Tam Tam? Tamam!

Lari ist wirklich eine nette Frau. Sie breitet die ganze Vielfalt ihrer Küche vor mir aus, lässt mich dies und das probieren und erklärt mir alles. Ich bin der einzige Kunde in ihrem neuen Bio-Imbiss „Laris Bio Bowl“ (ehemals “Monis Fischkajüte“) und deshalb werde ich verwöhnt und mit aller Aufmerksamkeit bedacht. Die Gerichte sind kurdisch, aber modern, leicht und elegant angerichtet und so ist Lari: Mit kurdischen Wurzeln und ganz Bio-Berlinerin, mit kurzen Haaren und kräftigem Lippenstift. Zwischen ihrem mit hellem Holz spartanisch eingerichteten Laden und den Döner-Buden und Gözleme-Bäckereien der Nachbarschaft liegen Welten und sollen wohl auch Welten liegen. Und deswegen kriegt Lari auch manches nicht mit, was draußen auf auf der Müllerstraße passiert. Sie sieht nicht die dicke, weiße Stretchlimousine, die auf der anderen Straßenseite zwischen Spielhalle und afrikanischem Imbiss vorfährt. Und sie hört nicht die wummernde Musik, die plötzlich loslegt. Paukenschläge und eine leiernde Flöte mit einem quäkenden Klang, der irgendwo zwischen proletarischen Schalmeien und indischen Schlangenbeschwörern liegt übertönen sogar den sowieso schon dröhnenden Verkehrslärm auf der Ausfallstraße zur Autobahn. Eine türkische Hochzeit, denke ich genervt. Der Sound gehört zum Wedding wie die Martinshörner der Krankenwagen und die quietschenden Reifen der rasenden PS-Protze. Aber halt. Ich bin in einem kurdischen Laden. Vielleicht ist das die beste Gelegenheit, rauszukriegen, was es damit auf sich hat. Und ob das kurdisch oder türkisch ist. Am Ende gibt es da tiefe Gräben, die ich aufreiße, wenn ich da so undifferenziert daherdenke. Also frage ich Lari. Sie muss erst einmal durch das große Ladenfenster blinzeln um zu sehen, was los ist. “Normalerweise stehen da mehr dicke Autos.“ sagt sie erstaunt, aber nicht wirklich interessiert. Ich zeige mit dem Finger auf die Schlange von dunklen Audis und BMWs , die sich hinter der Hochzeitskutsche aufreihen. „Hab ich gar nicht gesehen.“, sagt sie. „Normalerweise sind da noch dicke Blumenbuketts drauf.“ „Und was passiert da?“, bohre ich weiter. “Die Braut wird abgeholt und aus ihrer Wohnung zum Hochzeitsfest gefahren. Früher ging das vom Haus der Eltern der Frau zum Haus ihres Mannes. Aber heute geht es manchmal gleich vom Friseursalon zum Hochzeitsaal.“ „Und“, wage ich die Gretchenfrage zu stellen. „Ist das jetzt türkisch oder kurdisch? “Was weiß denn ich?“, hebt Lari entschuldigend die Arme wie ein Rabbi, dem seine Schüler eine zu schwere Frage gestellt haben. “Es gibt so viele unterschiedliche Kurden und so viele unterschiedliche Türken, da kenn ich mich nicht aus.“ Und vor lauter Verwirrung, vergisst sie, mir die Bionade in Rechnung zu stellen.

12 Gedanken zu “Tam Tam? Tamam!

    • Heute heißt das „diversity“. Und die Grenzen sind nicht mehr so klar. Bei Multikulti blieben ja die Kulturen nebeneinander. Heute nimmt man sich, was man für sich gut findet, wenn man kann. Aus jeder Kultur etwas.

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      • Was möchtest Du Dir von dieser „diversity “ aneignen? Die Stretchlimo um die Kinder zu beeindrucken? Die Hochzeitsform, nicht schon wieder? Außerdem wird das von den revolutionären Aufklärern schlecht goutiert. Aneignung fremder Bräuche und Haartracht geht ja gar nicht.

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      • Nun, ich habe ja schon viel von anderen Kulturen: italienische Küche, denglische Sprache, amerikanische Musik…. Heiraten werde ich weder nach Christlichem noch nach einem anderen Ritus.

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  1. In der Bäckerei in meiner Nachbarschaft arbeitete eine junge Muslima. Nachdem sie geheiratet hatte, arbeitete sie nicht mehr, sonder verschwand in irgendweiner Wohnung. Ich kann den protzigen Hochzeitsbräuchen, seien sie türkisch oder kurdisch, nichts abgewinnen, denn ich denke dann immer, hier wird mal wieder eine Frau als Trophäe vorgeführt und landet demnächst am häuslichen Herd.

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  2. Was für ein Trost. Eigentlich sollten Frauen inmitten unserer Gesellschaft nicht mehr am Herd vergammeln. Hier in der Reha gibt es eine ältere Türkin, die sich an der Rezeption mit einfachen Anliegen nicht verständlich machen kann und sich von einem Pfleger dolmetschen lassen muss, Folge der Verbannung ins Haus und fehlender Sozialkontakte außerhalb der türkischen Gemeinschaft.

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