Sommermärchen

Erleuchtung

Als wir mit unseren Booten kurz vor Sonnenuntergang durch den Schilfgürtel stießen, sahen wir sie. Vor uns auf dem sanften Hügel schmiegen sich Hobbit-Hütten, klein und geduckt mit filzigem, rundem Dach in die sandige Wiese. Entfernt rauscht ein Bach. Sonst war  nichts zu hören als eine Haubentaucherin, die mit ihren Jungen eins ums andere im See verschwindet und wieder herausploppt. Wir müssen die Grenze zu Mittelerde überschritten haben.
Am Ufer erwartet uns ein entspannt lächelnder Hüne, der seinen langen, weißen Bart durch eine Holzperle gebunden hat. Er hilft uns, unsere Boote ans Land zu bringen. Wir Gefährten haben unser Ziel erreicht. Weiter von der Wirklichkeit kann man nicht entfernt sein als an diesem Flecken im Sumpfgebiet zwischen Brandenburg und Mecklenburg.

„Kommt ins Gasthaus“, raunt uns der Riese zu, „ihr seid gerade noch rechtzeitig.“ Ich folge ihm arglos, doch meine Begleiter wissen, von welcher Macht der Alte geleitet wird und wohin er uns locken soll. . Ich suchte ehrlich der Welt zu entfliehen, aber sie haben mich verraten. Sie haben die ganze Zeit Signale empfangen, die auch jetzt ihre Gesichter blau aufeuchten lassen. „Zweite Halbzeit fängt gleich an. Die Schweden führen Null zu eins,“ murmeln sie hinter mir. In den Zeiten Mordors brauchte es einen Ring, um alle zu binden. Heute sind es flache, schiefergraue Scheiben und ein Ball. Hatte ich wirklich geglaubt, ich könne „Schland“ entkommen? An diesem Tag? Die Tür zum Gasthaus öffnet sich.
Es ist ein schrecklicher Anblick, der sich uns bietet. Ein Haus voller Besessener mit glasigen, verzweifelten Blicken. Alle Waldbewohner und die Gäste aus den Hobbit-Hütten haben sich um eine bunt flackernde, lärmende Röhre versammelt. Schon haben wir ein Bier in der Hand und stieren wie die anderen auf das flimmernde Bild mit weißen und gelben Männchen. Und der Zauber, der alle bindet, liegt, erfasst auch mich. Als ein blonder Mann mit streng gescheiteltem Haar den Ball in der letzten Minute in einem eleganten Bogen ins Tor schießt, liege ich mir mit einem wildfremdem Mann aus Sachsen in den Armen, Freudentränen in den Augen. Das öffentlich-rechtliche Extacy macht uns zu einem einig Volk von Brüdern.

Schnitt

Eine Woche später, Berlin Wedding – jenseits von Mittelerde.
Ich mäander mit meinen Zwillingen am Samstagmittag durch den Kietz. Bei Edeka waren wir schon, in der Stadtbücherei auch und auch im Bio-Laden, weil wir den Salat vergessen hatten und einer mal pullern musste.

Von den Männern in Weiß und Schwarz spricht niemand mehr. Und wenn, dann mit verkatertem Hohn über die Dummheit, mit der man sich habe hinters Licht führen lassen, als säße man in der Matrix. Aber Fußball gibt’s immer noch.

