Windhunde

Ist das jetzt die Zeit, in der man gute Freunde haben muss, Freunde die einem ein Angebot machen, das man nicht ablehnen kann? Muss man einfach Glück haben? Oder ist es eine Zeit, in der alte Tugenden sich bewähren und belohnt werden?

Eigentlich war ich in die Bäckerei gegangen, um mir was zu gönnen. Ein Stück frischen Erdbeerkuchen, mit Sahne, wenns geht. Es ist ja die Zeit dafür und ich hatte was zu feiern. Aber dann sah ich das Lachsbrötchen, das an den Rändern schon ein bisschen dunkel geworden war, und es tat mir leid. Bestimmt würde es wegegeworfen, wenn ich es nicht kaufte. Die frischen Erdbeeren hatte sicher viel bessere Chancen, bis zum Ende des Tages einen Käufer abzukriegen. Und so siegte Herz über Bauch und ich wechselte von Frucht zu Fisch. Mein Magen macht so was mit. Denn das passiert mir ständig. „Auch die Dinge haben Tränen“ soll ein römischer Philosoph mal gesagt haben, und das stimmt. „Nimm mich mit“, rufen sie, die Ausgestoßenen unserer Konsumgesellschaft. Und ich höre sie. So gehe ich meist abends zum Bäcker, um eins der Brote zu retten, die sonst gnadenlos aus den Regalen geräumt würden, um als Viehfutter zu enden. Im Bio-Laden gibt es sogar noch das Schild „Vom Vortag“, das meine Kaufentscheidung entscheidend beeinflußt. Und die frische Milch mit dem roten Aufkleber „MHD abgelaufen“ kann meiner Aufmerksamkeit sicher sein. Wenn sie sauer wird, steige ich damit in die Dickmilchproduktion ein. Wenn sie nicht homogenisiert ist, geht das. So weit, so schön, so altbacken.

Was aber, wenn das Produkt, das zu verderben droht eins ist, das viele andere nötiger brauchen als ich? Was ist, wenn ich plötzlich mittags einen Anruf von einem Kollegen bekomme: „Im Humboldtkrankenhaus gibt es noch drei Dosen Astra-Zeneca, die heute Abend verfallen.“? Rufe ich dann die alten und siechen unter meinen Freunden an, die allerlei Vorerkrankungen haben, oder meine Tochter, die in der Obdachlosenhilfe jobbt? Nein, tue ich nicht. Ich rufe im Krankenhaus an, überzeuge den Arzt, dass ich der Richtige für seine Resteverwertung bin, melde mich von der Arbeit ab, völlig selbstverständlich, als wäre mir ein Glück widerfahren, das alle dienstlichen Notwendigkeiten in den Hintergrund treten lässt und schwinge mich auf‘s Rad. „Die Krankheit bringt dich an Orte, an die dein Kopf dich nie gebracht hätte.“ Wieder so ein wahrer Spruch, diesmal von meinem Therapeuten. Aber ich bin nicht krank, noch nicht, aber zwei Wochen Quarantäne haben mir als Warnschuss gereicht. Und eine Gier setzt bei mir ein, ein Jagdtrieb, den ich sonst nur kenne, wenn es Werbegeschenke gib. „Es gibt etwas, und es gibt es nur heute und nicht für alle.“ Ich muss es haben.

Wäre mein Kopf noch einigermaßen in Ordnung gewesen, hätte er mich vor einer Fahrt nach Reineckendorf gewarnt. Allein um mein Auge vor den Schmerzen zu schützen, denen ich es aussetzte. Und mein Herz davor zu bewahren, alle Hoffnung fahren zu lassen. Berlin an seinen Rändern kann trister sein als Ludwigshafen oder jede andere westdeutsche Stadt, die ihre Blüte mal in den 70er Jahren hatte. Das Krankenhaus am Rande der Stadt liegt am „Nordgraben 2“ und so sieht es auch aus. Zweistöckige Pavillons aus Beton, abgeblättert und über ein großes Areal verteilt. Die Cafeteria ist geschlossen und der Geldautomat am Eingang war mal gut gemeint, ist aber wohl schon lange kaputt. Der Weg zur Station wird von einer Baustelle versperrt. Der Arzt trägt eine iC Berlin-Brille in wässrigem milchkaffebraun, wie sie vor 10 Jahren mal modern war und um mich herum sitzen alte Leutchen, die auf eine Krebstherapie warten. Ich hatte ganz vergessen, wie still es in einem Krankenhaus sein kann. Willkommen im deutschen Gesundheitssystem.

Die erlösende Spritze ist in meinem Arm und in meinem Impfpass steht ein zweiter Termin Anfang August. Den Sommer hat mir diese Panikaktion also nicht gerettet, aber ich fühle mich wie Boris Becker, als er vor 20 Jahren in seinen Computer grinste und nuschelte „Isch bin drin!“ Drin im System, in das es für mich keinen legalen Weg gegeben hätte. Drin als Resteverwerter in einem System, das wertvolle Ressourcen verschwendet, weil es den Überblick verloren hat. Gerne hätte ich meine Priorität abgewartet. Und ich lobe die Weisheit meiner Regierung, dass sie es tatsächlich einige Monate durchgehalten hat, den ersten Impfstoff wirklich an die auszugeben, die es am nötigsten hatten.

