Lasterhaftes Berlin

fremde

Da soll doch noch einmal einer sagen, Bücher, die man nicht gelesen hat, hätten keinen Einfluss auf einen. Birgit vom Sätze und Schätze- Buchblog hat mir mit ihrer gut recherchierten Rezension über „Lasterhaftes Berlin“, einem neu aufgelegten Stadtführer durch das angeblich wilde Berliner Nachtleben der 30er-Jahre, einen Floh ins Ohr gesetzt: Wieso denken eigentlich immer alle Menschen, die nicht in Berlin leben, dass hier ständig die Post abgeht? Dass man hier nachts Sachen machen kann, die man in Leipzig oder Bietigheim nicht machen kann? Ohne Licht mit dem Fahrrad auf dem Bürgersteig unbescholtene Bürger anfahren, oder um zwei Uhr nachts mit einer Flasche Bier in der Hand in der U-Bahn sitzen – um mal die wildesten Exzesse zu nennen, die man sich außerhalb Berlins so vorstellen kann.

Birgit vermutet, dass die Bücher über das verruchte Nachtleben immer die Vorstellung der Leser aus der Provinz bedienen müssen, und ich glaube das stimmt. Und weil in Berlin wirklich nicht viel anderes passiert als in Köln oder Buxtehude wird einfach ein bisschen dazugedichtet. Das hat Christopher Isherwood in seinem Buch „Auf Wiedersehn Berlin“ getan (das übrigens fast gar nichts mit dem Musical und dem Film „Cabaret“ zu tun hat. Isherwood war schwul und schreibt über seine Abenteuer mit Jungs) und die anderen Bücher aus den „goldenen Zwanzigern“, die Birgit erwähnt wohl auch.

Nach dem Krieg war es dann Billy Wilder, der Marlene Dietrich einfliegen ließ, um in „Foreign Affair“ etwas Verruchtes in die jämmerliche Schwarzmarktzeit zu bringen. Später hat er es mit der auf dem Tisch tanzenden Lilo Pulver im Pünktchenkleid in „Eins, zwei, drei“ noch mal versucht. Berlin war damals plattgemacht wie ein Teller, wie mein Vater zu berichten wußte, der jahrelang Konserven für die „Senatsreserve“ nach Berlin fuhr (und abgelaufene Konserven nach Westdeutschland zurück). „Wenn ich auf das Führerhaus meines Lasters gestiegen bin, sagte er immer, „konnte ich die ganze Stadt überblicken.“ Kein Wunder, dass die meisten Fotos und Postkarten von damals Berlin bei Nacht zeigten. Das war die einzige Möglichkeit, die Stadt ohne Trümmerberge aufzunehmen. Und die einzigen Begegnungen mit fremden Frauen, von denen mein Vater berichten wollte, waren die mit den DDR-Zöllnerinnen, die ihn den ganzen Wagen mit den durchweichten Kartons per Hand aus- und wieder einladen ließen. Auf solche Uniform-Spiele muss man stehen. Mein Vater tat’s nicht. Als ich ihn kurz vor seinen Tod fragte, was er in seinem Leben heute anders machen würde, sagte er, ohne zu überlegen „Ich würde nie wieder eine Tour nach Berlin übernehmen.“

Die freie Liebe der 68’er in der Kommune 1 war wohl so frei auch nicht und wurde erst attraktiv, als mit Uschi Obermeier ein Fotomodell dazu kam, das der „Stern“ gern  ablichtete. In den Siebzigern war es dann en vouge, über das wilde Sex-Leben der Nazi-Größen in geheimen Bordellen in Berlin zu berichten. „Salon Kitty“ war so ein Buch und ein Film, der sich an strammen SS-Männern in schwarzen Uniformen weidete. Zadek überflutete die Bühnen damit. Ende der Siebziger war es dann Christiane F. und der billige Sex mit Junkies im Tierpark, der das Bild vom nächtlichen Berlin prägte. Mann, fand ich den Film aufregend. Vor Drogen hatte ich zwar tierische Angst, aber so auf dem Bahnhof mit Freunden abhängen, den Bullen weglaufen und dann direkt vor David Bowie zu stehen, wenn er „Heroes“ singt. Das wär schon was gewesen. Später sang dann „Ideal“ vom wilden Nachtleben im „Dschungel“ – Ick fühl ma jut, ick steh uf Berlin. Das war das Lied, das ich im Kopf hatte, als ich auf Klassenfahrt nach Berlin kam. Und tatsächlich standen da am hellerlichten Tag Frauen auf der Potsdamer Straße rum, die so angezogen waren, wie die Frauen, die im Kleinanzeigenteil unserer Zeitung für potenzsteigernde Mittel warben. „Na Kleener, haste Lust uf ne Sause?“, sprach mich eine an. Ich wurde knallrot und sah zu, dass ich weg kam. Im Bus zurück nachhause prahlten natürlich alle Jungs, mit dem was abgegangen sei, mit den Frauen von der Potse.

