Dass man seine Texte nicht richtig verstehen wird, hat Franz immer geahnt. Auch die Willkür der Obrigkeit war für ihn eine ständiges Thema. Aber dass dereinst die Behörden seien Namen verunstalten und auf schäbige Trinkhallen in Berlin-Wedding kleben werden, wäre ihm wohl noch nicht mal in seinen dunkelsten Stunden in den Sinn gekommen. („KAfKA – ich mach mit!“ ist eine eingetragene Wort-Bild-Marke des Bezirksamts Neukölln von Berlin, Abteilung Bürgerdienste und Gesundheit, 12043 Berlin)
Berlin bei Nacht
Drei kleine Italiener
Also eigentlich warte ich ja immer ein bisschen, bis ich Erlebtes niederschreibe. Aber heute war ein besonderer Tag: Ich habe heute meine erste Karateprüfung bestanden. Das war immerhin das erste mal in meinem Leben, dass ich mich freiwillig eine Sport-Prüfung gemeldet und mich darauf vorbereitet habe. Geschafft habe ich das nur durch meinen tollen Karate-Lehrer Malte, der so ganz anders ist als die Sport-Schleifer aus meiner Schulzeit. Er hat mich nie zu etwas gedrängt, und mich meine vielen Fehler selber machen lassen, bis ich merkte, wie sich die Übung für mich richtig anfühlte. Die Übungsstunden sind reine Psychotherapie für die Narben, die grobe Sportlehrer in der Seele eines bücherliebenden, ungelenken Jungen mit dicker Brille hinterlassen haben. Und so habe ich es tatsächlich jenseits meiner 50 noch geschafft, regelmäßig zum Training zu gehen und darf jetzt einen schmalen gelben Streifen auf meinem sonst jungfräulich weißen Gurt tragen.
Aber wovon ich ja eigentlich erzählen will, ist der Italiener, zu dem Malte seine Eleven nach bestandener Prüfung eingeladen hat. Dass Malte gerne gut isst, wußte ich, und ich erwartete mir ein erlesenes Restaurant, mit Kerzen auf dem Tisch. Aber ich hatte vergessen, dass er manchmal auch richtig exzentrisch sein kann. Also fanden wir uns am dunklen Ende der Wiener Straße in einer Art Stehimbiss wieder. Pic Nic hieß der Laden in dem es nur einige schmale Stehtische mit Barhockern gab. Na klasse, dachte ich – hier gibt’s maximal Pizza Funghi mit Pilzen aus der Dose. Doch die drei Jungs in der Küche zauberten, machten ihrem Motto „100% homemade“ alle Ehre. Sie starteten fröhlich ein wahres Feuerwerk mit vier Gängen- und noch was Süßem zum Dessert… alles frisch, genau im richtigen Takt serviert und noch einen Zitronenschnaps hinterher. Alle Blessuren der Prüfung waren vergessen und auch ohne Wein (den gibt’s da aus irgendwelchen lebensanschaulichen Gründen nämlich nicht) wurde es laut und fröhlich in diesem winzigen warmen Fluchtpunkt im regennassen, winterlichen Kreuzberg.
P.S. Wen die genaue Speisefolge interessiert: Hier Maltes Version der Geschichte:
Die schaumige Leichtheit GIannis’ Zuccinipuffer, herzhafte Linsenpasta und köstliche Bruschettasauce auf der Mozzarella berührten unsere Seelen tief. Der wilde Broccoli mit Polenta hat uns geerdet, Calamari und Lachs verfeinert. Profiterole und neapolitanische Ricottateigwaren sorgten für reflektive Stille.
So hemmungslos zugeschlagen haben wir schon lang nicht mehr (Im Karateunterricht sollten wir uns ein Beispiel daran nehmen). Am Ende, im Versuch sich nach Hause zu schleppen, schien die Existenz eines Hängebauchschweins plastisch nah.
