
Es ist ein kleines Frühlingsfest für den Kiez. Mittwochnachmittags um drei treffen sich die Menschen vor dem großen Spielplatz, an dem ich viele Stunden mit meinen Söhnen verbracht habe. Die. Berliner Stadtreinigung BSR hat zum „Kieztag“ aufgerufen. Zum großen Frühjahrsputz für alle Anwohner, die noch überflüssigen Kram im Keller haben. Vier große Laster der parken an den Rändern, ein Zelt ist als Tauschbörse aufgebaut und auch Kekse und Getränke gibt es, allerdings etwas abseits, am Wahlkampfstand der Linken, die ja neuerdings die Sauberkeit auf den Straßen als Wahlkampfthema entdeckt hat.


Aus allen Richtungen strömen Menschen herbei. Auf Fahrradanhängern, auf Kinderwagen, mit Handkarren oder mit bloßen Händen tragen sie, was sie wegwerfen oder tauschen wollen herbei. Eine junge Frau schultert sportlich einen grünen 50er-Jahre-Polstersessel und wuchtet ihn in die Presse des Müllwagens. Schade, denn der wäre ein paar hundert Meter weiter in einem der Trödelläden am Leo als „Vintage“ durchgegangen. Ein junger Mann hat einen kaputten Einbauherd auf einem Rollen-Gestell verzurrt, das sonst nur eine Einkaufstasche tragen muss. Ganz vorsichtig manövriert er damit über das Pflaster und schafft es bis zu dem LKW für den Elektroschrott. Nur Lastenräder, eigentlich ein Symbol für Transport ohne Auto, sehe ich keine. Autos auch nicht.


Eine große graue Plastikwanne dient als Tauschbörse für Kleider und wird von Männern und Frauen sorgfältig durchforstet. Ein paar junge Kerle schieben eine schwere Holzkiste mit viel Kraft und Fußtritten und ohne anzuheben ratternd über das Kopfsteinpflaster bis zu den BSR-Männern in Orange. Man kann auch aus Müllentsorgung einen Sport machen. Das Gleiche passiert mit ausrangierten Tischen. Wer glaubt, dass fehlende Transportmöglichkeiten die Bewohner daran hindern, ihren Müll ordnungsgemäß los zu werden, der wird hier eines Besseren belehrt. Wo ein Wille, ist auch ein Weg, es muss nur ein Angebot da sein.

Eine BSR-Frau im Zelt verwaltet, was abgegeben wurde: Kinderbücher, Spiele, Nippes. Zwei Frauen streiten sich höflich um eine silberne Kaffeekanne. Die eine findet eine kleine Espressokanne und entscheidet sich dafür. Es ist genug für alle da. Ein magerer Mann mit geflochtenen Haaren hat eine ganz Garnitur Teelöffel ergattert und hält sie in seiner Faust fest. Ein Mutter lädt einen ein verwitterten weißen Plastik-Gartenstuhl auf den Kinderwagen und zieht zufrieden los. Ihr etwa einjähriges Kind lernt auf den Heimweg an ihrer Hand das Laufen.
Zwischen Zelt und Pollern, mitten auf dem Weg, hat jemand eine Badezimmergarnitur abgelegt: Kloschüssel und Waschbecken, weiß und so weit ich sehe in Ordnung. Ich frage den bärtigen BSR-Mann mit den orangen Socken, der die Nachbarn an die richtigen Lastwagen weist, was denn jetzt damit geschieht. „Das lag schon da, als wir angefangen haben. Das dürfen wir nicht mitnehmen. Das ist Bauschutt.“, erklärt er. „Wenn wir das in die Presse werfen, dann nehmen uns die Kollegen die ganze Fuhre nicht mehr ab. Da muss eine Spezialfirma kommen und das abholen.“
Ach, einmal klappt etwas in Berlin und dann wird es gleich wieder kompliziert. Aber wer weiß: Vielleicht hat ja auch die solide Keramik am Ende des Tages einen neuen Liebhaber gefunden.
So interessante Einblicke ins tägliche Leben !
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