Damit ist es jetzt vorbei. Das merke ich, als ich wenige Minuten nach dem Stempel in meinem Impfpass doch wieder an die Freunde und Verwandte denke. Denn noch liegen zwei aufgezogene Spritzen im Zimmer des Arztes. Meine Nachbarn rufe ich an, ein junges Pärchen: „Astra? Nee, das nehmen wir nicht.“ Einen jungen Kollegen: „Du, ich hab da schon einen Termin klar gemacht, bei einem Arzt. Da gibt es bei Twitter immer die neuesten Nachrichten.“ Einen lebenslustigen Freund: „ Ich bin von meinem Arzt schon längst auf der Prioritäts-Liste. Wegen Rauchen“ und so weiter. Zuletzt rufe ich die Mutter meiner Söhne an: „Hör mir auf mit dem Corona-Scheiß, faucht sie am Ende ihrer Nerven. Ständig wedeln mir hier irgendwelche Leute mit ihrem Impfpass vor der Nase rum. Und ich sitzt schon wieder in Quarantäne, weil in der Kita eine geimpfte Erzieherin positiv getestet wurde.“
Inzwischen ist die Kita meines Sohnes endgültig geschlossen. So kommt mein Kleiner mal ein paar Tage zu mir. Wir tun ja alle was wir können – in diesen schwierigen Zeiten.

17 Gedanken zu “Windhunde

  1. Guten, Morgen, lieber Rolf,

    Soll ich gratulieren?

    Ich kenne das Krankenhaus Am Nordgraben sehr gut, meine Mutter und die Oma meines Sohnes haben dort in ihren letzten Jahren sehr viel Zeit verbracht. Ich kann nicht klagen, das Kaffee hat normalerweise einen sehr schönen Außenbereich, wo man bei Sonne ☀️ gut sitzen kann. Aber natürlich kenne ich den ersten Eindruck dieses 70iger Jahrebaus.

    Mein Sohn (26 Jahre) konnte sich in München ganz regulär für die Astra Impfung anmelden. Natürlich saßen nur junge Männer in seinem Alter im Impfbereich und er hat zwei Tage gelitten.

    Wie geht es dir?

    Hast die die Impfung gut überstanden?

    Viel Freude mit deinem Jüngsten

    Liebe Grüße von Susanne

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    • Das Bild, was du von deinem Sohn in der Arztpraxis beschreibst, das war es, was mich zu der Überschrift „Windhunde“ brachte. Bevor ich im Krankenhaus war, hatte ich einen „Geheimtipp“ von einem jungen Kollegen, der mich zu einem Arzt im Wedding schickte. Wer saß da? Lauter junge Kerle (junge Frauen mögen Astra nicht so sehr) schlacksig, flink, teilweise Englisch sprechend: Die Informationselite, die mit ihren Smartphones jeden versteckten Winkel und jede Gelegenheit finden. Wenn es wirklich mal hart auf hart kommt, sind die es, die am besten durchkommen werden…. Ich hab Astra ganz gut vertragen. Aber Mann sollte sich nach der Spritze nicht unbedingt ein Bündel quirliger Jungs einladen. Ich hab viel geschlafen und die Buben durften viel mit dem Tablet spielen. 😉

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    • Es gibt einen Satz aus dem Film „Grüne Tomaten“ als eine dicke alte Frau das Auto von zwei jungen, arroganten Mädels rammt: „Ihr seid schneller, ihr seht besser aus, aber ich bin besser versichert!“
      Gesunde Tage wünsche ich dir.

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  2. Ich fische im Supermarkt ja immer ein paar einzelne Bananen heraus, aus demselben Grund wie du ein angegangenes Lachsbrötchen kaufst. 😉
    Bei dem „Impfangebot“ hätte ich genau gleich reagiert wie du: Wenn drei Impfungen da sind, kann ich eine selbst nehmen und zwei andere informieren. Dass die Begeisterung bei den Angesprochenen dann so verhalten ist, hätte ich allerdings nicht erwartet!

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  3. Prima, Rolf, ich gratuliere dir zu deinem schnellen Impf-Entschluss!
    Du hast völlig recht, Chancen sollte man ergreifen, sobald sie sich zeigen.
    Da ich früher in manchen Dingen zögerlich war, hing an meiner Pinnwand eine Zeitlang folgendes Zitat:
    „Nützen muß man den Augenblick, der einmal nur sich bietet.“ (Friedrich Schiller)
    Grüße aus dem Nieselregen….von Rosie

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  4. Schön dass du geimpft bist. Meine Eltern fühlen sich viel leichter, seit sie das hinter sich haben.
    Und das mit Übriggebliebenem – das mache ich auch gerne.
    Ich hab mal in der Resterampe vom Gartenmarkt ein blattloses, 1.5m Bäumchen zum Verkauf stehen sehen. Da stand nur der lateinische Name, es war ziemlich schief und der Preis schon dreimal runtergesetzt. Ich dachte mir – jo – für 15 Euro kannst nicht viel falsch machen und das Ende unseres Grundstücks ist so kahl nach den ganzen Renovierungen (Da lagerten wir den Schutt zwischen).
    Jetzt steht dort eine wunderschöne 15m Säuleneiche und winkt mir zu, bevor ich am Abend die Vorhänge zuziehe und mich schlafen lege.
    Liebe Grüße
    Sabine vom 🕷 🕸

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