Living next door to Alice

Der leichte Nieselregen schluckt das funzlige Licht der wenigen Straßenlaternen. Die Fenster der Häuser sind finstre Löcher. Es ist eine der Straßen, in die Männer nicht alleine gehen sollten. Das sagt einem schon das Gefühl. Und mein Gefühl ist nicht gut, als ich in die schäbige Gasse neben der alten Fabrik einbiege. Kein Mensch unterwegs, die wenigen Autos jagen schnell vorbei. Ich überlege kurz, ob das eine der Gegenden ist, vor denen die Polizei warnt. Eine der Gegenden im Wedding, die man nach Sonnenuntergang nicht mehr betreten soll. Ach was, lache ich in mich hinein, und wische mir den Regen und den Schweiß von der Stirn. Es wird schon gut gehen. Ich kann mir Vorsicht nicht leisten: Ich bin ich bin nicht mehr jung und ich habe keine Wahl.

Als ich den Laden betrete bin ich allein. Die Ruhe die mich umfängt, als die schwere Tür der alten Lagerhalle hinter mir zufällt, ist gespenstisch. Das Licht blendet. Noch kannst du gehen, durchzuckt es mich, aber als mich meine Augen an die Helligkeit gewöhnt haben, sehe ich, das ich richtig bin: In großen Stapeln liegt vor mir der Stoff, den ich so dringend brauche .

Und da kommt auch schon die Frau – es ist immer eine Frau – aus dem Hinterzimmer angeschlichen, um ihr Opfer zu betrachten. Es ist schwer zu schätzen, wie alt sie ist. Ihre Augen sind im Laufe der Jahre zu arglistigen Schlitzen geworden, sie ist billig geschminkt und ihre Haare türmen sich zu etwas auf, was einmal eine Frisur war. Wir sind allein, nur sie und ich. Ich merke, wie ich nervös in meinen Manteltaschen die Fäuste balle. Sie schaut mich von oben bis unten an – das ist der erste Teil des Rituals, das ich hasse und durch das ich jetzt durch muss. Die Alte fragt mich gleichgültig, was ich brauche. Sie weiß, dass sie mich jetzt in der Hand hat. Ich könnte schreien, aber niemand würde mich hören. Ich nenne ihr zwei Nummern – Es sind seit Jahren immer die gleichen: 34 -32, Es ist ein Code aus den USA, und ich hoffe, dass er auch diesmal klappt. Sie äugt mich mißtauisch an und gibt mir die eiskalte Antwort: Na, de Beene sin ja noch schlank – aber ohmrum, da jeb ich ihn bessa ne 35.

Es ist schwer als Mann, bei diesem Deal seine Würde zu behalten. Wie ein getretener Hund verschwinde ich mit dem Stoff, den die Frau mir zugeteilt hat hinter dem Vorhang. Ein erster Test sagt mir: Er ist gut, atemberaubend gut. Ich halte die Luft an. Ich schaue in den Spiegel und sehe – einen jungen Gott! Was das Zeug alles mit einem macht… Das war der Kick, den ich gebraucht habe. Mit stolz geschwellter Brust verlasse ich die Kabine – da steht auch schon die Alte und taxiert mich. War wohl n bissjen ville Jans an Weihnachten, wa? Dit sitz ja wie eene Corsasch bei ihnen.

Die Luft ist raus, der Rausch verflogen. Ich hasse sie. Und ich ahne, dass es noch schlimmer kommen wird. Ohne Kommentar reicht sie mir ein sackartiges Gebilde, das mich wieder aufatmen lässt. Ein alter Mann schaut mich aus dem Spiegel an. Fehlen nur noch die Hosenträger.  In der andan wah ihr Po aba knackijer, feixt die Alte zufrieden und ich frage mich, obs hier irgendwas zu übermalen gibt, so wie bei der Alice-Salomon-Hochschule ein paar Kilometer entfernt. Platter geht der Sexismus ja wohl nicht. Vielleicht die Plakate mit den durchtrainierten Knaben, die überall an der Wand hängen und die mir ein gnadenloses Körperschema aufzwingen, vielleicht die Preisschilder mit den Prozentzeichen, die die Ware dieses Outletcenters anpreisen und die Männer wie mich dazu bringen, sich in die Krallen dieser zynischen Wölfin zu stürzen.

Ich nehme natürlich beide Hosen, die vernünftige und die knackige. Ick ha ihn da een Sonderpreis druf jemacht, gurrt die Verkäuferin mütterlich. Veilleicht merkt sie, dass sie zu weit gegangen ist. Aber was bringt mir das gesparte Geld, wenn ich damit gleich in den nächsten Supermarkt rennen muss, um das Schokoladenregal leerzuräumen?

Es gibt Wunden, die nicht verheilen.

 

18 Gedanken zu “Living next door to Alice

  1. Habe mich in dreißig Jahren von Bundweite 32 auf 66 upgegradet. Hat mich gefühlt eine Grunewaldvilla gekostet, die ich verfressen und versoffen habe. Aber mein Vermögen kann kein Gerichtsvollzieher mehr pfänden.

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  2. Zack… sehe ich mich wieder als junges Mädel im hiesigen US-Shop, beim Dealer der sündhaft teuren und ebenso schönen Marken-Jeans, für die ich monatelang Taschengeld ansparen musste. Beim Betreten des Ladens kennerhaft taxiert, wurden ein paar der heißersehnten Blauen vom Chef persönlich aus dem staubigen Regal gezogen – und wenn man sich in der engen Umkleide halbwegs reingezwängt hatte, legte der Chef auch noch selbst Hand an und zog einen am Hosenbund wie einen Kartoffelsack in die Höhe, bis der Stoff soweit nachgab, das sich Knopf und Reißverschluss schließen ließen. Ich fühlte mich immer in die Jeans geschossen wie ein Tannenbaum ins Netz… 😁

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  3. Bin stolz wie Bolle….es gibt sie wieder , die Jeans meiner Jugend…eine Edwin…denn Levis trägt ja jeder…und tatsächlich passt die Grösse immer noch…habe halt einen Hungerleiderjob 🙂 …leider ist die Verkäuferin einer dieser gegelten und gepumpten Fitness Jünglinge …schnell wieder raus aus dem Laden…
    Grüsse von Jürgen

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