Die Hexe von Garmisch

Manchmal braucht ein Mann Mut. Zum Beispiel, wenn er im Hallenbad von Garmisch ein Fünf-Meter-Sprungturm sieht. Er ist mit seinem Sohn da, weil der Schnee weggetaut ist in Oberbayern. Und wenn der Sohn sagt, dass er sich nie trauen würde, da runter zu springen, dann muss es eben sein. Dann muss der Vater eben sagen: „Als ich so alt war wie du, bin ich im Freibad da runter gesprungen.“ Und dann muss er da hoch, um seinem Sohn zu zeigen, dass er einen tollen Vater hat. Insgeheim hofft der natürlich, dass der Fünfer gesperrt ist. Aber dann kommt die bayerische Jugend und überredet den Bademeister, den Turm aufzumachen. Und dann stehen sie da oben, kreischen und drängeln. Manche lassen sich plumpsen, manche stehen noch oben und schauen ängstlich nach unten, als die andern schon längst wieder nach oben kommen. So wie ich vor 50 Jahren im Freibad. Und es fühlt sich genau so schwindelerregend an, als ich jetzt wieder über den Rand der 5-Meter-Plattform schaue. Viel höher, als es von unten aussah. Ich weiß nicht, wie ich es damals geschafft habe, wie oft ich wieder schmachvoll nach unten gegangen bin. Aber es hat sich gelohnt, dass ich mich damals getraut habe. Denn jetzt weiß ich: Ich werde es überleben, auch wenn ich es immer noch nicht glaube. Damals konnte ich noch nicht mal schwimmen. Alles was ich konnte, war tauchen. Im Wegducken und Untertauchen war ich ein Naturtalent. Aber dann gab es die zweite gefährliche Phase: Wenn man unterwasser an den Beckenrand schwamm, konnte es sein, dass man die ausgeleierte Badehose verlor. Und ich konnte sicher sein, dass meine schlimmsten Feinde bei meinen Sprüngen an den Guckfenstern im Springerbecken standen. Oder noch schlimmer: Die Mädchen, die ich Mit meinem Sprung beeindrucken wollte. Heute kann das nicht passieren. Denn meine Badehose ist nagelneu. Ich hab sie auf dem Weg zum Schwimmbad kaufen müssen, weil ich meine natürlich zu Hause vergessen hatte. Badehosenvergesser ist schlimmer als Turnbeutelvergesser.
Ich lass mich fallen und tauche in einem Meer von Luftblasen wieder auf. Das ist das Schöne am Turmspringen. Dieses ozeanische Gefühl, wenn einen die Blasen nach oben tragen. Aber was ist das? Der Schlüssel für unseren Umkleideschrank mit diesem aus Plastikfaser geflochtenen Armband und dem fummligen Verschluss ist von meinem Armgelenk verschwunden. Als sich das Wasser beruhigt hat, sehe ich ihn am tiefsten Punkt des Beckens. 4,80 Meter Beckentiefe steht am Turm. Aber es hilft jetzt nichts. Ich muss da noch mal rein. “Pass auf, sag ich zu meinem Sohn, „Ich hol jetzt den Schlüssel von da unten.“ “Schaffst du das?“ fragt er mich ungläubig. “Natürlich schaff ich das.“, antworte ich seelenruhig. Vor dem Tauchen habe ich wirklich keine Angst. Aber je tiefer es geht, desto seltsamer wird mir. Es fühlt sich anders an als früher. Der Druck ist im Kopf schwerer auszuhalten als früher. Wird der Schädel morsch mit der Zeit, ab wieviel Metern reißen die ersten Nähte? Ich denke kurz an den Film „Das Boot“ als das U-Boot tiefer taucht als es soll und alle Spanten knarzen und Martin Semmelrogge Herbert Gröhnemeyer diabolisch grinsend erzählt, dass irgendwann der Wasserdruck das Boot zerquetschen wird.
Ich hab den Schlüssel und komme nach oben. Mein Sohn hat alles beobachtet und hält mich jetzt für den mutigsten Taucher. Es ist gut, wenn die Jugend Vorbilder hat.

Aber was mein Sohn noch nicht weiß: Es gibt im Schwimmbad Wesen und Orte, an denen mehr Gefahren lauern als am Boden des Springerbeckens. Zum Glück weiss ich die Zeichen richtig zu deuten:

Zuerst bin ich enttäuscht, denn das Schild lässt ahnen, dass hier, wie in Berlin, die Sauna von bärtigen Hippstern bevölkert wird. Doch dann sehe ich den betonharten Busen der rothaarigen Frau, der sogar das dicke Fichtenbrett der Sauna durchschlagen kann. Da geht es nicht nicht mit rechten Dingen zu, denk ich mir. Bleib besser draußen. Die raucht dich in der Pfeife!

Dann sehe ich ihre Zähne und ihren irren Blick, und mache mich so schnell wie möglich aus dem Staub…

Für den freundlichen Herrn, der nicht so vorsichtig war, kommt leider jede Hilfe zu spät.

9 Gedanken zu “Die Hexe von Garmisch

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