Ski und Rodel gut

Buam

Warum schreibe ich nicht einfach, dass es schön war? Die paar Tage mit meinen Jungs im Schnee. Die ganze Zeit vor der Reise erwartete ich ein Drama und hatte mir auch schon die passenden Worte zurecht gelegt für meinen Bericht im Blog. Natürlich war ich höllisch aufgeregt, wie vor jeder Reise, aber diesmal besonders, weil ich mir ja auch noch Gedanken machen musste, wie wir gemeinsam eine zweistündige Schneeschuhwanderung überleben könnten, die zu dem Programm gehörte, das ich mit einem anderen Vater in der Jugendherberge Füssen gebucht hatte.
Mal sah ich mich im steif gefrorenen Wehrmachtsmantel im Schneesturm irren, wie einst Clemens Florel in „So weit die Füße tragen“. Mal sah ich uns unter einer Lawine verschüttet, mal die anklagenden Augen meiner Jungs und die blau gefrorenen Kninderfüße vor mir, weil ich nicht die richtigen Schuhe eingepackt hatte. Und auch die darauf folgenden Fieberschübe konnte ich mir aus der jüngsten Erinnerung in den grässlichsten Farben ausmalen.
Und manchmal sah ich gar nichts. Gar keinen Schnee, nur enttäuschte Kindergesichter in einer öden Jugendherberge, weil die weiße Pracht, die mir das Internet versprach natürlich weggetaut sein würde, wenn sich Kafka on the road begibt.

Nun gehe ich ja nicht zum ersten Mal im Winter auf Reisen. Vor ziemlich genau zehn Jahren bin ich mit einem klapprigen russischen Motorrad mit Beiwagen mitten im Februar von Berlin zum Nürburgring in die Eifel geknattert, weil ich einmal dabei sein wollte beim „Elefantentreffen“, bei dem es sich ziemlich verrückte Männer mit ihren dicken Maschinen ein Wochenende im Schnee gemütlich machen. Ich habs geschafft. Noch heute trage ich mit Stolz den roten Elefanten auf meiner Motorradjacke. Und von diesesem Abenteuer weiß ich: „Bevor du frierst, lass alle Würde fahren“. Damals hieß das, dass ich mir ein Schafsfell unter meinen Hintern schnallte, um meine edelsten Teile zu schützen und heute heißt das: Kauf dir endlich eine warme Winterjacke und bitte die Mutter der Zwilinge, den Koffer zu packen. Dann bist du auf der sicheren Seite und kannst dich nachher auch noch beschweren, dass das natürlich alles zu viel war, was sie eingepackt hat.

Und so begann die Reise ins Winterwunderland mit einem riesigen Koffer, vielen Hasenbroten für die Kinder und einer nagelneuen knallroten Daunenjacke für den Vater (damit uns die Hubschrauber der Bergwacht besser finden können). In München hatten wir genug Zeit beim Umsteigen, um noch eine Weißwurst in einem richtigen Wirtshaus zu essen und dann fuhren wir scheinbar endlos durch eine glitzernde, blau weiße sonnenbeschienene Winterlandschaft. Die Jungs holten ihre Pinguine aus ihren Rucksäcken, denn solchen Schnee hatten weder die armen Stadtkinder noch ihre Kuscheltiere je gesehen. Und Pinguine wollen ja in den Schnee. Der Jüngste sagte: „Ich glaube, das träume ich.“

Für die Scheeschuhwanderung im Tal brauchten wir dann vor allem eins: Sonnencreme (auch daran hatte die Mutter gedacht). Die Skihosen und die von mir sorgfältig imprägnierten Winterschuhe hätten wir uns schenken können, denn der pulvrige Tiefschnee fand seinen Weg in die Hosen und Schuhe der Kinder, als sie, hüfthoch versinkend, behände durch die watteweiche Masse jagten oder sich einfach quiekend im Schnee wälzten. Aber es war egal. Was ich nach 20 trüben Berliner Wintern vergessen hatte: Man kann im Schnee laufen, und es kann einem trotzdem warm sein.  Vom Übermut sorglos geworden wagten wir uns auch noch mit klatschnassen Socken mit der Seilbahn ein paar hundert Meter höher und legten uns mit den feschen Snowbordern in die Liegestühle, sonnten uns und ließen uns Milchkaffee bringen.

