Im Namen des Vaters

Der junge Mann sitzt mir gegenüber vor dem Imren-Imbiss und drückt seine Zitrone über seinem Pide-Brot aus. Als er fertig ist steht er auf und fragt: „Tee?“ Ich verstehe ihn erst nicht. „Türkischen Tee“, wiederholt er etwas lauter, weil gerade ein Krankenwagen mit Martinshorn Richtung Innenstadt vorbeiheult. „Gerne“. Er verschwindet mit dem Geschirr im Laden und kommt mit zwei Tulpengläsern zurück. Den Zucker holt er Nachbartisch. Das ist nicht viel, aber das Entgegenkommenste was ich heute erlebt habe. „Arbeiten Sie hier?“, frage ich, um ein Gespräch anzufangen. „Nein, der Laden gehört meinem Onkel.“ „Ach deswegen können Sie mir hier einen Tee anbieten.“., vermute ich. „Der Tee ist frei für alle Gäste.“, kommt stolz von der Gegenseite und dann nichts mehr. Er hat sein Handy auf dem Tisch aufgebockt und schaut gebannt auf den Bildschirm.

Woher kenne ich das? Das Gespräche einfach so abgebrochen werden? Von meinen Söhnen? Ganz sicher. Ein paar Stunden habe ich heute versucht, sie am Telefon davon zu überzeugen, am Wochenende zu mir zu kommen. Fussball gucken, unter freiem Himmel, Deutschland spielt. Darauf haben sie sich schon seit Monaten gefreut. Zwei Wochenenden war ich bei ihnen, habe mit Ihnen die Jugendfeier zelebriert. Den Beginn des Erwachsenwerdens. Und was ist der Dank? Dass die erwachsenen Söhne bei erster Gelegenheit nicht mehr das tun, was ihr Vater von ihnen will? So war das nicht gemeint. Jetzt sitz ich hier und die erste warme Sommernacht fühlt sich ziemlich einsam an.
Na gut, ich habe mit 14 auch nicht alles gemacht, was mein Vater von mir wollte. Es gibt sogar ein Foto davon. Als er in meinem Zimmer herumgepoltert hat, das der „Saustall“ endlich aufgeräumt werden sollte, habe ich meine Kodak Instamatic geholt und abgedrückt. Er sieht nicht gut darauf aus. Es gibt eine ganze Serie, die meine Unterdrückung durch das kleinbürgerliche System dokumentieren sollte. Zum Glück gab es noch keine social media, sonst hätte ich es gepostet.
Aber das heißt ja nicht, dass ich nicht trotzdem verinnerlicht hätte, was meine Eltern mir mitgeben wollten.
Das merke ich jedes Mal, wenn ich einen Fahrradschlauch flicken will. Jedes Mal kommen mir da die alten Geschichten meines Vaters aus der Kriegs- und Nachkriegszeit in Erinnerung. Wie sie mit Nichts auskommen mussten, wie sie die Reifen mit alten Gummistücken unterlegt hätten, wenn sie dünn geworden seien. Sie hätten sich halt zu helfen gewusst. Als er einmal mit mir im Fernsehen einen Bericht über Zeitungsjungs in Lateinamerika sah, in dem gezeigt wurde, wie er sein plattes Fahrrad mit einem Flicken reparierte, den er auf dem heißen Auspuff eines Mottorades gelegt hatte, war sein Kommentar „Ja, der weiß sich zu helfen“. Seitdem kann ich nie einen Fahrradschlauch wegwerfen, bevor ich nicht x-Mal versucht habe, ihn zu reparieren. Diesmal war es besonders knifflig. Die Luftblasen stiegen an der Stelle auf, an dem das Ventil in den Schlauch geklebt ist. Aussichtslos. Wenn ich nicht mit 18 auf einer Fahrradtour nicht schon mal dass Problem gehabt hätte und in der Jugendherberge Rüdesheim einen alten Automechaniker kennengelernt hätte, der mir gezeigt hat, wie man das macht. Die Lifehacks waren damals wirklich noch „live“… Aber 50 Jahre später kommen die Schläuche aus Korea und sind auch nicht mehr aus Kautschuk. Der Auspuff-Bruzzel-Trick funktioniert nicht mehr und die Ventile sind auch anders – untenrum. Ich habe es trotzdem probiert, mit zwei Unterlegscheiben und einem zurechtgeschnittenen Stück aus einem alten Schlauch als Dichtung. Und es hätte auch klappen können, wenn ich etwas mehr Geduld gezeigt hätte. So hat es genau einen Tag gehalten und meine Nachbarn waren auf dem Gehweg mein Publikum bei meiner Nachkriegs-wir-haben ja nichts-Notreparatur-Inszenierung . Heinrich Böll hätte eine Kurzgeschichte drüber schreiben können. Ich bin tags drauf in den Radladen gefahren und hab für 9,90 Euro einen neuen Schlauch gekauft.

Gut, dass meine Söhne nicht dabei waren. Und hoffen nur, dass sie in der Zeit was lernen, was ihnen im Leben mehr hilft

Ein Gedanke zu “Im Namen des Vaters

  1. Meine Frau ist technisch “ wenig bewandert“. Ich auch.
    Aber immer noch besser als sie. Also habe ich heute etwas in der Hitze draussen gefixt.
    Eigentlich sollte ich dankbar sein.

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