch die das infernalische Gekreische der Wagenräder ins Innere der Bahn übertragen wird, verstehe ich nicht gleich worum es geht. Aber es kann nur eins bedeuten: „Die Fahrscheine bitte.“ Und mein immer noch lächelnder Nachbar zuckt mit den Achseln. Wieder bin ich gleich bei der Sache, ziehe mein 29 Euro-Ticket aus der Hosentasche, schiebe es ihm rüber und raune ihm zu: „Sag ihnen, du fährst mit mir auf meiner Karte.“, und fühle mich an meine anarchischen Anfänge in Berlin erinnert. Mann, hab ich’s noch drauf. Aber der Junge grinst fast mitleidig: „Ist wegen der Maske.“ Sagt’s und ich merke erst jetzt, warum ich die ganze Zeit in sein fröhliches Gesicht schauen konnte. Als er abgeführt wird, ist es als würde mir ein guter Freund entrissen. Einer, mit dem dieses Irrenhaus besser zu ertragen wäre, obwohl ich Maskengegner eigentlich nicht toleriere. „Viel Spaß!“, rufe ich ihm hinterher und er grinst zurück.

So weit, so schön. Aber wie kriege ich die Geschichte aus der U-Bahn unversehrt nach Hause? Wie schütze ich sie gegen all die neuen Eindrücke die folgen? Und wann komme ich dazu, sie im Blog zu teilen? Die Bahn fährt mich an dem Nachmittag zur Sauna mit einem Freund. Der Laden ist rappelvoll. Nackte, Nackte, Nackte und immer an die Leser denken, schwirrt mir Helmut Markworts Werbung für den „Focus“ aus den 90ern durch den Kopf. Wie soll ich aber bei 90 Grad Hitze und kalten Güssen einen klaren Kopf für die Fakten behalten, wo es auch noch überall die neuesten Tatoos zu bewundern gibt? Auch mit dem Freund gibt es viel zu erzählen. Lange haben wir uns nicht mehr zum Männergespräch in der Sauna getroffen. Zu Hause zurück bin ich erschlagen. Am nächsten Tag hole ich die Jungs von ihrer Mutter, es sind ja Herbstferien. Und ein paar Tage mit drei aufgeweckten Grundschülern wirken in meinem Alter wie eine 100-prozentige Gehirnwäsche. Aber noch gehts. Vier Tage lang habe ich die Geschichte jetzt in meinem Herzen mit mir herumgetragen, damit sie nicht verloren geht und um mal wieder ein Lebenszeichen von mir zu geben, nachdem ich den Blog arg habe schleifen lassen. Und ich hoffe, dass es mir auch die nächsten Jahre noch gelingen wird.

13 Gedanken zu “Eine Geschichte nach Hause tragen

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