Keine fünfzehn Jahre später zog ich nach Berlin, weil die Mauer auf war und ich den Osten erleben wollte. Und es war wirklich klasse. Die ganzen improvisierten Kellerbars und die Konzerte in den alten Reichsbahn-Hallen. Aber verrucht war das nicht, höchstens verqualmt.
Ich glaubte sowieso nicht, dass es so was wie verrucht noch gab in einer Stadt in der es die Love-Parade und den Christopher Street Day gab. Wo dein Nachbar zum Motzstraßen-Fest plötzlich als Transe aus der Tür kommt und dich fragt, ob seine Strumpfnaht noch gerade sitzt. Bis, ja bis dieser amerikanische Journalist auftauchte in unserer Redaktion. Netter Kerl, Cineast, der ein Interview mit Volker Schlöndorf arrangiert hatte. Aber wer kennt schon Schlöndorf im amerikanischen Bible Belt? Es musste ein Aufmacher her, einer, der auch den gottesfürchtigen Immobilienmakler in South Carolina neugierig macht. Sinnlos mit der „Blechtrommel“ anzufangen. Es wurde  die kleine, schäbige Oben-Ohne Bar in der Yorck-Straße. Ein Relikt aus der Zeit, in der noch die amerikanischen GIs nachts auf den Straßen von Berlin nach Amüsemang suchten. Der Artikel über Schlöndorf fing dann also so an: „There is a Topless Bar right in the center of Berlin. They say topless, and they mean it!“

Nachklapp: Es stimmt natürlich nicht, dass nix los ist in Berlin. Gleich bei mir gegenüber ist die Flop-Bar, ein dunkler Schuppen, der erst um acht abends aufmacht. Die Bedienung ist ein durchscheinendes Mädchen mit einer durchscheinenden Bluse. Ich weiß nicht was da nachts abgeht. Ich war nur mal Sonntags da, und habe mir einen Tatort auf der Leinwand angeschaut. Die Kids um mich rum hatten Flips und Chips mitgebracht. In Tatort ging es um Amateur-Pornos, die anscheinend jetzt in jedem deutschen Wohnzimmer gedreht und ins Internet gestellt werden. Der Tatort kam aus München.

Noch spannender ist es in meinem Hinterhof. Da sah ich heute bei Sonnenuntergang zwei Kamfpfhunde frei laufen. Ein schöner Hellbrauner mit weißen Flecken und ein Grauer. Zwei Hunde also auf der Wiese, auf der ich sonst mit meinen Jungs spiele. Natürlich hatte keiner einen Maulkorb, ein Besitzer war auch nicht zu sehen. Ja, das ist das wilde Leben in Berlin. So was gäb’s anderswo nicht.
Der Garten ist sattgrün, die Kastanien stehen voll im Saft und strecken ihre Kerzen nach oben. Und da sehe ich, wie der Braune auf die Graue steigt. Dann laufen sie wieder ein bisschen, beißen sich und der Braune steigt wieder hoch und sie vögeln wieder ein bisschen und dann laufen sie wieder. So geht das immer weiter. Und als ich mit dem Abendessen fertig bin, sind sie immer noch dran. Ob ich das dem Lonley Planet mal als Geheimtipp stecken soll?

13 Gedanken zu “Lasterhaftes Berlin

    • Huch, was für eine Frage, die ich leider nur unzureichend beantworten kann, da ich schon länger nicht mehr auf die Piste gegangen bin, wie man so schön sagt. Ich lebe jetzt zehn Jahre hier, aber Verruchtes habe ich nicht entdeckt. Nur peinliche Anmache. Früher ging ich Freitagabend gern in die Markthalle wegen der Live-Musik und schönen Stimmung, aber inzwischen habe ich die immer gleichen Bands satt und den Rest auch. Eines meiner letzten Erlebnisse ist wohl schon mindestens fünf Jahre her, da machte sich eine 60-Jährige an meinem Stehtisch an einen Endzwanziger ran mit den Worten, ihr Po sei noch knackig. Zum Fremdschämen. Verrucht ist was anderes… Anfangs habe ich auch gern in der Freiburgbar abgetanzt, da wurde man auch nicht für tot erklärt, wenn man die 40 oder 50 überschritten hatte und auch reichlich angemacht, manchmal sehr aufdringlich immer von jüngeren Männern mit „Ich begleite dich nach Hause“. Da half nur der Stechschritt. Verrucht ist aber auch was anderes. Ich gehe höchstens noch ins Jazzhaus oder mal zu einem anderen Konzert, ins Kino oder ins Restaurant, anderes Nachtleben interessiert mich, ehrlich gesagt, auch nicht. Ein paar hundert Meter von mir entfernt befindet sich ein Sexkino, zwischen einer übriggebliebenen „Dorfkneipe“ mit älteren Biertrinkern und dem Café-Bistro „Lebemann“. Als der Lebemann noch Coffee Factory hieß, war ich da öfter auf einen Wein an lauen Sommerabenden, vielleicht sollte ich mal wieder hin. Was sich hinter den Kinomauern nebenan abspielt, weiß ich nicht – ich habe noch nie jemanden reingehen sehen. Aber auch ein Sexkino ist ja was Stinknormales und nicht verrucht.