Vom Sportplatz, auf dem jede Nacht unter Flutlicht  bis um kurz vor Mitternacht gebolzt werden darf, klingt Männer-Geschrei. Afrikanische Beats liegen in der Luft . Vorsichtig tasten wir uns heran. Das Tor des Fußballplatzes steht weit offen, aber wir trauen uns nicht so richtig rein. Was ist das hier? Die Spielfelder sind voll von schwarzen jungen Männern in bunten, improvisierten Trikots. Aus den Laustprechern krächst die Stimme eines völlig überforderten Organisators mit einem sehr anstrengenden Akzent „Also die Berliner Jungs spielen jetzt auf Feld B gegen Carl Zeiss Erfurt… nein, Moment  (das Micro wird knackend weggelegt)  es ist Feld C und bitte die „Jeunesse Berlin“ auf Feld C, nein B… ist jemand von der Jeunesse da? Nein.,.. und da ihr geht jetzt mal hier weg, den Platz brauchen wir für die Siegerehrung….“ Es gibt keine erkennbare Ordung, aber viele lachende und entspannte Gesichter. Meine Jungs kennen die Anlage noch aus der Zeit, als sie hier noch mit der Kita turnen gingen, als es noch Personal dafür gab, aber sie trauen sich nicht rein. „Dürfen wir?, fragen sie. Erst als sie „Schulle“ sehen, unsere kräftige, bis an die Ohren tätowierte und gepiercte Nachbarin mit dem Kurzhaarschnitt, die im Turnverein die Jugend trainiert, wagen wir uns weiter.
Wir landen zwischen zwei Teams, den Roten und den Gelben, die ihrem Spiel entgegenfiebern. Meine Jungs sind wie elektrisiert, echte Fußballer! Alle so 18, 19, nervös, der eigenen Kräfte nicht ganz sicher, aber mit gespielter Coolness sich selbst vergewissernd. Anerkennende Blicke gehen auf das Spielfeld wo anscheinend der Gruppengegner gerade die gegnerische Manschaft austrickst. Eine halbe Stunde und zwei Spiele später sitzen die Roten wieder da. Sie haben ein Spiel gewonnen, sind Gruppensieger geworden. Und im nächsten Spiel verloren. Zwei von ihnen haben Verbände am Kopf, weil sie in der Luft zusammen gestoßen sind. Ihr Torwart hat ziemlich oft daneben gegriffen. Um sich zu entspannen übt er in einer leeren Ecke  mit (s)einem kleinen Jungen. Der Kleine ist stolz, weil er auch die großen Torwarthandschuhe haben darf.
Die roten  Jungs rechnen. Es reicht für den vierten Platz, sie sind zufrieden mit sich. Sie wissen, das sie nicht die Größten sind und viel daneben gegangen ist, aber das ist egal. Es gibt einen Pokal für sie, und das freut sie. Den Fairnesspreis. Er wird von einer Integrationspolitikerin verliehen, die ihr schönstes Kleid angezogen hat. Neben ihr stehten noch vier andere Frauen: SPD, Linke, Grüne und eine vom Bezirk. Alle finden wichtige Worte und die Jungs sind schwer beeindruckt. Dann werden Faxen mit dem Handy gemacht und stolz vor dem Pressefotografen posiert. 11 Freunde sollt ihr sein – das gibt es also wirklich noch, Fußball mit menschlichem Anlitz. Ich könnte echt ein Fan werden.

Meine Jungs spielen an diesem Abend zum ersten Mal alleine im Hinterhof Fußball, ohne dass ich mit kicken muss. Auf dem Bolzplatz im Kindergarten wollen sie es Montag mal allen richtig zeigen.

 

 

Flieg, roter Adler!

Männer im Gras

Es ist in meinem Alter nicht mehr so leicht, richtige Männer kennen zu lernen. Frauen über 50 denken ja, es sei ihr Schicksal, es sei ihnen vorbehalten, darüber zu klagen, dass es schwer wird mit den Männern. Aber hat schon jemand einen Mann jenseits der magischen Schwelle gefragt?