Was soll ich sagen? Wir haben alles überlebt. Auch das Rodeln am nächsten Tag. Drei Stunden gaben die Jungs Vollgas und rockten danach noch die Jugendherberge. Auch ich schlief in dieser Nacht so gut wie lange nicht.
Also Ski und Rodel gut?
Natürlich nicht! Irgendwo, ich vermute im Außenbecken des Spaßbades, das am letzten Tag auf dem Programm stand, muss ich mir einen Schnupfen geholt haben. Ich, ein Mann Mitte Fünfzig – einen Schnupfen! Ich bin gerade noch so mit dem Leben davon gekommen, aber ich leide jetzt noch. Was tut man nicht alles für seine Kinder?

 

 

 

 

Schwarzbrottourismus

Schwarzbrot

„Was schauen Sie denn so versonnen aus dem Fenster?“, fragt mich die Seminarleiterin. Ich steh mit Mantel und Koffer in dem leeren Schulungsraum, fertig zur Rückfahrt nach Berlin. Die Zeit ist knapp, gleich fährt der Zug, aber ich wollte noch einen letzten Blick durch die Zinnen der mittelalterlichen Gemäuer auf meinen old man river werfen. „Ach, sag ich,  „ich freu mich nur, dass der Rhein wieder genug Wasser hat.“, und komme mir vor wie ein alter Bauer, der auf den Acker schaut, den er sein Leben lang bestellt hat und den er jetzt anderen überlassen muss.

Ich bin seit langer Zeit mal wieder am Rhein. In einem Weindorf, das wie das Dorf, in dem ich aufgegwachsen bin, davon lebt, so zu tun als wäre hier die Zeit stehen geblieben. Den Touristen, die mit Bussen und weißen Schiffen anlanden, wird eine butzenscheibige, fachwerksatte Wirtschaftswunderseeligkeit geboten. Und in den wenigen Stunden, in denen sie hier sind merken sie nicht, dass die Stadt längst jenseits der Fußgängerzone in das übliche Lidl, Rossmann, Aldi-Gewerbegebiet ausfranst. Aber warum sollten sie sich auch dafür interessieren? Solange es in den Konditoreien Schwarzwälder Kirsch,  Käsesahne und Kaffee im Kännchen gibt ist ihre Welt noch in Ordnung.

Ich bin hierher gekommen um auszuprobieren, ob ich noch so etwas wie Verbundenheit zu dieser Gegend empfinde, aus der ich mich mit 18 auf den Weg gemacht habe. Pflichtschuldig bin ich damals zwei, dreimal im Jahr zurück gekommen, um meine Eltern zu besuchen. Und als meine Tochter in dem Alter war, in dem sie sich gerne verkleidet hat, habe ich sie mit auf die Karnevalsumzüge genommen. Das hat uns beiden Spaß gemacht. Sie bekam ein Funkenmariechenkostüm und wir kennen heute noch alle Karnevalslieder. Abends gings dann mit meiner Schwester zum Manöverball in die Stadthalle. Ich habe damals daraus so eine Art Heimatgefühl für mich konstruiert, das ich nie hatte, als ich dort noch gelebt habe. Aber eigentlich waren wir damals schon  Touristen. Länger als ein Wochenende sind wir nie geblieben. Wir waren Touristen, wie alle andern auch, die am Wochenende mit Köln-Düsseldorfer Schifffahrtsgesellschaft kamen. Aber immer bin ich mindestens ein Mal runter zum Rhein gegangen, um zu sehen, wie es ihm geht, um das Wummern der Schiffsmotoren zu hören und um der Enge des Wohnzimmers meiner Eltern zu entfliehen.