No milk today
Samstagabend, kurz vor Ladenschluss. Die dicke schwarze Frau mit dem Kinderwagen und ich sind die letzten Kunden im dm-Drogeriemarkt Müllerstraße. Ich suche Windeln und sie etwas zu Essen für Ihr Baby. „Do you speak English?“ wendet sie sich nach ihrer erfolglosen Irrfahrt durch die Gänge an die Verkäuferin. „I will try“, antwortet die freundlich. „Babymilk, Aptamil please.“ „No Aptamil, perhaps monday“, radebrecht die Verkäuferin zurück. Die Mutter zuckt resigniert die Schultern und schiebt ihr Kind hinaus in die Nacht. Eine afrikanische Mutter mit einem hungrigen Kind wird weggeschickt. Ich wittere latenten Rassismus wenn nicht Schlimmeres und stelle die Verkäuferin zur Rede: „Wieso haben Sie der Frau kein Aptamil mehr verkauft?“ „Weil wir keins mehr haben. Es gibt bestimmte Bevölkerungsgruppen, die kaufen alles auf was wir herein bekommen und schicken es in ihre Heimat.“ „Und wo ist diese Heimat?“, frage ich. „Na in China. Da gab es vor Jahren einen Babymilchskandal, seither kaufen die hier alles auf und schicken es nach Hause. Wir haben schon versucht es einzuschränken und haben nur noch drei Packungen pro Person verkauft. Aber dann kamen sie einfach fünfmal am Tag.“ Nachdenklich stopfe ich die Windeln in meine Packtaschen und mache mich auf den Heimweg. In Berlin müssen afrikanische Kinder hungern, weil in China die Eltern dem Babymilchpulver nicht mehr trauen können. Bisher dachte ich, dass die Globalisierung alle Waren dieser Welt in die reichen westlichen Länder schaufelt. Ich hatte ein schlechtes Gewissen dabei, aber war doch froh, dass im Supermarkt die Regale immer voll waren. Jetzt beginne ich zu ahnen, wie sich Afrikaner fühlen müssen.
PS: Inzwischen hat die Firma Aptamil reagiert und einen Notruf für Mütter eingerichtet, die vor leeren Regalen stehen. http://www.aptawelt.de/warenverfuegbarkeit
Pommes II
Am Curry 36, Bahnhof Zoo
Ich steh an der Pommesbude und hab kein Geld mehr. Gerade komme ich von meiner Therapeutin und hab‘ ihr diskret meine letzten 100 Euro zugesteckt. In bar, sie will das so. Es war eine anstrengende Sitzung und so stehe ich halb bewusstlos am Wurststand und ordere Pommes rot-weiß, um meine Psyche wieder mit meinem Körper zu verbinden . Erst als der Wurstbräter mir den übervollen Pappteller mit den goldigen Kartoffelstäbchen über den Tresen reicht, zücke ich mein leeres Portemonnaie und es überläuft mich heiß. Mir fällt nichts besseres ein als zu fragen: „Kann ich auch mit Karte zahlen?“ Es ist wirklich die blödeste Frage, die man an einer Curry-Bude in Berlin stellen kann. Sind nicht diese Buden die letzten Orte, in die der Finanzkapitalismus noch nicht seine gierigen Finger reingesteckt hat? Sind sie nicht Treffpunkte des einfachen Mannes, der seinen Lohn noch in der Tüte abholt? Gilt hier nicht das eherne Gesetz: Ware gegen Bares, und das sofort. Ich mache mich auf eine original Berlinerische Kunden-beschimpfung gefasst, so vom Stil „Wat denkense denn wo se hier sind? Im Adlon?“Aber der Wurstmaxe nimmts gelassen. „Was für ne Karte ham se denn? fragt er einfühlsahm. Ah Postbank?, Na denn geht ja auch Deutsche Bank. Da ist ein Automat gleich um die Ecke, aber jetzt essen se erstmal ihre Pommes, die werden sonst kalt.“
Guten Abend Berlin, du kannst so herrlich sein!
Pommes I
Sie ist eine dieser superschlanken Frauen aus Äthiopia oder Somalia, so eine Naomi Champell, von denen man meint, dass sie von Luft und Wasser leben. Aber diese Wüstenschönheit hat Appetit. Sie beißt in eine knackige Bratwurst, schnappt sich hemmungslos noch ein Stück Currywurst von ihrem schweigsamen Begleiter und schwärmt: „Ach ich könnte noch eine vertragen, aber beim zweiten Hunger schmeckt es dann doch nicht mehr so gut.“
Das wär’s doch, denke ich, Currwurstbuden nach Somalia. Das sollte ich mal dem Roten Kreuz vorschlagen, bevor die da wieder ihre alten Ein-Mann-Rationen von der Bundeswehr verteilen.
Als ich gehe sehe ich ich die Genießerin wieder am Thresen – mit einer neuen Portion Currywurst rot-weiß.


