Aztekische Arier

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Der Abend soll noch nicht zu Ende sein. Irgendwas muss noch kommen.

Ich komme von einem schönen Saunaabend mit einem Freund, bin quer durch die Stadt mit dem Rad nach Hause gefahren und stehe an der letzten Ampel. Eigentlich bin ich fertig. Und trotzdem ist noch irgendwas offen. Es ist halb elf. Ich sollte jetzt anfangen Yoga-Übungen zu machen, bewusst zu atmen und die Muskeln anspannen, entspannen, anspannen, damit ich gut schlafe. Sollte ich. Mein Bauch entscheidet sich heute wieder für die alte Methode: Flasche Bier, Tüte Chips. Schon stehe ich im Späti zwischen Bierkisten, Chips und chinesischen Tütensuppen.

An der Kasse lungern drei junge Kerle. Ein Araber führt das große Wort. „Echt, ich sag euch: Der Hitler hat das alles nur geklaut. Das Hakenkreuz, das ist ein altes Zeichen der Azteken. Das hat er geklaut. Wenn du dir die Azteken-Sachen anschaust: Überall Hakenkreuze! Und das mit den Ariern: Auch alles Azteken. Das heißt auf Aztekisch „Freunde der Sonne“.  „Na, dit sachste mal besser nich laut auffm Alex“, versucht sein Kumpel den Prediger in die Wirklichkeit zurück zu holen, „da kommste nich weit mit.“ „Kommste ooch in Wedding nich weit mit“, ergänzt klug der Dritte. Ich habe mit derweil für Natur-Chips mit Rosmarin entschieden und leg sie auf die Kasse. Kurz überlege ich, ob ich mich trauen soll, was zu sagen, oder ob ich mir hier eine blutige Nase hole. Dann sage ich: „Inder“. Und in das kurze Schweigen hinein: „Das mit dem Hakenkreuz kommt von den Indern, nicht von den Azteken.“

Der Araber würdigt mich keines Blickes. Er schiebt in unveränderter Haltung das Wechselgeld rüber. Und dann fängt er wieder an zu predigen: “ Die Inder! Leute hört euch das an. Da seht ihr mal, was man mit Bildung alles kann! Geht auf die Schule und passt auf, Leute!“

Das ist nicht echt, denke ich im Hinausgehen. Das ist ne schlechte Soap: Ein arabischer Bildungsprediger. Das ist ein kitschiger Sozialarbeitertraum.

Ein Traum. Genau das ist es, was mir heute noch fehlt.

 

Einmal noch

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Einmal noch ans Wasser, solange noch Sommer ist. Mittelmeer oder Ostsee war dieses Jahr nicht drin. Aber zum Plötzensee will ich es noch einmal schaffen -mit den Jungs. Also früher weg von der Arbeit, die Jungs aus der Kita befreit und quer durch den Park zum Strandbad. Ist eigentlich wirklich nicht weit. Warum haben wir es dieses Jahr nur ein Mal gemacht? Lief nicht gut, der Sommer.

Die Schatten fallen schon lang auf den Sand, als wir ankommen. Sonnenöl können wir uns sparen. Trotzdem rein in die Badehosen. Die Jungs erinnern sich noch an jedes Detail unseres letzten Besuchs vor drei Monaten. An die hohe Rutsche, die sie sich damals nicht trauten. Sie trauen sich auch heute nicht. Aber sie  sind vor mir im Wasser, und nicht mehr raus zu kriegen. Wenigstens das hat sich geändert.