Da war ich neulich zu einem Grillabend bei einem Freund eingeladen. Ich wusste schon ungefähr wer mich dort erwarten würde: Lauter handfeste Kerle, die mitten im Leben stehen und mit denen ich zusammen ein paar Spiele der letzten Weltmeisterschaft geschaut hatte. Nicht, dass ich mich im entferntesten für Fußball interessiere, aber manchmal tut es einfach gut, sich einen Abend lang über nix anderes zu unterhalten als über Bratwurst, Viererkette und Abseitsfalle, und dabei eine tiefe Verbundenheit zu spüren – als Mann unter richtigen Männern. Also hatte ich mich auch für diesen Abend kurz noch schlau gemacht, wer derzeit in der Bundesliga unten steht und was Union gerade so macht. Komm ich also rein, riech die Bratwurst schon, höre derbe Witze auf jedermanns Kosten und suche vergeblich nach alkoholfreiem Bier. Gibt keins – ein richtiger Männerabend. Da fängt dieser riesge 2-Meter-Schlacks neben dem Grill an, von Faust zu sprechen. Und wie sehr ihn die Aufführung gestern überrascht hätte. Ich denke, halt mal – der kann doch unmöglich das sechs Stunden Castorf-Abschiedsspektakel meinen. Den ganzen Volksbühnen-Quatsch, über die ich mich neulich schon beim Spargelessen mit einem Kumpel unterhalten musste, der mir sonst zuverlässig die verschiedenen Zündkerzensorten seiner geliebten englischen Motorräder aufzählt. Was ist hier los?

Ich meine, natürlich interessiere ich mich für Theater, aber das Geschrei der Volksbühne war mir schon vor 10 Jahren zu laut und danach fing das Leben an, mit mir Theater zu spielen für das ich keine Eintrittskarte brauchte. Ich wäre also bereit gewesen, auf Stammtischniveau über die Verschwendung von Steuergeldern, die Beleidigung des Publikums und das Geplänkel um Castorf zu lästern, um mich der Runde anzubiedern und schnell wieder zu den wirklich entspannenden Themen zu kommen. Aber denkste. Die ganze Truppe war gemeinsam ins Theater gegangen und kollektiv begeistert. Einer, Frank mit dem Pferdeschwanz, war sogar Profi – und so glücklich, in mir jemanden gefunden zu haben, dem er einen halbstündigen Monolog zur Lage der darstellenden Kunst in Berlin halten konnte, dass mir plötzlich einfiel, dass ich morgens ganz früh raus musste.

Und was bleibt einem Mann, wenn die ganze Stadt plötzlich von Kulturschwätzern wimmelt? Richtig: Das platte Land. Dort wo der freie rote Adler fliegt – Brandenburg. Am besten mit dem Motorrad. Und noch besser ist es, in einer geschlossenen Ortschaft hinter einem Wohnmobil herzuckeln zu müssen – bis mir der Kragen platzt und ich kurz am Gasgriff drehe. „Das waren 85 km/h.“, sagt der stämmige Mann mit der schussicheren Weste, der von meinem Maneuver so beindruckt war, dass er mich am Ortsausgang gleich zu sich winkte. Doch statt mir mit kernigen, amtlichen Sätzen meine Verfehlung vorzuhalten ist er die Freundlichkeit in Person. „Also ich habe schon für sie die 10%  der Tachotoleranz abgezogen, aber leider wird für sie ein Ordnungsgeld übrig bleiben.“ Dass ich meinen Fahrzeugschein nicht bei mir habe, verzeiht er mir auch sofort und beim Losfahren wünscht er mir viel Glück mit dem Wetter. Ich glaube, wenn er die dunklen Wolken, die sich am  Himmel über mir zusammen ziehen, für mich hätte wegschieben können, er hätte es getan. Was ist mit den Männern los, wenn sich noch nicht mal mehr ein märkischer Polizist traut, wie ein Mann zu reden?

Im Briefkasten zu Hause wartet ein Brief meines Vermieters. Endlich eine 100-prozentige Garantie für kurze, knappe, unfreundliche Sätze. Gleich reiße ich den Umschlag auf.  „… freue ich mich, Ihnen mitteilen zu können, dass wir Ihnen den beantragten Kellerraum ab sofort zuweisen können. Mit freundlichen Grüßen …“

Ich geb’s auf. Vielleicht liegt’s ja an mir.