      Mit der Zeit habe ich den Eindruck gewonnen, dass Freiburg eine langweilige spießige Provinzstadt ist, mit vielen Menschen, die gern andere reglementieren, wozu in erster Linie das Ökobildungsbürgertum gehört, das sogar die Polizei anruft, wenn am Dreisamufer in einem Café am Samstagabend die Live-Band um 22 Uhr nicht schweigt, aber die geben sich ja sooo tolerant (kann mir gut vorstellen, dass die Badener und Schwaben, die sich am Prenzlauer Berg breitgemacht haben, mit ihrer Art dort nicht gern gesehen sind). Hier sieht man viele unsexy aussehende graumäusige Biostricktypen, von den jungen Studentinnen mal abgesehen, und viele wohlhabende Pensionäre. Als ich hierher zog, wähnte ich mich in dem falschen Glauben, hier sei man schön aufmüpfig. Damals habe ich zwischen Berlin und Freiburg entschieden – tja… Immerhin kommt man hier besser weg: nach Frankreich, in die Schweiz und nach Italien und vom Flughafen Basel-Mulhouse-Freiburg überall hin.

      Die Studenten haben natürlich ihr eigenes Biotop, in manche Kneipen habe ich zwar auch mal reingeschaut bzw. wurde mitgeschleppt, doch habe ich nichts Verruchtes gefunden. Viel getrunken wird, gern im berühmt-berüchtigten Bermuda-Dreieck, da kommt auch schon öfter mal die Polizei vorbei und die Stadtreinigung ständig, weil sie alles verdrecken in der Nacht. Für mehr musst du halt doch deine Tochter fragen. 😉

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    • PS: Ich hatte Berlin von März bis Mai 2007 zwei Monate getestet und Freiburg im August desselben Jahres. Dass ich mich für Freiburg entschieden habe, lag einerseits am Testmonat (im Sommer wirkte die Stimmung hier so heiter, doch das lag nur an den vielen Touristen aus Frankreich, Italien, Spanien – ansonsten geht es hier nicht gerade südlich-locker zu, nicht mal weinselig), aber vor allem doch an Lage und Klima. In Berlin habe ich mich aber schnell heimisch gefühlt, schnell Kontakte gefunden (ach, der Badensche Hof…) und ich fand die Berliner kein Deut unfreundlicher als die reservierten Freiburger. Den Dialekt mag ich sowieso viel viel lieber! Würde Berlin im Südwesten liegen, ich wäre sofort da, ginge es um Leben in Deutschland.

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      • Ich antworte mal mit einem Gedicht von Kurt Tucholsky:
        Das Ideal
        ‚Ja, das möchste: / Eine Villa im Grünen mit großer Terrasse, / vorn die Ostsee, hinten die Friedrichstraße, / mit schöner Aussicht, ländlich-mondän, / vom Badezimmer ist die Zugspitze zu sehn – / aber abends zum Kino hast dus nicht weit. / Das Ganze schlicht, voller Bescheidenheit: … 😉
        Ich wünsch mir nur einen badischen Winter in Berlin und ein paar badische Bäcker. Denn was Berliner Bäcker können, können andere Bäcker besser. (Max Goldt)

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      • So kann man’s auch sagen, Bescheidenheit ist halt keine Zier. 😉 Aber ich sehe gar keinen großen Unterschied zwischen diesen und meinen Wünschen: Wäre der Winter in Berlin milder, würde mir das auch schon helfen (na ja, bis auf die Entfernung in den Süden, denn ich mag nicht immer fliegen). Aber ob badische Bäcker nun besser sind? Gibt ja deutschlandweit kaum noch welche… Da lobe ich mir Frankreich, selbst in Paris duftet es noch aus Backstuben.

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  1. Man braucht als Provinzlerin halt einen Gegenentwurf und träumt vom Mythos Großstadt. Andersherum meinen die gestressten Städter ja auch immer, das Leben auf dem Lande sei so idyllisch, Rosenresli, Heidi und überhaupt. Aber, Obacht: Was bei euch freilaufende Kampfhunde, das sind bei uns eben die Problembären.

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