Wind kommt auf, die Kinderlippen werden blau. Schnell raus, sonst haben sie morgen Husten und ich Ärger mit der Mutter. Trockenrubbeln zwischen Frottetüchern, Fangen spielen zum Aufwärmen. Dann ein Eis für jeden. Eis im Schwimmbad: meine Erinnerung an Kinderglück, vielleicht irgendwann auch ihrs. In der verlassenen Strandbar gibts einen Kaffee für mich. Ein stolzer Seeräuber mit gegerbter Haut und wuchtiger weißer Mähne reicht mir die kleine, schwere Tasse. Auf einmal bin ich weit weg. Irgendwo im Süden. Wir lassen uns in Liegestühle fallen. Die Jungs turnen drauf rum und juchzen „Schaukelstuhl, Schaukelstuhl“. Die Haut riecht nach Sonne und Wasser. Südamerikanische Tanzmusik, nicht zu laut, nicht zu leise. „Die Musik will ich immer hören,“ jubelt der Jüngere. Langsam ziehen die startenden Flugzeuge aus Tegel von links unten nach rechts oben durch mein Panorama. Vielleicht wird doch alles gut.

Auf dem Rückweg sammeln wir die ersten Kastanien.

Geschenkte Gewissensfrage

weine-de

Ich bin zum 60. Geburtstag meines Studienfreundes eingeladen. Großes Fest auf dem Land, in einer alten Scheune. Das ist schön.

Walter wusste immer zu feiern. Guter Wein, gutes Essen. Ein Liebahber Italiens. Toskana-Fraktion aus vollem Herzen. Ihm und seinem Auslandssemester in Bologna verdanke ich die Erinnerung an ein schwereloses Abendessen unter Lampions, irgendwo an einer alten Bahnstation, eine schöne Frau war auch dabei, wie immer bei Walter. Das war ziemlich nahe dran an „La dolce vita“.
Und Walter konnte kämpfen. Genießen und  politisch kämpfen. Ende der 80er war diese Kombination zwar schon ein wenig aus der Mode.  Aber Walter war ja schon 30 als er anfing zu studieren, ich 26. Degenhards Lied „Komm an den Tisch unter den Pflaumenbäumen“ kannten nur noch er und ich. Gewerkschafter wir beide. Haben Kliniken bestreikt und Hörsäle – schön wars.

Jetzt ist er erfolgreicher Anwalt. Verdient sein Geld mit Betriebsräten. Hat ein Haus in Südfrankreich, zwei gut geratene Kinder und eine Wampe. Er steht immer noch auf der richtigen Seite, keine Frage, aber da hat er sich gemütlich eingerichtet.

Was schenkt man so einem Weggefährten nach so vielen Jahren?
Sein Weinkeller ist voll, Grappa hat er auch zu viel und für was Hippes aus Berlin ist er zu alt. Zu seinem 50. habe ich ihm ein Straßenkämpfer-Set geschenkt: eine gute Flasche Wein, einen Pflasterstein aus Berlin und ein ölgetränktes Tuch -damit er  nach dem Genuss gleich was hat, um einen Molotow-Cocktail zu bauen. Ginge heute nicht mal mehr als witzig durch.

Nee, Walter hat genug von allem. Soll er ruhig mal was abgeben.
Ich auch. „Hoch (Pause) die (Pause) internationale (Pause) Solidarität – so wird das doch noch heute skandiert. Also hab ich eine Flüchtlings-Initiative in seiner Stadt ausfindig gemacht und die Spedenquittung mit einem Gedicht in einen Umschlag gesteckt.

Das Gedicht darf jeder frei nutzen, der auch noch einen alten, saturierten Kampfgenossen zu seinen Freunden zählen darf . Doch, echt, da teile ich gerne.

Was schenkt man jenen, die alles haben?

Gesundheit, Haus, zwei Kinderlein,

sogar noch Lust nach all den Jahren

Lässt man da das Schenken sein?

 

Ach, was soll ich dir nur schenken?

Echt, es fällt mir gar nichts ein

Ein bisschen Gras, etwas zum Trinken?

Doch das genießt nur du allein.

 

Du sagst: Verdirb dir nicht den Abend

Dein Kopf wird schwer, es ist schon spät

Gib was für die, die wenig haben

Hoch die Solidarität!

 

Ach ja: Auf dem Fest stand dann eine Spenden-Box für „Ärzte ohne Grenzen“.

So isser halt, der alte Walter.