Häuserkampf

Garten2

Ich liege auf meinem Sofa und genieße die gute Laune und die Ruhe, die sich nach einer Woche Fasten immer bei mir einstellt. Ich hab die Wohnug aufgeräumt, war einkaufen und hab meinen Apfel zum Fastenbrechen gegessen. Heute Abend kommen meine Jungs – das Leben ist schön.
Unter mir jault eine Bohrmaschine. Das ist wahrscheinlich das junge Pärchen, das vor ein paar Wochen in die alte Wohnung der Hausmeistersgattin eingezogen ist. Sie ist vor einem halben Jahr gestorben. Kaum war ihre Leiche kalt, da machte die Tochter, die über mir wohnt, mit ihrem Alki-Mann in der Wohnung ihrer Mutter einen Flohmarkt auf. Sie schickten ihre Kinder an alle Türen „Vielleicht können Sie ja was gebrauchen.“, wurde ich von einem blassen 14-Jährigen mit Tropfenbrille nach unten gebeten. Dort wurde ich von der Tochter mit dem von Nikotin gegerbeten Gesicht und den schlecht schwarz gefärbten Haaren zum Kauf genötigt. Es war schrecklich. Die ganze Baggage samt Enkeln und Schwägern saß im Wohnzimmer und wartete darauf, was sich aus dem mit einem Rauch- und Fettfilm (und wahrscheinlich Leichengift) überzogenen Gerümpel der Mutter wohl herausschlagen ließe. In meiner Familie hat man wenigstens zum Kaffeetrinken nach der Beerdigung gewartet, bis die acht Geschwister, die den Krieg überlebt hatten sich um unserm Opa sein klein Häuschen aufs Blut stritten. Berliner Pietät geht anders.
In den Augen der Tochter stand nicht Träne noch Trauer sondern die traurige Hoffnung auf ein paar mickrige Euro. Um der grausigen Szene zu entgehen kaufte ich schnell zwei schwer hölzerne Barhocker, die bestimmt mal in einer Kneipe standen, einen geflickten Badschrank und einen Fernseher. Für alle  Stücke wurden ganz still freche Preise aufgerufen und handeln kam natürlich im Haus der Toten nicht in Frage. Zumindest nicht für mich. Den Fernseher gab ich später wieder zurück, weil ich gar keinen Fernseher wollte. Mürrisch aber korrekt wurden mir Zwanzig Euro wieder in die Hand gedrückt. Die Barhocker wurden zum Streitobjekt zwischen meinen Jungs. Drei Jungs, zwei Stühle, das geht natürlich nicht gut. Oder war es der Fluch der Toten? Jetzt stehn sie auf dem Balkon.

Nach den Leichenfledderern kamen die Bulgaren. Schweigsame, eingeschüchterte Leute in weißen Arbeitsklamotten. Die schmissen den ganzen Rest in den Container und machten Platz für die traurigen Trockenbauer, die sich wochenlang mit einer Flasche Wasser und ein paar Stullen in die Wohnung einschlossen und das verrauchte Gelass in eine strahlend weiße Berlinder Traumwohnung verwandelten, abgeschliffene Dielen inklusive.
Und an einem Samstagmorgen standen sie dann, verklemmt lächelnd und vorsichtig miteinander tuschelnd vor der Tür: Drei Pärchen, handverlesen, deutsch, Anfang dreißig, berufstätig, keine Kinder. Ich hatte natürlich vorher die Adresse der Wohnungsverwaltung einer türkischen Kollegin gegeben, die ganz verzweifelt eine neue Bleibe in Berlin suchte. Aber sie bekam die offensichtlich gelogene Antwort, dass die Wohnung schon vergeben sei. Jetzt wohnt sie in der Türkenstraße im Wedding. Hatte ich erwähnt, dass es auf unseren Klingelschildern keinen einzigen ausländischen Namen gibt?

Ach, eigenlich sollte ich mich freuen. Endlich mal junge Leute im Haus, ist das nicht schön? Ihr Einzug war wie die Berliner-Pilnser-Werbung im Kino, die ich mal wunderbar fand, die aber langsam nervt, weil es klar ist, dass diese Kerle jetzt die Stadt übernehmen. Junge Kerle, mit Glatze oder Bart, immer ein Bier von einer angesagten Craft-Brauerei in alten Flaschen abgefüllt in der Hand, dazwischen locker die Möbel aus der Studentenbude ins Hochpaterre gewuchtet. Dazu emsige Frauen, stets ein Lächeln im Gesicht. Und im Sonnenuntergang die Bierkisten im Garten hinterm Haus zusammengeschoben und Party gemacht. Das Leben kann so herrlich sein bei 12 Euro kalt und Staffelmiete. Genau so war’s.
Und als mir die neuen Nachbarn neulich vor der Haustür begegneten, war ich es, der sich vorstellen musste. Die Reaktion blieb schmallippig. Und meine Pakete, die die alte Hausmeisterwitwe immer für mich angenommen hat, muss ich mir seither selber bei der Postfiliale abholen.