Eilig rattere ich mit meinem Rollkoffer über das Verbundpflaster der Fußgängerzone zum Bahnhof . In einer Bäckerei will ich mir noch ein paar Brötchen für die Reise holen. Hinter der Verkäuferin sehe ich silberne Pakete, wie ich sie noch von unserm Dorfbäcker kenne: Rheinisches Schwarzbrot, von der Bäckersfrau selber in Silberpapier eingepackt und mit einem Gummi zusammengehalten. Das duftet in meinem Koffer nach, nach… Nachmittagen mit meinem Freund, dessen Mutter das dann abends immer mit Schinken und Majonaise aufgetischt hat, wenn wir vom Steinewerfen am Rhein zurückkamen.  Es duftet noch, als ich es in Berlin auspacke.

 

 

 

K-Pop

„Ich hab Rückenschmerzen!“ klagt meine Tochter und massiert an ihren Schultern herum.

„Rückenschmerzen mit 23, ist ein bisschen früh,“ mahne ich. „Hör auf mit den hochhackigen Schuhen.“

„Papa!“

„Hast du wenigstens Einlagen drin?“

„Hast du mich schon zehn Mal gefragt.“

„Und? Hast du?“

„Du kannst dir nie was merken. Das mit dem K-Pop hast du mich auch schon zehn Mal gefragt. Das spricht man Kaj-Pop, Korean Pop – nicht Kie-Pop.“

„Ich hab halt nicht auf Englisch studiert. Als ich in der Hauptschule angefangen habe, gabs das noch nicht.  Kein Englisch und kein K-Pop.“

Küchentischgespräche. Meine Tochter hat gekocht. Eingekauft und lecker gekocht. Das gab’s selten in den vier Monaten, die sie jetzt bei mir wohnt. Meist bin ich hier für die Versorgung zuständig. Einkaufen, putzen, dreckiges Geschirr aus ihrem Zimmer räumen und lange Haare aus dem Waschbecken holen. Diskussionen kann ich dagegen jeden Abend haben. Heute hatten wir es schon über Satire und Sarkasmus und den Unterschied dazwischen, den erweiterten Berliner Infinitiv (ich hab da was zu stehen) und Feminismus,  die Krankheiten ihrer Freundinnen und dass frau gegen Migräne nix machen kann. Mit meinem über Jahrzehnte angesammelten Halbwissen habe ich keine Chance gegen ihr iPhone, das ihr der Papa zum Studienabschluss geschenkt hat und das sie jedes Mal zückt, wenn sie mir nicht glaubt oder wenn meine Antworten zu seicht sind. Immerhin ist sie fair und hebt anerkennend die Augebraue, wenn der kleine Wunderkasten mir mal Recht gibt.

Ich weiß jetzt, dass ich nicht nur schwerhörig sondern auch gnadenlos vergesslich und begriffsstuzig bin. Und von modernem Feminismus habe ich eh keine Ahnung.  Aber sie hat mich heute bekocht. Und deswegen konter ich heute nicht mit ihrer jugendlichen Wahrnehmungsstörung, die normalerweise volle Mülleimer ebenso übersieht wie die überquellende Leergutkiste und den leeren Kühlschrank.

„Hast gut gekocht,“ lobe ich, „ist sehr lecker.“

„Na ja“, sagt sie verlegen, „ich hätte das Rezept besser mal vorher gelesen. Die Zwiebeln gehören nämlich nicht in das Curry, sondern obendrauf.

„Nein, nein, ist sehr gut, schmeckt besser als beim Inder.“

Ein kurzer Moment des Schweigens, dann steht sie auf, holt tief Luft und sagt: „Also ich hab jetzt eingekauft und gekocht und …. “

„Ich weiß, was jetzt kommt, grinse ich. „Ich bin jetzt dran mit Abwasch.“

Wortlos dreht sie sich um und verschwindet in ihrem Zimmer unter ihrem Kopfhörer.

Nur noch zwei Monate, denke ich traurig, als ich die Töpfe einweiche, dann ist sie weg.