 

11 Gedanken zu “Häuserkampf

  1. Oh ja, pietätlos und traurig. Mit den neuen Nachbarn hatte ich die letzten zwei Male immer Glück, zum Glück: Auch junge Paare Anfang 30, auch mit Studentenmöbelsammelsuriumsmöbeln eingezogen, dabei gutverdienend, einmal mit, einmal ohne Baby, und sehr nett, aufgeschlossen, kommunikativ. Gegenseitiges Blumengießen und Postrausholen im Urlaub kein Problem.

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  2. Tja Rolf,
    das ist das moderne Leben…und wir alten Knacker können nur zuschauen…die Pilsnerwerbeprotagonisten müssen halt noch viel lernen…nur Bierflaschen austrinken und dubiose Apps entwickeln reicht auf Dauer nicht…mir fällt da immer diese tolle Antwort einer älteren Frau ein die (im Film FARGO von den Coen Brüdern) mit voller Wucht in den Wagen der nervigen Jungfamilie fährt und auf deren entgeisterten Blick antwortet : ihr seid vielleicht jünger aber ich habe die bessere Versicherung 🙂
    In diesem Sinn, ich wünsche dir ein schönes Wochenende, lG Jürgen

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  3. Es gibt solche und solche, aber solche … -m- ich mag ja nachbarschaftliche Plänkeleien und Paketdienste, schade, wenn das nicht mehr klappt!
    Und zu der Pietät mag ich gar nix schreiben, so traurig stimmt mich das.
    liebe Grüße
    Ulli

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  4. Danke für den Text. Ich habe ihn mit Genuß und mit vielen Erinnerungen an die 1980er gelesen. Unten in der Schillerstraße in Charlottenburg wohnte und arbeitete ein Frisör. Er war der einzige mit Telefon und sehr hilfreich, als wir bei der gewaltsamen Hausräumung bzw. bei der Wohnungszerstörung eine einstweilige Verfügung beantragen wollten. Bei ihm war auch alles vom Rauchen quittengelb einschließlich der ange-
    botenen Plätzchen.

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  5. Achja, die Wohnungsauflösungen….
    Ich sage dir, lieber Rolf, noch schlimmer ist es, eine Wohnung bzw. Haus auszuräumen, wenn derjenige, dem das Hab und Gut gehört, noch lebt und sich vertrauensvoll an die Kinder wendet und hofft, alles wird seinen Gang gehen. Seufz!
    Viele Grüße von Susanne

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  6. Oh ja, die Zeiten ändern sich.
    Werte verschieben sich.
    Hach, wie gut, dass uns nicht nur in der Bier- Werbung stets vorgeführt wird, wie wir aussehen sollen, was wir kaufen müssen, nach welchen Dingen wir uns richten sollen, was wir gut zu finden haben und wie wir überhaupt zu leben haben.
    Woher wüssten wir sonst, was modern ist?
    Grrrrrr…..

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  7. Ich habe vor Jahrzehnten mal in der Tegelerstrasse gewohnt. Hochpaterre. Der Vermieter war Trödler und versprach, dass wir uns einige Möbel in seinem Rumpellager für die Wohnung aussuchen dürften. Das taten wir. Dann wollte er sie uns nicht geben mit fadenscheinigen Ausreden.
    Wir zahlten ihm folglich keine Miete. Niemand fragte danach. Bis eines Tages diese klapperdürre alte Frau klingelte. Sie wollte die Miete kassieren. Wir erzählten von unserem Vermieter. Die alte Frau sagte, sie sei die Hausbesitzerin und unser Vermieter ein Verbecher.
    Wir zahlten niemals Miete in dieser Wohnung. Ohne Heizung. Und ohne Bad.
    Das ginge heute wohl nicht mehr so ohne weiteres.

    Jahre später wollten meine Kinder einmal sehen, wo was da war damals in Berlin mit der Wohnung im roten Wedding. Ich traute meinen Augen nicht, was man der lieblich heruntergekommenen Tegelerstrasse angetan hatte. Die Eckkneipen und kleinen Läden weg. Und der verrückte Plattenladen gegenüber.
    Stattdessen Edelstahlbalkons und Larifari… Ernüchternd.

    Schönen Dank für Ihren eindrücklichen Bericht und nicht minder schöne Grüsse aus dem südlichen Bembelland,
    Herr Ärmel

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    • Danke für Ihre schöne BerlinerGeschichte. Da fällt mir meine Heidelberger Wohnung ein, die ich nur unter der Bedingung bekommen hatte, dass ich mich um die Goldfische im ehemaligen Swimming-Pool kümmere. Leider gabs kein fließend Wasser, das sollte ich aus dem nahen Bach holen…. aber das ist, wie Ihre Berliner, eine andere Geschichte, die ein andermal ausfühlich erzählt werden sollte 😉

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